Placebo und The Horrors bei Les Ardentes (11.07.14)

„Wo bin ich denn da hineingeraten?“, fragte ich mich mehrmals vor Ort und noch auf der Heimfahrt staunte ich nicht schlecht über meinen kurzfristigen Aufenthalt in der musikalischen Parallelwelt. Les Ardentes nennt sich das viertägige Festival im belgischen Lüttich, das ich einen Tag lang besuchte, um liebe Bekannte zu treffen und um mit denen noch einmal Placebo live zu sehen. Dass mir die sonstigen Bandnamen des Tageslineups gar nichts sagten, mal abgesehen von The Horrors, störte mich relativ wenig, denn wir würden ja ohnehin erst am frühen Abend vor Ort sein.

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Ich hätte allerdings nicht erwartet, mitten in einem Rap- und Hip-Hop-Spektakel zu landen – mit entsprechender Klientel, die, sagen wir mal, ein wenig anders gestrickt war als die Besucher der Rock- und Metalkonzerte, die ich mir sonst so anschaue. Auch wegen des vielen Schlamms vor der Mainstage verließen wir diesen Bereich noch einmal ziemlich flott, um anderswo auf dem Festivalgelände etwas zu essen und zu trinken, und zwar dort, wo nicht „Heeeeeey, hoooooo“ schreiende und sich ständig in den Schritt fassende, goldkettenbehängte Männer zugange waren.

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Im Prinzip ist der Festivalort, der Parc Astrid direkt an der Meuse, ein schönes Fleckchen Erde, es gibt dort Bäume und einen asphaltierten Weg parallel zum Fluss. Sehr sympathisch fand ich es auch, dass man, wenn man das wollte, seine eigenen (nicht alkoholischen) Getränke und Essen aufs Festivalgelände mitnehmen durfte.

Nach unserer kleinen Stärkung begaben wir uns zum HF6, einer von zwei Bühnen im Innern des Messehallenkomplexes, der ebenfalls für das Festival genutzt wurde und zahlreiche überdachte Sitzgelegenheiten bot. Dort schauten wir uns einen Teil des Auftritts der britischen Band The Horrors an, die 2009 mit ihrem damaligen Album „Primary Colors“ bei ein paar Konzerten von Placebo im Vorprogramm aufgetreten waren und daher bei manchen aus unserem Trupp bekannt waren. Die britische Band veröffentlichte vor nicht allzu langer Zeit ihr neues Album „Luminous“ und lässt sich vom Musikstil noch am ehesten in die Indie-Rock-Schublade quetschen, es finden sich aber auch Garage-Rock-Anleihen und psychedelische Elemente in ihren Songs, auf die man trotz einer gewissen gewollten Monotonie ordentlich abtanzen kann, wie einige Zuschauer demonstrierten. Direkt aus der Psychedelic-Kiste stammen auch manche der ab und zu im Hintergrund projizierten Farbflächen.

Für eine etwas größere Version bitte auf das jeweilige Foto klicken!

Der große, sehr schlanke, schwarz gekleidete Sänger Faris Badwan plärrte gleich nach der Vorstellung seiner Band noch einmal in Richtung Publikum, dass sie The Horrors sind – der Reaktion der Zuschauer mangelte es seiner Ansicht nach offenbar an Enthusiasmus –, und gab sich auch sonst ziemlich obercool und ein wenig unnahbar, wie auch der Bassist Tomethy Furse – ein Eindruck, der durch das Eingehülltsein in Nebel und die eher spärliche Beleuchtung noch verstärkt wurde.

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Irgendetwas schien mit der Technik des Keyboarders Spider Webb nicht ganz in Ordnung gewesen zu sein, denn ein Nicht-Bandmitglied war eine ganze Weile damit beschäftigt, an den Kabeln und Steckern in Bodennähe herumzudoktern, während der Musiker passend zu seinem Namen wie die Spinne im Netz von Tasten- und sonstigen Instrumenten umgeben war und seine Finger mal vorne über ein paar Knöpfchen und Tasten gleiten ließ, mal links, mal rechts.

