Heymoonshaker in Luxemburg (Rockhalcafe, 02.04.14)

Vor ein paar Tagen absolvierten sie noch Auftritte in den USA und in Mexiko, am Mittwochabend stand dann das luxemburgische Esch auf der Tour-Agenda von Heymoonshaker. Da liegen ja wirklich (kulturelle) Welten (und ein ganzer Ozean) dazwischen! Bestimmt fand es das Duo aus London auch im Rockhalcafe schön – nicht nur wegen der aus Schallplatten bestehenden Wanddeko, sondern vor allem deswegen, weil ihnen das Publikum zu Füßen lag und wie gewünscht so aus sich herausging, dass beim grande finale so gut wie alle am Tanzen waren, auch die, die lange Zeit sitzen geblieben waren. Mission accomplished!

Das Konzert war aber auch absolut außergewöhnlich, zunächst einmal wegen der Art der Musik, die Andy Balcon und Dave Crowe fabrizieren. „UK Beatbox-Blues” ist beim Twitter-Profil von Heymoonshaker zu lesen und besser kann man es eigentlich nicht umschreiben, denn zu den rockig-bluesigen Melodien, die Andy Balcon mit seiner Gitarre und seiner rauen, kratzigen Stimme liefert, gibt es kein Schlagzeug; das, was sich so anhört wie Drumbeats, erzeugt Dave Crowe mit seinem Mund. Das ist wohl der Grund, warum man beim Googeln von „Heymoonshaker“ zigmal auf die Formulierung „ein Mund, eine Stimme, eine Gitarre“ trifft, offenbar lautet ein Teil des offiziellen Pressetextes so.

Die beiden Londoner reisen also mit leichtem Gepäck von Konzert zu Konzert, was der Blick auf die Bühne – deutlich verkleinert im Vergleich zu anderen Gigs im Rockhalcafe – schon vor Beginn des Auftritts bestätigte: Neben den Boxen warteten dort nur zwei Gitarren, ein Pedalboard und zwei Mikrofone auf ihren Einsatz. Minimales Equipment – maximales Vergnügen!

Mit ihrer Synthese von zwei völlig unterschiedlichen Musikrichtungen hatten die beiden Londoner das Publikum relativ schnell um ihre Finger gewickelt, mich ja auch, obwohl ich die schon mehrmals an mich gerichtete Frage „Hörst du auch Blues?“ generell mit einem entschiedenen „Nein!“ und entsprechend ablehnender Gestik beantworte. Allerdings ließ mich schon das Anhören des im März 2013 veröffentlichten Debütalbums „Shakerism“ auf Spotify (alternativ: auf der Bandseite bei Facebook) einige Tage vor dem Konzert an meiner bisherigen Einstellung zu Bluesmusik zweifeln. Andy Balcon hat aber auch eine Stimme, die unter die Haut geht! Und kaum hatten die zwei in Luxemburg losgelegt, spürte ich auch schon den Groove und ließ das Tanzbein ein wenig schwingen. Die zwei auf der Bühne machten es ja quasi vor: Während Dave seine Geräusche von sich gab, bewegte er den freien Arm in alle möglichen Richtungen, häufig zur visuellen Unterstützung der Beatbox-Laute, und ließ die Hüften kreisen, und auch Andy blieb mit seiner wunderschönen Gitarre, deren Markenname mit einem Streifen Klebeband verdeckt ist, selten am selben Fleck stehen. Stellenweise hatte er den einen Fuß lässig auf die Getränkekiste in Mikrofonnähe abgestellt oder begab sich zu Dave, um face to face mit ihm zu musizieren.

