Biffy Clyro beim Printemps de Bourges (Le W, 23.04.14)

Biffy Clyro“ entwickelt sich für mich allmählich zum Synonym für „Abenteuer“. Bei ausnahmslos allen Biffy-Konzerten, die ich im letzten Jahr besuchte (>hier klicken<), gab es im Vorfeld, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, jede Menge Aufregung, auch durchaus positiver Art. Das sollte bei dem Auftritt der Schotten im Rahmen des Printemps de Bourges nicht anders sein. Es gibt also viel zu erzählen, weswegen dieser Bericht wieder ziemlich umfangreich ausfällt. Wer sich für das Ganze Blabla drumherum nicht interessiert und nur meine Eindrücke zum Konzert lesen möchte, scrollt am besten gleich einen halben Meter nach unten.

Biffy Printemps

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Reise nach Frankreich

Nachdem ich im letzten Herbst mutterseelenallein nach der Arbeit (also nicht mehr ganz so taufrisch) nach Hannover (= weit, weit weg) gefahren war (mit dem Auto, weil ich es mit Bahn und Bus nicht rechtzeitig geschafft hätte), um Biffy Clyro im Stadionbad zu sehen, dachte ich mir, dass ich es in meinem Urlaub nach Ostern gut ausgeruht auch ein Stückchen weiter schaffe, nämlich nach Bourges, natürlich immer in der Hoffnung, dass doch noch jemand mitkommt, was aber nicht der Fall war.

Also düste ich allein quer über die ostfranzösische Schichtstufenlandschaft, bergauf, bergab, vorbei an blühenden Rapsfeldern, durch die Champagne mit ihren zig Werbeschildern für diverse caves und den in Gelb-, Grün- und Blautönen angemalten Pyramiden, Kreisen und Würfeln am Rand der Autobahntrasse – Kunst von Guy de Rougemont, die schon in meinen Kindertagen existierte, als ich mit meinen Eltern quer durch Frankreich bretterte, und die dazu dienen soll, die Autofahrer durch ein bisschen Abwechslung in der monotonen Landschaft vorm Einratzen zu bewahren. Erstaunlicherweise gibt es an manchen Rastplätzen auch immer noch diese Löcher als Klos, wenn auch in der High-Tech-Variante mit automatischer Spülung, die bestenfalls erst dann die Kabine unter Wasser setzt, wenn man nicht mehr auf den beiden Keramikplatten links und rechts der Abflussöffnung steht.

Pardon, aber ich konnte ja schlecht im Vorbeifahren die Autobahnkunst fotografieren.

Pardon, aber ich konnte ja schlecht im Vorbeifahren die Autobahnkunst fotografieren.

In der Bourgogne ist der letzte Autobahnabschnitt wie eine Art Baumlehrpfad gestaltet: An manchen Streckenabschnitten sind mehrere Bäume derselben Art mehr oder weniger in einer Reihe gepflanzt und ein Schild verrät, um welche Baumart es sich handelt. Das ist entweder neu oder ich war dort noch nie, der Größe einiger Bäume nach zu urteilen eher ersteres.

Als ich vor einiger Zeit auf der Karte geschaut hatte, wo genau Bourges liegt, witzelte ich noch: „mitten in der zentralfranzösischen Einöde!“

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Wie richtig ich damit lag! Um nach Bourges zu gelangen, musste ich nämlich nach etwa fünf Stunden Fahrtzeit die Autobahn verlassen und dann gut eine Stunde lang durch eine Landschaft sausen, deren Hauptmerkmale man als „viel „Land“, vor allem herrlich blühende gelbe Rapsfelder (mal wieder), und Siedlungen, die noch nicht einmal die Bezeichnung „Kaff“ verdienen“ zusammenfassen könnte. Das wäre alles wunderschön gewesen (zumal ich kein bisschen in Zeitdruck war), wenn es irgendwo eine Tankstelle gegeben hätte, denn die Nadel meiner Tankanzeige hing inzwischen fest im dunkelroten Bereich. So kam ich dann fast mit dem letzten Tropfen carburant in dem Örtchen mit meinem Hotel, etwa 12 km von Bourges entfernt, an und war erst einmal baff.

