Placebo in Antwerpen (Sportpaleis, 07.12.13)

„Ich werde gefallen“ – so lautet die wörtliche Übersetzung der lateinischen Verbform placebo und so gesehen haben die Herren und die Dame um Brian Molko in Antwerpen ihrem Bandnamen alle Ehre gemacht, denn das Konzert war fantastisch – es gefiel mir besser als die Shows in Köln und Frankfurt, die zwar nicht schlecht waren, aber irgendwie wollte der Funke dort nicht so richtig überspringen. Antwerpen hat, um bei dem Bild zu bleiben, immerhin ein kleines Feuerchen in mir entfacht.

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Meine Freundin und ich starteten unsere mehrstündige Autofahrt bei leichtem Schneefall und Temperaturen um den Gefrierpunkt und stellten unterwegs fest, dass es laut Thermometer im Armaturenbrett etwa alle 50 km um 1°C wärmer wurde – raising the temperature one hundred – ähm – nine degrees! Die letzte Etappe zum Sportpaleis legten wir mit der Tram zurück, deren Fahrtroute durch ein paar wenig vertrauenerweckende Stadtviertel führte. Für unsere Verhältnisse kamen wir erst relativ spät, etwa eine Stunde vor Öffnung der Türen, an der etwa 20.000 Leute fassenden Arena an und waren dennoch relativ cool. Irgendwie war es uns klar, dass wir diesmal nicht auf einen Spitzenplatz hoffen konnten. Die Anordnung der Metallbarrieren und der Wartenden brachten uns erst einmal ins Grübeln, nach welchem Prinzip der Einlass ablaufen würde und wo man sich dort überhaupt anstellen muss. Uns schien es am günstigsten, einfach irgendwo in der Mitte zu bleiben und abzuwarten, was später geschieht, und die Reihen aus Konzertbesuchern, die sich allmählich bildeten, zeigten uns, dass unsere Idee gut war.

Warum sich mir nach Öffnung der Tore mal wieder einige Männer bei meinem Run in den Bauch der riesigen Halle in den Weg stellten und mich so vom Flitzen abhalten wollten, ist mir schleierhaft. Schließlich waren ganz viele Leute im Eiltempo unterwegs, ohne dass bei denen jemand auf Rugbyspieler machte, und da etliche vor uns Einlass erhalten hatten, weil sie schon früher da gewesen waren und näher an den Türen gewartet hatten, hatte ich es ziemlich eilig. Trotzdem war gaaaaaanz links an der Barriere noch Platz, direkt vor den großen Lautsprecherboxen. Von diesem Platz aus würden wir weder Fiona Brice an Violine und Keyboard noch Steve Forrest am Schlagzeug sehen, das war sofort klar, denn die Boxen waren ja nicht durchsichtig. Testweise stellte ich mich daher weiter in die Mitte, aber die vielen Köpfe und Schultern vor mir machten mir schnell deutlich, dass der Platz ganz links außen eben doch die bessere Alternative ist.

Abgesehen davon, dass in Antwerpen alles 30 Minuten später begann, lief der Abend fast genauso ab wie in Köln und Frankfurt: Mit „Young blood“ von The Naked And Famous startete die Hintergrundmusik, die offenbar genauso oft gewechselt wird wie die Setlist, und als „Missing pieces“, der erste Song vom Jack White-Album „Blunderbuss“, eingespielt wurde, war es klar, dass es noch eine ganze Weile dauern würde – so lang, wie das komplette Album dauert, plus ein paar weitere Songs –, bis die Vorband Toy vor den Augen der Zuschauer erscheinen würde.

Die fünf jungen Leute spazierten wie üblich einer hinter dem anderen zu ihren Plätzen auf der Bühne, angeführt von Alejandra Diez im schwarzen Minikleid, die den weitesten Weg hatte, da ihr Keyboard auf der rechten Seite der Bühne stand. Links neben ihr hatte Bassist Maxim Barron seinen Aktionsradius. Der Mann mit den langen blonden Haaren sang auch ab und zu, aber der Hauptsänger von Toy ist Tom Dougall, der links neben dem Mann am Bass seine Position hatte und auch Gitarre spielt. Er ist aber nicht der Einzige, der stark verzerrte Gitarrenriffs liefert, denn ganz links hatte Dominic O’Dair, ebenfalls Gitarrist, seinen Platz, sodass die vier wie die Perlen an einer Kette aufgereiht waren. Hinter ihnen in der Mitte ging Schlagzeuger Charlie Salvidge seiner Tätigkeit nach. Viel gesprochen wurde mit den Zuschauern mal wieder nicht, das hätte aber auch nicht zu den übercoolen, leicht distanziert wirkenden Musikern gepasst; das Wenige, was Tom Dougall zwischen den Songs von sich gab, war aufgrund seines meiner Ansicht nach ziemlich heftigen englischen Akzents gar nicht so leicht zu verstehen.

