Biffy Clyro in Offenbach (Stadthalle, 17.11.13)

Mit dem letzten Tropfen Energie kamen meine Freundin und ich am Nachmittag des 17. November 2013 an der Stadthalle Offenbach an. Den Nachmittag und Abend zuvor hatten wir vor und in der Kölner Lanxess Arena beim Konzert von Placebo verbracht. Wir hatten also jede Menge Aufregung, eine Nacht mit wenig Schlaf und bereits die zweite kleine Westdeutschland-Reise hinter uns und waren dementsprechend erschöpft, als wir uns den zweiten Tag in Folge bei Temperaturen knapp über 0°C zum gut zweieinhalb Stunden dauernden Warten auf den Einlass zu den etwa 15 anwesenden Leuten gesellten. Was erträgt man nicht alles, um einen guten Platz bei einem Konzert von Biffy Clyro zu ergattern?! Deren Beliebtheit scheint in unseren Gefilden ja gerade exponentiell anzusteigen.

Biffy Ticket

Ein netter Security-Mensch verwickelte einige der Anwesenden in lustige Gespräche und hielt damit die fröstelnden Leute bei Laune, während aus dem Inneren die Band beim Soundcheck zu hören war. Klangfetzen aus „The thaw“ drangen an meine Ohren und nährten die Hoffnung darauf, dass dieses Lied auch später am Abend performt werden würde (leider vergebens) und auch ein paar Takte aus „All the way down“ konnten deutlich wahrgenommen werden. Da wurde einem zwar etwas wärmer ums Herz, aber an der Tatsache, dass trotz Fell-Einlagen für die Schuhe und Thermosocken die Füße immer kälter wurden – vom Rest ganz zu schweigen – änderte das wenig. Die Menschenmenge vor der Stadthalle wurde immer größer und ich vermute, dass die Temperaturen noch unangenehmer gewesen wären, wenn wir dort nicht eng aneinandergepresst wie die Pinguine auf der Eisscholle gestanden hätten.

Um 19 Uhr durften wir ins Warme, wobei es selbst in der Stadthalle aufgrund der geöffneten Türen zunächst nicht wirklich mollig war. Später schon. Ich merkte auf einmal die Müdigkeit so richtig, vermutete aber, dass ich bei Erklingen des ersten Gitarrenakkords wieder hellwach sein würde und genauso war es.

Wie in Tilburg und bei den anderen Konzerten der Biffy Clyro-Europa-Tour eröffneten Dry The River auch in Offenbach das Musikprogramm. Ihr Bühnenbereich war auch diesmal wieder durch einen Vorhang etwas verschmälert. In Holland fand ich die Lieder der fünf Musiker ja schon ganz nett, wenn auch ein wenig zu zahm für meinen Geschmack, aber in Offenbach sagte mir das Ganze wesentlich mehr zu, vielleicht weil ich ein etwas besseres Plätzchen hatte als im Poppodium 013 und man aufgrund der besser ausgeleuchteten Bühne einfach mehr gesehen hat. Die ständig wechselnden Gitarren des in der Mitte platzierten Frontmanns Peter Liddle zum Beispiel, und wie Gitarren auf mich wirken, wissen meine Leser inzwischen vermutlich. Der junge Mann startete mit einer wunderschön verzierten Gibson (einer Hummingbird Acoustic-Electric Heritage Cherry Sunburst)…

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…bekam fürs nächste Lied die grüne SG gereicht…

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…anschließend eine Gitarre mit Vibrato…

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…und dann einen Sechssaiter, an dessen Korpus anscheinend herumgebastelt wurde…

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Danach hatte die grüne SG einen weiteren Einsatz.

Peter Liddle scheint trotz übergestülpter Kapuze seines Pullis temperaturmäßig abgehärtet zu sein und trat wieder barfuß auf – vielleicht lassen sich manche Knöpfchen an seinem Pedalboard mit dem großen Zeh auch besser bedienen. Er kraxelte gegen Ende des Sets sogar mit der Gitarre in der Hand auf Jon Warrens Bassdrum, verharrte dort einen Moment und sprang dann herunter. Da kann man nur hoffen, dass der Bühnenboden vorher gut durchgefegt worden war und nichts, was wehtun könnte, dort herumlag!

Auf den ab und zu Keyboard spielenden Violinisten Will Harvey hatte ich ebenfalls die beste Sicht und konnte erkennen, dass er die Geige nicht nur mit dem Bogen spielte, sondern manchmal auch die Saiten zupfte.

Zum Vergrößern der beiden folgenden Fotos einfach auf das jeweilige Bild klicken!

