Biffy Clyro & Dry The River in Tilburg (Poppodium 013, 31.10.13)

Beim Lowlands-Festival hatte die schottische Rockcombo Biffy Clyro in diesem Sommer einen fulminanten Auftritt hingelegt, zum Auftakt ihrer Herbst- und Wintertour quer durch Europa kehrte die Band in die Niederlande zurück, allerdings nur für ein Konzert und das in relativ gemütlichem Rahmen: Gerade einmal 2.200 Personen kann der Jupiler Zaal in Tilburgs Poppodium 013 fassen. Das hätte meine Entscheidungsfindung eigentlich beschleunigen müssen, aber während Engelchen und Teufelchen noch darüber debattierten, ob ich mir ein Ticket für das Konzert kaufen und eine Neuauflage des „Du bist STÄÄÄNDIG weg“-Gesprächs riskieren soll, waren andere so clever, sofort Nägel mit Köpfen zu machen – mit dem Ergebnis, dass der Gig, sobald mein Entschluss feststand, bereits ausverkauft war. Na prima! Die Tatsache, dass wochenlang niemand auch nur eine Konzertkarte zum Verkauf anbot, von dubiosen Ticketseiten einmal abgesehen, führte beinah in die Volldepression meinerseits… bis die Ticketjagd dann doch noch nach viel Bangen und Zittern mit einer Eintrittskarte aus den Niederlanden in meinem Briefkasten ein positives Ende fand.

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Nun sitze ich da nach knapp 800 gefahrenen Kilometern innerhalb der letzten 24 Stunden und bin dermaßen geflasht, dass ich zum ersten Mal gar nicht weiß, wo und wie ich anfangen soll, zumal ich diesmal nicht vorhabe, wieder eine superextended version zu verfassen wie vor zwei Wochen, als ich Biffy Clyro im Rahmen des Telekom Street Gigs in Hannover erleben durfte.
Es wäre der Band und dem Abend aber auch nicht angemessen, wenn ich über Gestammel wie dkljösfmlskdsf oder ♥ ♥ ♥ nicht hinauskäme. Also: zusammenreißen, tief Luft holen und die in mir wild herumtanzenden Glückshormone noch ein wenig in Schach halten! Ich sollte auch einmal überlegen, was anders war als sonst, dass ich so schwanke zwischen absoluter Sprachlosigkeit und buchstabenmäßigem Überschäumen!

Der Konzertsaal vielleicht? Sicher war der anders, meine Wege hatten bis dahin noch nie ins Poppodium 013 geführt und ich fand das Design des Raumes mit der relativ schmalen rechteckigen Fläche vor der Bühne und dem nach hinten hin treppenartig ansteigenden Bereich samt Balkon sehr schön. Hier sieht so gut wie jeder Besucher auf die Bühne, weil der Boden nicht komplett eben ist. Aus der ersten Reihe sieht es sich trotzdem am besten und genau dort stand ich, wie fast immer, also kann das auch nicht der Grund für den Gefühlsaufruhr in mir sein. Was dann?

Die Vorband? Lange musste man rätseln, wer fürs musikalische Vorprogramm zuständig sein würde, zwei Tage vor dem Konzert wurde es endlich bekannt gegeben: Dry The River, das 2009 gegründete Rock-Quintett mit Sitz in London, wird Biffy Clyro bis zum 19. November auf Tour begleiten, bevor es für die Band für ein paar Konzerte nach Indien weitergeht.

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Dank Soundcloud und Spotify konnte ich mich ein wenig in die Musik von Dry The River einhören und fand manche Songs, „New ceremony“ zum Beispiel oder „No rest“, ganz schön, weil sie so hübsch melancholisch sind, wenn auch ein wenig zu ruhig und zu poppig für meinen Geschmack. Die ganze Zeit überlegte ich, an wen mich Peter Liddles hohe Stimme erinnert, bis ich nach dem Konzert plötzlich an Tom Chaplin von Keane denken musste, aber das trifft es nicht 100%ig. Es wäre ja auch merkwürdig, wenn ein Sänger genau dieselbe Stimme hätte wie ein anderer.

Mir gefiel der Auftritt der fünf schwarz gekleideten Herren auf der durch einen schwarzen Vorhang stark verkleinerten Bühne ganz gut, vor allem weil es so viel zu sehen gab: Der Sänger, barfuß, in der Mitte, spielte bei jedem Lied eine andere Gitarre (u.a. eine Gibson SG mit grünem Korpus – in der Farbe habe ich dieses Modell noch nie gesehen!) und war ständig in action – öfters auch mal dem Schlagzeuger Jon Warren zugewandt –, ähnlich wie sein Bandkollege Scott Miller am Bass direkt vor meiner Nase, der von einem der Zuschauer irgendwann als „Jesus“ angebrüllt wurde (vermutlich nicht wegen der vielen Tattoos am Arm)…

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…und der ebenfalls einen Teil der Vocals beitrug, wie auch weiter links der zweite Gitarrist Matthew Taylor, dessen Hände während des 30-minütigen Auftritts ebenfalls mehrere Gitarren anfassten. Noch weiter links hatte Will Harvey seinen Platz, der abwechselnd an der Violine und am Keyboard musizierte und dessen Aktivitäten es vermutlich zu verdanken ist, dass die Band ganz gerne mal in die Schublade „Folk-Rock“ gesteckt wird.

