Anna Calvi in Luxemburg (Den Atelier, 22.03.14)

Freitagabends Death Metal und samstags Anna Calvi? Null Problemo im Luzie-Universum! Trotzdem runzeln die Leser meines Blogs jetzt vielleicht ein wenig die Stirn, wenn ich verrate, dass ich das Konzert der Londonerin aus freien Stücken besuchte, nachdem ich das Ticket schon Monate zuvor erworben hatte, und nicht bloß als nette Begleiterin wie bei Lana Del Rey oder Sting. Anna Calvis Stimme hat nämlich eine ziemlich einzigartige Wirkung auf meinen Organismus: Die bei manchen Songpassagen entstehende Ganzkörpergänsehaut ist so gigantisch, wie das bislang noch nicht mal diverse Herren, für die mein Herz wirklich heftig schlägt, mit ihren Stimmen oder Gitarren geschafft haben, und wie sich das bei einem Konzert anfühlt bzw. ob sich dieser Effekt überhaupt einstellt, musste ich doch unbedingt testen, wenn die Musikerin schon in meiner Nähe auftritt. Außerdem spielt die Frau Gitarre. Das wären dann schon zwei gute Gründe, um zum Konzert zu fahren, auch wenn das Musikgenre – man könnte es vielleicht mit dramatischem, stellenweise sogar schwülstigem Indie-Pop umschreiben – recht weit abseits von Alternative Rock und Metal liegt.

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Als ich um kurz nach 19 Uhr am Atelier ankam, bestand die Warteschlange, die diesen Namen eigentlich nicht verdient, aus gerade mal vier Leuten, ich war das erste weibliche Wesen. Nach und nach trudelten die Leute ein, dennoch blieb die Empore wie schon letztes Jahr bei den Konzerten von Bush und von Paul Banks geschlossen, eindeutiger Hinweis darauf, dass der Besucherandrang sich in Grenzen hielt.
Bis zum Beginn des Konzerts wusste ich nicht, ob es ein musikalisches Vorprogramm geben würde, und wenn ja, von wem es bestritten würde, denn sämtliche Internetseiten hatten null Informationen dazu. Nachdem bis um kurz vor 21 Uhr auf der Bühne nichts passiert war, war klar, dass an diesem Abend nur Anna Calvi auftreten würde. Umso besser. Das musikalische Gedudel und Geklimper, das etwa 15 Minuten vor Erscheinen der Musikerin einsetzte und das nach Angaben des netten Konzertbesuchers neben mir jedesmal kurz vor Beginn eines Konzerts von Anna Calvi zu hören sei, empfand ich als etwas anstrengend. Aber die hübsche Musikerin machte das alles wieder wett, als sie um kurz nach neun mit drei weiteren Musikern die Bühne betrat, schick in schwarzer Hose und schwarzem Oberteil, die Haare offen und gelockt, die Füße in High Heels, in ihren Händen eine Fender Telecaster.

Setlist Anna CalviSie startete mit „Suzanne & I“, einer der Singles aus ihrem Debütalbum „Anna Calvi“ (2011), und spielte anschließend ein paar Songs vom zweiten, aktuellen Album „One Breath“ (2013). Auch ein paar Coverversionen hatte sie im Programm: „Surrender“ (im Original von Elvis Presley, B-Seite der Single „Blackout“), „Fire“ (ursprünglich von Bruce Springsteen, B-Seite der Single „Suddenly“) und ganz zum Schluss „Jezebel“ (Anna Calvis erste Singleveröffentlichung, im Original von Frankie Laine). Der aus drei Songs bestehende Zugabenpart startete mit der B-Seite „A Kiss To Your Twin“.

Auch wenn Anna Calvi in Sachen Musik eher die stilleren Töne pflegt, zeigte sie, dass sie ihre Gitarre nicht nur liebkosen und ihr auf diese Weise zarte Klänge, die sich manchmal gar nicht nach Gitarre (eher nach Harfe oder sogar nach Klavier!) anhören, entlocken kann; die studierte Musikerin schafft es auch, etwas ruppiger mit dem Instrument umzugehen und sogar so richtig mit dem Sechssaiter im Arm abzurocken, die Knie gebeugt und der Gitarre nach bester Rockermanier die schrägsten Geräusche abringend. Aber diese Ausbrüche – bei einem Lied ließ sie zum Beispiel die Handinnenfläche mehrmals hintereinander ordentlich über den Gitarrenhals flutschen – waren immer nur von kurzer Dauer und mündeten jedesmal in ruhigere Passagen. Fast zärtlich war manchmal ihr Umgang mit der Gitarre, während „I’ll Be Your Man“ sah es ab und zu so aus, als würde Anna Calvi ein wenig mit der Gitarre schmusen. Bei „A Kiss To Your Twin“ erzeugte sie einen bestimmten Ton, indem sie mit der rechten Hand eine oder zwei Saiten am Telecaster-Hals quasi „massierte“. Egal, was sie tat, es wirkte immer so, als würden ihre Finger das Instrument ohne jegliche Mühe traktieren, selbst schwierig zu greifende Akkordfolgen schienen ihr mühelos zu gelingen, fast so, als würde die Gitarre die gewünschten Geräusche freiwillig von sich geben, und es hatte manchmal den Anschein, als würden diese Töne die Frau regelrecht in Extase versetzen.

