Red Fang und Cerebral Ballzy in Saarbrücken (Kleiner Klub, 27.07.14)

Das war wieder so ein „Waaaaah, wo spielen die noch?! Ich muss die noch einmal sehen!!!“-Abend! Die Rede ist von Red Fang, die auf ihrer Europa-Tour einen Abstecher nach Saarbrücken machten und dort ein phänomenales Konzert gaben. Zunächst sollte das Ganze in der Garage stattfinden und ich bin echt froh, dass das Event recht kurzfristig verlegt wurde in den Kleinen Klub, der meiner Ansicht nach ein viel passenderes Ambiente für eine solche Band bietet. Direkt an der Bühne stehen, dichtgedrängt im gnadenlos überhitzten Saale, wo die Musik in jede schweißnasse Pore zentimetertief eindringen kann, so muss das sein!

Es gilt dasselbe wie immer: Für eine etwas größere Version des Fotos bitte auf das jeweilige Bild klicken!

Als ich das Equipment der Supportband Cerebral Ballzy fotografierte, konnte ich noch nicht ahnen, dass mein Bedarf an dieser Band wenige Minuten später absolut gedeckt sein würde und das hatte noch nicht einmal etwas mit dem Musikstil der Band aus Brooklyn – Punk – zu tun.
Viele Musikhörer, vor allem die Viel-Musik-Hörer, sind nicht festgefahren auf eine bestimmte Stilrichtung, von der sie niemals abweichen, sondern hören sich Musik unterschiedlicher Genres an, so wie ich. Ich kann von Indie-Rock mit großer Nähe zum Mainstream problemlos zu Death Metal wechseln und dann weiter zu sphärischen postrockartigen Soundlandschaften, gerade so, wie es mir gefällt. Und auch reinen Punk kann ich in geringen Dosen ganz gut vertragen, insofern war ich durchaus positiv eingestimmt auf Cerebral Ballzy, wobei Musik dieser Art im Vorprogramm einer Stoner Rock-/Sludge-Band schon ziemlich ungewöhnlich ist.
Während viele im Publikum von Anfang an tanzten, sich mitreißen ließen und vor allem die Herren aus der ersten Reihe wild gestikulierend zeigten, wie geil sie das, was da geboten wurde, fanden, hatte ich fast schon genug, als der Sänger Honor Titus auf die Bühne getorkelt kam, die Augen auf Halbmast, und „We are Cerebral Ballzy from New York City“ ins Mikro lallte. Ich hatte echt Schiss, dass der mir im nächsten Moment auf die Kamera kotzt! Aber es ist nichts weiter passiert außer dass immer mal wieder ein Mikroständer umfiel, weil das Kabel darin verheddert war und durch die Bewegung des Sängers machte es dann rattattazong; so ein Mikroständer flog sogar knapp an meinem Ohr vorbei, als ich gerade mit einem netten Bekannten plauderte, während der Sänger auf die Theke hechtete. Ich hatte wirklich Bedenken, ob der junge Mann den Gig überhaupt bis zum Ende übersteht. Die anderen Bandmitglieder, Jason Bannon an der Gitarre (Gibson), Melvin „Mel“ Honore am Bass (Linkshänder-Schecter) und Tom Kogut (Drums), wirkten erfreulicherweise relativ normal, eher zurückhaltend sogar, und schienen fern jeglicher Volldröhnung zu sein.

DSCF9077AtsDie Musik war wie erwartet und wie bei Soundcloud anzuhören der typische amerikanische Punkrock, überwiegend kurze Lieder, sodass man in 35 Minuten eine ansehnliche Menge an Songs unterbringen kann. Bei Außentemperaturen knapp unter 30°C hatte sich der Kleine Klub bereits nach wenigen Liedern in eine Sauna verwandelt, trotz diverser Ventilatoren und Frischluftzufuhr von oben, nur dass die Sauna in diesem Fall schätzungsweise 120 Leute fasste und ein Saunagang nicht bloß 5 bis 10 Minuten dauerte. Konsequenterweise zogen der Schlagzeuger und der Sänger von Cerebral Ballzy irgendwann ihre klitschnassen Shirts aus, aber Abkühlung brachte ihnen das auch nicht. Für die Zuschauer wurden dadurch aber die zahlreichen Tattoos sichtbar, was ich immer sehr beeindruckend finde, aber selbst das Tattoos-Anglotzen konnte ich in dem Moment nicht so richtig genießen, weil ich mich in meiner eigenen Haut nicht so ganz wohl fühlte. Der Kerl auf der Bühne war mir überhaupt nicht geheuer und ich fand es auch unangemessen, jemandem der so hackedicht war (oder zumindest so erschien) auch noch zuzuapplaudieren, aber genauso falsch wäre es gewesen, nicht zu klatschen, zumal ja noch andere Musiker auf der Bühne waren. Ah, Dilemma!