Als Hotel kann man dieses Gemäuer wohl kaum bezeichnen, es handelt sich eher um einen prunkvollen Landsitz einer im Laufe der Generationen ziemlich zusammengeschrumpften Familie. Die Gebäudehälfte mit den drei vermieteten Zimmern stammt aus dem 19. Jahrhundert, dort lebt auch der Besitzer des Etablissements, der andere Gebäudeflügel ist zweihundert Jahre älter und Wohnsitz der Tante des Hotel-Chefs. In der Kapelle des üppigen und gepflegten Parks um das Gebäude (inklusive Pool) sind etliche Vorfahren des jetzigen Hausherrn bestattet und auf der anderen Seite des Parks grasen Schafe. Ein Idyll!

DSCF2975tsBetritt man das Gebäude, meint man, man wäre in einer Stube von anno dazumal. Der Fußboden besteht aus kleinen, abgelatschten Kacheln, die Wände sind bekleidet mit Tapeten, deren Muster vor dreihundert Jahren wahrscheinlich mal todschick waren, außerdem hängen dort jede Menge Ölschinken in wuchtigen vergoldeten Rahmen. Alle Räume sind stilvoll eingerichtet mit uralt wirkenden Holzmöbeln, sämtliche waagerechten Oberflächen weniger stilvoll vollgestellt mit Skulptürchen einer längst vergangenen Zeit (Wer das alles abstaubt, hat einen Fulltimejob!) und in dem geräumigen Reich unterm Dachjuchhe, wo ich untergebracht war, räkeln sich die herrlichsten Holzbalken in alle möglichen Richtungen. Auf einem Tisch stand frischer Flieder in einer Blumenvase. Ein paar kleine Figürchen hier und da, aber bei weitem nicht so überladen wie zwei Etagen tiefer. In einem zweiten Zimmer befindet sich ein supermodernes Bad mit Badewanne (!!!) und zwei Waschbecken, alles für mich allein, und es lagen sogar Waschlappen und Bademäntel bereit. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, während mir der Besitzer des Anwesens, der meinen Koffer trug, peu à peu seine Familiengeschichte erzählte (Die Herrschaften auf den Gemälden sind nämlich seine Vorfahren.), mir zeigte, wo gefrühstückt wird und wo sich die einzelnen Lichtschalter befinden, die ich benötigen würde, und mich instruierte, dass ich nachts, wenn ich auf dem Weg in mein Zimmer das nächste Licht anschalte, das vorherige wieder ausschalte, weil das nicht von alleine geschieht. Sogar dem Cousin aus Finnland, der im Zimmer des Hausherrn via Skype anwesend war, musste ich hallo sagen.

Der einzige Grund, warum ich mich dort eingemietet hatte, war, dass alle anderen Hotels in und im näheren Umkreis von Bourges im Dezember, als ich den Plan zur Reise fasste, bereits ausgebucht waren. So schräg die ganze Situation auch war (in meinem Kopf hörte ich die ganze Zeit diese „Dadadaaadadada, ghostbusters!“-Melodie): Ich fühlte mich dort total wohl, wurde auch nett gefragt, ob ich etwas trinken möchte, im Haus wäre leckerer Apfelsaft aus der Umgebung… aber ich wollte nur kurz Energie sammeln und dann tanken und nach Bourges fahren, um zu sehen, wo das Konzert stattfindet und wo ich am besten parke usw. Kontrollfreak for life.

Natürlich empfahl mir der Herr Hotelier, ganz der Gentleman, eine Tankstelle, die besonders günstig ist. Blöderweise hatte die ähnlich wie mein Tank keinen Tropfen Benzin mehr. Ich folgte dann unterwegs nach Bourges dem Schild zu einem anderen Supermarkt mit Tankstelle und tuckerte wohl mit dem letzten Tröpfchen Sprit vor die Zapfsäule. Und dann ab nach Bourges!