Sein Bandkollege Matthew Taylor links von ihm, der auch verschiedene Gitarren-Modelle in seinen Händen hielt, war die meiste Zeit von dem einen Herrn des „Gästeservice“, wie auf dessen T-Shirt stand, verdeckt. Seine Fender Telecaster und die schwarze Gibson konnte ich daher nie so richtig anschmachten. Man konnte seine Riffs und Licks aber gut hören, auch seinen Gesang, denn bei Dry The River gibt es einige Passagen, bei denen neben Peter Liddle auch besagter Gitarrist sowie Bassist Scott Miller mitsingen, was richtig gut klingt. Den Sound in der Stadthalle fand ich hervorragend, wobei später bei Biffy Clyro noch einmal ein bisschen mehr Wumms aus den Boxen drang, und auch die Beleuchtung war top, wie man an meinen (überwiegend gelungenen) Fotos erkennen kann.

Zum Vergrößern der beiden folgenden Fotos einfach auf das jeweilige Bild klicken!

Was den Schlagzeuger betrifft – ich dachte zuerst, er hätte eines der neuen Placebo-Shirts an, aber bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass offenbar auch Mastodon eine Vorliebe für bunte Motive haben.

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Der weiter oben schon erwähnte Vorhang blieb auch während der Umbauphase für Biffy Clyro hängen, sodass man weder Ben Johnstons Schlagzeug mit dem hübschen Baum-Artwork des „Opposites“-Albums auf der Bassdrum noch Gamblers Keyboard sehen konnte, und auch als gegen 21 Uhr das „We are family“-Intro aus den Boxen röhrte, bewegte sich das gigantische Stück Stoff nicht. Ich war auf einmal topfit und überglücklich, tanzte zu dem Sister Sledge-Klassiker, sang mit, obwohl ich eigentlich meine Stimmbänder schonen wollte, und konnte das Erscheinen der Schotten auf der Bühne kaum erwarten. Hinter dem Vorhang erkannte man plötzlich einen Schatten, der links an das Keyboard huschte – Gambler –, dann trat nur Simon mit seiner blauen Fender vor den Vorhang und läutete den wichtigsten Teil des Tages mit dem Lied „Different people“ ein. Herrlich! Alle Strapazen waren vergessen und die Erinnerung an diesen einen Moment löst immer noch ein angenehmes Kribbeln in mir aus.

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Erst nach den langsamen zwei ersten Minuten des Songs fiel der Stoff und gab den Blick frei auf die anderen Bandmitglieder. Und dann wurde gerockt, aber sowas von!

Die beiden Herren im Vordergrund waren diesmal recht bunt gekleidet – von der Hüfte an abwärts, versteht sich. James trug eine Hose mit rot-grünem Karo-Muster – einem Schotten(!)muster – und blaue oder türkisfarbene Socken in den roten flachen Chucks. Simons Füße steckten in hohen roten Chucks und schwarz-weiß karierten Strümpfen; seine hautenge blaue Hose hat vermutlich einen sehr hohen Stretchanteil, was sicherlich von Vorteil ist angesichts des Bewegungsdrangs des Musikers, der diesmal vor allem zum Ende hin noch etwas wilder ausfiel als bei den anderen Gigs, die ich gesehen habe.

Selbstverständlich wurde das Publikum mit einem „Guten Abend, Offenbach!“ von Simon begrüßt und später richtete auch Bassist James ein paarmal das Wort an die Zuschauer und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Er hat ja ein Mikrofon, weil er bei fast jedem Lied mitsingt, wie auch sein Bruder Ben am Schlagzeug, und sogar Mike Vennart, der weiter im Hintergrund Gitarre spielt, ist mit einem eigenen Mikro ausgestattet.

Der Anfang des Konzerts in Offenbach bestand aus denselben dynamischen Songs wie bei den anderen Biffy Clyro-Gigs, die ich besucht habe, und ich finde diesen Einstieg jedesmal klasse, da kann man als Zuschauer so richtig seine Freude heraushopsen, während Simon über die Bühne fegt und sich vor dem Schlagzeug oder auf anderen Podesten in Pose wirft. Verschnaufen können alle Beteiligten später bei den ruhigeren Songs.

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Ich kenne kaum Bands, die einen so energiegeladenen Auftritt hinlegen wie Biffy Clyro – der Schweiß floss vor allem auf der Bühne in Strömen –, kann es aber nur jeder Band empfehlen, sich an den Schotten ein Beispiel zu nehmen, denn es bereitet riesiges Vergnügen, ihnen zuzusehen! Man nimmt es den dreien ab, dass sie Spaß bei der Arbeit haben, sie wirken jedesmal total gut gelaunt und humorvoll und jedes „Dankeschön“ scheint wirklich von Herzen zu kommen. Kein Wunder also, dass das Publikum der von Simon geäußerten Bitte „Sing with me as loud as you can“ bei den langsameren Liedern ohne zu murren nachkam! (Und flog da nicht irgendwann ein schwarzer BH Richtung Bühne, schmierte aber im Fotografengraben ab?)

Bevor „God & Satan“ beginnen konnte, musste Simon seine wunderschöne Gibson ES-335 aber zunächst einmal nachstimmen. (Es gibt Musiker, die in so einer Situation zur zickigen Diva mutieren – manche Leute wissen ziemlich genau, wen ich meine, schätze ich –, Simon zwirbelte an den Mechaniken mit einem Lächeln auf den Lippen.)

