Blood Red Shoes und Tigercub in Wiesbaden (Schlachthof, 06.11.14)

Die Blood Red Shoes statteten dem Südwesten Deutschlands schon zum zweiten Mal in diesem Jahr einen Besuch ab und nach dem fabelhaften Konzert des Alternative-Rock-Duos in Frankfurt im Frühjahr >klick< stand mein Aufkreuzen im Schlachthof Wiesbaden im Prinzip schon am Tag der Terminankündigung fest. Ich bedauerte es ein wenig, dass die beiden Musiker nicht wieder The Wytches als Supportband dabeihatten, denn die drei Jungs hatten damals mit ihrem psychedelisch angehauchten Indie-Surf-Rock mein Herz im Sturm erobert. An diesem Abend sollten Tigercub – wie Blood Red Shoes aus Brighton – das Vorprogramm meistern.

Wie immer war ich (recht)zeitig vor Ort… alles dunkel, kein Mensch da… ich dachte schon, der Gig wäre gecancelled oder verlegt worden, aber als ich nach einem kurzen Marsch durch Schlamm und Wasserpfützen vor dem Haupteingang des Schlachthofs stand, konnte ich durch die Scheibe in der Tür erkennen, dass im Inneren die Vorbereitungen für das Konzert auf Hochtouren liefen. Allerdings war die Bühne ziemlich weit nach vorne verschoben, mit einem Besucheransturm wurde also nicht gerechnet.

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Ein paar Minuten, bevor der Einlass begann, waren dann auch gerade einmal fünf Personen vor Ort. Immerhin gab es so keinen Stress um die Plätze in der ersten Reihe. Nach und nach trudelten natürlich noch weitere Leute ein. Möglicherweise hatte einigen der Streik der Lokführer einen Strich durch den Konzertabend gemacht, denn die Züge fuhren doch ganz schön rudimentär an diesem Donnerstag.

Mir fiel drinnen als Erstes der rechts auf der Bühne abgestellte Mondial-Bass auf und dann der Mikrofonständer links, der fast komplett ausgezogen war, und zwar derart, dass auch der Teil mit dem Mikrofon beinahe peilrecht in die Höhe zeigte. Nach einem Intro mit Klatsch-Beat aus der Konserve betraten die drei Musiker von Tigercub die Bühne und es zeigte sich, dass Jamie Hall, der Sänger und Gitarrist der Band – ganz besonders schick im Sonne-Mond-und-Sterne-Pulli – hinter dem Mikro für Riesen Platz nahm, wohingegen das kleinere Mikro rechts für Bassist James Wheelwright bestimmt war. Drummer James Alexander hatte die langen Haare zu einer Art Knödel auf dem Kopf zusammengebunden, und während ich am Konzertabend noch über die Bedeutung der „Cold Acid“-Aufdrucke auf der Bassdrum grübelte, weiß ich inzwischen, dass die Berliner Band Cold Acid den Kollegen aus England freundlicherweise ihr Equipment für diese Tour zur Verfügung stellt.

Die Namensgleichheit bzw. -ähnlichkeit der Tigercub-Musiker ist wohl einfach nur ein verrückter Zufall. (Oder spricht etwas dafür, sich „James“ als Künstlernamen zuzulegen? „Ich bin James. James von Tigercub. Ich habe die Lizenz zum Rocken und musiziere im nicht so geheimen Dienst meiner Majestät…“ „Oh James…“ Schluss jetzt, Luzie, lass dich von deinen wirren Gedanken nicht zum Abschweifen bringen, weiter im Text!)

Der Mann am Bass ging von Anfang an ganz schön ab und vollführte die herrlichsten Verrenkungen, nicht übertrieben, sondern gerade richtig, während der Sänger im Vergleich dazu ein bisschen hölzern wirkte. Einen der Zuschauer erinnerte die Musik der drei an Nirvana, das empfand ich jetzt nicht durchgehend so, aber eine ordentliche Portion Grunge ist in manchen Songs auf jeden Fall enthalten. Einen Eindruck hierzu gibt die Debütsingle „Blue Blood“, während die aktuelle Single „Centrefold“ schon weniger nach Cobain & Co. klingt. Eine Setlist gab es nicht, deshalb habe ich keine Ahnung, welche weiteren Lieder die drei Musiker performten.