Die beiden anderen Bandmitglieder, Gitarrist Joshua Hayward (ehemals Von Grimm und Third), und Schlagzeuger Joe Spurgeon (alias Coffin Joe) waren irgendwo in der Dunkelheit außerhalb meiner Reichweite abgetaucht.

Auffällig war die enorme Anzahl an Fotografen im Fotograben, mindestens 20 Leute ballten sich da vorne, um The Horrors wahlweise mit gigantischen Objektiven oder auch nur per Smartphone abzulichten, und nach ein paar Songs kam Bewegung in die Masse und eine weitere Fuhre von Leuten mit Presseausweisen positionierte sich in Reihe 0.

Weil sich bei meinen Mädels irgendwann dann doch ein wenig Nervosität breitmachte, verließen wir die Halle, noch bevor das Konzert zu Ende war, und begaben uns wieder in Richtung Main Stage, wo gerade Method Man & Redman ihrer Arbeit nachgingen. Die Zuschauer standen dichtgedrängt und leisteten den Aufforderungen der Rapper, ihre Hände in die Luft zu recken, mitzugrölen oder den Mittelfinger zu zeigen, bereitwillig Folge. Durch ein Bad in der Menge bekamen einige Fans die Gelegenheit, ihre Stars hautnah zu erleben. Die Gerüche, die von allen Seiten an meine Nase wehten, zeigten unmissverständlich, dass ziemlich viele Leute sich Gras reinzogen.

Unsere Hoffnung, dass viele derjenigen, die auf Hip Hop und Rap stehen, vor dem Auftritt von Placebo abzischen würden, bestätigte sich erfreulicherweise, sodass wie alle ganz vorne unterkamen – allerdings auf der rechten Seite und nicht wie sonst immer links, aus dem einfachen Grund weil dort viel mehr Freiraum war, während auf der anderen Seite durch die Stände weniger Platz war und die Leute dort schon dicht an dicht standen, als wir uns den Bereich zum ersten Mal anschauten. Verglichen mit anderen Festivals ist die Bühne bei Les Ardentes aber recht klein („wie bei einem Dorffest“, meinte eine Besucherin aus Deutschland ganz in meiner Nähe), sodass man auch von rechts außen alles bequem überblicken konnte.

Fünf Minuten früher als angekündigt, um 23.10 Uhr, drang plötzlich und ohne Vorwarnung der Anfang von „B3“ aus den Lautsprechern, Steve Forrest – topless – hopste an den vorderen Bühnenrand und von dort hinter sein Schlagzeug und los ging’s. Stefan Olsdal und Brian Molko waren wieder einmal schick in Schwarz gekleidet und auch Fiona Brice, die die Band seit der „Battle For The Sun“-Tour bei Konzerten mit ihrer Geige, am Keyboard sowie mit Backgroundgesang und Schellenring unterstützt, war in schwarze Klamotten gehüllt, genauso wie Bill Lloyd, der ganz im Hintergrund meist Bass oder Gitarre spielt, sowie der weitere Live-Gitarrist Nick Gavrilovic, der wie Fiona seit 2009 mit Placebo um die Welt tourt.
Anscheinend wurde es Brian schnell warm, denn schon nach ein paar Songs entledigte er sich seines Jacketts, nur um kurze Zeit später wieder hineinzuschlüpfen, während Stef seine Jacke nicht mehr anzog.

