Placebo in Frankfurt (Festhalle, 27.11.13)

Placebo, die Zweite für dieses Jahr! Als ich vor Monaten (im Mai!) das Ticket für das Konzert in Frankfurt kaufte, hatte ich ganz schön Schiss, dass der November sich wettermäßig von seiner typischen Seite zeigen und mir das Konzert infolge unmöglicher Anreise vermasseln würde. Zum Glück gab es an diesem Mittwoch aber weder Schneefall noch Eisregen, sodass ich völlig unkompliziert nach der Arbeit bei Temperaturen knapp unter 0°C nach Frankfurt zuckeln konnte. Noch nicht ‚mal ein Stau machte mir das Leben schwer – nur ich selber mit meiner ewigen Panik, dass mein Blick, sobald ich am Eingangsbereich der Festhalle Frankfurt aufkreuzen würde, auf eine unüberschaubare Menge an wartenden Konzertbesuchern fallen würde, wie damals bei den Ärzten oder bei Eric Clapton. Gegen 16.30 Uhr tummelte sich dort aber nur ein kleines Grüppchen, weswegen ein guter Platz in der Halle – für mich Knirps essenziell – fast schon garantiert war. Wenn es nur nicht so kalt gewesen wäre, uuuuh! Trotzdem verging die Zeit bis zum Einlass um 18 Uhr relativ rasch, es waren ja genügend Bekannte da, mit denen man quatschen konnte und die genauso froren. Geteiltes Leid… Da hinter der letzten Tür, die passiert werden musste, um in den Innenraum zu gelangen, ein rot-weißes Absperrband den Zugang zum vorderen Bereich der großen Halle auf direktem Wege unmöglich machte (es sei denn, man wollte bissl Stress mit der Security), war jeder, der es ähnlich eilig hatte wie ich, spätestens nach der Extrajoggingrunde einmal um den ersten Wellenbrecher herum bis zur vordersten Barriere gut aufgewärmt. Mir ist das ja schon irgendwie peinlich und ich hoffe jedesmal, wenn ich mal wieder am Flitzen bin, dass niemand mit einer Kamera da steht (denjenigen würde ich in dem Moment eh nicht wahrnehmen) und das Ganze später irgendwo im Internet, auf einer der Bandseiten zum Beispiel, veröffentlicht…

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Hätte Brian Molko unmittelbar nach dem Einlass irgendwo auf den Rängen gestanden (Vielleicht hat er das ja tatsächlich.) und von dort in die Zuschauermenge geblickt, hätte er sich in seinem Lamentieren, dass alle ständig auf ein Smartphone-Display glotzen, sicherlich bestätigt gefühlt, denn bis auf wenige Ausnahmen wurde um mich herum getwittert, gefacebookt und gewhatsappt wie irre. Ich kann es aber schon ein bisschen verstehen, dass vor allem diejenigen, die allein dort waren, in ihrer Freude nicht dem nächstbesten Menschen um den Hals fielen, sondern sich lieber ihren Bekannten am anderen Ende der nicht vorhandenen Leitung mitteilten. Außerdem mussten oder wollten die Daheimgebliebenen, die gerne mitgekommen wären und dies aus den verschiedensten Gründen nicht konnten, ja informiert werden und bevor wichtige Gedanken angesichts der zu erwartenden Flut an Eindrücken verloren gehen, schickt man die doch lieber gleich ab, oder? Sobald die ersten Musiker auf der Bühne standen, wurden die social networks von den meisten Leuten um mich herum aber beiseitegeschoben und der Blick richtete sich vom Display auf die Bühne…

…außer vielleicht der Blick von denjenigen, die schnell feststellten, dass sie mit der Vorband Toy nicht so viel anfangen können und sich, um der Langweile zu entgehen, dann doch wieder einloggten. (Das erinnert mich an das Mädchen, das einmal in der Rockhal neben mir stand und sich mit irgendwelchen Ballerspielen vergnügte, während die ganz passable Vorband mich ins Gitarrenparadies katapultierte.) Ich mochte die Musik von Toy ja bereits in Köln und fand es daher nicht verkehrt, dass ihr Auftritt diesmal sogar gut 10 Minuten länger dauerte. Dass das zum Teil repetitive Gitarrengeschrammel nicht jedermanns Sache ist, kann ich allerdings ein bisschen nachvollziehen, aber die Band hat auch eingängigere Songs in ihrem Repertoire wie zum Beispiel „Dead & gone“ oder „Motoring“, bei dem mich die Gitarren am Anfang sogar ein wenig an The Cure erinnern. Trotz der blinkenden Lichter war es relativ dunkel (meine Ausbeute an Fotos ist dementsprechend gering) und ich finde, dass die Lichtstimmung recht gut zur Musik passte.