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Dass die zwei Musiker die Zuschauer so schnell in die Tasche stecken konnten, liegt meiner Ansicht nach nicht nur an der Musik und der dynamischen Performance, sondern auch an der offenen, witzigen und durchweg positiven Wesensart der beiden, die immer wieder mit dem Publikum kommunizierten, verbal und nonverbal. Man kann gar nicht anders, als Dave und Andy zu mögen, allein schon wegen dem, was sie in ihren kleinen Ansprachen so von sich gaben.
Zuerst einmal klärte Beatboxer Dave die Sache mit der Sprache: Wer sein Englisch versteht, sollte die Hand heben, und da die Mehrheit der Anwesenden ihre Finger in die Höhe streckten, zeigte sich der Mann auf der Bühne erleichtert, denn wenn er Französisch reden müsste, würde er sich unwohl fühlen und es würde ohnehin keiner verstehen. Freundliches Lachen im Zuschauerraum. Eis gebrochen. Danach folgte die Ankündigung, dass Heymoonshaker gekommen sind, um die Leute happy zu machen, und wer schon glücklich ist, soll noch ein bisschen glücklicher werden und vor allem total aus sich herausgehen, den Augenblick genießen, ausflippen, was man sonst im Alltag ja nicht immer machen kann, aber das Konzert wäre der richtige Zeitpunkt, um einmal ordentlich durchzudrehen.
Also ich stand in dem Moment schon da mit einem Grinsen, um das mich jedes Honigkuchenpferd beneidet hätte, und ich glaube, dieser Gesichtsausdruck ging während der 90 Minuten, in denen das Duo performte, nicht mehr weg. By the way: 90 Minuten, eineinhalb Stunden, ein „richtiges“ Konzert sozusagen – die letzten Gratiskonzerte im Rockhalcafe waren kürzer! Im Klartext heißt das aber auch: Die Band hat nicht nur die Lieder des Albums gespielt, sondern wesentlich mehr.

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Zwischen bluesiger Rockmusik erfuhr man immer wieder ein paar Details aus dem Leben der beiden. Dave hatte es vor neun Jahren ans andere Ende der Welt verschlagen, weil er Antworten finden wollte auf die großen Fragen, die man sich im Leben bisweilen stellt, und er fand – nichts *Lachen im Publikum* außer neuen Freunden und vor allem den Herrn neben ihm, der sein Leben seitdem bereichert. So ist das also zu verstehen, dass die beiden sich als Straßenmusiker in Neuseeland kennengelernt haben, und die Art und Weise, wie die Dave und Andy auf der Bühne miteinander umgingen, zeigt ganz deutlich, was für eine innige Freundschaft die beiden offenbar verbindet.

Wie das gewesen sein muss, als die beiden noch nicht zusammen musiziert haben, bekam das Publikum demonstriert, indem einmal nur Dave und ein paar Lieder später nur Andy im Rampenlicht stand, während der jeweils andere sich zur Seite zurückzog.
Dave produzierte bei seinem Auftritt eine gut fünf Minuten dauernde Salve unterschiedlichster Geräusche – unfassbar, welche Bandbreite von Sounds hier abgedeckt wurde, da war alles dabei von „extrem laut wummernde Bassdrum“ über „knatternde Motorräder“ bis hin zu „Peitschenknall“, aber immer so, dass das Publikum schön in Bewegung bleiben kann. Währenddessen saß Andy auf der weiter oben schon erwähnten Plastikgetränkekiste und schaute seinen Bandkollegen bewundernd und mit einem Lächeln im Gesicht an. Ab und zu warf er auch einen Blick ins Publikum und seine Miene drückte so etwas aus wie: „Das ist der Hammer, gell?“

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Genauso verhielt sich Dave, als Andy seinen Soloauftritt hatte. Der Sänger verwendete an dieser Stelle die zweite Gitarre, eine wunderschöne Gretsch Resonator-Gitarre. Übrigens spielte er den ganzen Abend ohne Plektrum! Seiner Ansicht nach klingt das besser, allerdings sind seine Finger ganz schön geschreddert. Über den Klang kann ich schlecht urteilen, diesbezüglich bin ich echt die totale Niete, aber ich fand es überaus beeindruckend, wie locker er mit den Fingern seiner rechten Hand über die Saiten fegte, als wäre das das Einfachste ever.

