Pinkpop-Festival (Montag, 09. Juni 2014)

Mein Pinkpop-Abenteuer begann schon vor einiger Zeit, es herrschte Aufregung deluxe vor und beim Ticketkauf, was ich >hier< ja bereits lang und breit dargelegt habe. Und wenn ich von Abenteuer rede bzw. schreibe, ahnt der treue Luzie-Leser vielleicht schon, dass das wieder irgendetwas mit dieser schottischen Band zu tun hat und dass es viel Blabla über Dinge, die sich nicht direkt auf die Musik beziehen, zu lesen gibt.
Tatsächlich bretterte ich einzig und allein wegen Biffy Clyro nach Holland, im wahrsten Sinn des Wortes allein, auch wenn ich vor Ort zumindest eine bekannte Person getroffen habe, ähnlich wie auch schon neulich bei meinem Trip nach Bourges, und darüber, bei diesem gigantischen Festival eine nette Begleitung gehabt zu haben, bin ich ziemlich froh.
Ich darf allerdings nicht daran denken, dass ich mir Metallica, die später am Abend auf derselben Bühne beim Pinkpop-Festival rockten, nicht anschauen konnte, weil ich zeitig wieder nach Hause aufbrechen musste, um am nächsten Morgen halbwegs frisch auf der Arbeit zu erscheinen. Rückblickend blieb mir durch die frühe Abreise einiges an Chaos erspart. Dennoch kann Pflichtbewusstsein ganz schön schmerzhaft sein!

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„Autsch!“, dachte ich mir auch beim Blick in Richtung Himmel am Morgen des 9. Juni. Schon ein paar Tage vor Beginn des Festivals hatte die Wettervorhersage mit Temperaturen um die 30°C gedroht und die Meteorologen behielten Recht. Das war für mich Bleichgesicht nicht nur wegen der UV-Strahlen riskant, sondern auch wegen der Flüssigkeitszufuhr.

Was die Sonnenstrahlen betrifft, so stand ich mal wieder vor dem seit Jahren auftretenden Problem: Was ziehe ich an??? Welche Klamottenkombi schützt meinen Körper weitgehend vor der Sonne, ohne dass ich einem Hitzekollaps erliege? (Hoodie und Jeans schieden also von Anfang an aus.) Eigentlich könnte ich inzwischen ja schon längst mal so eine Art Festivalkluft besitzen, aber ich ahne heute schon, dass daraus wahrscheinlich nichts mehr wird. Kleidung kaufen ist für mich nämlich ein Graus, weil es immer schwierig ist, etwas zu finden, was mir passt und mir gefällt und dann auch festivaltauglich ist. In Anbetracht der Tatsache, dass das nächste Großevent dieser Art erst in drei Wochen ansteht, vermute ich, dass mein Klamottenproblem in der Zwischenzeit wieder verdrängt wird und ich dann Anfang Juli wieder da stehe mit dem typischen „OMG, was ziehe ich bei DEM Wetter bloß an?“-Gesicht.
Bei ähnlicher Wetterlage vielleicht dasselbe wie beim Pinkpop? Einen Schönheitspreis hätte ich damit niemals gewonnen, aber die Klamotten haben sich bewährt. Dieses – *schüttel* – lachsfarbene Blüschen, das seit fast 20 Jahren in meinem Kleiderschrank so vor sich hinvegetiert und jede Ausmistaktion bisher überstanden hat, weil ich immer dachte: „Dieses farblich schauderhafte Teil hatte ich noch nie an, aber vielleicht brauche ich’s ja mal irgendwann“, dieses lachsfarbene Blüschen also ist von der Stoffmenge her das leichteste, was ich finden konnte, und es hat Ärmel, die bis übers Handgelenk hinausreichen. Ich hatte zwar ein wenig Bedenken, dass die UV-Strahlung durch diesen wirklich sehr dünnen Stoff hindurchgehen könnte, aber ich hab’s tatsächlich geschafft, ohne Sonnenbrand wieder heimzukommen. Mein Gesicht erhielt regelmäßig Nachschub von dieser Spezialsonnencremepampe und ist daher auch noch so bleich wie zuvor und die lange schwarze Hose und die Schnürstiefel (halten Starkregen besser ab als flache Treter) schützten die untere Luzie-Hälfte perfekt vor der bösen Sonne. Klar, es war ganz schön warm, aber in kurzen Hosen und Sandalen hätte ich vermutlich nicht weniger geschwitzt.

