Biffy Clyro in Luxemburg (Rockhal, 15.12.13)

Als irgendwann im Juli das Biffy Clyro-Konzert in der Rockhal in Esch-sur-Alzette angekündigt wurde, machte ich einen Luftsprung, denn bei der Auslosung für den Ticketkauf für das SWR3 New Pop Festival hatte ich ja kein Glück gehabt (auch wenn ich später doch noch Tickets auftreiben konnte, aber das wusste ich damals noch nicht) und sämtliche bis dahin bekannten Biffy Clyro-Konzerttermine im Spätherbst konnten von mir nicht wahrgenommen werden, weil alles zu weit weg war und mein Job es mir nicht erlaubt, mir dann Urlaub zu nehmen, wenn ich ihn brauche. Kein Wunder also, dass in Sachen Luxemburg nicht lang gefackelt wurde und ich, sobald der Ticketvorverkauf Ende Juli startete, Eintrittskarten orderte. Zu dem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, dass die drei (bzw. fünf) schottischen Musiker am Tag zuvor im nordfranzösischen Tourcoing auftreten und mir damit ein Wochenende der Spitzenklasse bescheren würden. Luxemburg liegt nämlich auf meinem Heimweg von Tourcoing, und so war es nach meiner Logik nur konsequent, beide Konzerte zu besuchen.

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Als ich gegen 14 Uhr bei strahlendem Sonnenschein in der Straße mit dem coolsten Namen überhaupt ankam, tummelten sich schon ein paar Leute vor den großen gläsernen Eingangstüren. So früh war ich bis dahin nur ein einziges Mal an der Rockhal gewesen, und zwar im Sommer 2007, als Placebo, HIM, Chris Cornell und etliche andere Künstler im Rahmen des Red Rock Festivals dort auftraten. Damals war allerdings gegen 14 Uhr schon Einlass, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. An diesem sonnigen Dezembersonntag war jedoch erst einmal fünf Stunden lang Warten angesagt, bis sich die Türen öffneten, und zwar im Schatten, da die Sonne hinter dem großen Gebäude stand. Immerhin hatte ich nun endlich einmal die Gelegenheit, die Reste der Industriebauten, die sich malerisch vor der Rockhal in die Höhe recken, zu fotografieren. Eine zweite Rettungsdecke, die ich in weiser Voraussicht eingepackt hatte, hielt die ärgste Kälte ab, wenn auch nicht die an den Füßen, die sich so anfühlten, als wären sie weder von einer Kunstfelleinlage nach unten hin abgeschirmt noch von Thermosocken umgeben.

Obwohl ich diesmal nur wenige Leute vor mir hatte und die Bühne in der Rockhal so breit ist, dass etliche Zuschauer in der ersten Reihe nebeneinander passen, schoss mein Adrenalinspiegel kurz vor 19 Uhr ganz schön in die Höhe. Es gab ja drei verschiedene Warteschlangen – was wenn Ähnliches passiert wie so oft an der Supermarktkasse, an der ich anstehe, dass z.B. ausgerechnet der Ticketscanner in „meiner“ Reihe nicht funktioniert?!
Über die Technik kann ich mich nicht beklagen, wohl aber über die zwei jungen Männer, die angeblich früh morgens schon dagewesen sind, sich den ganzen Tag nicht haben blicken lassen, sich aber kurz vor 19 Uhr ganz vorne zwischen die Wartenden hineinquetschten und trotz kleinen Wortgefechts keinen Platzverweis bekamen. So etwas ärgert mich dann schon.
Trotzdem ging alles gut und nach einem kleinen Slalom-Run um diverse Ordnungskräfte, die sich an verschiedenen Stellen mit ausgebreiteten Armen vor mir aufbauten und darum baten, nicht zu rennen, schloss ich das kühle Metall der Barriere vor der Bühne erleichtert in die Arme. Links natürlich, das hat sich inzwischen irgendwie so eingebürgert.

Nach der Mini-Halle vom Vortag bot der große Saal der Rockhal in Sachen Raumangebot das totale Kontrastprogramm. Die Bühne dort ist mindestens dreimal so breit wie die in Le Grand Mix und die Halle kann 6.500 Zuschauer fassen; der Raum war durch schwarze Vorhänge aber ein wenig verkleinert, also war die Rockhal nicht ausverkauft.

