Blessed Hellride und Wanderreigen in Landsweiler-Reden (30.08.14)

Eine blühende Fantasie habe ich ganz bestimmt, aber mich zu verkleiden, wäre ein Graus für mich und mit Rollenspielen habe ich auch gar nichts am Hut. Trotzdem besuchte ich am Samstag das Fantasie- und Rollenspielkonvent, kurz FaRK. Wie kann das sein? Besuch des Klingonisch-Kurses? Nö, der fand zu früh statt, da hatte ich noch anderes zu tun. Und nein, ich hatte auch nicht vor, den ersten Preis beim Kostümwettbewerb einzuheimsen, auch wenn manche Arbeitskollegen meine Alltagskluft bereits als Kostümierung empfinden. Lächerlich, erst recht angesichts der wirklich in Schale geworfenen Leute (aller Altersstufen!) vor Ort! Ich befolgte auch nicht den Ratschlag meiner Familie, ungeschminkt dort aufzukreuzen – falls es einen Horrorvisagen-Wettbewerb gäbe, hätte ich gute Chancen auf einen der ersten Plätze, pfffff.

Die Livemusik (Was sonst!?), speziell der Auftritt von Blessed Hellride, hatte mich zur Fahrt zum FaRK veranlasst. Ein Bonuspunkt war für mich die Tatsache, dass das Ganze in dem bezaubernden Ambiente des ehemaligen Bergwerks Reden stattfand, wo ich neulich noch auf „Fotosafari“ war >klick<, und es kostete noch nicht mal Eintritt! Lediglich um eine Spende für den Kinder-Hospizdienst Saar wurde gebeten.

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Natürlich war ich wie üblich Stunden vor dem Konzert der Band aus Trier vor Ort, aber diesmal hatte ich wirklich nicht vor, mich vor die Center Stage zu kleben, bis der Gig begann, sondern ich wollte mir stattdessen das komplette Programm des FaRK einmal in aller Ruhe anschauen. Dennoch ließ ich Drachen, Stormtroopers, fellbehängte Krieger mit Streitäxten und sonstige außergewöhnlich gewandete Leute zunächst einmal links liegen und kämpfte mich durch die üppige Besuchermasse zur Bühne auf dem „Gerippe“ der ehemaligen Sieberei und Verladehalle durch.

Dort hatte gerade die erste Band losgelegt, Theremin, benannt nach dem eher außergewöhnlichen Instrument, das dabei eingesetzt wird – wobei ich mir nicht sicher bin, ob tatsächlich die Band so heißt oder ob die Information im Programm so zu verstehen ist, dass auf dem Theremin erzeugte Musik, zum Teil begleitet von anderen Instrumenten und von Gesang, geboten wird. Auf der Webseite, die über die Musiker informiert, ist nämlich nur von der Theremin-Spielerin Meike Degand die Rede. In der kurzen Zeit, die ich vor der Bühne zubrachte – ich wollte ja noch mehr sehen –, wurde, wie erwartet, von der jungen Frau auch die Titelmelodie von „Raumschiff Enterprise“ à la Sheldon Cooper per Theremin geboten, was nicht nur die Trekkies und „The Big Bang Theory“-Fans besonders erfreut haben dürfte. Die Bandkollegen von Meike Degand fanden das Ganze auch amüsant und bemühten sich gar nicht erst, ihr Lachen zu unterdrücken.

Für eine etwas größere Version – hier und bei den anderen Galerien – bitte auf das jeweilige Foto klicken!

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Danach folgte mein Streifzug in Richtung Prähistorium, vorbei an wilden Kreaturen, die sich bereitwillig für die zahlreichen Fotografen in Pose warfen und die von manchen Kinderaugen ehrfürchtig-begeistert, aber auch ein wenig eingeschüchtert bestaunt wurden. Zum Piepen fand ich den einen Drachen, der kess seine Fratze in einen Kinderwagen hielt und dem sofort Gebrüll entgegenschlug.
Im Foyer des Gondwana-Gebäudes konnte man einem Vortrag von Dr. Mark Benecke lauschen, der zuvor bereitwillig Autogramme gab und sich fotografieren ließ, während andernorts, im Zechenhaus, Lesungen stattfanden, u.a. von Markus Heitz, der inzwischen ja über die Heimat hinaus als extrem erfolgreicher Autor in der Sparte Fantasy, Science Fiction und Horror gilt. Auch für das leibliche Wohl war gesorgt und natürlich konnte man sein Geld auch in FaRK-gerechte Accessoires und Kleidung investieren.