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Apropos Gitarren und Extase: Ich war ja ganz aus dem Häuschen, als Anna Calvi neben den üblichen Fender Telecaster-Klampfen eine Gretsch-Gitarre zückte. Zwar mit ein bisschen viel Glitzer für meinen Geschmack, aber immerhin eine Gretsch, und Gitarren dieser Marke haben es mir ja bekanntlich ganz besonders angetan (*klick*).

Zwischen den Liedern zeigte sich oft ein verschmitztes, schüchtern wirkendes Lächeln auf den feuerroten Lippen der überaus talentierten Musikern, während die Menge tosend applaudierte, und ab und zu hauchte sie auch ein „Thank you“ ins Mikro. Viel mehr Konversation mit dem Publikum gab es nicht, mal abgesehen von dem Vorstellen der drei anderen Musiker kurz vor Ende des Sets. Ich habe rein akustisch allerdings nur verstanden, dass es sich beim Schlagzeuger um einen Alex (Reeves) handelt. Dank Internetsuchmaschine konnte ich aber herausfinden, dass der junge Mann, der das Keyboard (mit weinrotem Samtüberwurf und silbernen Kettchen darauf) und die Samples bediente, Backgroundvocals sang und ab und zu Bass spielte, auf den Namen Glenn Callaghan hört und dass die blonde Frau, die für das Xylophon (auch mit einer Art Bogen gespielt!?), das Harmonium und allerhand andere Rhythmusinstrumente (verschiedene Rasseln, eine große Trommel und eine Art spiralförmig aufgeschnittenes Becken) verantwortlich war und gelegentlich mit dem eben erwähnten Musiker den Platz tauschte, Mally Harpaz heißt. Viel Gespräch mit den Zuschauern wäre auch nicht notwendig gewesen, weil Anna Calvi durch ihre bloße Präsenz, durch ihr Gitarrenspiel, ihr oft mädchenhaft-genant wirkendes Benehmen und natürlich ihre Stimme von Anfang an alle in ihren Bann gezogen hatte, wie mir schien. Dennoch schaute sie hin und wieder manche der Zuschauer im vorderen Bereich direkt an, geradezu eindringlich, den neben mir stehenden, fast pausenlos, aber sehr diskret fotografierenden Herrn zum Beispiel – oder schaute sie durch die Leute durch?

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Annas Stimme könnte man meiner Ansicht nach als eigenes Instrument bezeichnen, ähnlich wie bei PJ Harvey; sie ist mal leise, manchmal auf ein Flüstern reduziert (bei „Fire“ zum Beispiel), schwillt im nächsten Moment von der Lautstärke her an, bleibt aber immer in einer Tonlage, die meine Trommelfelle gut verkraften. (Manche amerikanischen Pop-Sängerinnen schaffen es mit ihren Stimmen, das Innere meiner Ohren unangenehm vibrieren zu lassen, was für mich ein gewichtiger Grund ist, diese Musik zu meiden, ganz abgesehen davon, dass der Musikstil, den diese meist perfekt ladylike gestylten Damen praktizieren, so gar nicht auf meine Gegenliebe stößt.) Die Musik passte sich Annas Singlautstärke an, in manchen leisen Passagen wurde sie nur von einem leichten Rasseln oder einer Bassmelodie begleitet, und die Zuschauer in Luxemburg schienen in diesen stillen Momenten der Sängerin ganz besonders an ihren sinnlichen roten Lippen zu hängen; man hätte es gehört, wenn zu einem solchen Zeitpunkt eine Stecknadel zu Boden gefallen wäre.

Kurzum: Das Konzert war einzigartig, weil Anna Calvi wirklich eine ganz bezaubernde Gestalt ist, und ich hatte stellenweise wirklich (bei „Love won’t be leaving“ beispielsweise) von der Kopfhaut bis zu den kleinen Zehen Gänsehaut.

Für eine etwas größere Version bitte auf das jeweilige Foto klicken!
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2 Antworten zu Anna Calvi in Luxemburg (Den Atelier, 22.03.14)

  1. Guido schreibt:

    So schafft man es durch Fotografieren auch mal in einen Blog über ein Anna Calvi Konzert. Ich fand es übrigens besser als Paris oder Heidelberg, obwohl sich die Konzerte fast nicht unterscheiden. Spontanität scheint sich mit der natürlichen Schüchternheit nicht zu vertragen.
    Danke, das dir die Bilder gefallen haben.

  2. luuuzie schreibt:

    Deine Fotos sind phänomenal! Ich bin immer froh, wenn ich ein paar Bilder in akzeptabler Qualität hinbekomme, damit ich meine Berichte damit garnieren kann.

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