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Die fünf scheinen eine Vorliebe für spärliche Bühnenbeleuchtung zu haben. Dass die dadurch erzeugte Atmosphäre zur psychedelisch angehauchten shoegazeartigen Musik passt, aber Gift für meine Kamera ist, habe ich schon in meinem Bericht über das Konzert in Frankfurt erwähnt. Darin wurde auch deutlich, dass mir die Musik des Quintetts, das gerade das zweite Album, betitelt mit „Join the dots“, auf den Markt gebracht hat, gefällt. Die Chancen stehen also gut, dass ich mir Toy noch einmal anschauen werde, wenn sie im März und April für einige Konzerte nach Mitteleuropa zurückkehren. Alle Tourdaten findet man auf Songkick.

Nett fand ich, dass die ersten Reihen während der Umbauphase von den Sicherheitsleuten Becher mit Wasser erhielten. Trotzdem mussten im Laufe des Abends ein paar Leute aus der Menge herausgezogen und medizinisch versorgt werden. Gegen 21.40 Uhr stoppte die Hintergrundmusik abrupt und zu den Intro-Klängen von „B3“ erschien zuerst Steve Forrest und dann der Rest der Placebo-Mannschaft auf der Bühne.

In Sachen Setlist (*klick*) und die Bühnenoutfits betreffend war bei Placebo alles beim Alten, aber schon Brians recht früh geäußerte Worte „Look at all the people here toniiiiight” erweckten den Eindruck, dass der Sänger an diesem Abend gut gelaunt war, und tatsächlich war er viel gesprächiger als bei den beiden anderen Konzerten, die ich in diesem Herbst gesehen habe, hatte viel mehr Feuer unterm Hintern und baute bei „Song to say goodbye“ sogar das „arrivederci“ ein. Selbst die Molko-typischen Posen, die ich bei den beiden anderen Konzerten ein wenig vermisst hatte, erlebten eine Rückkehr und als im Zugabenteil die ersten Klänge von „Post blue“ zu hören waren, tanzte Brian ein wenig dazu.

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„Too many friends“ ist nach Aussage von Brian „a true story“ und bei der Liveperformance, während der Ausschnitte aus dem Video über die Videotafel an der Bühnenrückwand flimmerten, hat es sich anscheinend eingebürgert, dass er „What’s the difference anyway / When all YOU people do all day / Is stare into a phone“ singt. In Antwerpen hob Stefan Olsdal, der bei dem Lied Keyboard spielt, bei dieser Textstelle seine Hände von den Tasten weg, um seine Zeigefinger demonstrativ auf die Menge zu richten, während ihm einige Leute im Publikum nicht weniger demonstrativ ihre Smartphones entgegenreckten.

Brian, dessen Stimme einwandfrei klang, kündigte ein Lied als „a song about transgression“ an, ich glaube, das war „Scene of the crime“. Während ich versuchte, bei diesem Song wie Fiona und Stef im Rhythmus zu klatschen, rechnete ich damit, dass jeden Moment wie in Köln und Frankfurt der Vorhang, der von unten wie die Schneide einer Guillotine aussieht, fallen würde…

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…aber das Ding blieb oben und meine Stimmung wurde daher nicht geköpft. Kaum war dieses Lied zu Ende und „A million little pieces“ begann, kam die Gardine aber heruntergefahren und blieb wie gehabt bis in die Hälfte von „Speak in tongues“ in dieser Position und auch später bei „Space monkey“ und „Blind“ war diese Barriere zwischen Publikum und Band wieder da. Irgendwelche Lichteffekte, die an die Gestaltung des Albumartworks erinnern sollen, wie manche meinen, konnte ich nach wie vor nicht erkennen. Lediglich einmal kurz wurde ein großer Brian-Schatten erzeugt, das sah schon gut aus, aber der ungehinderte Blick auf das Original ist mir trotzdem lieber.