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Sänger und Gitarrist Tom Dougall wandte ab und zu dem Publikum seinen Rücken zu, kniete sich vor den Monitor und erzeugte allerhand schräge Geräusche, indem er seine Gitarre davor hin und her bewegte, während Dominic O’Dair mehr oder weniger wild seine eigene Gitarre bearbeitete und Maxim Barron aus seinem Bass alles herausholte, häufig den Kopf gesenkt und die langen blonden Haare so vorm Gesicht, dass man es zumindest von der Seite nicht sieht. Außer den Dreien gehören zur Band der Schlagzeuger Charlie Salvidge und die Keyboarderin Alejandra Diez, von der ich, weil sie ganz am anderen Ende der Bühne ihren Platz hatte, bis auf ihren in einem sexy Kleid steckenden Rücken meist nur wenig sehen konnte.

Tom Dougall redete so gut wie gar nicht mit den Zuschauern (Bei wem hat er das wohl gelernt?), kündigte lediglich einmal ein Lied als neuen Song an und sprach später ein weiteres mal kurz zum Publikum, aber in solch breitem britischem Akzent, dass ich Schwierigkeiten hatte, ihn zu verstehen und eigentlich schon wieder vergessen habe, was er sagte. Ich glaube, er nannte den Namen seiner Band, bedankte sich bei Placebo, so etwas in der Art… Ein bisschen schrullig wirken die fünf, die im Gänsemarsch auf die Bühne kamen und zum Schluss in derselben Formation wieder abdackelten, ja schon. Am 6. Dezember kommt ihr zweites Album „Join the dots“ in Deutschland auf den Markt und das werde ich mir auf jeden Fall einmal anhören.

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Wie schon beim Konzert in Köln fühlte ich mich durch die Musikwahl in der Umbauphase und in der Zeit, bevor Toy ihren Auftritt hatten, „wie zu Hause“, denn die meisten Songs sind genau dieselben, die seit der Tour 2009 gespielt werden, „Punching in a dream“ von The Naked and Famous zum Beispiel. Das geht bei mir schon so weit, dass irgendetwas in mir sofort auf Placebo-Konzert-Stimmung umschaltet und diesen angenehm aufgeregten Zustand auslöst, wenn ich zufällig irgendwo dieses Lied höre.
Bevor die Vorband loslegte, lief – wie so oft – das komplette „Blunderbuss“-Album von Jack White; dass die Wahl dieses Meisterwerks für die musikalische Untermalung der Wartezeit eine geniale Entscheidung ist, habe ich, glaube ich, zum ersten Mal beim Placebo-Konzert im Londoner „IndigO“ geäußert, damals war das Album von Herrn White krachneu und dass ich ausgerechnet DAS in diesem Moment hören durfte / musste, heizte meine Euphorie damals nur noch an. Es wirkt immer noch!
Neu ist jedoch u.a. dieses eine Flötenstück, was auch immer das sein mag, das als dritt- oder viertletztes Lied zu hören ist, bevor Placebo auf die Bühne kommen. Darüber muss ich eher schmunzeln und ich kriege die Vorstellung nicht aus dem Kopf, dass ein gewisser Musiker bei diesen Klängen backstage im Lotussitz hockt und meditiert, während ihm aus dem Rücken zwei weitere Arme wachsen, deren Hände irgendwelche Mudras formen. Aber Schluss jetzt mit meinen wirren Fantasien, zurück zur Realität!

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Gegen 21.10 Uhr wurde die Musik plötzlich abgewürgt und zum Intro von „B3“ betrat zuerst Drummer Steve Forrest die Bühne, wie üblich mit einem breiten Grinsen im Gesicht und „oben ohne“, dann folgten die fünf anderen: Brian Molko und Stefan Olsdal, Fiona Brice, Nick Gavrilovic und Bill Lloyd, alle schick in Schwarz.

