Rocco del Schlacko (Samstag, 09.08.2014)

Es fühlte sich an, als ob mir einer eine Keule über den Schädel zieht, als der Wecker mich am Samstagmorgen nach nur wenigen Stunden Schlaf aus meinen süßen Träumen riss. Die Tatsache, dass ich mich in einem Hotelzimmer in Rothenburg ob der Tauber befand und nicht zu Hause, zeigte mir aber, dass ich all das, woran ich sofort denken musste, beim Taubertal-Festival am Tag zuvor tatsächlich erlebt hatte. Zeit um meinen Erinnerungen nachzuhängen hatte ich in dem Moment aber nicht und ich bedauerte es ein wenig, dass ich nicht noch ein bisschen weiterschlummern konnte, aber da das mit dem Teleportieren ja immer noch nicht funktioniert, musste ich fix duschen, frühstücken und dann ab auf die Autobahn in Richtung Westen, zum Rocco del Schlacko, wo – surprise, surprise – unter anderem Biffy Clyro auf der Bühne stehen würden.

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Zumindest hoffte ich das, denn Unwetter mit Sturm, Gewitter und Starkregen waren für den Rocco del Schlacko-Samstag prognostiziert worden, weswegen die Veranstalter die RedBull Nachtschicht am Ponyhof nach dem Auftritt von Biffy Clyro erst einmal abgesagt hatten und die Leute auf den Campingplätzen dazu aufforderten, ihre Zelte entsprechend sicher zu verankern und den Wald bei Gewitter zu meiden.
Ich gehörte zwar nicht zu den Campern, war von dieser Wettervorhersage aber alles andere als begeistert, denn ich hatte wenig Lust auf die Dauerdusche von oben und es war ja auch zu befürchten, dass das Festival abgebrochen oder zumindest unterbrochen werden würde, wenn das Wetter allzu gefährlich sein würde (siehe Pinkpop dieses Jahr), und Biffy Clyro sollten ja sowieso erst um 23 Uhr mit ihrer Show beginnen.

Allerdings zeigte sich der Himmel über dem Saarland von seiner allerschönsten Seite: Die Sonne lachte nur so und ich war um jedes Wölkchen und jeden Schattenplatz auf dem Gelände dankbar. Und das Wetter blieb stabil. Die paar Tröpfchen, die ganz zum Ende des Festivaltages vom Himmel fielen, sind nicht wirklich erwähnenswert, und so wurde die Absage der Abschlussparty am Ponyhof wieder aufgehoben.

Da die Band meines Herzens erst superspät auf der Bühne stehen würde, hatte ich diesmal wirklich nicht vor, mich den ganzen Tag an die Barriere zu heften, was meiner Freundin, die unterwegs dazustieß, sehr entgegenkam. Erst gegen 16 Uhr trudelten wir auf dem Sauwasen ein, warfen einen kurzen Blick auf die Band, die gerade performte – Eskimo Callboy – und schlenderten dann erst einmal übers Gelände, wo uns zahlreiche Leute in den unterschiedlichsten T-Shirts mit Biffy Clyro-Aufdruck begegneten. Es waren also etliche Besucher offenbar in erster Linie wegen der Schotten gekommen. Überall roch es ein wenig nach Land und wir fragten uns, wozu der große Platz in der Rocco-freien Zeit wohl genutzt wird. Erstaunlicherweise juckte es mir gar nicht in den Fingern, Fotos zu machen wie sonst immer und überall, ganz offensichtlich war ich echt total groggy!

Auch Anti-Flag schauten wir uns nur teilweise an und beschlossen dann, uns irgendwo im Schatten hinzusetzen. Wir mussten ja lange durchhhalten und wollten unsere Kräfte so gut wie möglich schonen. Deshalb gab es für uns auch nur einen Ausschnitt des Auftritts von Jennifer Rostock zu sehen. Hätten uns die Bands mehr interessiert, hätten wir natürlich keine Minute dieser Gigs verpasst, logo, aber es ist ja relativ normal, dass nicht jede Art von Musik bei mir voll ins Schwarze trifft. Umgekehrt könnte man mit vielem, was ich an Musik mag, andere verjagen. Jedenfalls kann sich keine der Rocco-Bands über den Mangel an enthusiastischen Fans vor der Bühne beschweren, und das ist doch das Wichtigste. Wir hatten unsere Ruhe, die anderen Festivalbesucher hatten ihren Spaß (so wie ich dann spätestens ab 23 Uhr) und die Bands hatten vor sich Leute, die abgingen wie Schmidts Katze. Win-win.