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Sänger Jamie meinte nach ein paar Songs „You are so quiet!“ Na ja, es waren zu dem Zeitpunkt ja auch noch nicht so viele Leute vor Ort wie 30 Minuten später, aber applaudiert wurde schon. Bloß tickte jetzt nicht die komplette Besuchermasse aus vor Glückseligkeit. Nach ein paar weiteren Liedern hieß es dann „It’s an absolute pleasure to be here“, wobei ich nicht sicher sagen kann, ob das nun ehrlich oder ironisch gemeint war.

Im Großen und Ganzen fand ich die ersten 30 Minuten des Livemusikprogramms gar nicht übel. Auch Steven Ansell von den Blood Red Shoes scheinen die Melodien von Tigercub zu gefallen, denn kaum hatte das Trio losgelegt, mischte er sich mit einem Gläschen in der Hand unters Publikum und genoss die Musik sichtlich.

Für eine etwas größere Version hier und bei der anderen Galerie bitte auf das jeweilige Foto klicken!

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Als es Zeit war für die Blood Red Shoes, war der Raum vor der Bühne ganz gut gefüllt. Der Auftritt der beiden Musiker begann mit dem wunderschönen Spiel der einzelnen Glühbirnen, die nacheinander rot oder gelblich-weiß aufleuchteten und wieder dunkel wurden, wobei es auf der Bühne immer noch recht schummrig blieb, sodass Laura-Mary Carter mit ihrer Gitarre und Steven Ansell hinterm vorne rechts positionierten Schlagzeug ein wenig wie Scherenschnittversionen aussahen. Während das Duo mit dem instrumentalen „Welcome Home“ seine Show eröffnete, ahnte ich noch nicht, was kurze Zeit später lichtmäßig auf meine Augen zukommmen würde.

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Laura-Mary sah wieder aus wie aus dem Ei gepellt! Schwarzer Minirock und dunkles Oberteil, Kette mit Silberanhänger, die langen Haare perfekt in Form, eher dezentes Make-Up, lackierte Fingernägel. Trotz der sexy Kleidung inklusive zerrissener Nylonstrumpfhosen (Selfmade? So gekauft? Who cares.) an den schlanken Beinen wirkt sie eher elegant und sinnlich als slutty, was wohl auch an ihren langsamen Bewegungen liegt, mal ein paar Schritte in Richtung Schlagzeug, mal ein paar Schritte nur nach hinten, mal an den vorderen linken Bühnenrand mit direktem Blick zum Publikum, aber immer nur kurz.

Schon beim zweiten Lied („I Wish I Was Someone Better“) erreichte das grelle und schnelle Geblitze der zahlreichen Strahler in kürzester Zeit ein Level, das ich als so unangenehm empfand, dass ich die Augen schloss. Aber oh weh! Das Geflackere war bei geschlossenen Lidern ja noch schlimmer! Ich wusste in dem Moment gar nicht so recht, wohin ich schauen sollte, und dachte nur: I wish I would have taken a pair of sunglasses with me! Einen solchen visuellen Effekt hatte ich bis dahin noch nie erlebt und im April in Frankfurt gab es diese Helligkeitsoverdose auch nicht. Es blieb mir nichts anderes übrig als abzuwarten, bis der Lichttechniker den vielen Lampen mal ein Päuschen gönnte (das Feld räumen war keine Option für mich), und zu hoffen, dass das geschehen würde, bevor ein Migräneanfall mich niederbrezelt! Zum Glück gab es dann tatsächlich einige Ruhepausen für meine Augen, aber zwischendrin tobte immer wieder das Licht-Inferno und das war für mich ganz schön hart und ist wohl die Ursache für meinen Matschbirnenzustand ab etwa 21.30 Uhr, der immer noch andauert, wenn auch in inzwischen abgemilderter Form.

