Blood Red Shoes und The Wytches in Frankfurt (Batschkapp, 16.04.14)

Laura-Mary Carter (Gesang / Gitarre) und Steven Ansell (Gesang / Schlagzeug) sind ein Beweis dafür, dass zwei Musiker im Prinzip ausreichend sind, um bei einem Livespektakel, auch in größerem Rahmen, die Zuschauer zum Ausflippen zu bringen. Nun gut, ich gebe zu, dass in manchen Fällen auch ein einziger Mensch so etwas hinbekommt – *Kopfkino featuring Mann mit Gitarre* –, aber wenn man Schlagzeugsound dabeihaben will und sich nicht allzu lächerlich als Ein-Mann-Band präsentieren möchte, ist ein zweiter Musiker definitiv angebracht. Das hat außerdem den Vorteil, dass der andere sich am Gesang beteiligen kann, und dieser Wechsel zwischen Laura-Marys und Stevens Stimme ist auch ein Grund, neben der Musik an sich natürlich, warum mir diese Band so zusagt, dass ich mal wieder einige Stunden auf deutschen Autobahnen zubrachte, um mir die Blood Red Shoes live in der Frankfurter Batschkapp anzuschauen.

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Da für zwei Leute auf der Bühne nicht so viel Equipment notwendig ist, konnte Stevens Drumkit problemlos ganz vorne rechts platziert werden. Das wird seinem Status als singender Frontmann neben der singenden Frontfrau Laura-Mary auch absolut gerecht. Ich weiß, dass Steven Ansell nicht der einzige singende Drummer ist, jedoch ist die Menge der Exemplare dieser Spezies begrenzt, und ich finde die Fähigkeit, Schlagzeug zu spielen UND dabei zu singen, absolut außergewöhnlich. Darüber hinaus übernimmt Steven auch den Entertainment-Part, der bei den Blood Red Shoes allerdings keine besonders große Rolle spielt und nur in geringen Dosen eingesetzt wird. So stieg der Mann in Frankfurt ab und zu auf seinen Schlagzeughocker oder gar auf die Bassdrum, um sich in voller Größe zu präsentieren und die Zuschauer zum Ausflippen zu animieren; meist genügte dazu aber schon das Heben seines Arms mit dem Stick in der Hand, was viele derjenigen, die nicht allzu wild tanzten, aber die Show deswegen sicherlich nicht weniger genossen, zumindest zum Mitklatschen brachte.

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Im Grunde genommen erfüllt allein die Musik der beiden den angestrebten Zweck: die Leute zu unterhalten, ihnen eine gute Zeit zu bescheren. Dazu braucht es nicht viel Gequatsche und von Laura-Mary kam diesbezüglich außer ein paar ins Mikro oder abseits des Mikros dem Publikum entgegengehauchter „Thank you“s und „Dankeschön“s relativ wenig. Was soll sie den Leuten, die für sie Fremde sind, auch groß erzählen? „This is a new song“, meinte sie einmal, bevor irgendeines der Lieder vom aktuellen Album „Blood Red Shoes“ startete. Ansonsten beschränkte sich ihre Tätigkeit aufs Singen und Gitarrespielen, und da auch Bandkollege Steven etliche Gesangsparts hat, konnte sich die Musikerin auch von ihrem Mikrofon entfernen und mal an den linken, mal an den rechten vorderen Bühnenrand treten und sich die Zuschauer aus anderer Perspektive anschauen. Manchmal stellte sie sich mit ihrer Gitarre auch gegenüber von Stevens Schlagzeug auf und spielte dort ein paar Takte, bevor sie wieder mit ganz gemächlichem Schritt zu ihrem Mikrofon zurückkehrte.
Nach etwa einer halben Stunde sprach Laura-Mary dann doch ein paar Sätze auf einmal; sie meinte, es sei an der Zeit für ein Schlückchen Wein, schnappte sich das auf der Box im Hintergrund stehende Glas mit Rotwein und prostete dem Schlagzeuger zu. Der fragte, warum sie ein richtiges Glas hat und er bloß einen Plastikbecher, und bekam „That’s how classy I am.“ zur Antwort.
Daran, dass diese Frau „classy“ ist, dürfte es keinen Zweifel geben, schon die Art und Weise, wie sie sich kleidet und sich bewegt, zeugt von einer gewissen Stilsicherheit und Eleganz, wie auch ihre schüchtern-distanzierte Art.