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Problem Nr. 2, die Sache mit der Flüssigkeitszufuhr, stellte sich letzten Endes als weniger tricky heraus als erwartet. Während Festivalbesucher 2012 noch Tetrapaks aufs Festivalgelände mitnehmen durften, hieß es in diesem Jahr auf der Pinkpop-Homepage, dass absolut keine Getränke und auch kein Essen mit hineingenommen werden dürfen. Na super! Was soll der Quatsch denn? Klar, man will am Verkauf von Essen und Getränken auch Geld verdienen, wobei es für die Sparsamen auch Gratis-Wasserausgabestellen auf dem Festivalgelände gab. Mein Problem besteht allerdings darin, dass ich auch bei Festivals gute Sicht auf die Bühne haben möchte, und zwar von Reihe 1 aus, und so viele Wasserbecher anschleppen, dass es bei 30°C im Schatten für den ganzen Tag reicht, schien mir ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Man will zwar nicht vom eigenen Kreislauf ausgeknockt werden, aber weggehen, um Flüssigkeitsnachschub zu holen, ist in der Regel mit dem Verlust seines Platzes verbunden; wenn viel Andrang herrscht, kommt man sogar noch nicht einmal mehr in das „Gehege“ direkt vor der Bühne hinein. Ein Wasservorrat aus der eigenen Tasche ist in diesem Fall so viel praktischer und es beruhigte mich ungemein, dass mein Tetrapak in den Tiefen meiner Tasche nicht entdeckt wurde, aber letzten Endes hätte ich den gar nicht mal so dringend gebraucht, denn bis zu der Zeit, als die zweite Band auf der Main Stage ihre Show begann, war noch recht wenig los auf dem Festivalgelände, sodass man bequem Nachschub holen und auch die Toiletten besuchen konnte. Das ist ja auch immer so eine Sache. Man will nicht aus den Latschen kippen wegen Dehydrierung, aber zu viel Flüssigkeit ist ebenfalls gefährlich für den Seelenfrieden, denn auch per Gang auf die Toilette riskiert man es, die Lieblingsband von jwd anschauen zu müssen. Und einfach laufen lassen verbietet sich ja von selbst. Aber alles war gut, pinkpop-rosa sozusagen.

Alles bis auf die Sicht auf die Bühne. Speziell für Metallica gab es nämlich von der Bühne aus zwei Rampen, die wie Laufstege in die Zuschauermenge führten und ganz vorne miteinander verbunden waren, sodass die Musiker dort quasi im Kreis laufen konnten. Bevor Mastodon ihren Auftritt starteten, fragte einer der Pinkpop-Mitarbeiter, wer von den Leuten aus dem Front Of Stage-Bereich Lust hätte, während des Konzerts der amerikanischen Band im Snakepit, also in dem Bereich zwischen den beiden Rampen, zu stehen. Diejenigen, die das wollten, bekamen einen Zettel in die Hand und verdrückten sich. In dem Moment dachte ich mir noch nichts Böses dabei, aber da ahnte ich auch noch nicht, wo die Bandmitglieder von Mastodon ihre Plätze haben würden, genau zwischen diesen Rampen nämlich, sodass man selbst aus der ersten Reihe kaum mehr sah als die Köpfe der Musiker, weil die Rampe unmittelbar vor meiner Nase den Blick auf die ziemlich hohe Bühne ganz stark einschränkte. Au weia, das konnte ja heiter werden!

