Kerretta, Colaris und Driveby in Zweibrücken (Gasthaus Sutter, 03.10.14)

Das Konzert von Driveby, Colaris und Kerretta in Zweibrücken war für mich wegen der Freitickets für In Flames & Co., die ein lieber Bekannter kurzfristig gewonnen hatte, der dritte Konzertabend in Folge und nach zwei Tagen der Sorte „früh aufstehen, arbeiten, abends zum Konzert und nachts wenig Schlaf“ war ich mir am Freitagmorgen nicht mehr so ganz sicher, ob ich es abends wirklich ins Erdgeschoss des Gasthauses Sutter schaffen würde bzw. ob es sinnvoll wäre, sich dort die nächste Nacht um die Ohren zu schlagen und am Samstag eventuell total in den Seilen zu hängen. Denn samstags musste ich ja auch wieder fit sein, weil ich Tickets für die Beatsteaks in Luxemburg hatte. Um es kurz zu machen: Als der Zeitpunkt für die Abfahrt nach Rheinland-Pfalz gekommen war, hatte irgendwo in mir längst dieser „Yeeeehaaaaa, ein KONZERT!“-Teil wieder das Ruder übernommen und sämtliche Mattheit wurde schlagartig ausgetauscht durch diesen Wibbelzustand, der mich heutzutage nachempfinden lässt, warum ich als Kind kein Cola trinken durfte.

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Am besten weise ich gleich schon am Anfang darauf hin, dass ich in Sachen Post-Rock / Progressive-Rock nicht sooo bewandert bin. Sicherlich kenne ich einige Bands und Musiker, die diesem Genre zugeordnet werden – God Is An Astronaut, Mogwai, Oceansize und Robin Foster zum Beispiel – und im Prinzip mag ich diese Art der Musik auch, aber eben nicht immer und nicht ausschließlich (und am allerliebsten live). Rein instrumentale oder zumindest fast ohne Vocals auskommende Musik empfinde ich manchmal etwas anstrengend und kann noch nicht einmal erklären, woran genau das liegt. So etwas wie Refrains oder repetitive Einheiten gibt es ja auch bei Instrumentalstücken und viele dieser Songs sind so komplex strukturiert, dass man auch nicht sagen kann, dass da etwas – der Gesang nämlich – fehlt; gäbe es da noch zusätzlich Vocals, wäre das des Guten in den meisten Fällen wohl zu viel. Aber vielleicht sind gesungene Worte (und sei es in gegrowlter oder gegrunzter Form) letzten Endes doch leichtere Kost als kunstvoll arrangierte Gitarrenschnörkel und Rhythmussequenzen? Ich weiß es nicht, ich kann aber mit Sicherheit sagen, dass ich diese Art der Musik als sehr anspruchsvoll betrachte und es mir schwer fällt, das Ganze in Worten zu fassen. Daher beschränke ich mich auf die reine Deskription meiner Wahrnehmungen und ein paar Infos zu den Bands. Und natürlich auf viele Fotos. Ziemlich schnell stellte sich nämlich heraus, dass das Licht fürs Fotografieren an diesem Abend genial sein würde, denn die Beleuchtung wechselte von Rot nach Grün nach Blau nach Gelb nach Normal und war so eingestellt, dass es auch beim farbigen Licht nicht zu dunkel war. So muss das sein!

Beim Betrachten der Bühne fiel mir als Erstes der Kontrabass ins Auge und ich amüsierte mich ein wenig darüber, wie das wohl aussehen würde, wenn ich Mini-Ausgabe von Mensch ein solches Instrument spielen würde – falls ich es überhaupt meistern könnte, mit meinen Händen den Korpus zu umfassen, um an die Saiten zu gelangen. Selbstverständlich wurde auch das recht bescheidene Pedalboard inspiziert – und während ich zunächst alles ganz toll fand – das Ambiente, die vielen netten Bekannten vor Ort, die Tatsache, dass ich mal nicht fahren musste und mir auch ein, zwei, drei Bierchen genehmigen konnte – wurde nach und nach der Quälgeist in mir immer größer und wünschte sich nur noch, dass es endlich losgeht mit der Livemusik. Typischer Fall von „mal wieder viel zu früh am Ort des Geschehens“!