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Dort waren ganz viele Straße gesperrt aufgrund des Printemps de Bourges und als ich meinen Wagen endlich abgestellt hatte und durch die Straßen flanierte, stellte ich fest, dass wirklich die ganze Stadt Kopf steht wegen des Festivals, das die ganze Woche andauert. Überall gab es Bühnen oder Livemusik in Kneipen und insbesondere am Ufer des Auron, wo auch der Ort, zu dem ich musste, Le W, liegt, ballten sich die Essens- und sonstigen Verkaufsstände, wie man das von Stadtfesten in unseren Breiten kennt. Sogar Schallplatten wurden zum Verkauf angeboten und der Disquaire Day (ist ja klar, dass es im Französischen das Wort „Record Store Day“ nicht gibt, Loi Toubon lässt grüßen) erlebte dank mehrerer Stände einen zweiten Frühling.

Ich muss zugeben, dass ich schnell genug von dem Festivalgelände hatte, und mich lieber auf Sightseeingtour in die etwas menschenärmeren Bereiche von Bourges begab. Im Bereich der Kathedrale (UNESCO-Weltkulturerbe) war ziemlich tote Hose und bei den hübschen alten Fachwerkhäusern mit zum Teil ziemlich schiefen Wänden nahe des sakralen Gebäudes hielten sich auch deutlich weniger Leute auf. Nach der langen Fahrt war ich aber so groggy, dass ich nach einem kleinen Snack in meine spooky Auberge zurückkehrte – „Dadadaaadadada, ghostbusters!“ –, um mich bei einem Bad in der Wanne zu entspannen. Der Hausherr stand bereits hinter der Tür, als ich meinen Wagen auf dem mit Steinsplitt ausgelegten Platz (heranschleichen ist nicht!) vor dem Eingang parkte, bot mir Süßigkeiten aus der Region an und fragte, ob ich Lust hätte, ein wenig mit ihm fernzusehen. Aber ich wollte bloß meine Ruhe und ab in die Wanne. Erfreulicherweise kam kein rosafarbener Schleim aus dem Wasserhahn und anders als Vigo blieben die düsteren Gestalten auf den Gemälden stumm und unbeweglich.

 

Der große Tag

Direkt nach dem Frühstück inklusive Smalltalk mit dem am Tisch sitzenden Hausherrn und einem weiteren Hotelgast machte ich mich auf nach Bourges, denn ich wusste, dass meine Bekannten schon eine Weile vor Ort waren. Anders als am Vortag waren um diese frühe Uhrzeit etliche kostenlose Parkplätze in unmittelbarer Nähe des Festivalgeländes frei. Perfekt!

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Allerdings sollte das ein seeeeehr langer Tag werden und ich glaube, man muss schon ein bisschen bekloppt sein, um etliche Stunden lang vor einem Baustellenzaun zu hocken. Einige hatten Bücher dabei, andere nähten oder malten Grußbotschaften an die Band auf Frankreich-Flaggen und ich kämpfte mehr und mehr mit der Sonne, die trotz vieler dicker Wolken am Himmel fast permanent auf den Platz, an dem wir lagerten, schien. Was ärgerte ich mich, dass mein Sonnenhut und die festivalerprobte Sonnencreme mit dem megaextremen Lichtschutzfaktor zu Hause lagen! Es blieb mir daher nichts anderes übrig, als hin und wieder zu den schattigen Bereichen zu flanieren und mir ansonsten die Kapuze meines Hoodies überzuziehen und mich so hinzukauern, dass das Gesicht nicht so viel Sonne abbekommt. Jesses, was erträgt man nicht alles, um bei einem Konzert freie Sicht auf die Bühne zu haben. Aber dafür mussten weitere Hürden gemeistert werden, herrje!