Auch die Bühne war durch einen schwarzen Vorhang verschmälert, um wie am Tag zuvor Bens Schlagzeug und Gamblers Keyboard sowie die von Biffy Clyro verwendeten Verstärker zu verdecken. Zunächst hatten ja – ebenfalls wie am Vortag – die vier Männer von Walking Papers ihren Auftritt. Der begann in Luxemburg schon um 19.45 Uhr, was ich, wenn ich an die Aufstehzeit am nächsten Morgen dachte, sehr schätzte. Ich denke, es wurden dieselben Songs wie in Tourcoing gespielt (siehe dort) und dieselben hellen Muster auf den Vorhang projiziert, und auch wenn mir die Musik nach wie vor sehr zusagte und mich sofort zum Tanzen brachte, fand ich es in der kleineren Halle mit der kleinen Bühne irgendwie gemütlicher, als die vier Musiker auf dieser recht großen Bühne, der zudem auch ein breiterer Fotograben vorgelagert ist (also größerer Abstand zwischen Band und Publikum), zu sehen.

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Sänger Jeff Angell kam der Zuschauermenge aber entgegen, indem er sich häufig mit seiner Gitarre auf die großen Boxen im Fotograben stellte. Das Instrument hinderte ihn übrigens nicht daran, gelegentlich mit Armen und Händen im Rhythmus zu gestikulieren oder den Mikrofonständer dementsprechend hin und her zu schwingen. Das steckt an, zumindest mich, denn ganz viele Leute bewegten sich so gut wie gar nicht, wodurch ich mir ein wenig komisch vorkam… Am Anfang von „Red And White“ flanierte Jeff Angell einmal von rechts nach links vor der Barriere vorbei und zog sich sogar direkt vor meiner Nase an der Metallabsperrung hoch, bevor er ein wenig später an anderer Stelle im Publikum abtauchte, um dort das Lied weiterzusingen. An den Blitzlichtern der Kameras und Handys konnte man gut erahnen, wo der Mann im roten Hemd sich gerade befindet, während direkt vor mir Duff McKagan den Bass bediente.

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Er hatte an diesem Abend eine ärmellose Jacke an, sodass man die Tattoos an seinen muskulösen Armen bewundern konnte. Manchmal kehrte der blonde Mann dem Publikum den Rücken zu, um anscheinend nonverbal mit dem Schlagzeuger Barrett Martin zu kommunizieren, der auch in Luxemburg Werbung machte für das Album „Walking Papers“, das es am Merchandise-Stand als CD und Schallplatte zu kaufen gab. Wie in Tourcoing stellte Jeff Angell seine Kollegen namentlich vor, beginnend mit Benjamin Anderson, der daraufhin noch ein wenig kräftiger in die Keyboardtasten schlug. Da er auf der anderen Seite der Bühne seinen Platz hatte, konnte ich nicht so viel von ihm sehen, aber jedesmal, wenn ich den Kopf ein Stückchen weiter nach vorne streckte, um mir Herrn Anderson anzuschauen, sah ich ihn auf seinem Hocker auf und ab oder hin und her wippen, als würde es ihm schwer fallen, beim Keyboardspielen sitzen zu bleiben. Schön, wenn eine Band ein solches Vergnügen am Darbieten der eigenen Musik zur Schau stellt!

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Nach etwa 45 Minuten war der Auftritt der Walking Papers zu Ende und Duff McKagan warf eine riesige Menge gelber Plektren in die Zuschauermenge – leider nicht dort, wo ich stand, sodass ich keine Beute machen konnte. Etwa eine halbe Stunde dauerte der Umbau für Biffy Clyro, dann wurde der schwarze Vorhang nach rechts und links zur Seite gezogen und die Damen von Sister Sledge brachten mich mit ihrem Klassiker „We are family“ erneut zum Tanzen, in dem Wissen, dass es nur noch zweieinhalb Minuten dauern würde, bis Simon Neil auf der Bühne erscheinen und das Biffy-Programm mit den gesungenen Worten „Baby when you hooooold meeeee“ einleiten würde, die blaue Fender vor dem nackten Oberkörper mit den vielen Tätowierungen.