Ich hätte mir gewünscht, dass die für meinen Geschmack überschüssige Power bei der Beleuchtung in den Gesang geflossen wäre, denn vor allem in der ersten Konzerthälfte fand ich die Vocals im Vergleich zur Lautstärke der Gitarre zu leise, insbesondere wenn Steven sang, und gerade die Variation beim Gesang – entweder nur Laura-Mary oder nur Steven oder beide zusammen – ist ein Element, das ich bei dieser Band so schätze.

Der Mann am Drumkit legte sich natürlich wieder ganz schön ins Zeug, um die Zuschauer zum Mitmachen zu animieren, streckte den Arm mit dem Stick oder beide in die Luft, um zu signalisieren, dass es mal wieder an der Zeit zum Mitklatschen ist, stieg auch mal auf seinen Hocker oder sogar auf die hohe Box hinter seinem Drumkit und forderte das Publikum ganz direkt zum Tanzen auf. Hin und wieder prostete er den Leuten vor der Bühne auch zu.

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Laura-Mary ist in der Hinsicht eher zurückhaltender und erscheint durch ihre langsamen Bewegungen und die etwas kühl wirkenden Posen im ersten Moment vielleicht ein wenig unnahbar, aber ich denke, das ist sie nicht, sie ist einfach weniger rampensaumäßig als ihr Kollege und womöglich ein wenig schüchtern. Ich habe weiter oben schon erwähnt, dass es direkten Blickkontakt mit den Zuschauern immer nur für einen kurzen Moment gab; beim Singen hat die Musikerin ihre Augen meistens geschlossen oder sie blickt nach unten oder sonstwohin. Ab und zu hauchte sie nach einem Lied ein „Thank you“ oder „Dankeschön“ ins Mikrofon, lächelte auch dabei, und sprach manchmal auch ein paar Brocken mehr mit dem Publikum. So meinte sie vor „Far away“, dass sie dieses Lied bisher nur ganz selten gespielt hätten, erst einmal, um genau zu sein, und auch auf den Zuruf eines Mannes aus dem Publikum – „You look tired!“ – antwortete sie kurz.

Ich hatte mein Vergnügen nicht nur mit der Musik, sondern auch mit den vielen Gitarren, die an diesem Abend durch Laura-Marys Hände gingen und manchmal sogar umgestimmt wurden, bevor der nächste Song in Angriff genommen wurde: u.a. mehrere Fender Telecaster, eine Gibson SG… und dann war da noch diese wunderschöne Harmony-Gitarre, mein persönlicher Favorit:

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Wie in Frankfurt hieß es nach nicht ganz 60 Minuten bereits „This is our last song“, aber natürlich kamen Laura-Mary und Steven, nachdem sie die Bühne verlassen hatten, noch einmal für eine drei Lieder umfassende Zugabe zurück. Summa summarum ein weiterer wunderbarer Livemusikabend, ein sehr angenehmer auch vom Publikum her, denn es gab genügend Platz und zumindest in meinem direkten Umfeld kein Geschubse durch übermütige Tänzer, die der Ansicht sind, dass jeder, der nicht total ausflippt, ein Idiot ist und deshalb passiv zu mehr Körperbewegungen gebracht werden muss (siehe Frankfurt)! Welche Lieder an diesem Abend gespielt wurden, kann man der Setlist in der Foto-Galerie entnehmen.

Es scheint übrigens eine ungeschriebene Regel zu sein, dass am Abend von Blood Red Shoes-Konzerten immer ein Schwertransporter, der nicht überholt werden kann, quer über die rheinland-pfälzischen Autobahnen tuckert, und zwar immer auf meiner Strecke und natürlich vor und nicht hinter mir. Mit jeder Abfahrt, die von dem kriechenden Riesenlaster nicht genommen wurde, verstärkte sich mein Wunsch, dass endlich jemand das Teleportieren erfindet, zu akzeptablen Preisen bitte. Die durch das frühe Konzertende gewonnene Zeit wurde durch die Kriechfahrt durch Rheinland-Pfalz wieder vollkommen kompensiert.

 

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