Bullet For My Valentine, Callejon und Coldrain in Wiesbaden (Schlachthof, 23.02.14)

Als ich das Bullet For My Valentine-Album „The Poison“ zum ersten Mal hörte, irgendwann gegen Ende des Jahres 2005, war das so ein Erlebnis der besonderen Art: Total geflasht von den ersten Takten an, wochenlang nichts anderes gehört und außerdem habe ich mich ziemlich amüsiert über das ganze Hin und Her im Internet, ob die Band nun als ernstzunehmende Rockergruppe aus der Heavy Metal-Ecke zu betrachten sei oder doch eher als vier verweichlichte Emos aus Wales, die vor allem die Herzen der Mädchenwelt aus dem Takt bringen. Mir war das alles wurscht, wichtig war nur, dass ich mal wieder eine Platte gefunden hatte, die mich total fesselte, und schon ein knappes Jahr später erschien in Form der Live-DVD „The Poison – Live at Brixton“ das perfekte „Futter“, um mich weiterhin auf der BFMV-Wolke schweben zu lassen, zumal Matt Tuck, damals noch ein richtig schmales Handtuch, auch eine Freude für meine Augen war. Dementsprechend fieberte ich dem zweiten Album der Waliser, „Scream Aim Fire“ (2008), entgegen, das sich für mich aber als eine herbe Enttäuschung herausstellte. Wo waren die Ecken und Kanten der „The Poison“-Songs geblieben? Alle weggeschrummelt in dem Bemühen, sich als richtige Metalboys zu beweisen? Mir fehlte das Besondere des Debütalbums und im Gegensatz zu den meisten Musikjournalisten war ich total geknickt und ging erst einmal auf Distanz, und zwar so weit, dass ich Album Nr. 3, „Fever“, erst Wochen nach der Veröffentlichung im April 2010 zum ersten Mal hörte. Das fand ich dann aber wieder recht manierlich und den letzten Wurf, „Temper Temper“ (2013), betrachte ich ebenfalls als überaus gelungen. Insofern MUSSTE ich wenigstens eines der Konzerte der Metalcore-Band anschauen, auch wenn das terminlich bei mir nicht so ganz einfach war.

Der Wiesbadener Schlachthof war wie viele andere Konzerthallen schon Wochen vor dem Konzert ausverkauft – ein sicheres Zeichen dafür, dass die Band sich im Musikgeschäft etabliert hat, wie auch die guten Chartplatzierungen der Alben. Das werden auch alle Skeptiker von einst mitbekommen haben. Denen können Matt Tuck und seine Mannen nun ihre „Four words to choke upon: Look at me now!“ mit entsprechendem Nachdruck entgegenschmettern.

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Aber bevor die Hauptband des Abends die Bühne betrat, mussten die Zuschauer, die bereits beim Einlass um 18 Uhr vor Ort waren, erst einmal noch drei Stunden warten, wobei die Zeit angesichts der Anwesenheit von zwei Supportbands zumindest für mich wie im Fluge verging. Das Programm startete um 19 Uhr mit Coldrain, die auf der kompletten Tour für While She Sleeps, deren Sänger sich einer Stimmband-OP unterziehen musste, eingesprungen waren. Danach hatten Callejon die Bühne für sich.