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Aufgrund der großen Bühne hätten die beiden Männer, die zusammen mit Simon Neil, Ben Johnston und James Johnston musizieren – Gambler am Keyboard (der wie immer als Allererster seinen Platz einnahm) und Gitarrist Mike Vennart – theoretisch nicht hinter irgendwelche Amps gequetscht werden müssen. Trotzdem waren beide wie so oft im Hintergrund platziert, vermutlich weil die Band Biffy Clyro ja eigentlich ein Trio ist. Damit die Band den großen, ihr zur Verfügung stehenden Raum sinnvoll nutzen kann, war ganz links vorne ein Podest mit einem Mikrofon aufgebaut, auf das Simon ab und zu sprang, um sich so auch den Zuschauern ganz links etwas näher zu präsentieren, während er seinem Job nachging.

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Er hüpfte aber auch hin und wieder zu Ben ans Schlagzeug – zeigte währenddessen den Zuschauern seinen bunt tätowierten Rücken und ließ die Hüften kreisen –, wie auch Bassist James, der nicht weniger in Bewegung war als sein Freund und Bandkollege. Dennoch scheint der Mann mit den roten Locken andersartige Schweißdrüsen zu besitzen als Simon, der immer nach wenigen Liedern schon so durchnässt ist, dass es nur so von ihm tropft, während James auch am Ende des Konzerts noch trocken wirkt.

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Für mich völlig unverständlicherweise blieb das Publikum um mich herum nach wie vor recht statisch. Standen die alle da und schmachteten ehrfürchtig erstarrt die Musiker an oder was? Während des langsamen Anfangs von „Different people“  kann ich das ja noch nachvollziehen, aber spätestens bei dem schnelleren Part des Songs und anschließend in der „ That Golden Rule”-„Who’s Got a Match?”-„Sounds Like Balloons”-Reihe KANN man doch gar nicht stillstehen?! Wie schon weiter oben angemerkt fühlte ich mich mit meinen zwar auch nicht gerade wilden, aber permanenten Tanzbewegungen ein wenig unwohl in dieser trägen Masse. Aber mitgegrölt wurde ganz schön kräftig und der Applaus nach den Liedern war ebensowenig zu verachten wie die lautstarken „Mon the Biff“-Chöre, also schien es den Leuten gefallen zu haben.

Nach „Sounds Like Balloons“ fragte James die Zuschauer, ob alle Lust darauf haben, sich an diesem Abend ein wenig zu amüsieren. (Berechtigte Frage. Ob die Leute anderswo in der Halle auch Ölgötzen-Pantomime spielten?) Das Gejohle kann wohl als Zustimmung durchgehen – und der Lockenkopf am Bass richtete die Frage auch an Simon, worauf der meinte „To be honest I’m 50:50 right now“, nur um gleich darauf zu ergänzen, dass das Quatsch gewesen und er zu 200 f***ing % gut drauf sei. (Die bei „Biblical“ gesungenen Zusatzlyrics „nobody fucking knows“ – mit einer Stimme, als hätte er eine Portion Helium eingeatmet – scheinen diese Aussage zu bestätigen.)

Der später folgende Akustikteil, bei dem zwei Lieder lang nur Simon mit seiner Takamine-Gitarre auf der Bühne stand, war wie immer phänomenal. Der Musiker startete mit „The Rain“ – die Mitsinglautstärke ließ darauf schließen, dass nicht allzu viele Leute diese B-Seite kennen – und spielte dann „Folding Stars“. Bei diesem Klassiker beteiligte sich das Publikum wieder lautstark am Mitsingen.
Dieser Wechsel von leiseren, gefühlvollen Liedern – „God & Satan“, „Many Of Horror“ und „Opposite“ könnte man in dieser Rubrik auch nennen –, knallharten Rocksongs, bei denen einem die aggressiv aus der Gitarre geschrammelten Riffs nur so um die Ohren fliegen, und Liedern, die irgendwo zwischen diesen Extremen liegen und bei denen man den Übergang von Zart zu Hart innerhalb des Songs findet, stellt für mich das Besondere an der Musik von Biffy Clyro dar. Man kann schmachten und herumzappeln und hat immer einen mitreißenden Refrain, den man leicht mitsingen kann.