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Gegen 20.45 Uhr startete dann endlich die österreichische Band Driveby mit ihrem Programm. Auf der Facebookseite der Band heißt es „Unser eigener Sound lässt sich am ehesten als Progressive-Rock mit einem gewissen Hang zu Klassik und Math-Rock beschreiben. Unsere Kompositionen zeichnen sich besonders durch eigenwillige Rhythmik mit vielen ungeraden Taktarten, Fokus auf Dynamik im Aufbau, Einbindung wiederkehrender Themen sowie Unabhängigkeit und Kombination der einzelnen Instrumente aus.“ Für mich klingt das ein wenig nach wildem Experimentieren und „Tapfer sein, Luzie!“, aber ich mochte die Stücke, die die vier Musiker boten und fand das Ganze überhaupt nicht so chaotisch, wie ich mir das nach der Umschreibung auf Facebook ausgemalt hatte.

Auf Soundcloud kann man sich einige Stücke der Band anhören. Da fallen dann auch ziemlich rasch die Pianomelodien ins Ohr, gespielt von Johannes Schmalzl, der in der Bühnenmitte hinter einem Keyboard seinen Platz hatte, das er ab und zu, wenn er nicht Gitarre spielte, bediente, allerdings mit der Fender um den Hals hängend, denn die brauchte er ja auch ständig. Das Keyboard war aufgebockt auf einem Podest Marke Eigenbau, dessen vorderer Teil aus einem Stück Stoff mit dem Bandlogo in der Mitte besteht. Durch ein Lämpchen im Inneren der Holz-Stoff-Konstruktion wurde die vordere Seite hin und wieder zum Leuchten gebracht. Ein sehr cooler Effekt!

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Johannes teilte sich die wenigen Gesangsparts mit dem Schlagzeuger Andreas Atzl, der auch größtenteils die Ansagen übernahm, so kündigte er das vierte Lied als „frisch aus dem Proberaum“ an, während er in einen Stapel DIN-A4-Blätter auf seiner Tom Ordnung brachte. Was da wohl draufstand? So etwas wie ein „Schlagmuster“ vielleicht? Zum Schluss entlockte er einem Drumpad ein paar elektronische Beats und packte dann die Paukenschlägel mit dem Filzkopf aus, um das Schlagzeug etwas weicher zu traktieren.

Bassist Christian Happacher spielte mal auf dem E-Bass, mal auf dem Kontrabass, die Saiten zupfend oder mit dem Bogen darüberstreichend, was mir sehr gut gefiel und außerdem fand ich seinen Beatles-Bassgurt total klasse. (Ja, sehr „wichtig“, ich weiß… wollte es trotzdem erwähnt haben.)

Der zweite Mann mit Gitarre in den Händen, Philipp Lergetporer auf der aus Zuschauerperspektive linken Seite der Bühne, bot ebenfalls ein abwechslungsreiches Programm: Neben „normalem“ Bedienen seiner LTD-Gitarre gab es den einen oder anderen Tapping-Part und außerdem wechselte der Musiker ein paarmal – ich glaube, es war lediglich bei zwei Songsequenzen – ans Glockenspiel, das auf dem Verstärker abgestellt war, sodass der Mann dem Publikum den Rücken zuwandte. Das fand ich jedoch ein bisschen schade, schöner wär’s doch gewesen, wenn man das Glockenspiel irgendwo in den Vordergrund hätte hinstellen können, selbst wenn es nicht häufig verwendet wird, aber so ein kleiner Besonderheitsmoment zwischendurch sollte meiner Ansicht nach nicht im Halb-Verborgenen über die Bühne gehen.

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Das Stück mit dem Glockenspiel könnte „My Master“ aus dem im Mai 2013 veröffentlichten Album „aSymmetry“ gewesen sein. Es ist dort in drei einzelne Tracks (Adagio, Passacaglia und Fugue) gegliedert und allein diese Bezeichnungen zeigen schon, dass die Musik von Driveby auch eine gewisse Nähe zur Klassik besitzt. Bei Bandcamp kann das Album angehört und in unterschiedlichen Formaten erworben werden.

