Girls In Hawaii und Amatorski in Luxemburg (Rockhal, Club, 30.05.14)

Der Club der Rockhal war am Freitagabend fest in belgischer Hand, zumindest was die Musiker auf der Bühne und ein paar der Leute um mich herum betrifft. Der Blick auf die ziemlich vollgestellte Bühne – ein kleines Rack mit Gitarren, ein Mikrofon und ein Keyboard links, ein recht wuchtiges Yamaha-Keyboard auf der anderen Seite, in der Mitte das Schlagzeug und weiter hinten noch einmal mindestens genauso viel Equipment für die zweite Band – machte mich neugierig, was mich da erwarten würde, denn weder mit Amatorski noch mit Girls In Hawaii hatte ich mich bis dahin intensiver auseinandergesetzt. Mir war bloß ein paarmal erzählt worden, die sollen gut sein.

DSCF5414ts

Recht erstaunt war ich dann, als pünktlich um 20.30 Uhr lediglich drei Leute die Bühne betraten, aber schnell wurde klar, dass der junge Mann vor mir, Sebastiaan Van den Branden, Gitarre spielt, das Keyboard bedient (die Gitarre noch umgehängt, weil er diese im selben Lied ebenfalls brauchte) und manchmal auch zusammen mit Inne Eysermans sang. Die hatte ihren Platz hinter dem Yamaha-Instrument auf der anderen Bühnenseite und ich sah vor allem ihre Beine und ab und zu auch ihren Kopf. Der Rest war von dem Tasteninstrument verdeckt, was ich ein bisschen schade fand, denn ich gehe ja auf Konzerte, weil ich die Musiker sehen möchte, und zwar in ihrer ganzen Pracht, erst recht, wenn ich in der ersten Reihe stehe. Insofern hätte es die Amatorski-Performance für meinen Geschmack ein wenig interessanter gemacht, wenn die Frau wenigstens ab und zu über die Bühne flaniert wäre, aber dann hätte sie natürlich nicht in die Tasten hauen können.

DSCF5418Ats

Trotz perfektem Platz fast in der Mitte sah ich auch vom Schlagzeuger Christophe Claeys, der auch für Balthazar >Konzertbericht hier< die Sticks schwingt, selten mehr als den Oberkörper und die Arme. Was blieb mir also anderes übrig, als mich auf den Herrn mit Gitarre zu konzentrieren? Der hatte gleich eine Überraschung parat, denn ich konnte nicht genau sehen, was da auf der Kopfplatte seiner Gitarre stand. Hofer? Das habe ich ja noch nie gehört! Es gibt zwar die Firmen Hoyer und Hohner, aber deren Logo stimmt nicht mit dem Schriftzug auf besagtem Instrument überein. Sollte das irgendeine Vintage-Klampfe sein oder was? Bei genauerem Hinsehen stellte ich fest, dass das ja gar keine Gitarre war, sondern ein Bass. Es waren ja nur vier Saiten vorhanden! Und zu Hause spuckte meine Suchmaschine mir den Markennamen Höfner aus. Um genau zu sein: Es scheint ein Höfner Galaxie zu sein. Na denn, geht doch! Das zweite Saiteninstrument in Sebastiaans Händen war tatsächlich eine Gitarre und stammt ganz eindeutig aus dem Hause Gibson (aufgrund der Korpusform und der F-Löcher vermutlich eine aus der Memphis-Serie).

DSCF5416Ats

Die Musik der drei besteht aus zarten Klängen, Melodien in überwiegend langsamem Tempo, wirkt also ganz sanft und zugleich intensiv durch die klare Stimme von Sängerin Inne Eysermans. Zu diesem Stil gehört auch das an Christophes Schlagzeug montierte Drumpad, das recht oft zum Einsatz kam, und gelegentlich schwang der Mann auch mit einer Hand eine Rassel.
Nachdem ich eben gelesen habe, dass die Band auch Soundtracks fürs Fernsehen sowie einen niederländischen Film erschaffen hat und für ein multimediales Projekt namens „Deleting Borders“ verantwortlich ist, dachte ich nur: „Ja, das passt perfekt.“

Den Smalltalk mit den Zuschauern beschränkte Sängerin Inne auf wenige Infos, wie zum Beispiel, dass es ein neues Album von Amatorski gibt, das auch am Merch-Stand ausliegt. Sie wirkte ein wenig schüchtern, fast so, als ob sie sich beim Sprechen konzentrieren müsste, weil Französisch nicht ihre Muttersprache ist, auch als sie später dem Publikum viel Vergnügen mit der Hauptband des Abends wünschte.

Apropos neues Album: „From Clay To Figures“ ist wirklich brandneu. Es wurde erst Mitte April veröffentlicht und kann auf der Bandcamp-Seite von Amatorski komplett angehört und downgeloadet werden. Ich lausche der Musik, während ich hier tippe, gerade wieder und mag, was da an meine Ohren dringt, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich mir das im Alltag oft anhören würde; es wäre wohl eher so wie bei Chelsea Wolfe und Esben And The Witch, die ich total fantastisch finde, aber wenn ich ab und zu mal wieder ein Album durchgehört habe, reicht’s noch einmal für eine Weile. Dann brauche ich erst einmal eine ordentliche Portion Doublebass, aggressive Growls und wilde Riffs…

Für weitere Konzerttermine von Amatorski klickt man am besten >hier< rein.

Als die Bühne für Girls In Hawaii hergerichtet wurde und auf einmal drei Gitarren und ein Rickenbacker-Bass in mein Sichtfeld gerieten, dachte ich mir schon, dass da fast nichts mehr schiefgehen kann, um mich weiterhin bei Laune zu halten. Nach Zählen der Mikros im Vordergrund plus Schlagzeug und Keyboard auf einem Podest im Hintergrund kam ich zu dem Schluss, dass die Band aus sechs Personen bestehen müsste und genauso war es.