Coldrain – das ist pure Energie in Form von fünf Musikern aus Japan. Schon vor dem Konzert wollte ich mich ein wenig über diese Band informieren, aber angesichts der vielen japanischen Schriftzeichen auf ihrer Homepage kapitulierte ich recht schnell und beschloss, zuerst einmal das Konzert abzuwarten.
Mit einem engelschorartigen Intro vom Computer wurde ihr Auftritt eingeleitet, und mir war nach ein paar Takten klar, dass ich die Musik des Quintetts absolut himmlisch finde: bollernde Bassdrum, wüste Growls in englischer Sprache, die in ein Elvis-Mikro geröhrt wurden, und krasse Gitarrenriffs in angenehmem Tempo. Hinzu kam eine Performance, von der man meinen könnte, dass nur passionierte Sportskanonen das hinbekommen: Die Musiker mit den Saiteninstrumenten und der Vocalist Masato, der von Gegröle immer mal wieder zu klarem Gesang wechselte, warfen sich auf den am vorderen Bühnenrand positionierten Podesten in die schönsten Posen. Bassist RxYxO, dessen Platz auf der rechten Bühnenseite war, ließ sich ab und zu auch ganz links blicken, während Y.K.C an der grünen Gitarre, die ich sehr gerne etwas genauer angeschaut hätte, es vorzog, ganz rechts zu bleiben. Ich muss allerdings gestehen, dass ich so gebannt von dem Geschehen auf der Bühne war, dass ich es noch nicht einmal schaffte darauf zu achten, was das für eine weiße Gitarre ist, auf der der Herr namens Sugi vor meiner Nase spielte. Ich versuchte zwischendrin zwar mal, den Schriftzug am Kopf zu entziffern, aber der quirlige Musiker war so schnell unterwegs, dass das ein Ding der Unmöglichkeit war und ich mir relativ schnell dachte, dass man Marke und Modellbezeichnung auf einem meiner Fotos vielleicht erkennen würde. Das ist zwar nicht der Fall, aber immerhin sieht das Instrument für mich so aus, als hätte es sieben Saiten. [Update: Inzwischen weiß ich, dass es sich um eine FGN Expert Elan Dark Evolution 7-string Gitarre in Matt White handelt. Danke für den entscheidenden Hinweis, Thorsten!]

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Apropos Fotos: Die sind diesmal ganz gut geworden, aber das Ärgernis mit meiner neuen Kamera ist inzwischen in eine weitere Runde gegangen: Beim Konzert von Long Distance Calling, Junius und Wolves Like Us zeigte sie nämlich denselben Fehler wie vor der Reparatur, weswegen sie jetzt schon wieder eingeschickt werden muss. Als ob es so schwer wäre, das Teil einfach umzutauschen gegen eine funktionstüchtige Kamera! Aber nein, angeblich muss der Hersteller das absegnen, nicht der Verkäufer. Der hat mir diesmal immerhin eine Leihkamera mitgegeben und deren Ergebnisse haben mich wieder ein wenig versöhnt.

Dass es vom Schlagzeuger Katsuma kein ordentliches Foto gibt, liegt an meinem und an dessen Position. Er stand zwar wenige Male auf, um es dem Frontman gleichzutun und die Arme in die Höhe zu heben, sodass auch ich mehr von ihm sah, aber ich hatte in diesen Momenten meine Kamera in der Tasche.

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Das Gestikulieren des Sängers sieht man auf den Fotos ganz gut. Von Anfang an feuerte er das Publikum an und bat darum, Circle Pits zu eröffnen oder die Hände in die Luft zu strecken, und diese Kommunikation wurde bis zum Ende des 30-minütigen Sets aufrechterhalten. Was für ein bombastischer Einstieg!

Jetzt muss ich nur noch zusehen, dass ich die Musik der fünf Japaner – es gibt bisher die drei Alben „Final Destination“ (2009), „The Enemy Inside“ (2011) und „The Revelation“ (2013), nebst einer EP und einer Live-DVD – irgendwo auftreibe, denn nach dem Konzert war keine Zeit mehr, um am ohnehin total überlaufenen Merch-Stand einen Stopp einzulegen.

Für eine etwas größere Version bitte auf das jeweilige Foto klicken!

Ruckzuck war die Bühne für die zweite Band des Abends, Callejon, umgebaut, obwohl das Schlagzeug komplett ausgetauscht wurde und u.a. vier große Bildtafeln hochgehievt werden mussten. Offenbar sind die vielen helfenden Hände ein so eingespieltes Team, dass alles flutscht wie bei gut geölten Rädchen irgendeiner Maschine.