Ich hätte nicht erwartet, dass Driveby eine ganze Stunde lang spielen würden, aber in Anbetracht der Tatsache, dass nach den ersten drei Liedern schon etwa 30 Minuten vorbei waren, keimte in mir der Verdacht auf, dass alle Bands mehr oder weniger gleichberechtigt sein würden und es keine Vorband mit kürzerer Spielzeit geben würde… und dass die Anzahl der Stunden, die ich schlafend im Bett verbringen würde, mal wieder geringer als erwartet ausfallen würde! Aber jede Minute vor Ort war es wert und ich hab’s ja auch samstags nach Luxemburg und wieder zurück geschafft.

In den nächsten Tagen kann man Driveby an folgenen Orten live erleben:
09.10. Chemnitz
11.10. Linz (Sputnik Rockcafé)

Für eine etwas größere Version hier und bei den anderen Galerien bitte auf das jeweilige Foto klicken!

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Als Nächstes hatten Colaris die Bühne für sich, und ich glaube, diese Band aus dem Raum Pirmasens hat in der Region inzwischen schon eine Art Kultstatus. Nach wie vor suchen Jessie Schmidt (Gitarre) und Julian Steinbach (Schlagzeug) einen Bassisten, an diesem Abend half ihnen Sascha Dopf von der Zweibrücker Band Ampersphere am Bass aus (für die Jessie im Sommer das Bassspielen übernommen hatte >klick<).

Colaris

Während bei Driveby der Einfluss klassischer Musik erkennbar ist, sticht in den dichtgewebten Soundwänden von Colaris ein wenig Psychedelic- und Ambient-Rock hervor. Insgesamt empfand ich die Musik der Pirmasenser ein bisschen fetziger als die der ersten Band und mir anzusehen, wie Jessie mit seiner Fender Telecaster abging, Julian hinterm Schlagzeug und Sascha am „Backyard Babies“-bestickerten Bass, bereitete mir das größte Vergnügen. Ich bin in so einem Moment ja eher die stille Genießerin, die nach den einzelnen Songs artig klatscht, aber andere Leute in der Zuschauermasse schonten ihre Stimmbänder nicht und jauchzten nach den Songs vor Begeisterung. Der Zuruf „Sascha, ich will ein Kind vor dir!“ – wohlgemerkt von einem männlichen Wesen kommend – ist wohl auch der Rubrik „total aus dem Häuschen vor lauter Freude“ zuzuordnen.

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Auch Colaris bieten auf ihrer Soundcloud-Seite und bei Bandcamp die Möglichkeit, ihre Lieder anzuhören und natürlich käuflich zu erwerben in allen Formaten, die man sich nur vorstellen kann. Neben Schallplatten in wunderbaren Farben (Revolvermann Records) veröffentlichen Colaris ihre Musik auch auf Kassetten (Puzzle Records) – traumhaft!

Setlist ColarisGespielt wurden folgende Lieder:
Pinkstafir
Haste
Trail
Cursive
Focus Shift
Neu
Futile
The Source
Schicker

Vergleicht man die Songtitel der bisherigen Veröffentlichungen mit der Setlist, stellt man fest, dass es an jenem Abend drei ganz neue Songs zu hören gab. „Pinkstafir“, „Neu“ und „Schicker“ sind aber erst einmal nur Arbeitstitel und es ist denkbar, dass die Lieder noch umbenannt werden. Ansonsten boten die Musiker je zwei Songs von der Split-EP mit Ampersphere („Haste“ und „Futile“), aus dem 2012 veröffentlichten Album „Renewal“ („Trail“ und „Focus Shift“) und von der EP „The Source“, die im Oktober 2013 als self release auf den Markt kam („Cursive“ und „The Source“).