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Ein Vorteil der großen, weit nach hinten reichenden Bühne liegt meiner Ansicht nach darin, dass die Lichteffekte besser zur Geltung kommen als bei einer winzigen Bühne. Gerade diese in mehrere Einzelstrahlen aufgespaltenen Lichtkegel, die von anderen Lichtkegeln dieser Art überlagert werden, sehen so toll aus, bei „Black chandelier“ zum Beispiel!

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Ab und zu war das Licht aber ein paar Sekunden lang so dermaßen grell blinkend, dass ich die Augen schließen musste. Ansonsten hätte es mich, glaube ich, aus den Latschen gehauen. Und ich meine jetzt nicht die blinkenden Lichter in den Händen der Musiker am Anfang von „Glitter and trauma“, in die man natürlich auch nicht direkt blicken sollte, sondern die normale Bühnenbeleuchtung.

Apropos „Glitter and trauma“: Dass dieses Lied für mich ein Ohrenschmaus ist, habe ich, glaube ich, schon mehrmals erwähnt. Ein Augenschmaus ist die Liveperformance dieses Songs, bei der die Bewegungen der Beteiligten offenbar nach festen Regeln ablaufen, aber auch immer… gerade der Anfang, wenn Simon und James sich ganz nah gegenüberstehen und der eine dem anderen manchmal sogar am Instrument zupft… Das hat fast schon Molsdal-Charakter, aber hierzu gehe ich jetzt nicht mehr in die Tiefe.

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Was die gespielten Lieder betrifft, war das Konzert in Luxemburg natürlich so ähnlich wie das in Tourcoing. Aber eben nur ähnlich und nicht gleich. Statt „Little hospitals“ hatten die Schotten „The Joke’s On Us“ im Programm, worüber ich mich freute, weil ich dieses Lied seit dem Taubertal-Festival nicht mehr live gehört habe. An der Stelle, an der in Frankreich offenbar spontan „There’s No Such Thing As A Jaggy Snake“ performt wurde, gab es in Luxemburg setlist-gemäß „Woo Woo”, nett angekündigt durch einen woo-enden Simon.

Selbst wenn haargenau dieselben Songs dargeboten worden wären, wie das bei anderen Bands der Fall ist, hätte ich den Auftritt dennoch genossen, denn Simon, James und Ben beim Musizieren und der Freude, die sie dabei ausstrahlen, zuzuschauen, ist zumindest im Moment etwas, was so viele Glücksgefühle wie kaum etwas anderes in mir auslöst. Bloß doof, dass es mit Biffy Clyro-Konzerten für mich bis zum April erst einmal vorbei ist, es sei denn, es wird doch noch der eine oder andere Gig in erreichbarer Entfernung angekündigt, was ich aber fast nicht glaube. Da hilft nur folgendes: „Opposites – Live from Glasgow“ anhören, YouTube-Livevideos und Fotos (am besten die selbstgeknipsten – awwww, memories!) anschauen und mich hin und wieder quer durch meine eigenen Reviews lesen… Ich glaube, damit lässt es sich eine zeitlang über Wasser halten.

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Zum krönenden Abschluss des Konzerts warf Simon seinem Gitarrentechniker offenbar ohne Vorwarnung die Gitarre im hohen Bogen zu. Der Mann schaute ein klein wenig verdutzt, fing das gute Fender-Stück aber auf. Ben kam nach vorne und verteilte ein paar Drumsticks an die Zuschauer, Plektren wurden in die Menge geworfen, man bedankte sich und mit den Worten „We are Biffy – Pause – Clyro“ verabschiedete sich Simon, ein Lächeln im Gesicht.

Folgende Lieder wurden in Luxemburg gespielt:
Different People
That Golden Rule
Who’s Got a Match?
Sounds Like Balloons
Biblical
All the Way Down: Prologue Chapter 1
God & Satan
Glitter and Trauma
Bubbles
Spanish Radio
The Joke’s On Us
The Rain
Folding Stars
Living Is a Problem Because Everything Dies
57
Many of Horror
Modern Magic Formula
Black Chandelier
Woo Woo
The Captain
——————————-
Opposite
Stingin‘ Belle
Mountains

Eine Übersicht über sämtliche Artikel über Biffy Clyro in „Luzies Welt” findet man dort: *klick*

Zum Vergrößern der folgenden Fotos einfach auf das jeweilige Bild klicken!

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