Machine Head, Darkest Hour und Diablo Blvd in Wiesbaden (Schlachthof, 27.11.14)

Eine Streichinstrumentmelodie?! Habe ich versehentlich den falschen Link angeklickt? Das waren die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf schossen, nachdem ich beim Pre-Listening des neuen Machine Head-Albums „Bloodstone & Diamonds“ auf „Play“ gedrückt hatte, aber noch während ich rätselte, röhrte auf einmal Robb Flynns Stimme brachial dazwischen und ich erinnerte mich an das Interview im Visions Magazin, wo auch schon von Violinen die Rede war. Entspannt und dennoch leicht verwirrt lehnte ich mich zurück und während der folgenden Dreiviertelstunde stellte sich mir der neue Machine Head-Longplayer als beachtliche Scheibe vor. Eine, die man liebhaben muss.

Selbst wenn mir das neue, bereits achte Studioalbum der Band aus Kalifornien nicht zugesagt hätte, hätte ich mir das Konzert von Machine Head im Schlachthof Wiesbaden auf gar keinen Fall entgehen lassen, denn das letzte Mal, dass ich Robb Flynn & Co. live gesehen hatte, lag schon viel zu lang zurück. Den Gig in Luxemburg im Sommer konnte ich ja nicht wahrnehmen, weil ich an dem Tag das Taubertal-Festival besuchte.

In Wiesbaden hatten Machine Head die beiden Bands Darkest Hour (wie schon 2011 in der Luxemburger Rockhal) und Diablo Blvd dabei, letztere als Ersatz für Devil You Know, die die komplette Tour abgesagt hatten „due to business issues far beyond our control“.

Erst 30 Minuten vor Einlass kreuzten meine Freundin und ich am Veranstaltungsort auf, recht spät für unsere Verhältnisse, und wir hatten mit einem Massenandrang gerechnet und gingen davon aus, dass wir diesmal auf gar keinen Fall einen guten Platz bekommen würden. Dafür, dass das Konzert ausverkauft war, tummelten sich jedoch gegen 18 Uhr recht wenig Leute vor dem Eingang des Schlachthofs, sodass wir nach dem Öffnen der Türen ganz bequem in Reihe 1 unterkamen. Wir hätten uns sogar mittig hinstellen können, aber angesichts des zu erwartenden Moshpits und diverser Crowdsurfaktionen wählten wir lieber den rechten Rand.

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Noch zeitiger als eigentlich vorgesehen, um 19 Uhr nämlich, kündigte das gedimmte Licht und ein Intro aus den Tiefen der Technik den Beginn des Liveprogramms der ersten Band Diablo Blvd an. Schon beim Warten vor der Halle war der Heavy Rock der soundcheckenden fünf Musiker zu hören und die Klamottenwahl der Männer zeigte wie der Bandname selbst (er ist identisch mit einem Song von Corrosion of Conformity) die musikalische Interessenlage und zumindest zum Teil die musikalische Ausrichtung des Quintetts: So steckte der Schlagzeuger Kris Martens im Motörhead-Shirt, Gitarrist Andries Beckers scheint auf Hatebreed zu stehen und der andere Mann am Sechssaiter, Dave Hubrechts, auf Danzig. Bloß die Mayhem- und Marduk-Patches an der Jacke des Sängers Alex Agnew tanzten da musikalisch ein wenig aus der Reihe und Bassist Tim Bekaert machte, indem er neutrale schwarze Kleidung trug, ein Geheimnis um seine musikalischen Vorbilder.

Von Anfang an forderte der Sänger die Zuschauer zum „Horns up“-Zeigen auf und sprach nach ein paar Liedern sogar auf Deutsch, indem er seine Band als Diablo Blvd aus Antwerpen vorstellte und unmittelbar danach meinte, dass das das Einzige auf Deutsch sei, was er an dem Abend von sich gebe.

So wurde die Zuschauermenge dann später auf Englisch aufgefordert, die Feuerzeuge auszupacken und hochzuhalten, was zunächst etwas schleppend anlief, aber nach ein paar weiteren Anfeuerungen und dem Hinweis, dass das in Oberhausen am Tag zuvor besser geklappt hat, zur Zufriedenheit des stets Sonnenbrille tragenden Mannes ausgeführt wurde, sodass die Band mit Blick auf die Mini-Spots vor der Bühne ein balladenartiges Stück zum Besten gab. Als dankbare Vorband bat man auch um Applaus für die Band, wegen der zumindest die meisten gekommen sein dürften, und immer wieder wandte sich der Sänger an die Zuschauer.

Dem Ersten, der ein Pit eröffnete, versprach er ein T-Shirt, das er ihm nach der Show am Merchandise-Stand persönlich aushändigen würde. Während meine Freundin und ich uns fragten, wie der Musiker denn herausfinden will, wer denn nun der Glückliche ist, klärte sich das Ganze nach dem Song, da fragte er nämlich in die Runde, wer das Shirt bekommen soll, und ließ sich von anderen im Umfeld desjenigen, der die Hand gehoben hatte, bestätigen, dass dieser Mann tatsächlich derjenige ist, der das Shirt verdient hat. Coole Aktion, wie auch das „Buy a shirt, get one free“-Angebot.