Sobald die Guano Apes loslegten, machten wir uns auf den Weg nach vorne und fanden tatsächlich ganz links an der Barriere – Standardposition sozusagen – Platz für uns beide, sodass wir alle Musiker – Sängerin Sandra Nasic, Gitarrist Henning Rümenapp, Bassist Stefan Ude und Drummer Dennis Poschwatta – perfekt sehen konnten, sofern der Mensch mit der Kamera nicht ungünstig stand. Ihren 20. Geburtstag können die Guano Apes in diesem Jahr feiern, wobei die Band zwischenzeitlich aufgelöst war und sich 2009 noch einmal in der Originalbesetzung zusammentat. Sämtliche Alben der Band aus Göttingen waren überaus erfolgreich, jedoch kam meiner Ansicht nach kein Album mehr an das Debüt „Proud Like a God“ aus dem Jahr 1997 heran. Aber das ist Geschmackssache wie eigentlich alles. Die beiden auf dem Erstlingswerk zu findenden Singles „Open Your eyes“ und „Lords Of The Boards“ wurden natürlich ebenso beim Rocco del Schlacko gespielt wie das Alphaville-Cover „Big In Japan“, neben einigen neuen Songs, die Lust auf den aktuellen Longplayer „Offline“ machen sollen.

Wer ganz genau wissen will, welche Lieder zu hören waren, kann ja zu setlist.fm weiterklicken.

Für eine etwas größere Version – hier und bei den anderen Galerien – bitte auf das jeweilige Foto klicken!

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Bei setlist.fm findet man auch die Titel der Songs, die Jimmy Eat World an diesem Abend spielten. Ich kenne mich in deren umfangreicher Diskographie ja gar nicht aus, meine aber, es wären dieselben Lieder oder zumindest größtenteils dieselben Lieder wie am Abend zuvor beim Taubertal-Festival dargeboten worden. Im Publikum waren viele Leute, die zu den mal mehr poppigen, mal eher rockigen Klängen der US-amerikanischen Band tanzten und mitsangen, während ein von ein paar Wolkenfetzen verdeckter Vollmond dem Sauwasen eine ganz besonders heimelige Atmosphäre verlieh.

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Sogar Churd, Simon Neils Gitarrentechniker, gesellte sich irgendwann ganz vorne zu den Zuschauern und genoss den gut einstündigen Auftritt von Jimmy Eat World sichtlich.

Mir fiel zu dem Zeitpunkt bereits auf, dass es vom Rocco del Schlacko aus meiner Kamera nur mittelmäßig schöne Bilder geben würde, und ich kann mir bis jetzt noch nicht erklären, warum Teile der Fotos entweder über- oder unterbelichtet sind oder gleich das ganze Bild total verwackelt ist. Meine Kamera wird doch nicht schon wieder krank werden!?

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Nachdem Jimmy Eat World die Bühne verlassen hatten, erschien auf den Videowänden links und rechts von der Bühne der schönste Text des Tages. Keine anderen Uhrzeiten und Bandnamen mehr, bald würde es losgehen mit dem Programmpunkt, der mich angelockt hatte.

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Pünktlich um 23 Uhr startete der Biffy Clyro-Part des Tages, und zwar genauso wie erwartet: Intro, „Different People“, „That Golden Rule“, „The Captain“, „Sounds Like Balloons“, alles natürlich mit der gewohnten mitreißenden Kraft, der sich kaum einer im Publikum entziehen kann und – man muss es eigentlich gar nicht erwähnen – die Herren Neil (Gitarre, Gesang), Johnston (Bass, Gesang) und Johnston (Drums, Gesang) wie üblich oberkörperfrei – und dann begannen die Überraschungen.

Ich dachte zuerst, ich höre nicht recht, denn ich hätte nicht damit gerechnet, an diesem Abend „The Thaw“ zu hören. Und doch war Lied Nr. 6 genau das, was ich schon immer einmal live erleben wollte und was mir bis dahin nicht ein einziges Mal vergönnt war. Ich schwebte in dem Moment sonstwo vor lauter Fröhlichkeit! „Tonight we’re gonna share the same space to see what will become of it.“ Wie wahr, wie wahr!

Die Herren aus Schottland hatten aber noch mehr Überraschungen auf Lager: An der Stelle, an der beim Taubertal-Festival „Spanish Radio“ gespielt wurde, gab es beim Rocco „Victory Over The Sun“ (mit passender Bühnenbeleuchtung), was ich ebenfalls schon ganz lange nicht mehr bei einem Konzert gehört habe.