Als der Sänger zum zweiten Mal auf den Tresen sprang und von dort aus nicht bloß performte, sondern die Kühlschranktür öffnete, um sich eine Bierflasche daraus zu schnappen, staunte selbst die Frau hinter der Theke nicht schlecht. Das Entfernen des Kronkorkens mit den Zähnen funktionierte jedoch nicht, der junge Mann nahm die nur halb geöffnete Flasche dennoch mit auf die Bühne.

Ich gebe zu, dass das Ganze auch etwas leicht Komisches hatte, und auch über den Schlagzeuger musste ich schmunzeln. Der kam nämlich etliche Male hinter seinem Drumkit hervorgekrochen, um die Steinplatte, die die Bassdrum an Ort und Stelle halten sollte, wieder zurechtzurücken und das Mikro wieder vor die Öffnung in der großen Trommel zu schieben. Offenbar drosch er so heftig auf das Teil ein, dass es sich immer wieder verschob. Urkomisch fand ich auch die Tatsache, dass ein Tetrapak mit Kokosnusswasser bis zum Schluss auf besagter Steinplatte stand.

Irgendwann bat der Sänger darum, die Bühne mit ganz normalem Licht anzustrahlen, er hätte genug von den bunten Farben…

Nach all dem Chaos erstaunte es mich nicht, dass zwei Lieder hintereinander angekündigt wurden mit „This is about a girl in New York City“. Erstaunlich fand ich aber, dass der Mann am Mikro trotz seines Zustandes absolut textsicher war. Ich verstand zwar kein Wort von dem, was er da zwischen seinen Zähnen herauspresste, aber irgendwelche Patzer unterliefen ihm meines Erachtens nicht. Also ist Honor Titus vielleicht doch ein guter Schauspieler und wollte – ganz ohne wilde Substanzen in der Blutbahn? – das Klischee vom zugedröhnten Punkrockstar darstellen? Es wäre ihm zu wünschen, denn wenn die Art und Weise, wie er sich in Saarbrücken gegeben hat, sein Normalverhalten ist, ist der Totalabsturz vermutlich nicht mehr allzu weit entfernt und das wäre schlecht, zumal der Tourplan ziemlich gut gefüllt ist!

Eins muss man den Musikern, vor allem dem Sänger, lassen: Die Fotos sind diesmal wirklich sehr außergewöhnlich!

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Das Herrichten der Bühne für den „Topact des Abends“ geschah durch die Musiker von Red Fang selbst. Ich genoss es, all die Gitarren und den Bass in normaler Beleuchtung direkt vor mir stehen zu haben, denn es war klar, dass es wieder ziemlich dunkel werden würde nach dem Startschuss für den zweiten Teil des Konzertabends. Die Amps von Red Fang waren deutlich kleiner als die Türme von Cerebral Ballzy, sodass man das Banner mit dem Albumartwork – Ufos über Berglandschaft – an der Bühnenrückwand richtig gut erkennen konnte. Auch die Bassdrum war mit einem Ausschnitt aus diesem Motiv verziert.

Ein kleines Intro von David Sullivan (Gitarre) und Aaron Bean (Bass, Gesang), das ziemlich abrupt endete und daher für einige Belustigung sorgte, zeigte an, dass es bald losgehen würde. Ein paar Sekunden danach war auch Bryan Giles (Gitarre, Gesang) startklar, die drei Musiker mit den Saiteninstrumenten stellten sich vor das Schlagzeug, hinter dem John Sherman nach ein paar Dehnübungen ebenfalls einsatzbereit war, alle vier reichten sich die Hände und dann bewiesen die Männer aus Portland (Oregon), dass sie eine geniale Band sind und nicht bloß eine gute.