Das Publikum wurde zum Schluss zu einem „Wo-ho-ho-hoooo-ho-ho“-Mitsingpart aufgefordert, den Alex zunächst allerdings nur „averagely okay“ fand, aber mit einem „Wiesbaden, you are awesome“ verließen die fünf Belgier nach einer halben Stunde die Bühne.

Insgesamt war das ein feiner Einstieg in den Konzertabend und ich genoss es, Diablo Blvd zuzusehen und zuzuhören, auch wenn die Musik mich jetzt nicht so total begeistert hat, dass ich unbedingt das neue, bereits dritte Studioalbum, betitelt mit „Follow The Deadlights“, haben muss.

Über die noch ausstehenden Tourdaten informiert die Homepage.

Für eine etwas größere Version hier und bei den anderen Galerien bitte auf das jeweilige Foto klicken!

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Relativ flott ging es dann mit Darkest Hour weiter. Das Intro aus dem Computer mit der bekannten Ouvertüre aus der Tondichtung „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauß wurde irgendwann überlagert durch die Frage „Ladies and Gentlemen, are you ready to party?“ Aber klar doch!

Die bereits seit 1995 existierende Metalcore-Band aus Washington D.C. veröffentlichte im August ihr achtes, schlicht mit „Darkest Hour“ betiteltes Studioalbum, musiziert aber nicht mehr in der ursprünglichen Besetzung. Von den Gründungsmitgliedern sind aktuell nur noch der Sänger John Blakemore Henry sowie der Gitarrist Mike Schleibaum mit von der Partie, die anderen Bandkollegen sind erst seit ein paar Jahren in der Band: der zweite Gitarrist Mike Carrigan (seit 2008), Bassist Aaron Deal (seit 2011) und Schlagzeuger Travis Orbin (seit 2013), dessen Bassdrum irgendwie mit der Lichttechnik gekoppelt gewesen sein musste, denn jedes Bassdrum-Gewitter wurde von einem Lichtgeblitze begleitet.

Direkt vor mir warf sich Mike „Lonestar“ Carrigan mit seinen Dean-Gitarren in die herrlichsten Posen und ließ immer wieder die lange Matte in die Luft fliegen. Ach, war das schön, da zuzuschauen, und Bassist Aaron Deal stand seinem Kollegen in nichts nach! Der andere Mann mit der Gitarre ließ sich immerhin ab und zu auf meiner Seite der Bühne blicken und bildete irgendwann mit seinen Saiteninstrumentkollegen eine menschliche Pyramide.

Aber auch das Zuhören ließ mich frohlocken, und ich war froh, dass sich mein Plätzchen fernab von jeglichen Circle- und wilden Mosh-Pits befand, denn im Zuschauerraum ging es inzwischen etwas rauer zu als noch bei der ersten Band.

Obwohl ich selbst einige Alben von Darkest Hour besitze, kenne ich mich in deren Diskografie nicht so gut aus, dass ich alle Lieder namentlich benennen kann. Ich habe daher keinen blassen Schimmer, was an jenem Abend gespielt wurde. Bloß an die Erwähnung von „Anti-Axis“ aus dem aktuellen Album kann ich mich noch erinnern. Ein anderes Lied wurde angekündigt als „This goes out to the reason why we are all here“, ein weiteres als „an old as fuck song – I wonder who will recognize it”. Den hervorragenden Auftritt nehme ich auf jeden Fall zum Anlass, mich bei nächster Gelegenheit noch einmal etwas intensiver mit Darkest Hour zu befassen und die Musik bewusst zu hören, anstatt nur als angenehmes Hintergrundgedudel.

Weitere Tourdaten von Darkest Hour: *klick*

 

Machine Head ließen gut eine Dreiviertelstunde auf sich warten und ab einem gewissen Zeitpunkt waren jedesmal, wenn wieder ein Lied der Pausenmusik ausklang, „Machine fucking Head“-Chöre zu hören, bis Robb Flynn und seine Kollegen um kurz nach 21 Uhr dann endlich auf der Bühne standen.

Der Auftritt begann stark mit „Imperium“, gefolgt von „Beautiful Mourning“ aus dem „The Blackening“-Album von 2007, das für mich untrennbar mit ein paar wunderbaren Tagen in der Normandie verbunden ist, wo ich fast nichts anderes hörte als ebenjenes Album, das mich total geflasht hatte und wirklich wochenlang nur minimalen Platz machte für andere Musik.

Schon nach ein paar Liedern versprach Robb Flynn dem Publikum ein wirklich langes Konzert und tatsächlich spielten Machine Head volle zwei Stunden lang. Jedes Studioalbum wurde dabei berücksichtigt, auch wenn aus manchen nur ein Lied performt wurde, der Klassiker eben, und da denke ich zum Beispiel an „The Blood, The Sweat, The Tears“ aus „The Burning Red“ (1999) oder an „Ten Ton Hammer“ aus „The More Things Change…“ (1997). Das Debütalbum „Burn My Eyes“ konnte im Sommer seinen zwanzigjährigen Geburtstag feiern und so wurden daraus gleich zwei Songs ausgewählt, und zwar „Davidian“ und „Old“.