Bis ich wieder vor der Bühne stand, hatten Wanderreigen bereits losgelegt und eine stattliche Zuschauerschar lauschte mit Kind und Kegel der Musik, die die Band selbst in die Kategorie „Folkmetal aus Neunkirchen“ einordnet. Den Flötenklängen und harten Gitarrenriffs wurde aber nicht nur gelauscht, denn viele Leute bewegten sich im Takt und auch einige, die nicht schon im Wanderreigen-Shirt steckten, sangen Vers für Vers mit. Mir gefiel, was ich da hörte, irgendwie hatte ich die Musik von Wanderreigen anders in Erinnerung, mit mehr Flötengezwitscher, was jetzt nicht sooo mein Fall ist, aber an diesem Abend fielen mir vor allem die harten Gitarrentöne auf, was mir doch sehr zusagte! Vielleicht ist das die „rockigere und metallische Linie“, die die Band laut ihrer Facebookseite bei den neuen Songs, an denen sie arbeitet, verfolgt, wobei ich nicht sicher bin, ob bereits neues Material zu hören war. Aber die Lieder, die ich schon kannte, „Rum und Ratten“ vom gleichnamigen Album zum Beispiel, klangen echt gut.

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Die Band um Benny Setz passt aber auch perfekt in das Ambiente dieser Messe, denn natürlich waren die meisten Bandmitglieder wie üblich bei ihren Liveshows angezogen. Ich meine jetzt nicht nur die beiden Musikerinnen mit den verschiedensten Flöten, die knappe Röckchen und Korsagen trugen, Lisa Weihrauch und eine junge Dame namens Anna, die wohl in Vertretung für Steffi Porger musizierte, sondern vor allem Frontmann Benny, der ebenfalls in einem Rock steckte, mit mehreren Ketten an der Seite, und auch Bassist Nick Picasso trug ein Gewand aus der Kollektion „Mittelalter“. Im Gegensatz dazu wirkten der zweite Mann mit Gitarre, Sanda Neufang an der Ibanez, der bei einem Lied auch „Lärm mit dem Mund“ machen durfte, sowie der Schlagzeuger Jan Friedrich, der ebenfalls ab und zu mitsang, relativ normal gekleidet. Selbstverständlich waren hier und da auch Ratten zugange, eine große und eine kleinere hatten vom vorderen Bühnenrand aus alles im Blick und eines dieser possierlichen Nagetiere hatte sich auch an den Dudelsack geheftet, der nach einigen Liedern von einem jungen Mann, der bis dahin auf der Bühne nicht in Erscheinung getreten war, zum Klingen gebracht wurde.

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Die Aufgabe des Dudelsackspielers bestand danach darin, die Zuschauer mit Rum zu versorgen. Vielleicht löste das Getränk bei einigen die Schüchternheit, denn Benny war sehr daran gelegen, dass alle die Arme heben und „das Meer machen“, indem sie ihre Arme möglichst gleichförmig im Takt nach rechts und links bewegen.

Der Sänger und Gitarrist zeigte wieder einmal, dass er ein richtiger Entertainer ist und dass er seine Ausdrucksweise auch an „FSK 6“ anpassen kann, indem er die nicht so ganz jugendfreien Inhalte dementsprechend verpackt, man denke beispielsweise an den Papa, der mit seinem – äh – Hammer im schönen Straßburg das Holz vor Muttis Hütte – äh – kleinhackt oder so oder an das vorher bereits gespielte Lied über „die Zahl zwischen 5 und 7“ und – öh – „Drogeriemärkte“ und Dudelsäcke. Die Plänkeleien zwischen den Liedern waren schon sehr unterhaltsam! Bloß der kleine Max, der an jenem Tag Geburtstag hatte, schien sich nicht so ganz wohlzufühlen, als Benny darauf hinwies und die Zuschauer zu einem „Happy birthday“ zusammen mit Wanderreigen bewegte, und auch die Aussage, dass das Ganze an seinem 18. Geburtstag nur dadurch getoppt werden könnte, dass 300 Frauen für ihn „Happy birthday“ singen, änderte wenig an dem skeptischen Gesichtsausdruck des Kleinen, der da plötzlich ungewollt auf dem Präsentierteller saß. Die meisten anderen wirkten aber so begeistert, dass die Band lauthals zu einer Zugabe verdonnert wurde, und schon während das allerletzte Lied performt wurde, bildete sich eine Warteschlange am Merch-Stand. Also alles in allem ein supererfolgreicher Auftritt!