Den T-Shirts nach zu urteilen waren viele Besucher gekommen wegen des Auftritts der fünf Düsseldorfer und die Armada an Fotografen, die sich während der ersten Lieder vor der Bühne breit machten, beweist den hohen Bekanntheitsgrad der Band, die bereits fünf Alben und zwei EPs veröffentlicht hat. Der letzte Longplayer, ein Cover-Album mit dem Titel „Man spricht Deutsch“, schaffte es wie sein Vorgänger „Blitzkreuz“ in die Top Ten der deutschen Albumcharts. Die Titel der Musikwerke legen schon nah, dass bei Callejon auf Deutsch gesungen oder eher gegrölt wird.

Und es wurde von Anfang an aus vielen Kehlen im Publikum mitgegrölt. Trotzdem forderte Sänger BastiBasti (Bastian Sobtzick), der wie der Vocalist von Coldrain die meiste Zeit auf dem mittig platzierten Podest zugange war, hin und wieder diejenigen, die den Text kennen, zum Mitsingen auf (beim Ärzte-Cover „Schrei nach Liebe“ zum Beispiel). Für diejenigen, die im Callejon-Kosmos nicht textsicher oder gar planlos sind, erfolgte beim Lied „Sommer, Liebe, Kokain“ eine kurze Einweisung in den Text für die Mädchen und die Verse für die Jungs.

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Darüber hinaus gab es weitere Mitmachangebote: Auf Betreiben des Sängers gab es eine Wall Of Death und den eindringlichen Hinweis, erst dann loszurennen, wenn er das Kommando ins Mikro brüllt – wie gut, dass man von dem Zusammenprall der Massen in der ersten Reihe nichts mitbekommen hat! – und später bat er alle darum, sich hinzusetzen und auf seinen Befehl hin hochzuspringen. Ich bin ja kein Freund solcher Aktivitäten, tanze bzw. wackele mit dem Kopf lieber für mich und schaue mir derweil das Geschehen auf der Bühne an. Den Gitarristen Bernhard Horn zum Beispiel, der sich so schön mit seinen verschiedenen Klampfen aus dem Hause Ibanez in Pose warf, manchmal zusammen mit Bassist Thorsten Becker, entweder „ebenerdig“ oder auf einem der bereits erwähnten Podeste, manchmal halb verdeckt von einer Nebelfontäne, die an mehreren Stellen gelegentlich in die Luft schossen. Auch BastiBasti – einen breiten Balken schwarzer Schminke quer über die Augenpartie –  performte mit vollem Körpereinsatz. Er ist übrigens derjenige, der beim Lied „nebeL“ des aktuellen Caliban-Albums „Ghost Empire“ mitsingt.

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So wie die drei konnte Schlagzeuger Kotze (Maximilian Kotzmann) sich zwar nicht präsentieren, aber die Tatsache, dass er seinen Platz nicht verlassen konnte, machte sein beleuchtetes Schlagzeug wieder wett. Den zweiten Gitarristen mit dem ähnlich klingenden Spitznamen Kotsche (Christoph Koterzina), der auch für die Backgroundvocals zuständig war, sah ich die meiste Zeit nur in der Ferne. Lediglich zum Wechsel seiner Gibson SG in cherry red gegen eine andere Gitarre musste er auf die linke Bühnenseite, wo das Equipment aufbewahrt wurde, kommen.

Nach 45 Minuten war das Programm der deutschen Metalcore-Band zu Ende und um mich herum wurde es noch ein Stückchen enger. Viele konnten sich offenbar erst jetzt vom Getränkestand oder einem Plätzchen am Rand wegreißen, um noch irgendwo in größerer Bühnennähe unterzukommen. Derweil wuselten auf und vor der Bühne wieder alle nach Plan herum, um schnellstmöglich für Bullet For My Valentine alles herzurichten.