Obwohl die derzeitige Tour natürlich auch zur Promotion des aktuellen Albums dient, war dessen Anteil an den gespielten Songs eher dezent, nur vier Lieder aus „Bloodstone & Diamonds“ gab es zu hören, hier und da eingefügt in die älteren Songs. Das erste neue Lied „Now We Die“ haute das Metal-Quartett an dritter Stelle in der Setlist raus und die Live-Premiere von „Game over“ machte das ohnehin geniale Konzert zu einem ganz besonderen Event. (Die komplette Setlist kann man sich bei setlist.fm anschauen.)

Meine Bewegungsfreiheit schmälerte sich von Sekunde zu Sekunde, von hinten wurden mir Haare von gleich zwei langhaarigen Leuten ins Gesicht gebangt, und ein anderer Besucher schien auf einmal fest mit meinem Rücken verwachsen zu sein, sodass ich quasi synchron mit ihm herumzappelte. Zum Glück ging unser Plan bezüglich Crowdsurfen auf, denn die auf Händen nach vorne Getragenen kamen alle ein gutes Stück von uns entfernt an, sodass meine Freundin und ich diesbezüglich total entspannt sein konnten.

Direkt vor meiner Nase war Jared MacEachern, der nach dem Ausstieg von Adam Duce zur Band hinzustieß, mit seinem Bass zugange, nach ein paar Liedern oberkörperfrei seine Tattoos zur Schau stellend. Er schaute die Zuschauer oft direkt an, lachte mit ihnen, forderte sie nonverbal zum Mitsingen auf und versorgte gleich mehrere mit Plektren. Gitarrist Phil Demmel ging die meiste Zeit am anderen Bühnenrand seiner Arbeit nach, und Drummer Dave McClain war ohnehin im Hintergrund hinter seinem riesigen Drumkit verschwunden, wenn auch auf erhöhter Position. Gegen Ende verriet Robb Flynn, dass der Drummer in Wiesbaden geboren ist, weswegen die Show dort für ihn einen ganz besonderen Stellenwert hatte.

Erneut stellte ich während der paar Plaudereien von Robb Flynn mit den Zuschauern fest, was für ein sympathischer Kerl dieser Musiker ist. „Aesthetics Of Hate“ widmete er Dimebag Darrell, der vor fast genau zehn Jahren, am 8. Dezember 2004, von einem Amokläufer während eines Konzerts getötet wurde. An anderer Stelle machte er sich über Mainstream-Bands, deren Musik überall rauf- und runtergedudelt wird, lustig, und schmetterte der tobenden Masse mehrmals sein „Show me your middle fingers!“ entgegen.

Seine Wertschätzung gegenüber dem Publikum zeigte Robb Flynn dadurch, dass er sein Getränk mit den Zuschauern teilte, indem er den Becher mit der braunen Flüssigkeit in die Menge pfefferte. Nun gut, viel Inhalt dürfte bei demjenigen, der den Becher gefangen hatte, nicht angekommen sein, dafür hatten etliche andere immerhin ein paar Spritzer abbekommen, während das Plastikgefäß über ihre Köpfe segelte, und waren so in der Lage herauszufinden, ob darin nun Cola, Tee oder etwas Hochprozentiges enthalten war. Später wiederholte sich das Getränke-Sharing, indem Robb Flynn jeweils einen halb gefüllten Becher nach rechts, in die Mitte und nach links warf.

Ein ganz besonderer Höhepunkt war wieder einmal das melancholische „Darkness Within“, nicht nur weil Herr Flynn bei diesem Lied gleich zwei Gitarren umhängen hatte und bediente, eine akustische und E-Gitarre, sondern weil das für mich DER Gänsehaut-Songs von Machine Head ist und der Frontmann dabei unter Beweis stellt, dass er nicht nur aus dem tiefsten Inneren grölen kann, sondern auch zarte Vocals beherrscht. Und diese weniger ruppige, emotionale Seite scheint auch bei den Metalheads im Publikum angekommen zu sein, denn von überall her wurde lautstark mitgesungen.

Als Zugabe gab es das grandiose „Halo“ aus dem „The Blackening“-Album zu hören und irgendwann rieselten sogar ein paar Konfettifetzen über die Köpfe der Zuschauer. Awwww!

Ganz zum Schluss stellte der Sänger und Gitarrist noch einmal seine drei Bandkollegen vor, es folgte die Verbeugung und unter tosendem Applaus verließ die Band die Bühne. Aus der Menge der Konzerte, die ich in diesem Jahr gesehen habe, sticht dieser Gig als ein besonders großartiger hervor und ich freue mich jetzt schon auf das nächste Machine Head-Konzert!

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