Kurz vor 17 Uhr wurde es in der Menschenmasse vor dem Zaun etwas aufgeregter, man erhob sich, stellte sich hin und es wurde immer enger – aber noch um 17.15 Uhr machten die vielen hinter dem Zaun versammelten Festivalmitarbeiter, die alle hübsch in Position standen, noch keine Anstalten, den Zaun zu öffnen. Eine Band war nämlich noch nicht mit dem Soundcheck fertig. Meine Güte, als ob die nicht den ganzen Tag dafür Zeit gehabt hätten! Irgendwann kamen zwei bullige Security-Typen und ein schmächtiges Kerlchen mit einem Metallschneider in der Hand angeschlappt und die Metalldrähte, die die beiden Zäune miteinander verbanden, wurden aufgeschnitten und das eine Zaunelement so nach innen gezogen, dass eine Öffnung entstand. Natürlich ging sofort das Gedrücke von hinten los und ich fand nicht nur das ganz klasse, sondern auch die Tatsache, dass einer der Breitschultrigen uns – ganz vorne in dem Menschenchaos – anblaffte, dass wir nicht drücken sollen, sonst mache er das Tor wieder zu. Ey, geht’s noch?! Was ist das denn bitteschön für eine Logik?! Ich wäre froh gewesen, die Idioten weiter hinten hätten sich mal benommen wie halbwegs vernünftige Menschen. Ob es den beiden Kerlen tatsächlich gelang, die Leute tröpfchenweise hereinzulassen oder ob die nicht doch irgendwann den Zaun niederwalzten, entzieht sich meiner Kenntnis, denn sobald es endlich möglich war, rannte ich zu dem einen der etwa acht Leute mit Ticketscannern, ließ dann eine ein paar Sekunden zu lang dauernde Tascheninspektion über mich ergehen und flitzte weiter – bis zu dem nächsten Zaun vor dem eigentlichen Einlass. Der Soundcheck war immer noch nicht zu Ende und so sammelten sich alle Leute vor diesem etwa 1,50 m breiten Schlupfloch. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, wie es da zuging, es gab ja keine Absperrgitter, die die Menschentraube irgendwie in geordnete Bahnen gelenkt hätte, und rechts und links von dieser Absperrung ragten auch noch Metallteile in die spätere Öffnung hinein, Verletzungsgefahr hoch unendlich, ganz zu schweigen von den Fußelementen dieser Metallzäune, die ja auch schöne Stolpersteine darstellen. Es war furchtbar. Das Loveparade-Desaster kam mir in den Sinn, was die Lage nicht verbesserte. Links von mir stand ein Mädchen im Grundschulalter mit seiner Mutter, aber darauf nahmen die von hinten drückenden Leute ebensowenig Rücksicht wie auf die anderen kleinen, zierlichen Personen, die da mittendrin eingekeilt standen. Und ständig rückten weitere Leute von hinten nach. Wer beim Wegziehen des Zaunes nicht über den Haufen gerannt werden wollte, musste selber einen Sprint einlegen. Das war wirklich eine ganz üble Situation und ich war supererleichtert, als ich nach einem letzten Run endlich meine Hände um die Barriere vor der Bühne klammerte. Aber der Ölsardinen-in-der-Dose-Zustand hielt noch eine Zeitlang an und ich hatte ein wenig Mühe, meinen ohnehin geringen Platz gegen andere, die sich noch dazwischenquetschen wollten, als könnte ich mich wie eine Ziehharmonika zusammenfalten, zu verteidigen. Meine Bekannten kamen natürlich woanders unter als ich, was ein bisschen bedauerlich war, aber Hauptsache ganz vorne und Platz zum Atmen. Ich glaube, ich wäre durchgedreht, wenn das nach all den Strapazen nicht geklappt hätte!

Die Konzert„halle“ war übrigens ein riesiges Zelt, das nur während der Festivalwoche dort steht. Ich hatte ja schon Befürchtungen, dass meine Rechnung „großes Zelt + den ganzen Tag Sonnenschein“ die Summe „Affenhitze und Kreislaufkollaps“ ergeben würde, aber der gigantische Innenraum war derart klimatisiert, dass es fast schon ein bisschen zu frisch war. Da freut sich die Umwelt, zumal an etlichen Stellen die Durchgänge nach draußen geöffnet waren, sodass wieder warme Luft hineingelangen konnte, aber für die 6.500 Leute, die da reinpassen, war die kühle Raumtemperatur auf jeden Fall von Vorteil.

