Crowbar in Weinheim (Café Central, 09.04.14)

An diesem Mittwoch lief alles ein bisschen anders ab. Geplant war ein gemütlicher Abend auf der heimischen Couch vor der Glotze, weil ich mich total groggy fühlte und mich außerstande sah, irgendwelche Tätigkeiten, die auch nur den geringsten Energieeinsatz benötigen, auszuüben.
Stattdessen bretterte ich zusammen mit drei weiteren Leuten in meinem Auto durch drei Bundesländer, um bis kurz vor Mitternacht in einem heillos überfüllten Schuppen mit sauna-artigem Klima zu lautem Gebrüll und entsprechender Begleitmusik meinen Kopf und Körper zu bewegen, immer darauf bedacht, nicht über den Haufen geschubst zu werden.
Was war geschehen?

Ganz einfach: Kurz vorm Abgleiten in den Mittags(tief)schlaf schnell noch Facebook gecheckt und auf eine Nachricht geantwortet, und ruckzuck erfolgte der Themawechsel zu dem einen Konzertticket, das durch die Absage eines Freundes wieder zu haben war. Mein Körper schrie: „COUCH!!!“, der Rest frohlockte: „Aaaaah, ein KONZERT!“ Dilemma!

Die Aussicht auf Livemusik hatte natürlich sämtliche Lebensgeister in mir geweckt und deshalb war nach meinem Schläfchen die Sache geritzt, auch wenn ich von Crowbar bis dahin nicht mehr wusste, als dass mir die Musik gefällt, aber ich hätte keine Albumtitel oder Lieder namentlich nennen können. Macht ja nix. You live and learn.

Ticket

Zehn Minuten nach Öffnen der Türen parkten wir direkt vorm Café Central in Weinheim und normalerweise würde ich in so einer Situation hurtigen Schrittes in die Konzerthalle eilen, mich links vor der Bühne hinstellen und dort bis nach dem Konzert nicht mehr weggehen. Aber ich habe ja schon erwähnt, dass an diesem Abend alles ein wenig anders war. Deshalb latschten wir erst einmal an dem schönen Gebäude, das das Café Central beherbergt, vorbei und ließen uns zum Pizzaessen in einer nahe gelegenen Gastronomieeinrichtung nieder.

Erst kurz vor 21 Uhr betraten wir das Café Central, und wer stand da hinterm Merch-Stand im Erdgeschoss? Kirk Windstein, der Sänger und Gitarrist von Crowbar, und seine Frau! Wo gibt es das noch, dass der Chef der Band selbst T-Shirts und Hoodies verkauft – und nach dem Auftritt wieder zum Merch-Stand zurückkehrt? Die Fans, die nicht schon im Konzertraum im ersten Obergeschoss standen, waren dementsprechend aus dem Häuschen, zumal der Musiker sich auch bereitwillig mit ihnen ablichten ließ.

Da die erste Band gerade anfing zu spielen, begaben auch wir uns in die obere Etage und wurden von einem brechend vollen Raum empfangen. Dass die Band, die da gerade auf der Bühne in ihrem Element war, sich Inertia – auf Deutsch „Trägheit“ oder „Ermüdung“ – nennt, kann nur ironisch gemeint sein, denn sowohl die vier Bandmitglieder als auch die Zuschauer machten ganz schön Stimmung. Zu death-metal-artigem Gegröle, Bassdrumsalven und entsprechendem Gedresche in Gitarren- und Basssaiten, teilweise auch mit Rhythmuswechseln, waren in dem Raum vor der Bühne trotz der schweißtreibenden Temperaturen im Saale viele in Bewegung, während es nach hinten hin etwas ruhiger wurde. Eines der männlichen Wesen im Publikum wirkte wie an die Bühne festgetackert und hielt abwechselnd dem Sänger und dem Gitarristen die „Frittengabel“ vor die Nase, die andere Hand fest um die Bierflasche geklammert.

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Überhaupt floss das Bier in Strömen, in Glasflaschen oder Biergläsern wohlgemerkt, was ja schon irgendwie einen Risikofaktor darstellt… erst recht bei so vielen Leuten in promillisiertem Zustand…

Inertia spielten für eine Supportband recht lang, eine dreiviertel Stunde schätzungsweise. Anhören kann man sich einige Lieder auf ihrer MySpace-Seite.