Selbstverständlich waren diese neun Lieder vielen Konzertbesuchern noch nicht genug und sie hätten gern eine Zugabe bekommen. Ein weiteres Lied spielten Colaris aber nicht und sie begründeten das mit ihrer „Standardausrede“: Gast-Bassist Sascha beherrsche nur die bereits gespielten neun Lieder. Falls man das wirklich glauben darf, hätten sich viele über eines der Lieder im zweiten Durchgang vermutlich auch gefreut. 😉

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Zwischendurch witzelte ich noch ein wenig über die niedlichen Pedalboards, die es bis dahin auf der Bühne zu bestaunen gab – God Is An Astronaut haben ungefähr die fünffache Menge davon in Supersize auf dem Bühnenboden herumliegen, wobei ich nicht beurteilen kann, ob man all diese Technik wirklich braucht. Vermutlich schon, sonst würden die Musiker diese Teile ja nicht von A nach B nach C usw. transportieren. Das Trio Kerretta aus Neuseeland hatte dann prompt ein etwas größeres und ein ziemlich gigantisches Pedalboard zu bieten. Da sie diese Dinger vom anderen Ende der Welt mitgebracht haben, sind sie wohl unverzichtbarer Bestandteil des Musizierens.

„Noise Rock“ und „Sonic Youth“ tauchte ein paarmal in meinen Gedanken auf, während David Holmes an der Gitarre den Sound, den er produzierte, total aufzusaugen und zu genießen schien, wohingegen Bassist William Waters relativ unbeteiligt und ohne eine Miene zu verziehen seiner Tätigkeit nachging und H. Walker am Schlagzeug ohne Schuhe und ohne Socken zugange war.

Mir fiel gleich auf, dass Davids Gitarre anders geformt ist als die Schwestern, die man sonst so auf der Bühne sieht, und in der Tat: Er spielte auf einer Godin-Gitarre, einer LGXT, die bei uns eher selten vorkommt.

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Neu im Sutter-Programm waren die dichten Kunstnebelschwaden, hinter denen das Mitte 2005 gegründete Trio aus Auckland die meiste Zeit verschwand, was der Performance eine ganz besonders mystische Atmosphäre verlieh. (Akzeptable Fotos hinzubekommen wurde dadurch aber erschwert.)

Blöd nur, dass nach ein paar Songs kein Strom mehr auf der Seite des Gitarristen floss, der sofort ziemlich hektisch auf einigen Knöpfchen an den Effektgeräten herumdrückte, ohne dass der Sound zurückgekommen wäre. Während ich mir schon ausmalte, dass eine Post-Rock-Session in acoustic sicher ihren Reiz hätte, erkannte Musikerkollege Jessie das Problem sofort und tauschte den Mehrfachstecker vom Gasthaus Sutter, der offenbar durchgebrannt war, gegen einen anderen Stecker aus und prompt funktionierte alles wieder einwandfrei.

Gespielt wurden Lieder aus allen Schaffensphasen der Band, je drei aus den Alben „Vilayer“ (2009), „Saansilo“ (2011) und aus dem noch ganz frischen „Pirohia“ (veröffentlicht am 05.09.2014), dazu die 2007er Single „Death In The Future“. Das Publikum war so begeistert, dass es nach einer Zugabe verlangte, die auch prompt kam und die als 10-Minuten-Track angekündigt worden war. Vielleicht war das das Lied „Bydd y cyllyll yn cwpwrdd wrth y bwrdd“ aus der „Antient“-EP aus dem Jahr 2008. Von der Länge her könnte es aber auch „Bone Amber Reigns“ vom „Vilayer“-Album gewesen sein. Wer es weiß, kann sich ja über die Kommentarfunktion dazu äußern. (Update: Man hat mir inzwischen zugeflüstert, dass das Zugabenlied „Onyxia“ (letzter Track von „Saansilo“, nicht ganz 10 Minuten lang) war. Herzlichen Dank für die Info!)

Die Setlist:
Halls To Wherever
Death In The Future
By The Throats
The Roar
His Streets Of Honey, Her Mouth Of Gold
The Secret Is Momentum
Sleepers
Warnlands
Maven Fade
A Ways To Uprise

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Über luuuzie

https://luzieswelt.wordpress.com/ http://linsengemurmel.wordpress.com/
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