„Show me / teach me how to feel“ scheint jetzt offenbar der gängige Text anstelle von „help me start to heal“ zu sein und zumindest ich brauchte an diesem Abend keine Nachhilfe in Sachen Emotionen, denn ich war von Anfang an ziemlich begeistert und kann auch jetzt nur feststellen, dass dieses Konzert meiner Ansicht nach um Längen besser war als das in Köln. Allerdings bin ich nicht imstande zu erklären, woran es liegt, dass ich so anders empfinde, denn die gespielten Songs waren haargenau dieselben (*klick*) – alles andere hätte mich auch sehr gewundert –, Brians Stimme klang wie in Köln einwandfrei (Der Sänger hielt seine Kehle ja auch schön warm mit irgendeiner Flüssigkeit aus einer Thermoskanne – Tee vermutlich –, die er ausgiebig konsumierte.) und dass er außer einem „Dankeschön“ noch dreimal irgendetwas ins Mikro murmelte, was man als „Thank you“ interpretieren kann, macht den Bock ebensowenig fett wie die paar angedeuteten Lächler. Anscheinend war einfach die Atmosphäre in der etwa 15.000 Leute fassenden und gut gefüllten Festhalle besser, denn die anderen Mädels, die auch schon in Köln waren, empfinden ähnlich wie ich.

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Da die Bühne ein Stückchen höher war als die in Köln, habe ich von den am Boden stehenden Monitoren relativ wenig mitbekommen, die lagen einfach nicht so recht in meinem Blickbereich. Das macht aber nichts, denn sämtliche Projektionen sind mir ohnehin relativ schnuppe. Ich will ja die Band sehen. Was da an bunten Bildern über die hintere Wand oder den Vorhang oben hinten flimmerte, gefiel mir trotzdem ganz gut, sei es das Konterfei irgendeines Bandmitglieds in surrealer Farbgebung oder einfach irgendwelche blinkenden Streifen oder bizarre Muster, die manchmal an Sonnenaufgänge oder Wolkenformationen erinnerten.

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Derjenige, dem meiner Ansicht nach ein ganz dickes Lob gebührt, ist Stefan Oldsal, der manchmal so richtig strahlte und deshalb auf mich so wirkte, als ob er das Gitarre-, Bass- und Keyboardspielen total genießt. Es ist sowieso eine Freude, ihm zuzusehen; gerade weil er so groß und so dünn ist, sehen seine Bewegungen an den Saiteninstrumenten so außergewöhnlich aus, und er kam ab und zu auch an den linken Bühnenrand, der ja zu Brians Bewegungsradius gehört, oder rockte vorm Schlagzeug oder Instrument an Instrument zusammen mit Bill oder Nick, der gelegentlich seinen Platz neben den Drums verließ und etwas weiter nach vorne kam. Außerdem spielte er mit der Zuschauermenge wieder dieses „Welche Seite kann lauter schreien?“-Spiel und ermöglichte es Brian so, mal kurz in der Versenkung zu verschwinden und sich einen Glimmstengel zu gönnen. Clever!
Unvergessen bleibt auf jeden Fall auch Stefs „I love you“-Lippenbewegung, als er ganz am Schluss des Konzerts zum linken Bühnenrand kam und sich dort verbeugte. (Dieses stumme Bekenntnis gab es übrigens auch schon in Köln und ich hatte den Eindruck, dass es von Herzen kommt.)

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Fiona musizierte und wirkte wie immer total souverän, wenn auch etwas streng und unterkühlt, wobei „professionell und hochkonzentriert“ vielleicht die freundlichere Wortwahl wäre, sei es an der weißen E-Violine, am weißen Keyboard oder einfach den roten Schellenring in der Hand Backgroundvocals singend. Ganz oft sang auch Steve, der nach wie vor wie das Duracell-Häschen am Schlagzeug wirbelt und nach dem Auftritt einige glücklich machte, indem er ein paar Drumsticks in die Menge warf.