Bei meiner Recherche über Inertia stellte ich fest, dass es gleich mehrere Bands mit diesem Namen gibt, Support von Crowbar war aber die seit 2006 bestehende Band aus Mannheim. Ich frage mich bloß, warum Sänger Thomas Franklin zwischen den Songs mit dem Publikum auf Englisch quatschte.
Thomas ist übrigens nicht der eigentliche Vocalist der Truppe, er ist so eine Art Dauervertretung für Randy Glenn, der sich seit einer Weile beruflich in den USA aufhält. So können Jörn Trimborn an den Drums, Mathias Kakoschke am Bass und Stephan, dessen Nachname ich nicht ausfindig machen konnte, an der Gitarre weiter gemeinsam musizieren.

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Da es so warm war, blieb ich nicht die ganze Zeit vor der Bühne stehen – Ich sag ja: Es war alles anders als sonst! – und die anderen, mit denen ich gekommen war, hielten sich ebenfalls im Vorraum, wo es ein paar Grad kühler war, auf. Als wir nach der Vorband den Konzertraum wieder betraten, war der Bereich vor der Bühne, in dem die Fotografen zuvor noch ganz gut Platz hatten, schon gefüllt. Manche Zuschauer klebten so an den Monitoren, dass man sie – kleines Wortspiel – nur mit Hilfe eines Brecheisens wieder davon losbekommen hätte. Ach herrje! Ich fand aber ein Plätzchen in der Mitte, von wo aus ich einen ganz guten Blick auf die Bühne hatte – bis sich ein großer, breitschultriger Typ direkt vor meine Nase stellte und ich außer seinem T-Shirt nichts mehr sah. Na danke auch, so etwas liebe ich ja fast noch mehr, als wenn mir von hinten einer beim Headbangen ständig die müffelnde Langhaarpracht ins Gesicht schleudert! Nur weil ich klein bin, heißt das nicht automatisch, dass ich nicht existiere und man mich einfach ignorieren kann! Diese Typen, die meinen, sie könnten nach „Ich bin groß und stark und jetzt komm ich“-Manier alle aus dem Weg kicken, und sei es auch nur mit ihrem breiten Kreuz und entsprechend rücksichtslosen Bewegungen ihrer Extremitäten, müssen noch einiges lernen! Erfreulicherweise waren auch ein paar nette Exemplare von Mensch anwesend, unter anderem der freundliche Herr mit dem überflüssigen Ticket, und ließen mich in eine Lücke ganz vorne rechts schlüpfen.

Es war verdammt heiß und eng und trotzdem genoss ich den Moment. Anders als bei anderen Bands  bauten die Musiker von Crowbar nacheinander nur ein paar kleine Pedälchen statt prall gefüllte Pedalboards auf. Ich glaube, es standen auf der Bühne mehr gekühlte Bier- und Wasserflaschen als Pedale!

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Kurz nach 22 Uhr legte die Sludge-Band aus New Orleans los mit „Conquering“, dem ersten Song aus dem 1996er-Album „Broken Glass“, gefolgt von „High Rate Extinction“, Track Nr. 1 vom Album „Crowbar“ (1993), und anschließend das erste Lied des Albums „Sonic Excess In Its Purest Form“ (2001), „The Lasting Dose“. Das ging aber nicht so weiter, obwohl die Diskographie von Crowbar noch einige Alben, von denen die vier den jeweils ersten Song hätten spielen können, umfasst. Mit dem vierten Song, „Burn Your World“, kehrten sie wieder zum Album „Broken Glass“ zurück und dann ging es noch einen Schritt weiter zurück in die Vergangenheit, zum Debütalbum „Obedience Thru Suffering“ (1991), von dem der Song „Vacuum“ gespielt wurde. An den Jahreszahlen erkennt man bereits, dass es die Band schon quasi ewig, seit 25 Jahren, um genau zu sein, gibt.

Direkt vor meiner Nase stand Jeff Golden mit einem mattschwarzen Jackson-Bass in der Hand; es war das erste Mal, dass ich einen solchen Bass bewusst sah.