Ich stand direkt vor Aaron Bean und hatte, da es im Kleinen Klub kein Absperrgitter gibt und der Raum ziemlich gut gefüllt war, die Nase fast an seinem Bass, was eine wirklich sehr beeindruckende Aussicht war. Aber auch meine Ohren hatten ihren Spaß, denn ich mag diese Art von Musik und den Gitarrensound, den Red Fang produzieren, und auch die Abwechslung beim Gesang – mal Aaron, mal Bryan, mal beide zusammen – ist für meinen Geschmack ein Pluspunkt.

DSCF9148tsIm Nu war der Bühnenboden wie auch die Instrumente schweißtropfengetränkt und von allen Seiten flogen Tröpfchen heran. Den Schwerpunkt setzten die Musiker auf die Songs der letzten beiden Alben „Murder The Mountains“ (2011) und „Whales And Leeches“ (2013), nur wenige Lieder aus dem Debütwerk von 2009 wurden gespielt („Whales And Leeches“ und als letztes Lied „Sharks“). Auch das im Mai 2014 veröffentlichte „The Shadows“, das nach wie vor zusammen mit „The Meadows“ kostenlos und legal downgeloadet werden kann >hier<, war Teil des Liveprogramms. Bei den Songs, die nicht so ganz gemächlich daherkommen, ging es ganz schön ab im Publikum, erstmals so richtig beim dritten Lied „Blood Like Cream“ und generell zum Ende des Sets hin.

Durch die Ventilatoren fand ich es einigermaßen erträglich, allerdings stieß der Bassist irgendwann versehentlich an den Venti vorm Schlagzeug, sodass dieser die Richtung, in die er pustete, änderte, und von da ab wurde es schlagartig abartig heiß, wo ich stand. Aber ich konnte ja schlecht den Musiker darum bitten, den Ventilator wieder so zu positionieren, dass die kühle Luft zu mir weht. Der Herr am Bass kapitulierte ja selbst vor der Hitze und zog sein Shirt aus und alles, was ich in dem Moment denken konnte, war: „Ein Mann wie ein (Teddy-)Bär!“, während aus dem Publikum jemand Bryan zurief, dass er sich auch ausziehen soll, aber er behielt wie die anderen alle Klamotten an.

Ein kleines Extraschmankerl für mich bestand darin, dass David irgendwann zu der Gitarre griff, die die ganze Zeit umgedreht am Rand stand und – tatatataaa – das Teil entpuppte sich als eine Nik Huber Krautster, wie ich sie zuletzt Anfang 2012 in den Händen von Mathias Reetz (Blackmail, The Heart Of Horror) gesehen habe.

DSCF9191AtsZwischen den Songs wandten sich Aaron und Bryan immer mal wieder ans Publikum, bedankten sich dafür, dass alle trotz der Hitze gekommen waren, und machten auch ein paar Scherze. „No Hope“ beispielsweise wurde angekündigt als ein Lied über Bryans Vorhaben, seinen Brandy-Konsum zu reduzieren. Dabei haben die vier Musiker gegenüber der Fachpresse ja herausgestellt, dass die bierseligen Gestalten in ihren Videos keineswegs der Realität entsprechen. Wer so lang auf Tour ist und gute Konzerte spielen will, kann sich das Dauerpartymachen nämlich nicht erlauben. Dennoch gab es am Merch-Stand ein Spendenkässchen mit der Aufschrift „Beer“.

Ich fand es ein wenig schade, dass die Band nicht dazu bereit war, wenigstens ein Lied als Zugabe zu spielen, denn das Publikum verlangte lautstark danach. Andererseits kann ich verstehen, dass die Musiker nach knapp 65 Minuten Dauersauna „durch“ waren. Das ist schon eine beachtliche Leistung, in einer solchen Hitze überhaupt zu funktionieren, das Zusehen war ja schon anstrengend genug. Außerdem mussten sie nach Mailand reisen, wo am Tag danach das nächste Konzert stattfand, und Norditalien liegt ja nicht gerade um die Ecke.

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Übrigens: Red Fang funktionieren auch in acoustic! Die EP „TeamRock​.​com presents an Absolute Music Bunker Session with Red Fang“ kann via Bandcamp kostenlos und legal downgeloadet werden und beinhaltet neben den drei Akustikversionen auch die Album-Versionen der entsprechenden Songs.

Einen Überblick über die Tourdaten von Red Fang kann man sich auf ihrer Homepage verschaffen.

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