Parachutes und Against Remain in Saarbrücken (JUZ Försterstraße, 18.01.14)

Die traurige Nachricht kam ohne Vorwarnung, völlig unerwartet. Ende November verkündeten die Parachutes (Ob der bestimmte Artikel vor dem Bandnamen überhaupt Sinn macht, frage ich mich seit meinem ersten Parachutes-Konzertbericht.) auf ihren Internetseiten, dass sie sich nach 12 Jahren, unzähligen Konzerten und vier veröffentlichten Alben auflösen werden. Zum Abschied gebe es ein allerletztes Konzert.
Begründet wurde der Schritt, der den miteinander befreundeten Musikern nicht leicht gefallen ist, damit, dass es zu kompliziert geworden sei, Band, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bekommen, und außerdem habe sich die Musikszene derart gewandelt, dass sich die Band inzwischen nicht mehr so richtig damit identifizieren kann und will. Bam, das hat gesessen, wieder eine großartige Band weniger!

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Jetzt schon denke ich ein wenig wehmütig zurück an das Konzert, dem immer noch kein anderes den Rang „kältestes Konzert ever“ streitig machen konnte, damals, Ende 2007 im Saarbrücker E-Werk. Mit Rise Against, Aiden, The Blackout und The Used teilten sich die Parachutes an jenem Abend die Bühne, bevor sie ein paar Jahre später in Luxemburg als Supportband für Bullet For My Valentine in der Rockhal für zufriedene Gesichter im Publikum sorgten. Auch der Headlinerauftritt beim Benefizfestival GaS goes Rock im letzten Jahr wird sicherlich nicht nur bei mir unvergessen bleiben.

Das Grande Finale des Bandbestehens wurde stilecht begangen mit einem allerletzten Konzert, das im Kleinen Klub der Garage stattfinden sollte. Da die Nachfrage die Kapazität des Raumes aber gesprengt hätte, was die Wertschätzung gegenüber den Parachutes deutlich zeigt, war die Abschiedsshow ins JUZ Försterstraße verlegt worden. Dort zierten Banner aus jeder Parachutes-Ära die Wände.

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Bevor sich die fünf zum letzten Mal gemeinsam auf der Bühne einfanden, hatten Against Remain aus dem Raum Merzig die Aufgabe, das Publikum schon mal in den richtigen Groove zu bringen. 50% der Band und die komplette Gitarrenfraktion ist weiblich, womit die vier – Nina Behr (Gitarre und Gesang), Anna Heinz (Gitarre), Timo Bone (Bass und Backgroundvocals) und Tom Bodewes (Schlagzeug) – noch bevor es losging, fast schon einen Bonuspunkt bei mir hatten, denn ich habe den Eindruck, dass ich Frauen viel zu selten auf der Bühne sehe.
Die Anfänge der Band reichen zurück bis ins Jahr 2006 und nach ein paar Bandnamen- und Besetzungswechseln waren zum Anfang der zweiten Dekade des neuen Jahrtausends Against Remain in der heutigen Besetzung startklar.

Kurz vorm Loslegen der Supportband trat Parachutes-Sänger Stefan Kinn zu den Musikern auf die Bühne und spielte den Moderator, indem er die Zuschauer begrüßte und ein paar herzliche Worte des Danks an sie richtete. So etwas ist sonst nicht üblich, passte aber hervorragend zum Ernst der Lage.

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Kaum hatten Against Remain nach dem Intro aus der Sample-Maschine ein paar Takte hören lassen, war klar, dass der Musikstil des Quartetts sich nicht so leicht in eine Schublade quetschen lässt; die Band bietet punk-alternative-rock-artige Klänge und hier und da eine Prise Metalriffs im Wechsel mit poppigem Passagen. Ninas Stimme ist dabei immer klar, gegrowlt wird anderswo.

Anna ging an ihrer Gibson Les Paul eher zurückhaltend und konzentriert zu Werke, aber es wäre auch schwierig, es mit Frontfrau Nina aufnehmen zu wollen, denn die beherrscht die Bühne und nimmt im wahrsten Sinn des Wortes großen Raum ein, während sie mit ihrer Squier Telecaster herumtobt, springt und hin und wieder durch ihre Gesten das Publikum zum Mitmachen anstachelt. Allerdings bin ich jetzt noch geflasht von Annas Gitarrensolo bei „Voices“ (?), wow!

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Die Sängerin verriet, dass es, als sie etwa 15 Jahre alt war, ihr großer Traum war, einmal mit den Parachutes die Bühne zu teilen, und dieser Wunsch war nicht erst an diesem Abend in Erfüllung gegangen, sondern bereits beim EP-Release-Konzert im November 2013, bei dem sich auch die Parachutes die Ehre gaben. Die acht Songs umfassende „Voices“-CD konnte man sich natürlich am Merch-Stand kaufen. Ganz schick im schwarzen Design präsentiert sich der Digipak, den man auch im Bandshop bei Bigcartel erwerben kann.