Ich finde diese „zahmen“ Momente immer so wunderbar und die Beleuchtung tut das ihrige dazu. Wie kann man da nicht ins Schwärmen geraten? Nach „God & Satan“ folgten zwei weitere traumhaft schöne Schmachtnummern, bei denen bloß Simon mit der Akustikgitarre auf der Bühne stand, und ich hätte anschließend wohl noch eine Weile entrückt grinsend wie festgepflockt dagestanden, wenn mir die Band nicht mit „Living is a problem because everything dies“ die Herzchen aus dem Hirn gerockt hätte. Geschickte Songauswahl!

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Die Kern-Setlist bei Biffy Clyro-Gigs ist im Großen und Ganzen zwar immer dieselbe, aber die Musiker halten häufiger mal die eine oder andere Überraschung bereit wie in Tilburg, beim Eröffnungskonzert der Europa-Tour, in Form von „All the way down: Prologue Chapter 1“ oder „Woo woo“, das neulich in Oslo erstmals live gespielt wurde. Beide Songs standen auch in Offenbach auf dem Programm – „Woo woo“ wurde angekündigt, indem Simon ganz leise „woo woo woo…“ wie eine Feuerwehrsirene von sich gab. Ich fand es schön, dieses Lied auch einmal live zu hören, mein Herz hatte aber bereits ein paar Lieder zuvor einen doppelten Salto geschlagen, und zwar direkt nach „God & Satan“. Da kam die Oberüberraschung für mich in Form von „The rain“ akustisch, denn auch wenn diese B-Seite der „Black chandelier“-EP schon bei den vorangehenden Konzerten gespielt wurde, war das für mich an diesem Abend die Livepremiere.

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Weitere Höhepunkte: „Biblical“ (immer noch einer der Songs, die mich zum Seufzen bringen), „Glitter and trauma“ (einfach ein geiles Lied mit so vielen abwechslungsreichen Gitarrenparts, das ich gerne höre (und sehe), wie neulich schon dargeboten inklusive der blinkenden Scheinwerfer, mit denen Simon, Ben und James ins Publikum leuchteten, bevor sie sich ihren Instrumenten widmeten), „Bubbles“ (immer genial), „Folding stars“ (ebenfalls immer genial) – – – ich hatte hier eben noch etliche andere Lieder aufgelistet, die auch in die Kategorie „immer genial“ fallen, weswegen es vielleicht sinnvoller wäre, einfach die komplette Setlist zu posten. Also, mit folgenden Liedern wurden die Zuschauer in Offenbach verwöhnt:

Different People
That Golden Rule
Who’s Got a Match?
Sounds Like Balloons
Biblical
All the Way Down: Prologue Chapter 1
Glitter and Trauma
Bubbles
Spanish Radio
God & Satan
The Rain (acoustic)
Folding Stars (acoustic)
Living Is a Problem Because Everything Dies
57
Many of Horror
Modern Magic Formula
Black Chandelier
Woo Woo
The Captain
———————-
Opposite
Stingin‘ Belle
Mountains

Falls die Länge von Simons Bart in irgendeiner Weise mit der Dauer der Tour in Verbindung stehen sollte, zeigt die mittlerweile recht üppige Gesichtsbehaarung des Musikers, dass die Herren bereits eine Weile on the road sind. Die nächsten Tage sind aber konzertfrei, erst am 30.11. wird die Tour in Paris fortgesetzt, und danach kommen Biffy Clyro auch wieder nach Deutschland (zusammen mit Walking Papers und Arcane Roots):

01.12.13 Düsseldorf (Mitsubishi Electric Hall)
02.12.13 Hamburg (Sporthalle)
03.12.13 Berlin (Columbiahalle)
05.12.13 München (Zenith)

Opposites live from GlasgowWer es auf keines der Biffy Clyro-Konzerte schafft, kann sich entweder per YouTube die Live-Dröhnung geben oder sich am 29. November 2013 das Album „Opposites – Live From Glasgow“ mit insgesamt 14 Songs (darunter „The thaw“, das würde ich auch so gerne einmal live hören!!!), aufgenommen am 1. April 2013, besorgen. Vorerst wird die CD nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz veröffentlicht, aber der Internethandel funktioniert ja über Grenzen hinweg.

Die Fotos werden etwas größer, wenn man auf eines der Bilder klickt.
Sie sind ziemlich Simon-lastig, ich weiß… Aber was soll ich tun, er stand ja direkt vor meiner Nase?! James war für meine Kamera schon wieder zu weit weg, um unverwackelt abgelichtet werden zu können, und außerdem verdeckte einer der Männer vom Gästeservice ihn die meiste Zeit…

Weitere Artikel über Biffy Clyro in „Luzies Welt“:

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Eine Antwort zu Biffy Clyro in Offenbach (Stadthalle, 17.11.13)

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