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Den Auftritt fand ich nur mittelmäßig, weil ich so wenig von den Musikern gesehen habe, im Prinzip bloß die Köpfe von Brent Hinds (Gitarre / Gesang) und Troy Sanders (Bass / Gesang) und ab und zu auch ein Fitzelchen von Bill Kelliher (Gitarre), der auf der anderen Bühnenseite agierte. Mir blutete das Herz, denn Brent bekam eine schöne Gitarre nach der anderen gereicht, alle aus dem Hause Gibson, wenn ich das in den kurzen Momenten des Gitarrenwechselns richtig erkannt habe. Wie gerne hätte ich die Klampfen in all ihrer Schönheit bewundert, aber der Gitarrist und Sänger zeigte sich nur selten auf der Rampe links und immer nur recht kurz. Den Schlagzeuger Brann Dailor, also seinen Kopf, sah ich sogar nur ganz zum Schluss, als er sich beim Publikum bedankte.

DSCF5846Ats Musikalisch war das alles erste Sahne, feinster amerikanischer Sludge-Metal mit hier und da umfangreicheren, ein wenig experimentell anmutenden instrumentalen Parts. Kurz: Musik, die ich mag. Dennoch habe ich mich in den letzten Jahren gar nicht mehr so intensiv mit Mastodon auseinandergesetzt und ich kann nicht einmal erklären, woran das liegt, denn die beiden Alben „Crack The Skye“ und „The Hunter“ fand ich damals richtig gut. Vermutlich hatte ich einfach so viel andere Musik zu hören, dass Mastodon total aus meinem Fokus geraten sind. Vielleicht bringt mich das neue (bereits sechste) Album „Once More ‘Round The Sun“, das nach Aussage von Brent Hinds bald veröffentlicht werden soll, ja wieder auf die Mastodon-Schiene zurück.

Die Titel, die während des einstündigen Sets gespielt wurden, sind bei setlist.fm verzeichnet.

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Nach einer Stunde Pause ging es weiter mit Rob Zombie. Die Bühnendeko mit Schwarz-Weiß-Fotos diverser Gruselgestalten und entsprechend aufgehübschten Mikroständern machte schon neugierig auf den Auftritt, den ich richtig klasse fand, denn das Auge bekam hier einiges geboten! Im Unterschied zu Mastodon waren alle Musiker gut zu sehen, weil sie entweder auf der Rampe oder auf den Seitenflügeln der Bühne unterwegs waren, trotz der Hitze voller Energie, und selbst der Schlagzeuger war so hoch „aufgebockt“ mit seinen Drums, dass ich ihn zumindest teilweise erkennen konnte. Und das Sehen war hier essenziell, denn die vier Herren amüsierten mich mit einigen visuellen Schmankerln. Zunächst fiel auf, dass alle ziemlich viel Farbe auf der Haut hatten – ich meine nicht die Tattoos, die auch vorhanden waren, reichlich, sondern die abwaschbare Theater-Schminke: Mitten im kalkweißen Gesicht des Schlagzeugers, der sich Ginger Fish nennt, prangte ein schwarzes umgedrehtes Kreuz, der Gitarrist mit den schwarz-weißen Haaren, John 5, hatte die untere Gesichtshälfte ganz schwarz eingefärbt, als hätte er unter der Nase ein Tuch ums Gesicht gebunden, und der Bassist Piggy D., der mich ziemlich an „Fluch der Karibik“ erinnerte, hatte u.a. mehrere Kreuze auf die Arme gemalt bekommen. Bloß der Sänger hatte nur ein paar Kunstblut-Spuren im Gesicht und etwas Weiß um die Nase und sah ansonsten ziemlich unangemalt aus, punktete aber mit seinen langen Dreadlocks. Nach fast jedem Lied wechselten die Musiker Teile ihres Outfits – Shirts und/oder Kopfbedeckungen wurden gegen andere getauscht, Jacken wurden an- oder ausgezogen – und ich glaube, die Herren an den Saiteninstrumenten spielten bei jedem Lied eine andere Gitarre bzw. einen anderen Bass. Ganz großes Kino – irgendwann schob Sänger Rob sogar ein Skelett mit sechs Armen an seinem Mikroständer von einer Seite der Bühne zur anderen. Ich fand’s lustig, überlegte aber von Anfang an, ob mir die Musik auch gefallen würde, wenn ich all den Klamauk nicht vor Augen hätte, und kam zu dem Ergebnis, dass mir diese Mischung aus Oldschool-Rock, Gothic und Industrial Metal vermutlich zusagen würde. Ich ziehe sogar in Erwägung, mir das Konzert von Rob Zombie, das demnächst ganz in meiner Nähe stattfinden wird, anzuschauen und das spricht doch für die Band, die gleich beim ersten Lied klarmachte, woher sie kommt: Mit dem Cover „We’re An American Band“ eröffneten die Musiker ihren Auftritt, bei dem es weitere Cover zu hören gab, ein paar Takte von Metallicas „Enter Sandman“ zum Beispiel, gefolgt von der Bemerkung, dass man dem Rest später lauschen könne, und zwar im Original (Hmpf… zumindest wenn man nicht wie ich schon über die Autobahn Richtung Heimat ruckelt!), außerdem wären die Musiker gar nicht in der Lage, das ganze Lied zu spielen. Ja ja, kleines Understatement! Zum Abschluss des offiziellen Programms gab es ein weiteres Cover, ein Ausschnitt von Alice Coopers „School’s Out For Summer“. Die anderen Lieder von Rob Zombie kannte ich nicht, aber bei setlist.fm kann man ja nachschauen, was das alles war.