Gegen 21 Uhr wurde das Licht gedimmt und zu den Klängen von „O Fortuna“ aus Carl Orffs „Carmina Burana“ konnte man zunächst nur die vielen Verstärkerboxen mit „Bullet For My Valentine“-Logo, wo sonst „Marshall“ oder „Orange“ oder sonstwas in der Art steht, das riesige Pearl-Schlagzeug und das große Banner mit Bandnamen und „Temper Temper“-Design im Hintergrund bestaunen. Außerdem erkannte man nun die Treppe, die auf einen erhöhten Bereich hinter dem Schlagzeug führte, wo sich Frontmann Matt Tuck später ein paarmal aufhalten würde. Dann waren sie endlich da: Matt Tuck, durch Fitnesstraining im Schulter- und Oberarmbereich inzwischen gut doppelt so breit wie eine Dekade zuvor und mit kurzem Haupthaar, vor meiner Nase Padge (Michael Paget), hinter den Drums Moose (Michael Thomas) und ganz rechts Bassist Jay (Jason James).

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Was das Sich-Merken von gespielten Songs angeht, da bin ich ganz schlecht. So etwas schaut man, sofern der entsprechende Eintrag existiert, am besten bei Setlist.fm nach. Ich hatte den Eindruck, dass vom aktuellen Album „Temper Temper“ gar nicht so viel zu hören war, bloß der Titeltrack und „Dirty Little Secret“; stattdessen präsentierten die Waliser von allen Alben je ein paar Songs und auch Songausschnitte, denn es gab ein Medley mit Songsnippets aus allen Schaffensphasen. Obwohl mich der Begriff „Medley“ sonst eher erschauern lässt, weil ich dadurch an sehr volksmusiklastige TV-Abende mit meinen Großeltern, als ich noch ein Kind war, erinnert werde, halte ich die Idee eines Medleys, wenn Herr Tuck & Co. involviert sind, für grandios, denn so bekommt man noch ein paar mehr Lieder – wenn auch nicht komplett – unter in der vorgegebenen Auftrittszeit, die bei Bullet For My Valentine in der Regel 80 Minuten nicht überschreitet.

Schön fand ich auch den Akustikeinstieg in „The Last Fight“, bei dem zunächst nur Matt mit seiner B.C. Rich-Gitarre auf diesem erhöhten Bereich hinter dem Schlagzeug zugange war, während sich die anderen Musiker ein kleines Päuschen gönnen konnten und im Publikum einzelne Feuerzeugenflämmchen brannten. Anschließend wechselte der Sänger und Gitarrist an eine Gibson Les Paul mit weißem Körper, was für mich auch einer der besonderen Momente war wegen der Gitarre. Dass Matt Tuck auf einer Klampfe mit gerundetem Korpus spielt, kommt ja eher selten vor. Besonders gesprächig war der Musiker nicht, aber er verteilte dennoch einige „Dankeschön“s, während das Publikum nicht müde wurde, in fast jeder kurzen Spielpause „Bullet, Bullet, Bullet“-Chöre zu starten.

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Padge grinste die ganze Zeit und schaute manche Leute im Publikum direkt an, während seine Finger nur so über die Hälse der verschiedenen Gitarren – alle mit eckigem Korpus und alle von ESP – flogen. Für die meisten Lieder verwendete er seine ESP Signature Gitarre, die Michael Paget V. Auch ein Gitarrensolo präsentierte er und ich war wirklich beeindruckt von seinem Talent am Sechssaiter.

Jay bekam ich nicht ganz so oft zu sehen, aber ein paarmal kam er mit seinem Music Man Bongo-Bass auf das Podest vor „meiner“ Bühnenseite gesprungen. Da er bei vielen Liedern einen Teil der Vocals liefert, blieb er logischerweise die meiste Zeit auf der anderen Bühnenseite in der Nähe seines Mikros.

Cool fand ich das Motörhead-Cover „Ace Of Spades“ als erste Zugabe, bevor dann mit „Tears Don’t Fall“ das große Finale folgte. Anschließend wurden Plektren und Drumsticks ins Publikum geworfen und dann verließen die Musiker, für die bereits am nächsten Tag das nächste Konzert anstand, den Schauplatz – ein kleiner Mann in Matts Armen schien glücklich zu sein, dass der Papa nun endlich Feierabend hatte.

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