Cloud Boat in Luxemburg (Rockhalcafe, 26.02.14)

Am Sonntag Metalcore, drei Tage später sphärische elektronische Musik – ich bin da flexibel und keineswegs auf eine musikalische Stilrichtung festgelegt. Außerdem finde ich die Gratiskonzerte im Rockhalcafe einfach wunderbar, nicht nur wegen des freien Eintritts, sondern weil solche Konzerte in intimer Atmosphäre mit durchschnittlich etwa 30 anderen Besuchern schlichtweg außergewöhnlich sind. Da schaue ich mir dann gerne auch einmal Bands an, deren musikalische Werke es vielleicht niemals in meine alltägliche Playlist schaffen, was aber kein Widerspruch dazu ist, dass ich die vor meinen Augen dargebotene Performance überaus schätzen kann.

Am Mittwoch gastierte das Londoner Duo Cloud Boat im Café der Rockhal, wo diesmal merkwürdigerweise sämtliche Tische weggeräumt waren. Rechnete man etwa mit einem Ansturm der Massen?

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Als Nächstes fiel mir die viele Elektronik auf der Bühne auf: Gleich drei Pedalboards lagen da, eines davon aufgebockt auf einer Kiste, außerdem ein Keyboard, auf dem weitere technische Geräte mit vielen Knöpfen abgestellt waren, und jede Menge Kabel. Schlagzeug? Fehlanzeige. Das sah nach einem effektreichen Soundprogramm aus – und nach wenig Platz für die Bandmitglieder, die, sobald sie auf der Bühne waren, von ihren Hockern so schnell nicht mehr aufstanden.

Bei der aktuellen Tour wird aus dem Duo ein Trio, denn Tom Clarke und Sam Ricketts haben sich für ihre Konzerte Andres Perea mit ins (Wolken-)Boot genommen, der in Luxemburg auf seiner Schecter-Gitarre spielte und zwischendrin auch einige der pink leuchtenden Knöpfchen neben sich drückte, um damit ganz bestimmte Geräusche zu erzeugen.

Und Geräusche, sprich: die Musik und natürlich die Musiker, stehen bei diesen Konzerten immer absolut im Vordergrund, denn auf jeglichen Schnickschnack wird hier verzichtet. Es gibt in der Regel weder eine besondere Bühnendeko noch eine ausgeklügelte Lightshow, dieselben Spots beleuchten während des gesamten Auftritts die Bühne in derselben Farbe, und anders als bei The Feather neulich war an diesem Abend Blau angesagt.

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Tom Clarke, der Vocalist mit den vielen Tattoos an den Armen, begleitete das erste Lied auf einer Danelectro-Gitarre und hatte gleich zwei Mikrofone für sich. Das linke produzierte falsettartige Töne, die sich fast schon wie Frauengesang anhörten, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das alles bloß durch Effekte erzielt wurde oder ob der Mann seine Kopfstimme nicht doch so weit nach oben führen kann. Durch das rechte Mikrofon drangen vergleichsweise normale Töne, wobei diese auch durch diverse Effekte moduliert waren. Ich schreibe hier bewusst „Töne“, denn bei einigen Songs nutzte Tom, der die Augen konsequent geschlossen hielt, sobald sich sein Mund dem Mikro näherte, seine Stimme wie ein weiteres Instrument, ohne dabei irgendeinen Text zu produzieren, und trotzdem gibt es bei Cloud Boat viele Lieder mit „ganz normalen“ Lyrics. Darin wirkt der Musiker aber nicht weniger zerbrechlich und melancholisch, man nehme nur einmal die Verse „You won’t find home again my son / You’re forever lost you know“ aus dem Lied „Wanderlust“. Ich finde daher die auf der Facebook-Seite der Band zu lesende Umschreibung „velvety folk lament“ sehr gelungen, denn in der Tat hörte sich so manches ziemlich wehklagend an und Tom schien sein ganzes Herz in seinen Gesang zu legen.

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Sobald die Gitarre weggelegt war, umklammerten Toms Hände ein kleines Maschinchen, das so ähnlich aussah wie mein allererster Kassettenrekorder, und dieses Gerät war offenbar einer der Haupt-Soundproduzenten. Auch schlagzeugartige Beats oder sonstige Uffz-uffz-uffz-Geräusche wurden per Handklick von diesem Teil ausgespuckt und der Musiker legte es erst dann wieder beiseite, als er  – bei einem Song – mit zwei Drumsticks ein Drumpad bearbeitete und später erneut für ein Lied die Gitarre benutzte. Das war insgesamt schon sehr experimentell, wie auch Sam Rickets Aktion, seiner Squier-Gitarre mittels eines am Hals vorbeibewegten Schraubenziehers ganz bestimmte Töne zu entlocken.

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Auch ein e-Bow setzte er bei einem Lied ein und natürlich wurden aus der Gitarre per Effektgerät – nicht selten manuell bedient – die unterschiedlichsten Geräusche herausgekitzelt, sodass die insgesamt dubstepartige Musik auch einen Hauch Post Rock erhält. Einmal musste Sam sogar während eines Songs diverse Stecker an einer der auf dem Keyboard abgestellten Apparaturen umstöpseln. Er war auch derjenige, der ab und zu ein bisschen Smalltalk mit dem Publikum hielt und zum Beispiel erwähnte, dass die Band bereits im vergangenen Jahr in Luxemburg aufgetreten war, im Exit 07 im Rahmen des Sommerprogramms „Congés annulés“, und es war auch seine Aufgabe, den Zusatzmusiker für Livekonzerte vorzustellen, während Tom zwar auch sprach, aber insgesamt zurückhaltender war.

Einige der an diesem Abend performten Songs findet man auf dem im letzten Mai erschienen Debütalbum „Book Of Hours“. Die Soundcloud-Seite der Band und ihr YouTube-Channel bieten ein paar Lieder zum Anhören. Oder man besucht gleich eines der Konzerte, die in der nächsten Zeit anstehen:

Cloud Boat Gigs

Für eine etwas größere Version bitte auf das jeweilige Foto klicken!
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