Von Anfang an stellte der Sänger den Kontakt zum Publikum her und feuerte die Zuschauer zum Mitrocken und Skandieren der von ihm vorgegebenen Parolen auf, was offenbar nicht zu seiner vollen Zufriedenheit funktionierte, falls seine Beschwerden nicht bloß dazu dienen sollten, der Band noch mehr Begeisterung entgegenzubringen, denn ich hatte den Eindruck, dass das Publikum gar nicht so lasch war, sah aber auch nur diejenigen unmittelbar um mich herum. Dass es aber bei einer solchen Hitze sogar den Hyperaktiven schwerfällt, sich wie ein Duracell-Häschen auf Speed zu benehmen, dürfte allerdings klar sein, so what?! Auch die Tatsache, dass so viele mit ihren Handys da standen, kritisierte Herr Zombie, aber vielleicht gehört das Gegrummel einfach zu seiner Rolle.

Für eine etwas größere Version bitte auf das jeweilige Foto klicken!

Sein Gegenpart diesbezüglich war Bassist Piggy D., ebenfalls ständig am Interagieren mit den Zuschauern, jedoch fast permanent in die Menge lachend. Was hat der Mann für schöne weiße Zähne! Er warf sich in die schönsten Rockstar-Posen, animierte zum Klatschen oder Hände-in-die-Luft-strecken und zeigte mehrmals diese „Ich hab euch im Blick“-Geste.

Im Unterschied dazu spielte der Gitarrist John 5 die Rolle des eher zurückhaltenden, gemächlich über die Bühne flanierenden Musikers, der die ausgefallensten Gitarren besitzt (wobei Piggy D. mit seinen Bässen da locker mithalten kann) und diese virtuos bedient. Gegen Ende des Auftritts hatte er einen längeren Soloauftritt, bei dem er sein Können an der Gitarre in beeindruckender Weise demonstrierte. Zuvor hatte bereits der Drummer Ginger Fish ein Solo hingelegt, das ebenfalls Begeisterungsstürme beim Publikum auslöste. So rückten also auch die beiden „stilleren“ Musiker für einen Moment in den Vordergrund.

Die Zeit verging wie im Flug und überraschend schnell waren Rob Zombie mit ihrem Auftritt, obwohl der ebenfalls eine Stunde dauerte, fertig und die Bühne wurde auf- und umgeräumt. Das Anbringen und Hochhieven des riesigen Banners mit dem neuen Bühnenbild von Biffy Clyro zeigte, dass es nun ernst wurde.