Um 19 Uhr eröffneten Drenge das Livemusikprogramm. Ich kannte die Zwei-Mann-Band bis dahin nicht, werde sie aber im Auge und im Ohr behalten, denn die Musik von Eoin Loveless (Gitarre und Gesang) und seinem jüngeren Bruder Rory (Schlagzeug) gefällt mir ausgesprochen gut. Indie-Rock mit einer ordentlichen Prise Grunge.
Es waren mehrere Fender-Gitarren im Einsatz und bei jedem Lied wechselte die Farbe der Beleuchtung. Zu gerne hätte ich ein paar ordentliche Fotos von den beiden jungen Leuten aus England gemacht, aber nach der Taschenfilzaktion und wegen des grimmig dreinschauenden Security-Menschen traute ich mich nicht, meine Kamera länger als ein paar Sekündchen zu zücken, zumal kein Mensch weit und breit fotografierte. Selbst das Grüppchen von Drenge-Fans ein paar Meter von mir entfernt hopste nur herum und schrie vor Begeisterung, einmal wurde für ein paar Sekunden ein iPhone gezückt, aber das war’s. Ich wäre zwar bestimmt nicht herausgeworfen worden, wenn das Fotografieren dermaßen tabu gewesen wäre, aber ich war in dem Moment einfach zu fertig und hatte null Nerv und wollte nicht mal die geringste Kommunikation en français provozieren, was bei der Lautstärke sowieso noch schwieriger gewesen wäre.
Daher gibt’s keine Bilder von Drenge. Deren erstes Album, betitelt mit „Drenge“, erschien im Sommer 2013 und die Soundcloud-Seite des Duos bietet einige Lieder zum Anhören. Es stehen auch viele weitere Konzerte und Festivalauftritte an, über die man sich am besten auf der Homepage der Band informiert.

Als die beiden fertig waren, verdeckte plötzlich ein schwarzer Vorhang die Geschehnisse auf der Bühne, aber er öffnete sich wieder, bevor der Umbau für Biffy Clyro ganz abgeschlossen war. Das Banner mit dem Albumartwork wurde gerade erst in die Höhe gehievt und auch bei den Zuschauern wurden auf einmal die Kameras gezückt.

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Ziemlich ohne Vorwarnung startete der Auftritt der schottischen Band, und zwar mit einem neuen Intro, das bei mir die Assoziation „Laute aus dem Affengehege“ auslöste. Also nix „We Are Family“ diesmal und auch nix „Baby when you hoooold meeee” anschließend. (We were alive that night anyway!) Während das Intro am Ausklingen war, nahm Gambler (vollständig angezogen wie üblich) links hinten am Keyboard Platz (völlig unverdeckt, die Bühne war einfach zu groß, als das es sinnvoll erschienen wäre, eine Box direkt vor ihm zu platzieren) und Livegitarrist Mike Vennart (ebenfalls vollständig bekleidet) bezog ganz rechts Position. Zeitgleich betraten zuerst die Halbnackedeis James und Ben Johnston die Bühne – James auf dem Weg zu seinem Bass und Ben in Richtung Drums. Als Letzter erschien Simon Neil, auch er wie gewöhnlich „oben ohne“, und sobald er von seinem Techniker die Gitarre umgehängt bekommen hatte, starteten die Herren mit „Stingin’ Belle”.

Auch wenn ich den Anfang mit „Different People“ immer liebte, fand ich den andersartigen Einstieg in Bourges nicht weiter tragisch, denn Simons akrobatische Einlagen während des instrumentalen Parts von „Stingin‘ Belle“ gehören zu meinen Lieblings-Biffy-Live-Momenten und der Mann hopste auch in Bourges mit gewohnter Sportlichkeit über die Bühne und rockte so richtig ab. (Und er zeigte hoffentlich zusammen mit seinen Bandkollegen vom ersten Ton an denjenigen, die vorher beim Eingang herumnölten und sich nicht gerade nett über Biffy Clyro äußerten, wie sehr sie mit ihren Vorurteilen auf dem Holzweg waren!)