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Deshalb war ich sehr dankbar, dass auch bei „Special K“ diesmal der „Duschvorhang“ nicht den Blick auf die Bühne versperrte und es machte wieder so richtig Spaß, auf Brians Geheiß das „Badababababadada“ zu singen. Danach schloss sich die Gardine allerdings, und während ich noch rätselte, ob jetzt neuerdings das laut never-changing Setlist folgende „The bitter end“ mit Sichtschutz gespielt wird, verschwand Brian zu seinem Gitarrentechniker und aus meinem Gesichtsfeld, Stef trat nach vorne und schwuppdiwupp hob sich der Vorhang wieder, natürlich mit entsprechender Gestik des Herrn Olsdal, und das Spielchen „Welche Seite kann lauter schreien?“ begann. Die im Bereich des Techniker-Eckchens aufsteigenden Qualmwolken ließen keinen Zweifel daran, welcher Tätigkeit Brian dort nachging, bevor der Mann aus Schweden ihn, indem er die Anfangsakkorde von „The bitter end“ mit seiner schwarzen Gibson erzeugte, auf die Bühne zurückbeorderte.

Auch in Belgien fiel mir Stefs Elan und seine offensichtliche Freude am Tun positiv auf. Der große, dünne Mann verließ häufig seinen Platz vorne rechts, um sein Bass- oder Gitarrespiel vor Steve fortzusetzen oder auch vor Nick Gavrilovic, der die meiste Zeit rechts von dem tätowierten Drummer im Hintergrund auf den verschiedensten Gitarren spielte. Manchmal kam der Gitarrist aber auch ganz nach vorne, während Bill Lloyd es vorzog, im Hintergrund zu agieren.

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Bei „Meds” zog Brian den Schluss wieder so schön wie früher in die Länge – „trying my best not tooo-hoooo hooo-hooooooo-hoooo“ –, schaute in rotes, dann in blaues Licht getaucht, um ihn herum Dunkelheit, das applaudierende und johlende Publikum so richtig herausfordernd an und schenkte der Masse eine Art anerkennendes Nicken, bevor er „fooorgeeet“ nachschob und mit einem letzten Schlag in die Gitarrensaiten das Lied endgültig beendete.

Ganz ähnlich handhabte er das ein paar Lieder zuvor, bei „Speak in tongues“. Bei diesem Lied lässt der Musiker sich ja auch gerne feiern, bevor er das allerletzte Wort singt und den Schlussakkord auf seiner Gitarre spielt. Dieser kam in Antwerpen in Affenlautstärke und besonders lang anhaltend daher. Da ging wohl der Schalk ein bissl mit Brian durch.

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Die beiden Frontmen bedankten sich mehrmals beim Publikum und auch der Abschied ganz am Schluss fiel sehr herzlich aus. Es ist bestimmt ein ergreifender Anblick, eine solche riesige Halle so gut gefüllt zu sehen. Auch im Bereich der Sitzplätze schienen kaum Lücken zu existieren. Die Zuschauer ganz hinten hatten den Vorteil, dass sie die Visual Effects auf den diversen Vorhängen aus der Ferne richtig gut erkennen konnten. Die Besucher in den ersten Reihen nahmen diese Animationen und Lichtspiele vermutlich nur am Rande wahr, weil ihr Fokus, sofern sie so gepolt sind wie ich, auf dem Betrachten der Musiker gelegen haben dürfte, wenn man die Herrschaften schon einmal direkt vor der Nase hat. Damit auch die Zuschauer weiter weg ein bisschen mehr von Brian & Co. mitbekamen, übertrugen Kameras bewegte Bilder auf die beiden Videotafeln, eine links, eine rechts von der Bühne. Allerdings sah ich jedesmal, wenn ich aus purer Neugier meinen Kopf in Richtung Videotafeln neigte, nur schwarz-weiß.

Ich bin ein wenig erleichtert, dass das Konzert in Antwerpen die Glückshormonmaschinerie in mir etwas nachhaltiger angekurbelt hat als die Shows in Köln und Frankfurt, die zwar auch gut waren, mich aber nicht so geflasht haben, wie das sonst bei Placebo immer der Fall war, vermutlich weil der Meister himself, Brian Molko, so emotionslos wirkte. Von den verbleibenden Konzerten in diesem Jahr kann ich leider keines mehr besuchen, allerdings wird das Konzert in Paris bei Arte Liveweb zu sehen sein. Vielleicht habe ich ja Glück und kann Placebo im Jahr 2014 noch einmal live erleben. Eventuell gibt es dann auch eine neue Setlist, die nicht mehr ganz so „Loud like love“-lastig ist…

Mit Fotos von Fiona und Steve kann ich diesmal leider nicht dienen, weil ich die beiden, wie bereits erwähnt, nicht sehen konnte.

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