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Inzwischen stand die Sonne direkt hinter der Main Stage, sodass der Zuschauerbereich unmittelbar vor der Bühne im Schatten lag. Eine Wohltat, und auch wenn meine Frisur nach Stunden des Schwitzens unterm Hut alles andere als vorzeigbar war, verstaute ich meine Kopfbedeckung nun in der Tasche, wodurch sich mein Schädel etwas weniger heiß anfühlte. Wasser zu holen oder zu lassen hätte ich nun aber nicht mehr riskiert, denn inzwischen war der Bereich in dem „Gehege“ vor der Bühne ziemlich gut gefüllt und eine etwas lästige Gruppe von Mädels in Avenged Sevenfold-Shirts begann, sich immer mehr breit zu machen und zu drücken. Dabei waren die gar nicht scharf auf Biffy Clyro, aber die fanden es wohl lustig, sich ein bisschen unbeliebt zu machen. Dabei sagte ich denen noch – in der Hoffnung auf ein bisschen Frieden –, dass ich nach dem Biffy Clyro-Gig da rausgehe und sie dann gern meinen Platz haben können. Aber was will man machen, wenn einen die rebellische Phase grad voll im Griff hat?! Siehe auch: Gelangweilt mit dem Handy herumspielen, während Herr Neil & Co. am Abrocken sind. Pffff.

Bevor die Schotten die Bühne enterten, versorgten Mitarbeiter des Festivals die Zuschauer im Front Of Stage-Bereich mit Wasser, das mit Plastikbechern aus schwarzen Putzeimern geschöpft wurde. Nicht wirklich delikat, aber in der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen und außerdem fand ich es super, dass überhaupt Wasser gereicht wurde, und zwar so viel, bis wirklich alle versorgt waren. In anderen Eimern hatten die Pinkpop-Leute Schwämme, die sich die Leute über dem Kopf oder dort, wo man die Feuchtigkeit haben wollte, ausdrücken konnten. Da hat jemand mitgedacht und zumindest in der Zeit, in der ich dort war, musste keiner aus der Zuschauermenge herausgezogen und medizinisch versorgt werden. Auch ich nicht, obwohl mein Herz einen Hüpfer hinlegte, als der Auftritt von Biffy Clyro begann – und zwar ohne Ankündigung auf Niederländisch wie vor den beiden anderen Bands, der Startschuss hier war einfach der Beginn des Intros.

Kaum war das neue Intro – ich bleibe nach wie vor bei meiner in Bourges entstandenen Assoziation „Laute aus dem Affengehege“ – ausgeklungen, betraten sie die Bühne: Bassist James Johnston, Live-Gitarrist Mike Vennart, Live-Keyboarder Richard A. Ingram aka Gambler, Sänger und Gitarrist Simon Neil und der Drummer Ben Johnston, den ich an diesem Nachmittag genau zweimal sah, und zwar als er auf die Bühne kam, um zu seinem Schlagzeug zu gehen, und als er sie nach dem Gig wieder verließ. Sein Drumkit und er selbst lagen komplett außerhalb meines Blickfeldes, und auch von James, Mike und Gambler konnte ich nur Bruchstücke erkennen. Immerhin kam Simon ab und zu auf die Rampe gehopst – schon ganz am Anfang platzierte er eines der Mikrofone dort, wo die Rampe beginnt – und kam zum Gitarrentausch in mein Blickfeld, sonst hätte ich von ihm auch nur den Kopf gesehen.

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Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich vermutlich nicht den ganzen Tag in der sengenden Sonne verbracht, sondern hätte mir das Festivalareal angeschaut, vor allem die schattigen Bereiche, und mir dann später irgendwo ein Plätzchen gesucht, von wo aus man die ganze Band sieht, wenn auch aus größerer Entfernung.

Ich fragte mich die ganze Zeit, was das für Leute waren, die von diesem zentralen Bereich aus zuschauen konnten, denn Tickets gab es dafür nicht zu kaufen. Für Mastodon waren, wie schon weiter oben erklärt, ein paar Glückliche aus den Zuschauern herausgepickt worden, aber offenbar galt dieses Angebot nur für den Mastodon-Gig, denn später kam niemand mehr diesbezüglich zu den Zuschauern. Des Rätsels Lösung brachte die Festivalblog-Seite: Die Tickets fürs Snakepit waren verlost worden unter den Mitgliedern vom Metallica Club! Gaaaanz toll! Ich hätte für Biffy Clyro auch gerne darin gestanden!
Dann hätte ich all die wunderbaren Gitarren und Bässe und Tattoos sowie die üblichen Bewegungen der Bandmitglieder viel besser und in ihrer ganzen Pracht bestaunen können: Simons halsbrecherische Sprünge mit der Gitarre zum Beispiel oder sein gelegentliches „Schmusen“ mit dem Sechssaiter, was ich dank dieser dämlichen Rampe nur ausschnittweise erkennen konnte.