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Ich könnte mir vorstellen, dass einige der (männlichen) Wesen um mich herum, die unermüdlich fotografierten und filmten, sich bessere Beleuchtungsverhältnisse gewünscht hätten, denn Laura-Mary Carter ist wahrhaftig eine Schönheit, doch durch das schummrige Licht und die Tatsache, dass so gut wie nie eine der beiden Personen auf der Bühne direkt angestrahlt wurde, sah man ihr hübsches Gesicht nur selten. Mich störte das relativ wenig, denn die bunten Lichter und der dezent eingesetzte Nebel erzeugten eine für meinen Geschmack sehr ansprechende Atmosphäre und dass die beiden Musiker sich häufig wie Scherenschnitte vor dem bunten Hintergrund abhoben, sah unglaublich gut aus. Einfach stimmig. Weniger ist manchmal eben wirklich mehr, und dieses Konzept wurde auch bei weiteren Features der Beleuchtung beherzigt: Die von der Decke an langen Kabeln herabhängenden großen Glühbirnen wurden nur ab und zu eingeschaltet und das auf die Rückwand der Bühne projizierte schwarze Muster wurde nicht permanent, sondern nur hin und wieder eingeblendet. Ansonsten bestand die Abdeckung der hinteren Wand bloß aus einem blutroten Tuch.

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Die Musik der beiden hatte übrigens ganz schön viel Rums, mein lieber Schwan! Da braucht es keinen Bassisten oder jemanden, der eine zweite Gitarre spielt! Schon das Instrumentalstück „Welcome Home“, das nach einem vom Computer abgespielten Intro als erstes Lied live dargeboten wurde, zeigte sehr eindrucksvoll, dass auch zwei Musiker eine Wahnsinnsshow abziehen können – und dass man seine Gehörgänge an diesem Abend besser mit Earplugs füllt, während die Füße in bequemen Tanzschuhen stecken. Ich kann gut verstehen, dass man nicht stillstehen kann, wenn die Alternative-Rock-Klänge der Blood Red Shoes ertönen, selbst beim Autofahren bin ich, wenn ich diese Musik höre, immer irgendwie am Mitwippen. (Und ja, ich weiß, dass es auch die stillen, unbeweglichen Genießer gibt.) Deshalb kann ich es auch nachvollziehen, dass einen diese Musik zum wilden Herumspringen anstachelt, auch wenn ich solche Bewegungen allenfalls zu Hause praktiziere oder dort, wo genügend Platz dafür ist. Daher fand ich es stellenweise ein bisschen arg stressig, weil ein paar Leute – glücklicherweise erst zu fortgerückter Zeit, ab „An Animal“, um genau zu sein – ihren Drang nach wildem Herumgehopse ein wenig arg rücksichtslos auslebten und anderen dabei den Ellbogen oder sonstige ausladenden Körperteile ins Kreuz oder in die Seite rammten. Das hat mein Konzertvergnügen in dem Moment geschmälert, denn wenn mir ständig einer an den Rücken prallt, kann ich mich nicht mehr so gut auf das, weswegen ich vor Ort bin – die Musik(er), die Instrumente und die Beleuchtung –, konzentrieren.

Apropos Instrumente: Laura-Mary wechselte mehrmals die Gitarre, und um die besser sehen zu können, hätte ich mir doch gelegentlich so einen die Musikerin einhüllenden Lichtkegel gewünscht!

SetlistAn der Setlist sieht man, dass die Band Lieder aus jeder Schaffensphase im Programm hatte, überwiegend Songs, die auch als Singles veröffentlicht worden waren, mit einem leichten Übergewicht der aktuellen Werke (Lieder aus dem in Berlin aufgenommenen Album „Blood Red Shoes“, das erst im März 2014 auf den Markt kam, und von der „Water“-EP vom Januar 2014).