Wie gesagt: Ich fand das sechs Lieder umfassende musikalische Programm von Dry The River ganz okay, aber aus den Latschen hat es mich nicht gehauen. Insofern ist das auch nicht der Grund dafür, dass mein Hirn sich gerade wie aufgeweicht anfühlt.

Zum Vergrößern der folgenden Fotos einfach auf das jeweilige Bild klicken!

Die Band hat übrigens in Zusammenarbeit mit Signature Brew ein eigenes Bier gebraut, allerdings in limitierter und momentan ausverkaufter Auflage: Bei der London Fields Brewery entstand „Mammoth“, das sich im Geschmack deutlich von den Durchschnittsbieren abheben und nicht heruntergekippt, sondern Schluck für Schluck genossen werden soll, ganz nach dem Motto „Gute Musik verdient gutes Bier“, wobei hier an die Konzertbesucher gedacht wird.

Alkohol nahm ich am Tag des Konzerts nicht zu mir, also scheidet auch das aus als Ursache für meinen komischen Geisteszustand. Da bleibt ja nur noch die eigentliche Band und ihr Tun…

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Dabei waren Biffy Clyro meines Erachtens genauso genial wie bei den anderen Konzerten, die ich bisher gesehen habe, obwohl der kürzlich abgestaubte renommierte Q-Award für das beste Album des Jahres bestimmt einen Motivationsboost für die Band darstellt.

Keyboarder Gambler war wieder der Erste, der, noch während der Sister Sledge-Dance-Klassiker „We are family“ aus den Boxen dröhnte, seinen Platz auf der Bühne einnahm. Die drei Hauptmusiker von Biffy Clyro, Sänger und Gitarrist Simon Neil, Bassist James Johnston und Schlagzeuger Ben Johnston, wobei die beiden Brüder auch ganz viele Background-Vocals beisteuern, waren wie immer nur mit Hosen und Schuhen bekleidet, Simon diesmal ganz in Weiß, James in dunkler Hose. Von Ben hinter der riesigen Schießbude war nicht allzu viel zu sehen. Mike Vennart, der ganz hinten rechts auf der Bühne mit den verschiedensten Linkshänder-Gitarren und bei manchen Passagen mit Gesang den Live-Sound der Band verstärkt, war wie der Keyboarder komplett angezogen.

Das Programm startete wie üblich superrockig (zuerst „Different people“ vom aktuellen Album „Opposites“, gefolgt von den älteren Songs „That golden rule“ – der instrumentale Teil in der zweiten Liedhälfte ist so krass, woah! – und „Who’s got a match“), sodass manche auf dem Parkett ein wenig Braveheart spielen konnten und ich gelegentlich etwas unsanft gegen die Barriere klatschte, aber alles blieb im Rahmen und niemand tat sich ernsthaft weh. Bei den beiden folgenden Liedern „Sounds like balloons“ und „Biblical“ (Ich liebe es!) schwenkten die Zuschauer, angepasst an das etwas reduzierte Tempo der beiden Musikstücke, eher ihre Arme, als im Moshpit total abzugehen. Bis dahin war die Setlist wie erwartet, was in keiner Weise negativ gemeint ist, denn allein diese Band live auf der Bühne zu sehen, kann für mich durch fast nichts getoppt werden!

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Nach diesen fünf Liedern zauberten die Schotten dann aber eine Überraschung aus ihrem Gepäck, weil Lied Nr. 6 seit 2011 nicht mehr gespielt worden ist: „All the way down: Prologue chapter 1“ aus dem Album „The vertigo of bliss“! Das machte das ganze Konzert noch wertvoller, als es eigentlich schon war, und auch als sich der nächste Song ankündigte, machte mein Herz einen kleinen Hüpfer vor Freude: Es wurde ganz dunkel und irgendein Computer spie die elektronischen Klänge des „Glitter and trauma”-Intros aus! Die Musiker performten den Anfang wie beim diesjährigen Reading-Festival: Ben, James und Simon schwenkten, während das Sample den Song einläutete, diese großen, weißes blinkendes Licht von sich werfenden Strahler in Richtung Publikum, bevor sie sich ihren Instrumenten zuwandten.