Bloß schade, dass der Lautsprecherturm links von mir offenbar irgendeinen Wackelkontakt hatte, ständig blieb für einen kurzen Moment der Ton weg, bereits bei der ersten Band und so, wie sich der Soundcheck von außen anhörte, war das schon zu jenem Zeitpunkt so. Dass die für den Ton Verantwortlichen das bei einem Festival dieser Größenordnung entweder nicht hören oder es nicht beheben können, müsste meiner Ansicht nach nicht sein.

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Die Musiker blieben auch mit den nächsten beiden Liedern bei ihrem aktuellen Album „Opposites“: Sowohl bei „Sounds Like Balloons“ als auch bei „Biblical“ sangen die Leute um mich herum aus Leibeskräften mit und hatten die Arme in der Luft, um sie im Takt hin und her zu bewegen. Ach, es war schön, vor allem weil die Musiker nach wie vor genau dieselben Bewegungen und kleinen Gesten an denselben Liedstellen vollziehen wie sonst immer – wie soll das auch anders sein, es sind ja auch dieselben Menschen mit denselben Gewohnheiten und diese immer gleichen Kleinigkeiten brachten mich auch diesmal wieder zum Schmunzeln.

Natürlich bemühten sich Simon und auch James um ein paar Worte en français: „Nous sommes Biffy Clyro de l’Ecosse“ war da zu hören und auch „Merci mes amis“ und „Vous êtes super“, außerdem sei man froh, in Bourges auftreten zu dürfen und dass so viele gekommen sind, und bevor James einmal einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche nahm, hob er sie zuprostend an und ließ erst nach einem „Santé!“ die Flüssigkeit in seine Kehle rinnen. Ben hatte zwar auch ein Mikro, nutzte es aber nicht zum Smalltalk, bloß zum Singen.

Nach den ersten drei Liedern folgten drei ältere Songs: „That Golden Rule“, „Many Of Horror“ und „Living is a problem because everything dies“. Ich glaube, es war bei „That Golden Rule“, als Simon gegen Ende des Songs hin mit einem solchen Drall über die Bühne fegte, dass er ganz links im Kabäuschen seines Gitarrentechnikers landete und dort bis zum Ende des Songs blieb, und das wunderschöne „Many Of Horror“ endete mit dem üblichen Gitarrekuscheln am Schluss. Ein Augenschmaus!

Die Bühnenmitte ragte gut eineinhalb Meter weiter zum Publikum als die beiden Bühnenseiten, sodass der Fotograben quasi in zwei Hälften getrennt war. Dieser mittlere Teil war der ideale Platz für Simon, um sich am Anfang von „Living is a problem…“ dort gaaanz vorne zu präsentieren und den Kopf wie gewohnt bei jedem Akkord zur Seite zu werfen. Natürlich gab es in der Biffy-Choreographie in Bourges auch die Stelle, bei der die Bandmitglieder einige Sekunden lang wie ausgestopft da stehen bzw. – im Fall von Ben und Gambler – sitzen, bevor das Lied wieder weitergeht.

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Dann war es Zeit für „Black Chandelier“ und danach meinte Simon, das nächste Lied heißt „Bubbles bubbles bubbles bubbles bubbles“ (leiser werdend). Und auch hier waren dieselben Gesten, die man schon so oft gesehen hat, angesagt: Mit dem Arm in der Luft marschierte Simon in Richtung James, der mal wieder den Bass gewechselt hatte und nun auf dem mit dem weißen Korpus spielte, und rückwärts wieder zu seinem Platz am Mikro, um dort schön bei jedem Schlag in die Gitarrensaiten die Knie zu beugen und dazwischen den Simon-typischen Dauerlauf auf der Stelle zu praktizieren. Auch die Gitarre bekam mittendrin wieder eine größere Portion Körperkontakt.
Selbstverständlich pustete auch jemand Seifenblasen zur Bühne. Ich hatte mein Röhrchen auch dabei, es steckt seit Tourcoing in meiner Tasche, aber ich wollte lieber den Moment genießen und mitsingen und die Hände freihaben, um sie in die Luft zu strecken oder um die Kamera zu bedienen, daher keine bubbles von meiner Seite.