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Da das Lied „Allergic“, eine Perle aus dem 1998er Album „Without You I’m Nothing“, bei den letzten Konzerten gespielt wurde, hoffte ich, dass die Setlist so starr bleiben würde, wie man das von Placebo gewohnt ist, und tatsächlich zückte Brian nach ein paar Liedern seine „Bitch“-Gitarre und besagtes Lied wurde performt. Auch „One Of A Kind“, das ich zum letzten Mal 2007 live erleben durfte, spielten die Herren und die Dame sehr zu meiner Freude. Allerdings gab es dennoch eine kleine Veränderung im Songgefüge, denn „Soulmates“, der Klassiker aus der „Sleeping With Ghosts“-Ära, den die Band ebenfalls wieder ausgegraben hatte und den ich überaus gerne noch einmal bei einem Konzert gehört hätte, wurde an diesem Abend nicht zum Besten gegeben. Wie schade! Dafür lächelte Brian Molko mehr als nur einmal (eigentlich traurig, dass ein lächelnder Brian Molko inzwischen einen solchen Seltenheitswert bekommen hat, als hätte man den Yeti oder Nessie gesichtet) und sprach sogar ein paarmal mit den Zuschauern – en français. Das Publikum – bestehend aus überwiegend anderen Leuten als noch ein paar Stunden zuvor – schien das Konzert total zu genießen. Neben mir plärrte eine junge Dame ständig „Brian, I love you!“ und an anderer Stelle tanzten ein paar Zuschauer so ausgelassen (und rücksichtslos), dass die Security ein paarmal einschreiten musste. Zum Ende hin zündeten ein paar Leute sogar Wunderkerzen an.

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Mir fiel auf, dass Steve etwas mehr Backgroundvocals sang als bisher und dass Nick häufiger nach vorne kam als früher, und ich genoss es, einmal in Stefs Bereich zu stehen und seine Gitarren und Bässe genauer inspizieren zu können, ganz zu schweigen von seinen absolut herrlichen Bewegungen mit diesen Instrumenten. Bloß schade, dass der Schwede seinen relativ neuen Gibson-Bass in Regenbogenfarben nicht dabei oder zumindest nicht benutzt hatte, denn den konnte ich ja noch nie bewundern außer auf Fotos oder bei von Fans gefilmten Konzertvideos.

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Als Stef sich ans Keyboard setzte und die ersten paar Takte von „Too Many Friends“ klimperte, ging ein besonders lautes Raunen der Begeisterung durchs Publikum. Das ist mir schon bei den Konzerten im letzten Jahr aufgefallen und ich vermute ja, dass vor allem neu gewonnene Fans sich über dieses Lied, die erste Single des im letzten Jahr erschienenen „Loud Like Love“-Albums so freuten, denn bei den „alten Hasen“, mit denen ich es eher zu tun habe, ist die Stimmung gegenüber dem neuen Longplayer und speziell gegenüber den Singles nicht so euphorisch. Ich selbst bin immer noch nicht richtig warmgeworden mit dem neuen Album und ich glaube auch nicht, dass das noch geschehen wird, obwohl ich einige Lieder wirklich gut finde, „Exit Wounds“ vor allem, was auch bei Les Ardentes gespielt wurde, oder „Scene Of The Crime“, dessen Klatsch-Part schon faszinierend ist und auch ansteckend, wobei man da ziemlich schnell aus dem Takt gerät. Dennoch wollte der Funke bei mir einfach nicht überspringen, dabei hatte die Band diesmal sogar auf diesen ultrablöden „Duschvorhang“ verzichtet und ich konnte endlich mal wieder „Space Monkey“ ohne diese „Gardine“ sehen. Aber selbst Brians ziemlich in die Länge gezogener Schlussseufzer bei „Meds“ bescherte mir erstaunlich wenig Gänsehaut, obwohl ich das Konzert wirklich gut fand und auch die seit Ewigkeiten gleiche Schlusssequenz (abgesehen von dem bislang eher selten gespielten „Begin The End“, das den Zugabenblock einleitete) mit „Running Up That Hill“, „Post Blue“ und „Infra-Red“ wirklich mochte und dabei sang und tanzte wie bisher, allerdings ohne dass sich ein emotionales Feuerwerk in mir breitgemacht hätte, so wie das im Jahre 2012 noch der Fall war.

