Long Distance Calling, Junius und Wolves Like Us in Luxemburg (Rockhal Club, 20.02.14)

Die The Flood Inside Tour 2014 zeigt, wie sehr Musik nicht nur Menschen aus aller Welt verbindet, sondern auch Musiker, die tausende Kilometer voneinander entfernt, sogar auf verschiedenen Kontinenten, leben. Die deutsche Band Long Distance Calling bestritt ihre Tour nämlich zusammen mit Wolves Like Us aus Norwegen und Junius aus den USA (Boston). Nach einer zweiwöchigen Reise durch einige europäische Länder fand im Club der Rockhal das Abschlusskonzert statt. Mich zog es an diesem Donnerstagabend in erster Linie wegen Junius nach Luxemburg. Die Bostoner Band lernte ich Ende 2012 bei ihrem Konzert mit Alcest und Katatonia (*klick*) kennen und war sofort begeistert. Außerdem bin ich Junius-Frontmann Joseph E. Martinez immer noch dankbar für seine kleine Gitarrengeschichte.

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Als ich eine Viertelstunde vor Einlass an der Rockhal ankam, war noch kein Mensch dort und nur allmählich trudelten weitere Zuschauer ein. Es versprach also ein entspannter Konzertabend zu werden, wobei mein Adrenalinspiegel beim Betreten des Gebäudes zunächst einmal schlagartig in die Höhe schoss, weil der Ticketscanner angesichts des Barcodes auf meinem e-Ticket ein schrilles Störgeräusch von sich gab. Nach ein paar weiteren erfolglosen Scanversuchen winkte man mich aber ohne viel Aufhebens zu machen durch. Uff! Durch die Berieselung mit Biffy Clyros „Opposites“-Album, das aus den Boxen drang, mutierte ich dann relativ rasch wieder zum zahmen, entspannten Lämmchen und richtete meine Augen auf die Gibson Flying V und den Gibson-Bass, die an einen Verstärker angelehnt auf der Bühne standen.

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Ich wunderte mich darüber, dass die Leute gar keine Anstalten machten, die erste Reihe zu füllen, und sich stattdessen vor dem Getränkestand, am Merch-Stand oder sonstwo im Raum gruppierten. Das könnte ich nicht, zu groß wäre die Angst, später nicht auf die Bühne zu sehen.

Pünktlich um 20 Uhr betraten die vier Norweger von Wolves Like Us die Bühne und die eben schon erwähnten Saiteninstrumente kamen zum Einsatz: Espen positionierte sich mit der Flying V ganz links und direkt vor mir in der Mitte hatte Toy mit seinem Bass seinen Aktionsradius. Einen solchen Bass und solche Pickups hatte ich bislang noch nie gesehen; es scheint ein Les Paul Bass zu sein, ein wunderschönes Instrument, von dem ich gerne ein unverwackeltes Foto gemacht hätte, aber bei diesem Versuch kam einer der Securities angehopst, zeigte erbost auf meine Kamera, signalisierte mir, dass ich aufhören soll, und schwirrte wieder ab in sein Eckchen. Äh, was? So etwas habe ich in der Rockhal ja noch nie erlebt! In der Pause bat ich dann den jungen Mann neben mir, mir mein Plätzchen freizuhalten, und spazierte zu dem Herrn von der Security. Der hatte gedacht, ich würde filmen, weil ich da stand wie ausgestopft, und Filmen war an diesem Abend offenbar ein No-Go. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass ich lediglich versucht hatte, ein paar nicht verwackelte Fotos hinzukriegen, was bei den Lichtverhältnissen und meiner Kamera an ein Kunststück grenzt, meinte er, das wäre kein Problem, und war supernett. Ein ordentliches Foto von dem Gibson-Bass habe ich nun aber nicht, menno! Zurück zum Konzert…

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Auch Sänger Larsh, dessen Mikro ganz rechts stand, spielte auf einer Gibson, einer SG (?) in cherry red. Sobald die vier losgelegt hatten, erinnerte ich mich auch wieder daran, warum ich bei Konzerten sonst nie in der Mitte stehe: Vom Drummer Justin mit den riesigen Kreisen in den Ohrläppchen konnte ich so gut wie nichts sehen, weil Bassist Toy ihn die meiste Zeit verdeckte. Also: Nächstes Mal wieder nach links!