Ich hatte den Eindruck, dass ziemlich viele Biffy Clyro-Fans anwesend waren. Wenn sich Simon zwischen den Songs, den Zuschauern den bunttätowierten Rücken zugewandt, die Nase putzte oder ein Schlückchen trank, erschollen im Publikum sofort „Mon The Biff“-Rufe und es wurden an mehreren Stellen Schilder oder Flaggen mit Grußbotschaften und dem Wunsch, die Band möge doch bitte beim Rock En Seine Festival auftreten, hochgehalten.

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Plötzlich hieß es auch schon „This is our last song…“, Simon bedankte sich noch einmal beim Publikum, sagte „Nous sommes Biffy Cliiiiro“ und mit „Mountains“ ging das Biffy-Spektakel in die letzte Runde. Zum Schluss warf er seine Fender in hohem Bogen dem Gitarrentechniker in die Arme. Dieser hatte übrigens beim Soundcheck eine der Akustikgitarren getestet, aber der „Simon only“-Part war ja an diesem Abend, vermutlich mangels Zeit, flachgefallen.

Manche Zuschauer hatten das Glück, Plektren und Drumsticks, die von Ben, James und Simon in die Menge geworfen wurden, zu fangen; sogar Simons Handtuch fand den Weg in glückliche Fanhände.

Ich bin so froh, dass die Festivalveranstalter 40 Minuten für Neil, Johnston & Johnston veranschlagt hatten, denn als Nicht-Headliner hätte es gut passieren können, dass nach 30 Minuten schon Schluss ist. Natürlich ist eine knappe dreiviertel Stunde auch nicht gerade eine lange Zeit, aber dass es ein kurzes Gastspiel sein würde, war von Anfang an klar und ich bin total glücklich, dass ich das erleben durfte. Wann die drei bzw. fünf Schotten wo auftreten, schaut man sich am besten auf der Homepage von Biffy Clyro an.

Die beiden anderen Bands, Skip The Use und Shaka Ponk, schauten meine Bekannten und ich uns nicht mehr an, weil wir andere Pläne hatten.

 

Die Heimreise

Auf der Fahrt nach Hause am nächsten Morgen wollte ich unbedingt eines der wunderschönen Rapsfelder fotografieren. (Auf der Hinfahrt hatte ich wegen Benzinmangels ja keinen Nerv dazu.) Allerdings war das gar nicht so einfach, weil es entweder keine Haltemöglichkeit gab oder das Feld ohnehin nicht erreichbar war durch eine Heckenreihe und einen Graben zur Straße hin. Doch plötzlich erblickte ich einen idealen Platz – Feldweg zum Halten und die Rapspflanzen ohne Buschwerk und Graben direkt am Weg – und fetzte daran vorbei, weil ich ja schlecht eine Vollbremsung auf der Landstraße hinlegen kann / sollte. Ich musste noch gut 2 km fahren, bis ich wenden konnte, aber letztendlich hatte ich meine Fotos und war glücklich.