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Apropos Simon: Der putzte sich wie immer mindestens einmal die Nase (ist mir bisher bei keiner anderen Band aufgefallen) und vertilgte irgendwann zwischen zwei Liedern eine Banane (Ich hätte jetzt gedacht, das Catering beim Pinkpop für die Künstler wäre so bombastisch, dass man sich nicht ein Stück Obst mit auf die Bühne nehmen muss.) und meinte, Biffy Clyro wären bloß ein paar Kerle, die Musik machen, und ein Komiker. Es sind nur Kleinigkeiten, aber ich glaube, genau das ist es, was bei vielen Leuten neben der Musik, sofern man sie mag, und neben der energiegeladenen Performance so gut ankommt: ein bisschen Gefrotzel und Kokettieren mit den Zuschauern, viel Lächeln und immer auch das Vermitteln einer gewissen Wertschätzung für das Publikum. Ein Thema an diesem Tag war natürlich die Hitze und die Band lobte das Publikum, das es in dieser Hitze aushält, um sich den Auftritt von Biffy Clyro anzuschauen, und James fragte wie immer irgendwann, ob es allen gut geht und ob sich die Leute amüsieren. Simon und James bedankten sich ab und zu auch auf Niederländisch und Simon meinte sogar, dass die meisten Leute aus den Niederlanden besser Englisch sprechen als sie selber, vermutlich eine Anspielung auf den doch recht stark ausgeprägten schottischen Akzent der Herren Neil und Johnston. Also ich höre die schottische Aussprache sehr gerne und ich weiß, dass ich da nicht alleine bin! Ich war auch bei weitem nicht die Einzige, die wegen Biffy aus dem Häuschen war, denn etliche Male schrillte ein „I love you!“ aus der Kehle eines weiblichen Wesens in meinem Umfeld in Richtung Bühne und die mehrfach zu vernehmenden „Mon The Biff“-Rufe zeigten, dass da doch einige Biffy-Fans vor der Bühne standen. Und die sangen aus Leibeskräften, sprangen und tanzten und reckten in den richtigen Momenten die Arme in die Luft.

Gespielt wurden die üblichen Songs, kein neues Lied wie neulich beim Akustik-Auftritt in King Tut’s, die typische Festival-Setlist eben, ein Mix aus alten und neuen, rockigen und sanften Liedern:
Stingin‘ Belle
The Captain
Who’s Got A Match
Sounds Like Balloons
Biblical
God & Satan
That Golden Rule
Black Chandelier
Living Is A Problem Because Everything Dies
Bubbles
Many Of Horror
Modern Magic Formula
Mountains

Ach, es hätte noch stundenlang weitergehen können!

Die Sonne knallte immer noch vom Himmel, als ich mich nach dem Biffy-Gig schweren Herzens durch das mittlerweile supervolle Festivalgelände in Richtung Ausgang kämpfte. Inzwischen hatten sich laaaaange Schlangen vor den Wasserausgabestellen gebildet und wegen der Unmenge an Leuten und der irren Temperaturen – abseits der Front Of Stage-Bereiche regierte die Sonne! – legte ich meinen Plan, noch ein paar typische Elemente des Festivalbereichs zu fotografieren, quasi sofort ad acta und hechtete Richtung Auto, wo ich mich erst einmal neu einkleidete, auch wenn es nicht wirklich viel nützte. Aber ich wollte die etwa dreistündige Fahrt auf gar keinen Fall in den vollgeschwitzten und mit viel „Festivalatmosphäre“ getränkten Klamotten verbringen.