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Sänger Kirk Windstein mit dem langen zweifarbigen Bart spielte eine Gibson-Gitarre mit weißem Korpus, eine von diesen eckigen Metal-Klampfen, während Gitarrist Nr. 2, Matt Brunson, eine Jackson-Gitarre mit mattschwarzem Korpus bediente. Cool fand ich, dass ich auch Drummer Tommy Buckley von meinem Platz aus gut sehen konnte. Der Blick auf die liebevoll handgeschriebene Setlist zeigt, dass nach der anfänglichen Reminiszenz an die ganz alten Crowbar-Werke auch neuere Lieder dargeboten wurden, und aus dem Publikum hörte man immer wieder Rufe der Begeisterung und auch Titel von Songs, die die Band spielen sollte.

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Im Moshpit ging es bei den etwas schnelleren Songs ziemlich wild zu, und da es mir von Anfang an viel zu eng war, trat ich, sobald mir die Masse mit ihrer Schubserei allzu übermütig erschien, freiwillig den Rückzug an, wobei es angesichts der wie Ölsardinen in der Dose zusammengedrückten Menschenmasse ziemlich schwierig war, den Saal zu verlassen. In dem breiten Gang vor dem Konzertraum und auf der Treppe Richtung Erdgeschoss waren so viele Leute, dass ich mich etwas wunderte, warum überhaupt so viele Tickets für dieses Konzert verkauft worden waren, denn meiner Ansicht nach hätten gar nicht alle Leute, die sich dort aufgehalten hatten, in den Raum, in dem das Konzert stattfand, hineingepasst. Es war eh schon viel zu eng.

Dennoch: Da ich gekommen war, um Livemusik zu hören (und natürlich auch, um die Musiker zu sehen, seufz) und man vor dem eigentlichen Raum nicht wirklich viel davon mitbekam, versuchte ich mein Glück ein paar Minuten später noch einmal in dem Bereich ganz hinten vor der Theke. Kaum hatte ich mich durch die ersten Leute, die sich um die Tür scharten, hindurchgekämpft, wurde ich wieder von der Sauna-Atmosphäre empfangen. Sicht auf die Bühne: tendierend gegen Null. Ich erblickte immerhin ab und zu Jeff Goldens Kopf und sogar Kirk Windsteins Haupt blitzte mehrere Male durch die Lücken zwischen den Zuschauern hindurch. Wenigstens hörte man trotz der angeregten Diskussion mancher Konzertbesucher um mich herum, was da gespielt wurde – bis nach ein paar Minuten der nächste Mensch, der offenbar ziemlich tief ins Glas geschaut hatte, angeschlappt kam, mich anrempelte, während er seitlich von mir auf Position ging und anschließend zeigte, dass er den Text kennt und genauso brüllen kann wie Kirk. Vor allem genauso laut. Ganz ohne Mikro. Direkt in mein linkes Ohr. Großartig. Dort konnte ich nicht bleiben. Um mich noch tiefer in die schwitzende Masse hineinzuzwängen, hatte ich aber keine Lust, weswegen ich dann doch noch einmal nach draußen ging und mich zu den beiden Leuten, mit denen ich hergekommen war und die den Raum ebenfalls frühzeitig verlassen hatten, gesellte.

Ich werde mich auf jeden Fall ein wenig intensiver mit der Band Crowbar beschäftigen, denn auch wenn ich vieles vom Konzert nicht mitbekommen hatte, hat mir das, was ich gehört und gesehen habe, sehr zugesagt. Deshalb habe ich bereits nachgeschaut, ob es nicht doch noch ein Konzert in erreichbarer Distanz gibt, aber wenn der Terminplan vollständig ist, kann ich das leider vergessen. Ende Mai erscheint übrigens das neue Crowbar-Album „Symmetry In Black“.

Und jetzt: Couch!!!

Für eine etwas größere Version bitte auf das jeweilige Foto klicken! Richtig gelungene Fotos findet man bei Theawfulpain-Project (wenn man bei Facebook eingeloggt ist) und ein professioneller Konzertbericht existiert beim Neckbreaker Magazin.

 

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