Schon das erste Lied der „Mädels“ – ähm – der Herren aus Belgien ließ erahnen, dass es nicht ganz so ruhig weitergehen würde wie zwischen halb neun und neun. Der oft mehrstimmige Gesang in Kombination mit dem Moog streute aber immer wieder eine Prise dieser träumerischen Atmosphäre ein, die ich manchmal auch bei Amatorski gespürt hatte, bloß dass bei Girls In Hawaii das Ganze ab und zu auch ein wenig spacig- futuristisch anmutete, wenn die Electro-Parts kurzfristig die Oberhand gewannen.

Auch hier hatten manche Musiker gleich mehrere Jobs: Der Bassist Daniel Offermann bediente auch das Moog-Gerät (und verzog den ganzen Abend nicht die Miene, hatte aber ein paar coole Dancemoves drauf und steckte in einem schicken rosafarbenen Shirt. All that glitters is not gold.)…

DSCF5471Ats

…und der Herr hinter dem Keyboard, François Gustin, von dem ich meistens nur den Kopf mit dem bereits leicht angegrauten Haarschopf sah, wenn er nicht von Sänger und Gitarrist Antoine Wielemans verdeckt war, zückte ab und zu auch eine Gitarre und stellte sich, die herrlichsten Verrenkungen praktizierend, auf eine Monitor- oder sonstige Box neben seinem Tasteninstrument. Überhaupt entwickelte er zunehmend ein klassenclownartiges Verhalten und alberte immer mehr herum, je später es wurde. Er ist neben Boris Gronemburger am Schlagzeug neu in der Band, deren Mitglieder nach dem Unfalltod des ursprünglichen Schlagzeugers Denis Wielemans im Jahre 2010 erst einmal eine Pause einlegten und dann beschlossen, noch einmal durchzustarten, was sicherlich eine Menge Kraft kostete, zumal Denis nicht nur irgendein Musikerkollege oder Freund war, sondern zugleich der Bruder vom eben erwähnten Antoine, der heute noch in der Band singt und Gitarre spielt. Wenn man sich die Texte oder auch nur mache Songtitel des aktuellen, im September 2013 erschienenen Albums „Everest“ anschaut, drängt sich der Verdacht auf, dass hier viel Persönliches verarbeitet wurde.

Antoine spielte mehrere Akustikgitarren mit buchstabenförmigen Aufklebern, die eventuell als Unterscheidungsmerkmal der sonst sehr ähnlich aussehenden Klampfen dienen. Da gibt es neben der e-Gitarre und der mit dem C+ auch eine ganz „nackige“, also ohne Aufkleber. Und eine nicht zu verwechselnde Duesenberg-Gitarre. Wow, ich glaube, das letzte Mal, dass ich eine Gitarre dieser Marke auf der Bühne gesehen habe, liegt schon ein paar Jahre zurück!

Lionel Vancauwenberghe benutzte die ganze Zeit dieselbe Gitarre, eine Fender Telecaster, und auch sein Bruder Brice wechselte die Gitarre nicht, wenn ich nicht etwas verpasst habe. Beim ersten Lied des vier (!) Songs umfassenden Zugabenblocks hatte Lionel jedoch ein Glockenspiel (für Kinder?) in einem hellblauen Plastikköfferchen dabei. Aus dem Schmunzel-Moment wurde allerdings schnell ein ganz besonderer Gänsehaut-Moment, als der junge Mann nur zusammen mit Antoine das wunderschöne Lied „Plan Your Escape“ performte.

Der Matterhorn-ähnliche Berg auf dem Banner hinter der Bühne, der auch die aktuelle Bandhomepage ziert (und der vermutlich eher eine Flanke des Mount Everest abbilden soll – siehe Album-Titel) – einziges Deko-Element – wurde in den verschiedensten Farben beleuchtet, das sah so schön aus! Ganz wunderbar fand ich die Illumination mit den vielen Spots, was dem Ganzen einen sternenhimmelartigen Charakter verlieh. Also derjenige, der dieses Beleuchtungskonzept ausgeklügelt hat, bekommt von mir eine 1+ mit Sternchen! Übrigens passt das Artwork des aktuellen Amatorski-Albums perfekt zu dieser Kulisse! Man könnte meinen, die beiden Bands hätten sich abgesprochen.

Gespielt wurden folgende Lieder:
Sun Of The Sons
Not Dead
The Fog
This Farm Will End Up In Fire
Time To Forgive The Winter
Changes Will Be Lost
Here I Belong
Connection
Misses
Switzerland
Rorschach
Birthday Call
Grasshopper
——————–
Plan Your Escape
Wars
Build A Devil
Flavor

Die meisten davon stammen von dem aktuellen Album, das nach „From Here to There” (2003) und „Plan Your Escape” (2008) der dritte Longplayer von Girls In Hawaii darstellt. Manche Lieder fühlen sich am wohlsten in der Schublade „Indierock“, andere gehören eher in die „Pop“-Kiste und es gibt ruhige, melancholische Songs und solche, zu denen man das Tanzbein schwingen möchte. Unterm Strich also eine stimmige Mischung und meiner Ansicht nach absolut sehenswert, gerade weil man so viel zu sehen hat. Also werft einen Blick auf die weiteren Tourdaten und schaut euch das Sextett einmal an!

Advertisements

Über luuuzie

https://luzieswelt.wordpress.com/ http://linsengemurmel.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Konzertbericht abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Girls In Hawaii und Amatorski in Luxemburg (Rockhal, Club, 30.05.14)

  1. Pingback: Warpaint und Amatorski in Luxemburg (Den Atelier, 25.08.2014) | Luzies Welt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s