No Hope, Rage Of Samedi und Mothertrucker in Pirmasens (Schwemme, 15.03.14)

„Slow“ und „exciting“ sind die beiden Adjektive, die sich für mich wie ein roter Faden durch diesen Samstag zogen, entweder ganz getrennt voneinander oder in ihrer Kombination, also „slow and exciting“. Ihr merkt schon: Das hier wird wieder so ein Blogeintrag, der weit über die puren Konzerterlebnisse hinausreicht (siehe God is a Feinstaubplakette), aber so etwas kann ich mir auf meinem eigenen Blog ja ab und zu mal erlauben. Wem das zu blöd ist und wer nur ein paar Worte zu den Bands – No Hope, Rage Of Samedi und Mothertrucker – lesen oder Fotos vom „Triple feature of evil“ in der Rockkneipe „Zur Schwemme“ anschauen will, kann ja nach unten scrollen. Ansonsten: Slow down!

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Ziemlich slow startete der frühe Samstagmorgen für mich nach einer wunderbaren Konzertnacht mit zu wenig Schlaf. Alles fühlte sich an und sah auch trotz Brille auf meiner Nase aus wie in Watte gepackt. Der Kaffee und das Käsebrot änderten daran relativ wenig. Als ich nach dem Frühstück immer noch etwas trantütig meine sozialen Kontakte pflegen wollte, war eine Nachricht vom Pinkpop-Festival das Erste, was Facebook mir zu bieten hatte. Ach ja, um 10 Uhr sollte ja der Ticketvorverkauf beginnen, das hätte ich angesichts des genialen Konzerts mit Rage Of Samedi und Mothertrucker in Zweibrücken beinahe vergessen. Augenblicklich war ich hellwach und meine Ruhe sowie jegliche Schläfrigkeit unwiederbringlich abgetrabt, denn besagte Pinkpop-Nachricht, abgesendet 7 Stunden zuvor, war nicht nur eine freundliche Erinnerung, sondern beinhaltete auch den guten Ratschlag, am besten jetzt schon mal dem angegebenen Link zu folgen und sich in die Warteschleife einzureihen, ohne die dann angezeigte Seite zu refreshen, das würde die Chance auf einen erfolgreichen Ticketkauf erhöhen. Du meine Güte! Wie viele Leute würden da schon seit 7 Stunden in der Warteschleife hängen? Die Fotos, die jemand von den Menschenmassen vor den nicht-virtuellen Vorverkaufsstellen gepostet hatte, waren auch nicht gerade ermutigend. Es war gerade mal 8 Uhr, mein Organismus war noch nicht darauf eingerichtet, einen eventuellen Fail dieser Art zu verkraften, aber angesichts der Rolling Stones und Metallica als Headliner hätte ich eigentlich damit rechnen müssen, dass das ähnlich läuft wie beim Paleo-Festival vor fünf Jahren. Ganz abgesehen davon kann ich ja bereits ein Liedchen singen von ruckzuck ausverkauften Biffy Clyro-Konzerten. Wie konnte ich so unvorbereitet an die Sache herangehen? Excitement! Also ab in die virtuelle Warteschleife, und zwar mit allen im Haushalt verfügbaren Computern, die fortan dasselbe Bild zeigten.

PipoErstaunlicherweise war der älteste Rechner, der fast eine halbe Stunde zum Hochfahren braucht (ein richtig slowes Teil also) und auch sonst so seine Macken hat und daher als Letztes von mir gestartet wurde, der erste, der mir um kurz nach 10 Uhr das Bestellformular zeigte und nach einigen Klicks mit extrem zitternden Fingern – EXCITEMENT! – spuckte mein Drucker mir das Pinkpop-Ticket aus. Üffz, so nach und nach erreichte mein Fangirlherz dann wieder die normale Frequenz und es gelang mir anschließend, den Bericht über das Konzert vom Vorabend zu schreiben, was sich bis in den Nachmittag hineinzog.

Danach musste es wieder ein wenig slow weitergehen, schließlich brauchte ich für das Programm am Abend genug Energie und nach einem Schläfchen und einer Runde in der Badewanne war mein Akku wieder geladen. Ich konnte daher voller Elan nach Pirmasens brettern, wurde aber unterwegs sozusagen ausgebremst und musste schon wieder slow machen: Vollsperrung auf der Autobahn! Also ab durch die Pampa bis zur nächsten Autobahnauffahrt.

Als ich in der Rockkneipe „Zur Schwemme“ ankam, fiel mir als Erstes das Banner von Rage Of Samedi an der Rückwand der Bühne ins Auge. Offenbar war am Vortag in Zweibrücken nicht genug Platz gewesen, um es aufzuhängen.
Ich erfuhr, dass ich nicht die Einzige war, die später als geplant dort eintraf. Die Musiker von No Hope, die aus derselben Richtung anreisten wie ich, hatten nämlich im Stau gestanden, weil es nach dem Unfall eine Weile dauerte, bis die Autobahn gesperrt und der Verkehr abgeleitet wurde, und hatten ihren Soundcheck noch gar nicht begonnen. Es ging also slow weiter, aber ganz und gar nicht hoffnungslos, denn sobald alle Musiker des Quartetts aus Saarlouis da waren, machten sie sich auch schon an die Arbeit, überlagerten die aus den Lautsprechern geschickten AC/DC-Songs mit ihrer eigenen Musik beim Soundcheck und fast pünktlich – um 21 Uhr c. t. – startete das Konzert.