Rechts und links neben der Bühne waren übrigens die ganze Zeit und auch später zwei Tänzerinnen zugange, das müssten laut Programm „die Lolas“ gewesen sein.

Auch in Kürze kann man Wanderreigen wieder live bestaunen, z.B. an folgenden Daten und Orten:
13.09.14 Bexbach, Utopion-Geände, Tanzritual Festival (zusammen mit u. a. Dr. Geek And The Freakshow, Steinkind, Unzucht)
02.10.14 Neunkirchen, Stummsche Reithalle (zusammen mit Reysswolf)

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Während nebenan Kämpfe mit dem Lichtschwert ausgeführt wurden, richteten die fünf jungen Männer von Blessed Hellride die Bühne für sich her und hofften, dass die große Freifläche, die plötzlich relativ menschenleer war, sich wieder füllen würde (was auch der Fall war). Ich vermute, dass viele nach dem Auftritt von Wanderreigen zu den Essens- und Getränkeständen abgewandert waren, die in dem großflächigen Areal vielleicht doch ein bisschen weit auseinanderlagen. Gerade der Weg entlang des Simsen- und Binsenbeckens, der von der ehemaligen Sieberei zu dem Areal mit dem „Geothermie Canyon“ führt, wo die Cosplayer ihre Stände hatten, war zu dieser Stunde wie leergefegt.

Aber die Ankündigung der Band durch zwei der Tänzerinnen sowie das Intro von Blessed Hellride, gesprochene Worte aus irgendeinem Film mit Bud Spencer, die in dem bekannten musikalischen Thema von „Zwei glorreiche Halunken“ endeten, zog einige Leute zur Center Stage zurück, auch wenn es inzwischen etwas kühl geworden war. Cool fand ich, dass gegen Ende des Intros zuerst der Schlagzeuger Captain seinen Platz einnahm, danach betrat Gitarrist Jack Stoned die Bühne, hängte sich seine Gibson um, zeigte dem Publikum den Rücken und reckte die „Frittengabel“ in die Luft, und dann stürzten die drei restlichen Bandmitglieder – Sänger Tiny Fuel (Der Name passt wie die Faust aufs Auge, herrlich!), Bassist Zed Undead und der andere Gitarrist The Oos (mit einer Gitarre von Edwards, einem Ableger von ESP) – fast zeitgleich auf die Bühne und zeigten den Zuschauern mit „Devils Ride“ von der „Booze N Roll“-EP, was sie in der folgenden Stunde erwartet: Musik aus der Sparte „Heavy Rock“ mit druckvollen Riffs, angenehmen Bassläufen und Drumparts sowie einer leicht angerauten, nach Whiskey und Zigaretten klingenden Gesangsstimme.

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Dass man zu den Rhythmen von Blessed Hellride auch ganz gut tanzen kann, demonstrierten die bereits erwähnten Tänzerinnen am Rand eindrucksvoll und Bewegungslegastheniker hatten immerhin die Möglichkeit zu klatschen oder den Musikern die Metalhand entgegenzurecken. Dass letzteres ein Kinderspiel ist, bewies ein kleines, vielleicht dreijähriges Mädchen, das fast ein ganzes Lied lang die „Frittengabel“ in die Luft hielt und außerdem völlig furchtlos viel näher an der Bühne herumzappelte als die anderen Zuschauer. Die fand der großgewachsene Frontmann zunächst ein wenig lasch, er hätte sich zum Beispiel gewünscht, dass auch der Herr im Zylinder mitklatscht, aber eine solche Bewegung der oberen Extremitäten kam für ihn nicht in Frage, auch wenn ihn die Musik ganz offensichtlich nicht kalt ließ. Das gilt auch für die – pardon – Oma am Rand der Bühne, die auf einen Stock gestützt aufs heftigste mittanzte und nach dem ersten Mitklatschpart den Stock zu Boden schmiss und gar nicht mehr aufhörte, ihre Arme in bester „YMCA“-Manier in alle möglichen Richtungen zu bewegen.