CD ARVon dieser EP stammen die meisten Lieder, die an diesem Abend gespielt wurden; lediglich „Certain“ und das letzte Lied, „Keep Your Friends“, sind schon etwas älter. Sie sind zu finden auf der EP „Getting Away From It All”, die man bei Bandcamp anhören und downloaden kann. Die Band bietet auch einen kostenlosen Download über Mediafire an. Auch zwei Promo-Songs können kostenlos und legal heruntergeladen werden: *klick*

Setlist AR„Daf#g“ ist so eine Art Statement, dass die Band sich selbst treu bleiben will und einfach ihr Ding macht. „We are who we are, we’re always the same, cause we’re Against Remain“. Gefällt mir.
Das Video zum Titeltrack „Voices“ soll in etwa zwei Wochen erscheinen und die Sängerin nutzte die Gelegenheit, um ihren Unmut gegen Leute aus dem politisch rechten Lager kundzutun, und forderte die Zuschauer auf, ebenfalls nicht still zuzusehen, sondern ihre Stimmen gegen die braune Pest zu erheben.
Im Lied „Clocks Disaster“ haben die jungen Leute die Tatsache, dass die Zeit immer so schnell vergeht, verarbeitet. Eben war man noch mitten in der Pubertät und – wusch! – befindet man sich im Erwachsenenalter und wundert sich, wo all die Zeit hingegangen ist.
Zum Abschluss sollte das Publikum den „oh oh oh“-Part von „Keep Your Friends“ mitsingen, und damit das gelingt, wurde zuerst ein wenig geübt und später, nachdem sich die Zuschauer in der Livesituation offenbar bewährt hatten, wurden alle kräftig gelobt. Das ist doch schön, wenn nicht nur die Band Applaus erntet, sondern wenn man auch als Zuschauer ein wenig gebauchpinselt wird! Selbstverständlich bedankte sich Nina auch mehrmals bei den Parachutes, und es wurde ganz deutlich, wie viel die Band ihr und den anderen Bandmitgliedern (und jedem im Saale) bedeutet.

Zum Vergrößern der folgenden Fotos einfach auf das jeweilige Bild klicken!

Relativ zügig wurde anschließend die Bühne für die Parachutes hergerichtet. Was muss das für ein Gefühl sein, ein letztes Mal gemeinsam als Band auf die Bretter, die angeblich so viel bedeuten, zu steigen?! Während das Intro mit Snippets aus vielen verschiedenen Parachutes-Songs lief, lagen sich die fünf Bandmitglieder – Stefan Kinn (Gesang), Carsten Jung (Gibson-Gitarre), David Halberstadt (Fender-Gitarre), Christian Hunsicker (Bass) und Stefan Schaus (Schlagzeug) – am Fuß der Treppe zur Bühne zum group hug in den Armen.

Danach folgte ein Post-Hardcore-Ohrenschmaus, der fast alle Schaffensphasen der Band berücksichtigte, mit Ausnahme des Debütalbums „And I Won’t Stop Until You’ve Lost Everything You Ever Loved”, das komplett links liegengelassen wurde. Wie schon bei den letzten Parachutes-Konzerten, die ich gesehen habe, startete das Programm gemächlich mit „Through The Mist” aus dem letzten Album „Blueprints“, aber direkt danach bekam das Publikum mit „Fists Up And Boots Off Motherfuckers“ aus dem Jahre 2008 eine ordentliche Portion Aggressivität und Screams um die Ohren gefetzt. So in etwa ging das weiter, man kann sich die Setlist ja selbst zu Gemüte führen.

Setlist ParaNatürlich darf so ein Abschiedsgig nicht reibungslos über die Bühne gehen: Stefans Mikro hatte schon nach kurzer Zeit ein paar Aussetzer und da Rütteln am Kabel nicht den gewünschten Effekt erzielte, musste es gegen ein anderes ausgetauscht werden. Aber die Parachutes wären nicht die Parachutes, wenn man auf so etwas nicht vorbereitet gewesen wäre – ganz die professionelle Band eben.

Bis kurz vor Ende des offiziellen Teils wirkte alles wie ein ganz normales Konzert – mit Ausnahme der vielen Fotografen vielleicht, die non stop ihrer Tätigkeit nachgingen und sogar auf die Bühne kamen, um manche Momente dieses einzigartigen Gigs aus ganz besonderer Perspektive festzuhalten. Es wurde viel mitgesungen, bei manchen Liedern wurde auch gepogt, sodass einige Zuschauer sich leicht erschreckt an die Ränder der herumspringenden Menschenmasse verzogen. Ich selbst war wie immer total gefangen von dem Bühnenprogramm, was das Wissen, dass nun die Parachutes zum letzten Mal live zu erleben waren, inklusive Kloßgefühl im Hals, ein wenig in den Hintergrund rückte. Auch die großgewachsenen, permanent mit einem Lächeln im Gesicht mitsingenden Herren aus dem Moshpit wirkten meistens so, als würden sie einfach nur die Geschehnisse auf der Bühne beobachten, so wie immer und so, als ob es das alles noch zigmal in der Zukunft gäbe: Stefan, der ins Mikro sang oder shoutete, häufig einen Fuß auf den Monitor gestellt oder in einem bestimmten Radius über die Bühne flanierend, Carsten, der die Saiten seines Schmuckstücks von Gitarre so berührte, als hätte er ein Lebewesen im Arm, ebenfalls ständig in Bewegung und manchmal auch die Backgroundvocals in sein Mikro singend oder im Hintergrund etwas trinkend und grinsend, wenn Stefan eine kleine Ansprache hielt, am Bass Chris mit den vielen schönen Tattoos an den Armen, fortwährend zwischen Schlagzeug und vorderem Bühnenrand hin und her pendelnd, David, der ziemlich energiebeladen seine Fender Telecaster bearbeitete und die meiste Zeit zwischen dem Monitor ganz links und dem Bereich noch weiter links, wo sein Pedalboard lag, unterwegs war, und Stefan, der mit der ihm eigenen Coolness aufs Schlagzeug eindrosch und die Samples zum Laufen brachte. Aber irgendwann musste das Ende ja kommen. Das endgültige Ende, falls diese Wortkombination Sinn ergibt.