DSCF3108ts Der Hammer folgte aber fast sofort: Kaum war ich mit meinem Vehikel wieder am Rollen, leuchtete das Armaturenbrett wie ein Weihnachtsbaum und auf dem Display erschien – begleitet von einem unangenehmen Warnton, den ich bislang zum Glück nie gehört hatte und der mich an brenzlige Situationen bei „Raumschiff Enterprise“ erinnerte – die Meldung: „Falsche Motortemperatur! Wagen sofort anhalten!“ Die Nadel der Temperaturanzeige war genauso tief im feuerroten Bereich wie auf dem Hinweg die Nadel der Benzinstandsanzeige. Le megachoc! Natürlich schaltete ich die Kiste NICHT aus – ich kann ja schlecht eine Vollbremsung auf der Landstraße hinlegen, und während ich mit Tempo 30 weiterzuckelte, weil ich zumindest die nächste Ortschaft erreichen wollte, natürlich ohne den Warnblinker einzuschalten, so weit reichte meine Hirnaktivität in dem Moment nicht, kehrte in meinem Wagen der Normalzustand zurück. Nachdem mein Auto auch ein paar Kilometer weiter noch nicht in Flammen aufgegangen war, beschloss ich, auch jetzt das Fahrzeug nicht auszuschalten, aus Angst, es würde nicht mehr anspringen oder wieder diese Bunte-Lichter-Show abziehen. Zumindest bis zur Autobahn wollte ich meinen Weg fortsetzen, doch das erwies sich als kniffliger als erwartet. Ich kannte den Weg zwar von der Hinreise und das Navi lotste mich dieselbe Strecke zurück, deshalb fühlte ich mich in dieser Hinsicht wesentlich wohler; was aber keiner wissen konnte und was natürlich auch nirgends ausgeschildert war, war die Tatsache, dass just an diesem 24.04. bei Châtillon sur Loire die Brücke, die zur N7 und zur Autobahn führt, gesperrt war. Umleitung? Fehlanzeige. Ich hätte mir ein Monogramm in den Allerwertesten beißen können, dass ich 15 Minuten zuvor an dieser einen Kreuzung, an der ein Schild zur Autobahn hinwies, nicht einfach dort entlang gefahren war und stattdessen auf das Navi hörte, bloß weil ich ein paar Tage zuvor aus dieser Richtung gekommen war. Und dieses blöde Navi lotste mich immer wieder zurück zu dieser beschissenen gesperrten Brücke. Einmal dachte ich, das Teil hätte es endlich geschnallt, dass es dort nicht weitergehen würde, weil ich sämtliche Hinweise von wegen links abbiegen und dann noch zweimal nach links ignorierte und einfach dorthin fuhr, wo es möglich war. Nach einer weiteren Neuberechnung des Weges sollte ich gut 4 km geradeaus fahren, das sah vielversprechend aus – und dann an einem Kreisel sozusagen wenden. Argh! Also musste ich tatsächlich jemanden von den Bauarbeitern an der Brücke nach dem Weg zur Autobahn fragen und erhielt die Antwort, dass ich gut 10 km um den Ort herum zur anderen Autobahnauffahrt fahren muss. Also auf durch die Einöde und das Navi labern lassen, lalalalala, das mich immer woandershin lotsen wollte, als mein Gefühl meinte, das Auge natürlich ständig in Richtung Temperaturanzeige schielend. Und irgendwann erschien dann das fast schon rettende Schild mit dem Autobahn-Zeichen und einem Pfeil nach links. Ich hatte zwar ein bisschen Schiss, dass mich letzten Endes die Verkehrsschilder doch wieder zu dieser gesperrten Brücke führen würden oder mein Auto vorher doch noch explodiert, aber 15 Minuten später rollte ich dann wahrhaftig auf die A77! Uff. UFF!

Der Rest der Fahrt verlief problemlos. Die Autobahnen waren genauso leergefegt wie auf der Hinreise und ich machte sogar einen Zwischenstopp in Troyes, von der Navi-Stimme „Trois“ ausgesprochen. Die Dame amüsiert mich manchmal wirklich, Ess Tee Affold (mit Betonung auf dem A, gemeint ist St. Avold) klingt auch schön, aber meine Theorie, dass sämtliche französischen Wörter so gesprochen werden, wie sie der dümmste Deutsche ohne Französischkenntnisse von den Straßenschildern ablesen würde, damit bloß jeder die Anweisungen des Navis versteht, wurde irgendwann, als ich eine „Route Départementale six cent quatre-vingt-cinq“ nehmen sollte, erschüttert. Ich freue mich schon auf die Fahrt in die Niederlande, das wird Navi-mäßig bestimmt auch wieder witzig! Und bis dahin wird mein Sonnenbrand auch wieder abgeklungen sein!

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