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Irgendwann bat Dave dann wieder um Handzeichen. Wer sich sexy findet, sollte aufzeigen. Seine Einschätzung, dass etwa 55% aller Anwesenden sich nach ihrem Bekunden sexy finden, stimmte ihn positiv, denn verglichen mit England wäre das schon bedeutend mehr. Das sollte natürlich wie all der Smalltalk zwischendurch zur weiteren Stimmungsaufhellung dienen, hatte aber auch einen tieferen Sinn, fast schon ein wenig Therapiecharakter, wenn auch mit einem Augenzwinkern rübergebracht, denn laut Dave ist das Köpfchen der wichtigste Körperteil. Wer denkt, also sein Hirn benutzt, und mit sich selbst in der Birne im Reinen ist, ist nach seiner Definition sexy und es folgten gleich mehrere Songs „that make you feel sexy“.
Der Konzertabend mutierte immer mehr zu einem Appell an das positive Denken, und die Wichtigkeit des Denkens betonte Dave immer wieder: Auch Freiheit beginne im Kopf und niemand könne einem die eigenen Gedanken wegnehmen. Das heißt also: Selbst wenn die Beziehung, der Job oder die Familie die persönliche Freiheit einschränken, kann man sich durch die richtige Gedankenwelt vorm Totalabsturz in die Depression schützen. So lautete in etwa seine Message. Passend dazu wurden die Zuschauer vor dem letzten Lied dazu aufgefordert, nicht traurig zu sein, dass das Konzert bald zu Ende sein würde, sondern sich darauf zu freuen, dass es noch weitere fünf Minuten lang Musik von Heymoonshaker zu hören gibt.
Ich könnte jetzt noch zig weitere Publikumsplaudereien aus Daves oder Andys Mund wiedergeben, aber das würde wohl den Rahmen sprengen.

Heymoonshaker ShakerismNatürlich wurde auch Werbung gemacht für das Album „Shakerism“, das man nach der Show als CD erwerben konnte (und das ich mir ohnehin zugelegt hätte) – Werbung auf Heymoonshaker-Art, eingekleidet in eine Story und mit viel Witz und Charme: „This is the CD you need to be happy!“ Das Publikum im Rockhalcafe sollte vor Freude über das Vorhandensein einer CD so ausrasten wie damals in den Siebzigern die Leute angesichts der Ankündigung eines neuen Pink Floyd-Albums oder ein paar Jahre später, als AC/DC über ein neues Album informierten. Das hat nicht ganz so funktioniert, im zweiten Anlauf besser als zunächst, was aber vielleicht auch daran lag, dass nicht doch immer jeder alles verstanden hatte, was Dave und Andy da so auf Englisch von sich gaben.

Die beiden fühlten sich jedenfalls nach eigenem Bekunden bestätigt in ihrem Tun. Als sie ihr Projekt begannen, waren viele Leute wohl skeptisch wegen der Vermengung zweier so unterschiedlicher Musikstile, und trotzdem zogen Dave und Andy ihr Ding durch und die vielen Leute, die ins Rockhalcafe gekommen und nun total aus dem Häuschen waren, sind für sie Zeichen genug, dass sie anscheinend irgendetwas richtig gemacht haben. Nach dem Lied, das als letztes angekündigt war, spielten die beiden noch ein weiteres. Sehr schön! Und selbst dann war noch nicht wirklich Schluss.
Nach einer kurzen Verschnaufpause hinter der Bühne nahm sich Andy anschließend die Zeit, um mit allen Interessierten zu plaudern. Er fragte jeden nach dem Namen und wie es ihm geht und beantwortete superfreundlich alle Fragen, die die Leute so hatten, während er sich fotografieren ließ und CDs signierte. Wow! So viel offen zur Schau gestellte Liebe zum Publikum habe ich bisher selten erlebt und ich hoffe, dass sich Dave und Andy auch bei ihrem weiteren Vorankommen im Showbusiness ihre positive Einstellung bewahren können!

Heymoonshaker sind noch eine ganze Weile auf Tour, nach den Terminen in der Schweiz und in Deutschland geht es weiter durch die verschiedensten europäischen Länder und später wieder zurück nach Deutschland. Den kompletten Tourplan findet man z.B. bei Facebook.
03.04.14 Genf (L’Usine) – Schweiz
04.04.14 Düdigen (Bad Bonn) – Schweiz
05.04.14 Rorschach (Treppenhaus) – Schweiz
09.04.14 Hannover (Kulturzentrum Faust)
11.04.14 Marburg (Kulturladen KFZ)
12.04.14 Crailsheim (Bayway Lagerhaus)
13.04.14 München (Milla – Live Club)
14.04.14 Mannheim (Alte Feuerwache)

Für eine etwas größere Version bitte auf das jeweilige Foto klicken!
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Über luuuzie

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