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Selbstverständlich wies Tiny Fuel auch auf die Startnext-Kampagne der Band zur teilweisen Finanzierung des Albums „Bastards And Outlaws“ hin, die nur noch bis zum 3. September 2014 läuft – also hopp hopp, kommt in die Puschen und unterstützt die Hellriders! –, und die Zuschauer in Reden waren die ersten, die einen der neuen Songs zu hören bekamen. Fett, absolut fett! Ich bin jetzt schon gespannt wie ein Flitzebogen auf das Album und hatte einen Riesenspaß, auch mit dem zwischendrin eingestreuten Metallica-Cover „Seek And Destroy“ (Wie war das? Wer nicht mitsingt, ist blöd? Tze, die besten Manieren haben die Musiker aus Trier ja nicht gerade!), und der zunächst eingeübte Mitgrölpart bei „Overdrive Junkies“ schien nach dem, was da von allen Seiten an meine Ohren drang, nicht nur mir Vergnügen zu bereiten. (Oder hatten die Leute Angst, die Herren machen ihre Drohung „Wir üben das so lange, bis es klappt!“ wahr?)

Der „Hippie an Bord“ ging bei einem Song – „God Damn Hippie“ – kurz mal über Bord und musizierte mit seiner Gibson VOR der Bühne weiter. Da war das vom Platz her noch möglich, aber irgendwann sprach der Frontmann von Blessed Hellride eine Art Machtwort und forderte die Zuschauer auf, weiter nach vorne zu kommen, was prompt geschah, und auch die Tänzerinnen sollten direkt vor der Bühne ihrer Tätigkeit nachgehen und nicht am Rand, das sei schäbig, weil die Frauen so gar nicht richtig wahrgenommen würden. Kaum hatte sich eine der Damen vor der Bühne positioniert, meinte Gitarrist Jack Stoned: „Endlich mal ein schöner Rücken vor mir!“ – zeitweise präsentierten dort vorne sogar vier hübsche und nicht ganz so mollig bekleidete Damen den Musikern ihre Rücken und bewegten sich lächelnd im Takt.

Dass Blessed Hellride auch den ruhigeren Klängen nicht abgeneigt sind, zeigten die beiden Balladen in ihrem Repertoire. An einer Stelle im Zuschauerbereich sah ich sogar ein Feuerzeugflämmchen. Tiny hätte sich bestimmt noch ein paar mehr gewünscht, aber offenbar war die Mehrzahl der Leute Nichtraucher…

Wer die Band noch nicht kennt, kann sich bei Soundcloud mit ein paar der älteren Songs vertraut machen. Oder man lässt sich live von dem Quintett beschallen, z.B. an folgenden Terminen:
06.09.2014 Wallerfangen, Blauloch, Rock om Gau
27.09.2014 Steel Crusade Otzenhausen

Es lohnt sich! Ich habe nach dem Konzert mitbekommen, dass die Band viel Lob erhalten hat, und sogar einem Metal-Nichthörer, der in Sanitäter-Kleidung vor Ort war, war es wichtig, Blessed Hellride seine Wertschätzung mitzuteilen.

Ein dickes Lob möchte ich an der Stelle noch Cheforganisator Benny Kiehn aussprechen. Was er da mit seinem Team auf die Beine gestellt hat, ist schon enorm! Und was für ein Glück, dass auch das Wetter mitgespielt hat!

Übrigens, habt ihr schon das Interview mit Blessed Hellride gelesen?

P.S.: Da war doch noch etwas, was ich zunächst vergessen hatte zu erwähnen: Nach Blessed Hellride spielte eine weitere Band, Infinight, die ich bereits mehrmals live erlebt habe und die an jenem Abend vermutlich genauso kräftig rockte wie eh und je. Wäre es nicht so kalt gewesen, wäre ich auch noch geblieben, aber die Temperaturen hatten zu der späten Stunde – es ging auf 22 Uhr zu – auf mich den „Rausschmeißer-Effekt“, sodass mir ein Plätzchen im Warmen in dem Moment lieber war.

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4 Antworten zu Blessed Hellride und Wanderreigen in Landsweiler-Reden (30.08.14)

  1. Holger schreibt:

    Hallo Luzie, ein sehr interessanter Text der mir den Event näher bringt. Ich würde mich freuen dich nächste Woche bei Rock om Gau zu sehen. Vieleicht gefällt es dir.

    P.S: Blessed Hellride spielen am 06.09 Rock om Gau bei uns.

    Grüße Holly

  2. luuuzie schreibt:

    Hallo Holly,
    das Lineup bei Rock om Gau klingt sehr interessant, da spielen neben Blessed Hellride noch andere Bands, die ich mir gerne anschauen würde, aber ich fürchte, ich kriege das nicht mit den 1387 anderen Sachen, die ich erledigen muss, unter einen Hut. Schaumermal.
    Liebe Grüße,
    Luzie

  3. Pingback: Wanderreigen und Reysswolf in Neunkirchen (Stummsche Reithalle, 02.10.14) | Luzies Welt

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