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„The Watchers Report“ kündigte Vocalist Stefan mehrmals als das letzte Lied an, aber egal, wie stark er das betonte: Zu dem Zeitpunkt nahm das ohnehin niemand ernst, denn es war klar, dass die Paras nicht ohne Zugabe das Feld für immer räumen würden. Es war, wenn ich mich recht erinnere, auch bei diesem letzten Lied vor der Zugabe, als Stefan die Zuschauer bat, zu den Seiten zu treten und einen Gang in der Mitte freizulassen, damit alle, die das mochten, bei einer ganz bestimmten Textstelle Wall of death spielen konnten.

Ab diesem Moment wich das Ganze ein bisschen vom normalen Konzertgeschehen ab. Als erste Zugabe hatten die Parachutes „An Architects Heart“ (ein Bonussong des „Blueprints“- Albums) ausgewählt und wie bei der Originalversion war Matthias Braun von Surrender The Crown anwesend, um dieses Lied mit Stefan im Duett zu singen, wie schon im Mai 2013 beim Gas goes Rock. Der große Mann trug, dem Anlass entsprechend, ein Parachutes-T-Shirt und nutzte die Gelegenheit, um der Band zu danken und zum Ausdruck zu bringen, dass sie fehlen wird; der tosende Applaus des Publikums zeigte, dass die Leute vor der Bühne anscheinend dasselbe dachten.

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Bevor der Gastsänger die Bühne verließ, umarmte er alle Bandmitglieder herzlich, dann betraten weitere Gäste die Bühne, um den Refrain des folgenden Liedes „Vultures“ mitzusingen oder eher mitzuschreien, unter ihnen auch der junge Mann, der bereits im Dezember 2012 beim Konzert im Illinger JUZ auf die Bühne kam und kräftig mitgrölte.

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Beim nächsten Lied, „How Are You Feeling, Jimmy? Like A Mean Motherfucker, Sir!”, hüpften irgendwann zwei der Fotografen von links nach rechts über die Bühne, um sich ein Späßchen zu erlauben. Diese kleine Extra-Aufheiterung fand ich gut, denn man merkte schon, dass die fünf Musiker allmählich ihre Emotionen nicht mehr so gut verbergen konnten, andererseits wäre es aber auch bedauerlich gewesen, wenn dieses letzte gemeinsame Konzert ever sie kaltgelassen hätte. Das Publikum war bei diesem Lied dazu angehalten, zwei bestimmte Zeilen wie ein Militär-Chor zu singen, sobald Stefan diese Textstellen ins Mikro geröhrt hatte. Selbstverständlich wurde das vor Beginn des Songs ein bisschen geübt, damit jedem, der seine Stimmbänder dazu zur Verfügung stellen wollte und den Text nicht kannte, eine größere Treffsicherheit beschieden war.

Zum allerletzten Song ließ Sänger Stefan sich einmal quer durch die Zuschauer tragen, bevor er wieder auf der Bühne abgesetzt wurde und das war’s dann. Kollektives Dankeschön. Verbeugung Arm in Arm. Abgang.

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Die Bandmitglieder mischten sich sodann unter die Zuschauer und gaben Autogramme, ließen sich fotografieren, sprachen mit Fans und Freunden und wirkten durchaus ein wenig sentimental, während die Bühnenarbeiter irgendwann mit dem Aufräumen begannen. Für die Konzertbesucher, die der Band noch etwas in grafischer Form mitgeben wollten, lag am Merchandise-Stand ein Gästebuch bereit. Die zahlreichen Banner im Raum wurden nach dem Auftritt an diejenigen, die so ein überdimensioniertes Souvenir haben wollten, verschenkt und auf Wunsch auch signiert.

Nachdem der letzte Vorhang im Parachutes-Universum nun gefallen ist, bleibt mir nun nichts anderes übrig, als die Tränchen wegzuwischen und noch einmal danke zu sagen:

Vielen Dank, liebe Parachutes, für hervorragende Musik und unvergessliche Auftritte und natürlich auch für eure Gitarrengeschichten! Es war immer schön mit euch und ich hoffe, man wird den einen oder anderen von euch wie angekündigt in anderen Musikprojekten erleben dürfen. Macht’s gut!

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