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Erste Feststellung: Alle Mitglieder von No Hope – Christian Weiler an der LTD-Gitarre mit mattschwarzem Korpus, Christian Leidinger alias Zombie am Rickenbacker-Bass, Jochen Klose an der Flying V von Gibson und Schlagzeuger Alexander Schon – tragen Bärte, und zwar Kaventsmänner von Bärten, nicht bloß so ein paar kurze Fusseln.

Zweites Aha-Erlebnis: Hier ist in erster Linie der Drummer für den Gesang zuständig und ab und zu auch der Bassist.

Spätestens da war mir klar, wie die Umschreibung als Doomcore für den hier vorliegenden Musikstil zu verstehen ist. Die Vocals des Schlagzeugers klangen so gepresst, angestrengt und rau, auch wegen des langsamen Tempos und der häufig in die Länge gezogenen Vokale, dass ich beinahe selbst einen Kloß im Hals spürte, obwohl es dem aus Leibeskräften brüllenden Mann sicherlich nicht schlecht ging. Aber die auf der Facebook-Seite der Band (Link funktioniert nur, wenn man eingeloggt ist) zu lesenden Worte „painful lava-like music that kills you slowly“ sind für mich nun auch absolut nachvollziehbar. Das soll aber nicht heißen, dass mir die Musik nicht gefällt, ganz im Gegenteil. Das extrem langsame Tempo, das die Riffs noch schwerwiegender erscheinen lässt, liegt mir so viel mehr als Thrash-Metal-Fingergefuddel! Außerdem gab es so vieles, auf das ich meine Aufmerksamkeit fokussieren konnte: die beiden Gitarren zum Beispiel, schon vor dem Gig blieb mein Blick vor allem an der LTD-Klampfe hängen, weil ich dieses matte Schwarz so schön fand, und einen Rickenbacker-Bass sieht man ja auch eher selten.

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Darüber hinaus agierten die Gitarristen ganz nach meinem Gusto, warfen sich in coole Posen und ließen die Haare fliegen. Man merkt schon, dass die Herren bereits einiges an Erfahrung vorweisen können, es gibt die Band ja schon lang genug, seit 1993, um genau zu sein, wobei Jochen Klose erst („erst“!) seit 1999 mit von der Partie ist und Zombie etliche Jahre nach Beginn des neuen Jahrtausends dazustieß.

Nach einiger Zeit wechselte plötzlich die Beleuchtung und der grüne Laser schlug erbarmungslos zu. Ich erinnerte mich daran, dass ich mich auch schon beim Konzert mit Unchained und Beyond Darkness total geblitzdingst gefühlt hatte und verzog mich an den Rand.

Wer sich einen Höreindruck von No Hope verschaffen möchte, hat bei Soundcloud und Bandcamp die Möglichkeit dazu.

Für eine etwas größere Version bitte auf das jeweilige Foto klicken!

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Nach dem Bühnenumbau sollte es mit Rage Of Samedi „slow, evil and heavy“ weitergehen, aber nach ungefähr drei gespielten Takten gestikulierte Sänger Lou Cifer wie wild und es war erneut unplanmäßig slow angesagt, weil dieses Ding hier ein bisschen zu evil war:

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Irgendein Teil von Paul McKays Pedalboard hatte beschlossen, mehr als slow zu machen und komplett zu streiken, weswegen nach und nach immer mehr Leute am Pedalboard und am Verstärker und auch an sämtlichen Kabeln, die da herumlagen, herumzupften, um das Ding wieder gangbar zu machen – musikalisch nett untermalt von Sam D. Durangos leisem Gitarrenspiel und ein paar Beats von Ian O’Field. Für die Band war das vermutlich ganz schön exciting! Nach etwa zwei Minuten war der Basssound für alle hörbar und die zweite Konzertrunde des Abends konnte nun wirklich beginnen.

Anders als am Tag zuvor stiegen Rage Of Samedi nicht mit dem ganz neuen Lied ein, das kam erst als zweiter Song und ich finde den Track richtig gut, ein bisschen härter als die anderen Lieder, mit ein paar knackigen Riffs zum Kopfnicken. Die vier, alle wieder mit Schnabbekapp auf dem Haupt, boten dieselben Lieder wie in Zweibrücken, aber in anderer Reihenfolge. Diese kleine Variation mag ich und es wird mir auf alle Zeit ein Rätsel bleiben, warum „große“ Bands, die auf einen gigantischen Fundus von Songs zurückgreifen können, bei Konzerten jahrelang dieselben Lieder spielen, und zwar in derselben Reihenfolge.