Noch ein bisschen mehr freute ich mich über das, was folgte, nachdem es nach 17 gespielten Liedern plötzlich dunkel geworden war und die fünf Musiker – neben den bereits erwähnten „eigentlichen“ Biffys die Livemusiker Gambler am Keyboard und Mike Vennart an der zweiten Gitarre – die Bühne verlassen hatten. Da das Lied zuvor nicht „Mountains“ war, konnte der Auftritt noch nicht zu Ende sein – wenn das der Fall gewesen wäre, wären die Musiker auch ein bisschen arg schnell von der Bildfläche verschwunden, ohne großes Dankeschön, zumal das Konzert ja gerade erst 75 Minuten lief und es im Vorfeld hieß, dass Biffy Clyro als Headliner ein Set in kompletter Konzertlänge spielen würden. Nee nee, da kam noch etwas, zumal Simon von „we are giving you a happy ending“ sprach, bevor er Lied Nr. 17, „Bubbles“, anstimmte, und „Licht aus, alle geh’n nach Haus“ wäre ja nicht gerade ein fröhlicher Schluss.
Es folgte ein „richtiger“ Zugabenblock, viele Rocco-Besucher wollten auch noch mehr hören; sobald die Musik verstummt war, hörte man es wieder, dieses „Biiiiffy Clyro“, klatsch klatsch klatschklatschklatschklatsch. Zunächst kehrte aber nur Simon auf die Bühne zurück, mit seiner Akustik-Gitarre, murmelte etwas, was ich nicht richtig verstehen konnte, von wegen, der nächste Song sei irgendeinem Freund gewidmet (?), und performte dann „The Rain“. Traumhaft schön! Und so passend, weil es gerade in dem Moment ein wenig zu tröpfeln begann, sodass ich dann doch froh war um die geliehene Regenjacke in Übergröße, die ich dabei hatte. [Update: Die Sache mit dem Freund hat sich inzwischen geklärt, allerdings ist der Anlass ein sehr trauriger. Steve Broadfoot, der ehemalige Tourmanager von Biffy Clyro und Entwickler der LugPlugs, starb unmittelbar vor dem Rocco del Schlacko und ihm widmete Simon das Lied. Meine Worte „Traumhaft schön“ wirken so gesehen leicht fehl am Platz, denn für die Band war der gesamte Auftritt unter diesen Umständen mit Sicherheit kein leichtes Unterfangen. Umso mehr Hochachtung verdient ihre wie immer absolut energiegeladene Performance, finde ich.]

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Wie beim Taubertal-Festival wurde zweimal ein Konfettiregen abgefeuert, bei „Biblical“ und gegen Ende von „Mountains“, und auch die Nebelfontänen waren wieder mit dabei. Anders als am Vortag gab es dort, wo ich stand, erfreulicherweise kein Gedrücke oder Geschubse und die Crowdsurfer waren auch eher in der Mitte der Zuschauermasse unterwegs. Ich hatte sogar recht viel Freiraum um mich herum, war nicht eingekeilt wie in Rothenburg, weil das Publikum zum Rand hin ein wenig ausdünnte, aber der große Platz hinter dem ersten Wellenbrecher war total voller Leute. Anscheinend hatte einfach nicht jeder Interesse daran, ganz vorne zu stehen. In meinem Umfeld wirkten aber nicht nur die Biffy-Shirt-Träger absolut begeistert; viele bewegten sich im Rhythmus der Musik, sangen mit einem Lächeln im Gesicht mit und applaudierten kräftig. Was soll man auch sonst tun angesichts der genialen und abwechslungsreichen Rockshow, die Biffy Clyro bieten? Mehrmals, wenn Simon mal wieder mit full speed über die Bühne schlitterte, zu Ben aufs aufgebockte Schlagzeug sprang und dem Publikum seinen bunt tätowierten Rücken zeigte, schien mein Herzchen kurz mal mit dem Schlagen auszusetzen, nicht (nur) weil das ziemlich gut aussah, sondern weil ich jedesmal bei diesem halsbrecherischen Gehopse fürchtete, der Musiker könnte sich ernsthaft wehtun. James bewegte sich zwar auch viel, hat generell aber mehr Bodenhaftung als sein Freund und Kollege, und da sein Zwillingsbruder ja schlecht seinen Platz hinterm Drumkit verlassen kann, braucht man sich um den am wenigsten zu sorgen – hier besteht wohl die größte Gefahr darin, dass Simon ungeschickt in ihn bzw. sein Schlagzeug hineinbrettert.