Nach genau 60 Minuten war der offizielle Teil des Blood Red Shoes-Auftritts vorbei. Wenn man bedenkt, dass die Band bereits vier Alben veröffentlicht hat, hätten die beiden durchaus mehr als drei weitere Lieder spielen können. Offenbar ist „less is more“ tatsächlich die Maxime des Duos, und angesichts meines ziemlich langen Nachhausewegs kam es mir gerade gelegen, dass das Konzert relativ früh zu Ende war. Allerdings war das Finale wirklich furios (und zugegebenermaßen ein bisschen 30 Seconds To Mars-mäßig), holten sich die zwei doch etliche Leute aus dem Publikum auf die Bühne, um mit allen gemeinsam abzutanzen, eine junge Frau bekam sogar Laura-Marys Gitarre umgehängt, während das Stroboskop unerbittlich blitzte und jeden Versuch, ein akzeptables Bild von diesem „Stage In“ zu machen, zum Scheitern verurteilte.

Und was das „classy“-Sein betrifft: Steven hatte sich für die Zugabe von seinem Plastikbecher verabschiedet und trank den Rotwein nun auch aus einem Glasbehälter, und zwar direkt aus der Flasche!

Blood Red Shoes werden noch eine ganze Weile on the road sein. Wann sie wo auftreten, schaut man sich am besten auf der Bandhomepage an.

Aber halt, stopp! Da war doch noch etwas: Die Vorband! The Wytches, drei ziemlich junge Männer aus England, Gitarre/Gesang, Bass, Schlagzeug und sowas von krass! Schon beim Reinhören in die drei Songs bei Bandcamp dachte ich mir, dass die Band mir gefallen könnte und genauso war’s. Obwohl das Tempo der Musik eher reduziert ist, rockten die zwei, die ich sehen konnte (Sänger Kristian Bell und Bassist Daniel Rumsey – der Schlagzeuger Gianni Honey war durch den Monitor des Bassisten weitgehend verdeckt) so heftig, dass meine Kamera kapitulierte, zumal die Beleuchtungsverhältnisse auch nicht gerade das Gelbe vom Ei waren. Die Experten bezeichnen den Musikstil als Psych-Surf oder „noisy English psychedelic rock“. Aha. Das deckt sich immerhin teilweise mit den Tags „rock doom grunge surf trash“ von Bandcamp.

Für das letzte Lied des 30-minütigen Sets kam die männliche Hälfte der Blood Red Shoes, Steven, zu den dreien auf die Bühne, um an irgendeinem elektronischen Gerät aus dem Hause Korg ein paar Parts beizusteuern.

Schade, dass die drei jungen Leute noch kein Album im Angebot haben, das hätte ich mir auf jeden Fall zugelegt! Damit muss ich aber wohl noch bis zum Herbst warten, denn dann soll es fertig sein und unter dem Titel „Annabel Dream Reader“ erscheinen. Bis dahin begnüge ich mich eben mit den drei Liedern von der Bandcamp-Seite… den paar anderen Liedern auf Soundcloud… der Akustik-Session von Sänger Kristian Bell und vielleicht auch mit dem Video zu „Robe for Juda“.

Laura-Marys am Schluss geäußerter Bitte, die Vorband zu unterstützen, kam ich nur allzu gerne nach und kaufte mir ein T-Shirt. Ein Blick auf das Twitter-Profil des Trios zeigt, dass auch die Information, dass die Musiker in ihrem Van übernachten müssen, nicht ihre Wirkung verfehlte, denn bis auf einen konnten zumindest in dieser einen Nacht offenbar alle anderen in einem richtigen Bett schlafen… Bis die drei wieder längere Zeit in ihrem eigenen Bett ratzen können, wird es wohl noch dauern, denn nach der Tour mit Blood Red Shoes geht es gleich weiter auf die Piste, u.a. mit Pulled Apart By Horses. Die komplette Übersicht über die anstehenden Konzertdaten findet man auf der Homepage der Wytches.

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