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Sänger Lou frotzelte immer mal wieder mit den Zuschauern und mit den vier Musikern von Mothertrucker, die von der aus Bar zuschauten. Vor allem DJ Bobo wurde häufig erwähnt und der Rage Of Samedi-Fontmann entzückte viele Augenpaare mit kurzen spontanen Tanzeinlagen im Stil des Schweizers. In der Nacht zuvor scheint es zusammen mit Mothertrucker im Proberaum der vier Zweibrücker ja wirklich feucht-fröhlich hergegangen zu sein – Musikprogramm unter Normalniveau inklusive! Am Programm von Rage Of Samedi gibt es aber nichts zu meckern, jeder beherrschte sein Instrument absolut souverän und auch Lou Cifers Stimme funktionierte in jeder Tonlage einwandfrei. Der Sound war an diesem Abend hervorragend, ein dickes Lob an den oder die Verantwortlichen an der PA!

Wer das Album „Sign“ noch nicht haben sollte, kann es z.B. über die Facebook-Seite der Band ordern. Möglicherweise gibt es auch noch Shirts.

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Wie am Vorabend waren Mothertrucker verantwortlich für den Abschluss des Liveprogramms. Weil die Bühne in der „Schwemme“ größer ist als die in Zweibrücken, sah ich diesmal vom Bassisten Tom Moffat etwas mehr, zumal er in der Mitte der Bühne seinem Job nachging. Allerdings stand er nicht mit dem Gesicht nach vorne zum Publikum, sondern er wandte den Zuschauern seine linke Körperseite zu, aber man hatte ja die Möglichkeit, den Bereich links von der Bühne zu betreten, sodass ich den Musiker auch mal von vorne und auch seinen Bass sehen konnte. Total niedlich fand ich seine zwei Pedale…

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… im Vergleich zu den gut gefüllten Pedalboards seiner Kollegen an den Sechssaitern. Aber solches Equipment braucht man anscheinend, um einen post-rock-artigen Sound mit experimentellen und psychedelischen Einflüssen zu kreieren.

Gegen Ende des Sets war der Mann am Bass so in action, dass er über das Pedalboard von Chris Scrivens  an der Fender Telecaster Deluxe stolperte und dort ein wenig Chaos anrichtete, weswegen der Gitarrist mitten im Lied schnell noch einmal alles richtig aufstellen und wiedereinstöpseln musste.

Drummer Bruce Goodenough  war nicht ganz so gesprächig wie am Tag zuvor. Vielleicht war die Nacht zusammen mit den Herren von Rage Of Samedi doch etwas anstrengend. Die Aufforderung „Let’s get drunk“ nach dem Gig im Hobbitkeller war ja ziemlich unmissverständlich.
Ein Lied kündigte Charlie Butler an der Epiphone SG wieder an als ein Lied über „Ghostbusters 2“ (das müsste „Vigo the Carpathian” sein) und auch der Duff McKagan-Song blieb nicht unkommentiert.
Auch diesmal wechselten Bruce und Charlie ihre Rollen, sodass der kräftige Schlagzeuger zum Schluss auch vorne rechts an der Epiphone-Gitarre bewundert werden konnte. Seinen Hinweis auf den Merchandise-Stand quittierte einer der Herren von Rage Of Samedi mit der Bemerkung „How do you wanna sell records with an open belt?!“, was den Musiker aber überhaupt nicht aus der Ruhe brachte. Die Gitarre wurde gestimmt, die Gürtelschnalle mit Flaschenöffner baumelte weiterhin der Schwerkraft folgend in Höhe des Oberschenkels.

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Alle vier Alben von Mothertrucker kann man sich bei Bandcamp anhören. Dort kann man auch das 2007-er Album „trebuchet“ sowie „The Last Ride of Dr. Sanchez“ (2004)  als kostenlosen Download erwerben. Viel schöner als virtuelle Musik empfinde ich aber die Musik inklusive der Hardware, deshalb kam die Vinylversion des aktuellen Longplayers „The Power Of Independent Trucking“ mit mir nach Hause:

Mothertrucker

Wer auch so eine hübsche Schallplatte haben möchte – sie sieht nicht nur gut aus, sondern klingt auch fantastisch – kann sich über die Bandcamp-Seite von Mothertrucker eine ordern.

Nach ein paar freien Tagen werden Mothertrucker weitere Konzerte spielen, bevor es wieder nach Hause ins Vereinigte Königreich geht:
19.03. Potsdam (KuZe) mit The Antikaroshi
20.03. Hamburg (Grüner Jäger) mit Stargazer und Le_Mol
21.03. Zottegem, dunk!HQ, Belgien mit Spillshot
22.03. Paris, St. Ouen (Le Picolo) mit The Umbilical Chords und Cutty’s Gym

Ich werde mir nun auch ein paar Tage im slow-Modus gönnen, bevor es am Wochenende wieder auf die Piste geht.

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