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Dann wäre da noch der „Duschvorhang“, ach ja… Ich habe mich ja schon in meinem Bericht über das Konzert in Köln darüber ausgelassen, wie unnötig und eher ärgerlich ich dieses Ding finde, vor allem weil es bei so vielen (zu vielen!) Liedern die Bühne total abschottet. Gerade bei den neuen Songs „Scene of the crime“ und „A million little pieces“ stört es mich doch sehr, dieses transparente Teil da vor der Nase baumeln zu haben. Schon in Köln musste ich unweigerlich an die Szene aus dem Film „Blues Brothers“ denken, als Jake und Elwood in Bob’s Country Bunker spielen. Dort hat der Vorhang eine Funktion, die sich sofort erschließt… und die Placebo-Gardine weckt in mir das Bedürfnis, mich ähnlich zu verhalten wie die Leute im Film, während „Gimme some lovin‘“ gespielt wird. Auch meine Fantasie kann mich hier nicht retten, denn so sehr ich mich auch anstrenge, mir Brian Molko beim Duschen vorzustellen – FAIL! Ich sehe ihn immer komplett angezogen und mit der Gitarre in der Hand in der Dusche stehen, während er den Vorhang zuzieht und „It’s between you and me“ singt. Hmpf.

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Schön war auf jeden Fall „Meds“, insbesondere der Anfang und der Schluss des Liedes, und „Purify“, das auch auf dem „Loud like love“-Album hervorsticht, wirkt live richtig gut. „Exit wounds“ mag ich ebenfalls sehr, aber ich konnte es, weil da gerade der Vorhang-Groll am Verfliegen war, irgendwie nicht so recht genießen. Bei den Zugaben hat sich ja wenig geändert, insofern schreibe ich jetzt wahrscheinlich zum x-ten Mal, dass ich den Abschluss mit den zwei starken Songs „Post blue“ und „Infra-red“ total gelungen finde. Ich bin da immer ganz ausgelassen und guter Laune, weil ich beide Lieder so mag, auch wenn ich weiß, dass das Ende des Konzerts naht. Aber indem ich diese Worte schreibe, erlebe ich das Ganze – ein wirklich gelungenes Rockkonzert – ja quasi noch einmal.

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6 Antworten zu Placebo in Frankfurt (Festhalle, 27.11.13)

  1. Anne schreibt:

    Hi Luzie

    wie immer ist Dir ein farbenfroher und emotionsgeladener Review gelungen.
    Es ist einfach ein großer Genuss Deine Berichte zu lesen.

    Anne

  2. luuuzie schreibt:

    Danke, Anne!
    Eine solche Rückmeldung zu lesen, freut mich und das motiviert mich total!

  3. Kat schreibt:

    Hallo Luzie,
    vielen Dank für deine Konzertreview. Kann mich Anne nur anschließen – ich lese auch immer gern deine Berichte hier und wollte dir schon öfter ein Dankeschön schreiben 🙂
    Ich war ja dieses Jahr nur in Leipzig und das hat mich nicht (mehr) so total begeistern können wie andere Placebo-Auftritte. Sehr irritierend für mich. Das Konzert war technisch brilliant, emotional eher eine B-Note, wenn überhaupt. Hätte mir auch etwas (!) mehr Interaktion mit dem Publikum gewünscht, aber das scheint auf dieser Tour generell ein Manko zu sein, warum auch immer.
    Kat

  4. luuuzie schreibt:

    Ich danke dir, Kat!
    Ein wenig beruhigt es mich ja, dass ich nicht die Einzige bin, die von den Placebo-Konzerten (bislang) nicht so berührt wird wie früher. Es scheint dann ja eher nicht an mir selbst zu liegen. Andererseits macht mich das aber auch ein bisschen traurig und ich frage mich, was mit denen los ist, dass so gut wie alles, was über das pure Musizieren hinausgeht, momentan offenbar verpönt ist.

    • Kat schreibt:

      Ich habe auch gedacht, es liegt an mir und mich auch gefragt, was mit mir los ist, aber womöglich liegt es nicht an mir. So ein emotionaler Konzert- Ausnahmezustand wie ich es von anderen Auftritten kenne, kann vermutlich keine 10 Jahre dauern oder so 😉 Wenn ich aber die Konzerte dieses Jahr sehe und vergleiche z.B. mit Stuttgart 2011 oder selbst Leipzig 2009 – es ist kein Vergleich, leider.
      Ich erwarte schon kein großes Entertainment, da gibt es andere Bands, allerdings habe ich den Eindruck, sie spulen ihr Programm ab und der Rest ist totales Schweigen. Wenn man von einigen Bemühungen von Stef & Steve absieht. Auch die Background-Musiker inkl. Fiona habe ich schon präsenter erlebt.
      Kat

  5. Pingback: Placebo in Antwerpen (Sportpaleis, 07.12.13) | Luzies Welt

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