Ich hätte mir gewünscht, dass der Gesang etwas lauter zu hören gewesen wäre, auch später bei Junius. (Dieser Wunsch scheint sich allmählich wie ein roter Faden durch meine Reviews von Gigs im Club der Rockhal zu ziehen…) Vielleicht zündete die Musik der Osloer Wölfe deshalb bei mir nicht so und es kam mir ab und zu auch so vor, als ob der Sänger irgendwie unzufrieden mit dem nicht ganz so ausgeprägten Enthusiasmus des Publikums gewesen wäre. Ich muss allerdings gestehen, dass mich der bei Metal Hammer veröffentlichte Stream des neuen Albums „Black Soul Choir“, das in Deutschland am 28.02.14 auf den Markt kommt, auch nicht gerade vom Hocker gehauen hat. Die Musik ist gut, keine Frage, aber sie trifft wohl einfach nicht so 100%ig meinen Geschmack. Trotzdem werde ich bei Gelegenheit auch mal in das Debütalbum „Late Love“ aus dem Jahr 2011 hineinhören, denn manchmal braucht auch Musik ihre Zeit, um ihre Wirkung vollends entfalten zu können.

Obwohl die Tour mit Junius und Long Distance Calling nun zu Ende ist, gönnen sich die vier Musiker noch keine Pause, denn im März wird erst einmal durch Norwegen getourt.

Für eine etwas größere Version bitte auf das jeweilige Foto klicken!

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Ganz nach Plan kamen um 20.45 Uhr die vier Musiker von Junius auf die Bühne. Von Anfang an war ihr Arbeitsbereich total eingenebelt, sodass man kaum die Gesichter der in Schwarz gekleideten Männer sah, vor allem auch weil die Scheinwerfer ihnen eher ins Kreuz strahlten (weswegen die Musiker beste Sicht auf die vermutlich gut ausgeleuchteten ersten Zuschauerreihen hatten und ich fühlte mich daher ein wenig unwohl, weil ich angesichts der Spannung an meinen Wangen spürte, dass ich grinste wie ein Honigkuchenpferd, nachdem nun endlich der Moment, auf den ich gewartet hatte, gekommen war). Das schummrige Licht und all den Nebel fand ich okay, weil es perfekt zu der düsteren, melancholischen Musik von Junius passte, und die hier und da auf den Amps platzierten an Nachtischlämpchen erinnernden Leuchten brachten ein wenig Gemütlichkeit in die Finsternis. Der Funken Optimismus in der Hoffnungslosigkeit. Der Begriff „Indie-Doom“ schießt mir gerade als Umschreibung des Musikstils der vier Bostoner durch den Kopf.

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Frontman Joseph E. Martinez hatte als Kopfbedeckung diesmal ein einfaches schwarzes Käppi gewählt, nicht die Kapuze seines Hoodies, und wie schon weiter oben erwähnt, wäre ich noch glücklicher gewesen, wenn ich mehr von seinem zerbrechlich und klagend wirkenden Gesang inmitten des wuchtigen Sounds gehört hätte. Als Gitarre für diesen Abend hatte er eine aus dem Hause ESP (mit LTD-Logo) gewählt, wie auch der zweite Gitarrist Michael Repasch-Nieves, der allerdings ein anderes Modell bediente (Phoenix?) und ebenso wie Bandkollege Joel Munguia am Bass gelegentlich Josephs Gesang mit Backgroundvocals überlagerte. Da Joseph sich ab und zu vom Mikro wegbewegte, konnte ich immerhin ein paar Blicke auf Drummer Dana Filloon erhaschen.

Erst vor ein paar Tagen veröffentlichten Junius ihre neue EP „Days Of The Fallen Sun“ und pünktlich zum Konzertabend war die Vinylversion der EP bei mir angekommen. Wie bei den älteren Alben findet sich auch hier im hübsch gestalteten Booklet der Hinweis, dass dieses Album mit Solarenergie aufgenommen wurde.

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Man konnte sich die acht Songs schon vorher bei Soundcloud im Stream anhören, insofern war ich vorbereitet darauf, dass vier Stücke lediglich wie instrumentale Intros oder Zwischenspiele mit unter einer Minute Spielzeit den „richtigen“ Songs vorangehen. Vermutlich ist das auch der Grund, warum die Titel dieser Tracks eingeklammert sind. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, wurden beim Konzert in der Rockhal ein paar dieser Kurzlieder als Samples zwischen manchen Songs eingespielt.
Die neuen Lieder fügen sich perfekt in den Musikstil von Junius ein und schaurig-schöne Texte wie „They say the sun will return and bring back all the life, we’re feeding off the hurt I want to die“ oder „It’s time for a rebirth in fire, the end is near…” sind ganz so, wie man das von Junius erwartet. Kein Wunder also, dass das Ganze bei mir gerade in Dauerschleife läuft (dank Download-Code wirklich überall hörbar). Deshalb fällt es mir mangels Setlist auch schwer, mich daran zu erinnern, welche der neuen Lieder fürs Konzert ausgewählt wurden. Ganz sicher meine ich „The Time Of Perfect Virtue“ und „Forgiving The Cleansing Meteor“ gehört zu haben.