Ähnlich wie neulich in Bourges entpuppte sich meine Heimfahrt mal wieder als ganz besonderes Abenteuer! Ich verließ Landgraaf bei strahlendem Sonnenschein, und nachdem ich etwa 30 Minuten lang unterwegs war, wurde es am Himmel peu à peu ein wenig wolkig und mit jedem Kilometer, den ich zurücklegte, wurde es dunkler. Ich musste sogar das Licht einschalten. Das lag aber nicht an der Tageszeit, denn momentan bleibt es ja recht lang hell und es war ja erst kurz nach 19 Uhr. In der Ferne war auf einmal eine ziemlich üppige tiefschwarze Wolkenwand zu erkennen und es war mir bewusst, dass meine Route genau in diese Richtung führte. Um es kurz zu machen: Ich war irgendwann von einer Schwärze umhüllt wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte, selbst mitten in der Nacht schien es noch niemals so dunkel gewesen zu sein wie während der 45 Minuten, die ich in diesem schwarzen Etwas mitten in Belgien zubrachte. Der Sturm rüttelte so heftig an meinem Auto, dass ich Schwierigkeiten hatte, auf meiner Fahrspur zu bleiben; außerdem donnerten ständig kleinere und auch mittelgroße Äste und sonstige nicht auf Anhieb identifizierbaren Objekte gegen mein Vehikel und verwandelten die Autobahn in eine Ruckelpiste, während um mich herum die Blitze nur so zuckten. Ich hatte ganz schön Schiss! Als sogar ein Schaf (EIN SCHAF!!!) über die Autobahn geweht wurde (Oder hatte ich doch zu viel Hitze abbekommen?), überlegte ich kurz, auf dem Seitenstreifen einen Zwischenstopp einzulegen, aber überall säumten Bäume die Straße und deren Wipfel bogen sich dermaßen, dass mir die Fortsetzung der Fahrt im Schneckentempo weniger gefährlich erschien als eine außerplanmäßige Pause am Straßenrand, wo ein aufs Auto krachender dicker Ast das Ende der Reise (im wörtlichen wie im übertragenen Sinn) bedeuten konnte. Ein paar Kilometer weiter, auf dem grasbewachsenen Bereich zwischen einer Autobahnab- und -auffahrt, waren zwei junge Männer damit beschäftigt, neben einem Van eine auf einem Stativ stehende Kamera, die in die Richtung zeigte, aus der ich gekommen war, stillzuhalten. Die beiden sahen nicht so aus, als würden sie die Geschwindigkeit oder den Abstand der vorbeifahrenden Fahrzeuge überprüfen wollen. Waren das Sturmjäger? Der Blick in meinen Rückspiegel und den Seitenspiegel offenbarte verschiedene Schichten von Schwarz und kleine dunklere „Rüsselchen“, die vom dunkleren Schwarz oben in das hellere Schwarz darunter hineinragten. Heiliger Bimbam, das sah extrem beängstigend aus! Im Fernsehen schaue ich mir solche Bilder wirklich gerne an, ich mag diese Dokumentationen über Tornados und heftige Stürme und habe ja bekanntermaßen auch ein Faible für Wolken, aber da ich so ein Mega-Unwetter nicht live erleben wollte, wollte ich bloß eins: WEG VON DORT! Raus aus Belgien, in der Hoffnung, dass mich nicht doch irgendwo ein quer über der Fahrbahn liegender Baumstamm ausbremst oder etwas durch eine der Scheiben kracht. In der Ferne über der Eifel sah der Himmel in seinen dunkelgrauen Nuancen so freundlich aus, zumindest bis dorthin wollte ich es schaffen!

Die Tatsache, dass ich das jetzt hier tippe, zeigt, dass alles gut gegangen ist. Manche Leute in den Regionen, die von dem Unwetter heimgesucht wurden, hatten laut den Nachrichten allerdings weniger Glück und sogar das Pinkpop-Festival musste wegen des tobenden Sturms eine Stunde lang unterbrochen werden.

Biffy Clyro scheint tatsächlich ein Synonym für „Abenteuer“ zu sein. Ich freue mich jetzt schon auf das nächste!

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Eine Antwort zu Pinkpop-Festival (Montag, 09. Juni 2014)

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