Ich bin immer wieder erstaunt über die nahezu perfekte Aussprache der paar deutschen Sätze, die die Herren von Biffy Clyro üblicherweise an die Zuschauer richten. Schließlich pflegen Simon, Ben und James in englischsprachigen Interviews ja meistens den breitesten schottischen Akzent, den man sich vorstellen kann, und bemühen sich oft nur bei Gesprächen mit non-native speakers um ein etwas besser verständliches Englisch, wobei sie ihre Herkunft auch dann nicht verbergen können. Aber ich mag das und höre mir ab und zu auch gern XFM Scotland an, um ein bisschen schottisches Flair über die Ohren aufzusaugen. Beim Rocco war aber ziemlich viel Konversation auf Deutsch angesagt, nicht nur das übliche „Wie geht es euch?“ und „Habt ihr Spaß?“, sondern auch James‘ Wurstkonsum wurde von Simon ein wenig auf die Schippe genommen.

Zum Schluss hieß es dann: „We are Biffy – kleine Pause – Clyro, we have always been and we will forever be.” Ach wie schön! Ich war hellwach und hätte noch ein paar Lieder vertragen können. Aber selbst das schönste Konzert muss einmal zu Ende gehen und ich tröste mich damit, dass noch ein Biffy Clyro-Abenteuer in diesem Sommer ansteht. Bin ja mal gespannt, ob es da auch wieder Veränderungen in der Setlist geben wird; es gibt nämlich noch ein paar Lieder, die ich schon immer einmal live hören wollte!

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Trotz meiner Biffy-induzierten Begeisterung gibt es ein paar Dinge, mit denen ich an diesem Tag bei diesem Festival nicht zufrieden war:

Man durfte noch nicht einmal Wasser mitnehmen aufs Festivalgelände und ich musste tatsächlich meinen Tetrapak mit Wasser am Eingang in den Müll werfen. Zum Vergleich: Beim Taubertal-Festival ist es gestattet, einen Liter im Tetrapak bei sich zu haben, und gerade für die, die den ganzen Tag in Reihe 1 ausharren, weil die Lieblingsband erst um 23 Uhr auftritt, ist das essentiell! (Ganz abgesehen davon, dass ich ungern eine so wertvolle Ressource einfach wegwerfe, aber selbst zusammen mit meiner Freundin hatte ich es nicht geschafft, den kompletten Tetrapak in mich hineinzukippen.)

Die Front-Row-Steher beim Rocco hatten es aber doppelt schwer, weil es Getränke nur in Bechern gab und in geöffneten Dosen, die durch das Abfräsen des kompletten Deckels letzten Endes auch wie Becher aussahen. Wie soll man sich da einen Wasservorrat für den ganzen Tag anlegen??? Die sicherlich gut gemeinte Frage „Genug Wasser getrunken?“, die immer wieder auf der Videotafel zu lesen war, musste für einige wie blanker Hohn wirken.

Das Bezahlsystem stieß ebenfalls auf wenig Gegenliebe bei mir. Man musste zuerst einmal Geld gegen Rocco-Coins umtauschen und musste dann mit diesen Papierstücken sein Essen und die Getränke bezahlen. Dabei wurde ein Rocco-Coin Pfand pro Becher fällig und man bekam als Pfandmarke einen Plastikchip. Gut waren aber die humanen Preise (umgerechnet 1,40€ für einen großen Becher Wasser) und die Tatsache, dass man nicht benötigte Coins wieder gegen Geld umtauschen konnte, allerdings erst ab 22 Uhr und nicht an jeder Coin-Ausgabestelle, weswegen es lange Schlangen gab und ausgerechnet dort, wo ich stand, ging es – warum auch immer – gar nicht vorwärts und ich bekam dann auch noch zu wenig Geld zurück. Warum lässt man die Leute nicht einfach bar bezahlen? Traut man den Verkäufern so wenig Kopfrechnen zu, dass man die Preise lieber mit 1, 2 oder 3 Coins angibt? Oder ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem normalen Kassensystem Geld wegkommt, so hoch? Gerade beim Warten während der Coin-Rückgabe wurde deutlich, dass ich nicht die Einzige bin, die dieses „Papiergeld“ nicht mochte, das Wort „Abzocke“ hörte ich in der Situation von ganz unzufriedenen Festivalbesuchern gleich mehrmals…

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