Natürlich wurden auch ältere Lieder gespielt, zum Beispiel das grandiose „All Shall Float“ aus dem 2011 veröffentlichten Album „Reports From The Threshold Of Death“. Der Sänger von Wolves Like Us nutzte die Gelegenheit, mit jemandem von der Crew (Oder war es jemand von der Band? Bin trotz Brille stark kurzsichtig.) am Bühnenrand zu tanzen. Wenig später kam er sogar auf die Bühne, um anstelle des Bassisten ein paar Lyrics ins Mikro zu röhren. Das könnte bei „Battle In The Sky“ gewesen sein. Die Bands schienen sich also wirklich prächtig miteinander verstanden zu haben.

Ich hätte mich ja gefreut, wenn Junius auch den Opener des „Reports From The Threshold Of Death“-Albums „Betray The Grave“ performt hätten, denn das ist eines meiner Lieblingslieder der Bostoner, aber das muss ich mir dann eben auf CD anhören.

Auch die Musiker von Junius legen sich jetzt nicht auf die faule Haut; schon nächste Woche stehen einige Konzerte in den Vereinigten Staaten an (*klick*). Scotty? Beam me over the pond!

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Wenn man bedenkt, dass Long Distance Calling bereits vier Alben veröffentlicht haben, ist es fast schon peinlich, dass ich diese Band bislang nur vom Namen her kannte. Immerhin habe ich mir am Tag des Konzerts beim – ähem – Zubereiten und Verzehr des Mittagessens das aktuelle Album „The Flood Inside“ angehört. (Ich hoffe, mir macht deswegen jetzt keiner die Hölle heiß wie vor einiger Zeit, als ich an anderer Stelle erwähnte, dass ich ein ganz bestimmtes Album beim Putzen gehört habe. Mon dieu! Da ich nicht den ganzen Tag Zeit habe, um im Ohrensessel zu hocken und, das süße Nichtstun pflegend, den Klängen von Musik zu lauschen, ist es für mich überhaupt kein Problem, neue Musik zu entdecken, während ich zeitgleich banalen Tätigkeiten nachgehe.)

Immerhin weiß ich inzwischen, dass der Herr im Keyboard-Eckchen (Martin „Marsen“ Fischer) erst seit der Entstehungsphase des aktuellen Albums zur Band gehört und dass sein gelegentliches Singen ein neues Element in der Musik von Long Distance Calling ist. Bislang hatten die vier anderen Bandmitglieder, die schon seit etwa acht Jahren miteinander musizieren – am Bass Jan Hoffmann, die beiden Gitarristen David Jordan und Florian Füntmann sowie Drummer Janosch Rathmer – lediglich Gastsänger verpflichtet, u.a. Katatonias Jonas Renkse, aber nur für einzelne, ausgewählte Songs, denn Long Distance Calling bedeutet in erster Linie instrumentale Musik. Lieder, die locker acht Minuten oder gar länger dauern. Vom Stil her irgendwas zwischen Prog Rock, Metal und Post Rock. Mir gefiel’s, ich war in ständiger Bewegung, die Melodien des Quintetts hielten mich auf Trab.

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Da Herrn Rathmers Schlagzeug nicht in der Bühnenmitte, sondern hinten links platziert war, konnte ich ihn gut sehen, sofern es die Lichtverhältnisse erlaubten, denn auch bei Long Distance Calling war die Beleuchtung zwar farblich unterschiedlich (je nach Lied rot, blau, grün oder gelblich-braun), aber eher gedimmt, was ich wie bei Junius sehr ansprechend fand.

Von jedem Album wurde mindestens ein Lied gespielt und auch „Metulsky Curse Revisited“ von der Split-EP „090208“ (zusammen mit Leech) war im Programm. Einer der Songs wurde als brandneu angekündigt und das nachgeschobene „I hope you like it.“ scheint zu bedeuten, dass dieses Lied so neu ist, dass es nicht Teil des letzten Albums ist. Ich ahne es schon, dass es nach diesem herrlichen Konzertabend jede Menge „neue alte“ Musik für mich zu entdecken gibt!

Weitere bislang bestätigte Auftritte von Long Distance Calling:
21.03.14 Athen (An Club)
22.03.14 Thessaloniki (Eightball Club)
18./19.07.14 Loreley, Night Of The Prog Festival

Richtig gute Fotos findet man dort.

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