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Ich vermute, das liegt an den Stimmungskillern, die mir diese Band in den letzten Jahren beschert hat, und ich meine damit nicht nur das bei mir nicht so zündende „Loud Like Love“-Album, jedoch auf Einzelheiten einzugehen, würde hier den Rahmen gründlich sprengen und es gehört auch nicht hierher. Trotzdem sei gesagt, dass ich es selbst ein wenig verwunderlich finde, dass ich für diese Band immer noch die Strapazen einer mehrstündigen Anreise und eines Festivaltages über mich ergehen lasse, während die Musik der Herren meine Herzfrequenz nur noch selten über den Normalzustand hinausbringt. Vielleicht vollzieht sich da ja gerade ein schrittweiser Abschied, so wie man sich von einem Menschen, mit dem man jahrelang zusammengelebt hat, in den seltensten Fällen von jetzt auf gleich trennt. Da hängt so viel dran, all die schönen, einzigartigen Erlebnisse, die man hatte, die Zeit und Energie, die man aufgewendet hat, um die Sache am Laufen zu halten, und die Hoffnung, dass die großen Emotionen, die man einmal hatte, vielleicht wieder zurückkehren, und die von der Einsicht, dass das eher nicht geschehen wird, immer stärker überlagert wird. Ich glaube, die Situation ist tatsächlich vergleichbar, und so gesehen ist das hier vielleicht mein „Song To Say Goodbye“ – auch wenn ich mir in diesem Sommer noch ein weiteres Placebo-Konzert anschauen werde und ich vermute, dass das nicht das letzte sein wird… Ich fand es jedenfalls total schön, wieder zusammen mit „meinen Mädels“ ein Abenteuer zu erleben (Und was für eins! Die Hip Hop-Overdose im Matsch wird so schnell sicherlich nicht in Vergessenheit geraten!), und auch beim nächsten Placebo-Konzert werde ich auf viele bekannte Gesichter stoßen, was das Ganze ja auch sympathisch macht.

Erfreulicherweise war das Wetter in Lüttich uns wohlgesonnen; es sah zwar den ganzen Tag so aus, als würde es jeden Moment zu regnen beginnen, aber bis auf ein paar nicht erwähnenswerte „Wasserfussel“ blieb es trocken und es war weder kalt noch zu warm. Bis sich die Schlammpisten im Parc Astrid wieder in Rasenflächen zurückverwandelt haben, wird es aber wohl noch eine Weile dauern.

Die komplette Placebo-Setlist von Les Ardentes:
B3
For What It’s Worth
Loud Like Love
Allergic (to Thoughts of Mother Earth)
Every You Every Me
Scene of the Crime
A Million Little Pieces
Rob the Bank
Too Many Friends
Space Monkey
One of a Kind
Exit Wounds
Meds
Song to Say Goodbye
Special K
The Bitter End

Begin the End
Running Up That Hill
Post Blue
Infra-red

Ihr kennt das Spiel: Wenn man auf eines der Fotos klickt, erhält man eine etwas größere Version.
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Über luuuzie

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2 Antworten zu Placebo und The Horrors bei Les Ardentes (11.07.14)

  1. Chris schreibt:

    Es war mal wieder ein wahres vergnügen deinem Konzert Bericht zu lesen, danke dafür. 😀 Und deine Konzertbilder sind auch echt gut geworden, danke das du sie mit uns teils. 😀
    Liebe Grüße Chris

  2. luuuzie schreibt:

    Danke, liebe Chris!
    Was meine Fotos betrifft: Uuuuuuh, ich weiß gar nicht, was da los war! Meine Kameras (ähem… ich hatte die alte auch dabei… sicher ist sicher…) enttäuschten mich an dem Tag ganz schön, die benahmen sich nämlich ähnlich wie eine gewisse Diva, die wir beide kennen, obwohl ich die neue Knipsmaschine, die mehr kann als die alte, inzwischen richtig gut beherrsche, egal wie bescheiden die Lichtverhältnisse auch sind, aber irgendwie wollte die auch nicht so recht… Hmpf. (Ich hab ja nur die besten bzw. akzeptabelsten Fotos hier gepostet (nachdem ich sie ein bisschen aufpoliert habe) und mag gar nicht verraten, wie viele Bilder ich insgesamt gemacht habe.) 😀

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