Danach versagte erst einmal Simons Technik und während sein Monitor (Oder war es das Pedalboard?) ausgetauscht wurde, meinte James, das wäre jetzt der Zeitpunkt, an dem er einen Witz erzählen müsste, aber er wüsste keinen. Also wiederholte er noch einmal, dass die Band zum ersten Mal in Tilburg spielt… stimmte seinen weißen Bass… und fragte kurze Zeit später, ob denn das Publikum in Holland geduldig sei. Nach noch nicht einmal einer Minute war Simons Equipment wieder einsatzbereit und während ich die ganze Sache wie vermutlich die meisten Zuschauer überhaupt nicht tragisch sah, hatte ich den Eindruck, dass dieses kleine Intermezzo vor allem James, der in der Zeit für den Small Talk verantwortlich war, ziemlich unangenehm war. „Bubbles“, auch so ein großartiger Song, ging dann aber reibungslos über die Bühne, aus der ersten Reihe wurden der Band sogar Seifenblasen entgegengepustet.

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Ich fühlte mich so wohl und war so froh, bei diesem Konzert dabei sein zu können! Vor allem war ich wieder ganz hin und weg von Simons vielen Gitarren (und der Art und Weise, wie er mit seinen Instrumenten umgeht), er benutzte ja fast für jedes Lied eine andere (wobei manche Gitarren mehrmals zum Einsatz kamen), und James am Bass steht ihm in Sachen Instrumentwechsel in nichts nach! Lediglich einmal verwendete Simon für zwei Lieder nacheinander – „Many of horror“ und „Modern magic formula“ – denselben Sechssaiter, und zwar die Fender mit dem weißen Korpus. Der Aufforderung „Let’s sing it together, Tilburg“ vor dem Refrain von „Many of horror“ folgten die Zuschauer natürlich, während Simon nur die Lippen bewegte und in die Saiten seiner Strat schlug. Das war wieder so ein Gänsehaut-Moment, sicherlich auch für die Band, wobei die Zuschauer bestimmt auch ohne diese nette Bitte „When we collide we come togetheeeer“ mitgegrölt hätten. Das Publikum war nämlich sehr singfreudig, man muss sich nur einmal quer durch die vielen YouTube-Videos klicken, um es zu hören.

Aber wir sind ja noch beim Thema Gitarren. Die rote Gibson ES-335, die mir so gut gefällt, konnte ich zweimal bewundern: bei „God & Satan“ mit zugeklebten Schalllöchern und später im Zugabenteil bei „Opposite“ mit nicht abgeklebten Schallöffnungen.

Abgesehen davon, dass „God & Satan“ (wie auch „Opposite“) ohnehin ein wunderschönes Lied ist, war die Inszenierung absolut atemberaubend: Ein Kegel aus weißem Licht hüllte zunächst nur Simon ein und auch hier wurde der erste Refrain auf Bitten des Sängers hin von den Zuschauern gesungen, während er ruhig blieb und bloß auf der Gitarre weiterspielte. War das schön! Erst nach diesem Mitsing-Part änderte sich die Lichteinstellung ein wenig und nun war auch James eine Zeitlang von weißem Licht umgeben. Meine Gänsehaut bekam gar keine Gelegenheit zum Abschwellen, denn direkt nach „God & Satan“ ging es weiter mit „Folding stars“ in der nur von Simon dargebotenen Version mit Akustikgitarre. Der Sänger war dafür wieder in einen weißen Lichtkegel getaucht, während um ihn herum alles dunkel blieb – traumhaft schön, wirklich! Gerade eben kam mir der Gedanke, dass diese weiße Lichthülle ein wenig an die Beamszenen im Transporterraum bei „Raumschiff Enterprise“ erinnert. Also von mir aus könnte sich Simon gerade jetzt in mein Wohnzimmer teleportieren lassen und hier noch einmal „Folding stars“ zum Besten geben! Und seine Gitarrensammlung darf gerne auch hierher gebeamt werden, damit ich mir die Instrumente einmal in Ruhe aus der Nähe anschauen kann.

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Mit „Living is a problem…“ folgte ein weiterer Oberkracher, der immer ganz bestimmte Saiten in mir zum Klingen bringt, und das anschließende „57“ gehört auch zu den Biffy-Liedern, die ich ganz besonders mag. Aber ich wollte mich ja etwas kürzer fassen und verzichte deshalb darauf, zu jedem Lied etwas zu schreiben. Welche Lieder es in Tilburg zu hören gab, kann man sich ja weiter unten anschauen. Auf eine Sache muss ich aber noch genauer eingehen: Beim Konzert in Guildford am 28.10.13 wurde, so wie das im Internet dargestellt wird, auf Zurufen spontan „There’s no such thing as a jaggy snake“ vom „Infinity land“-Album, das nicht auf der Setlist stand, gespielt. Deshalb erschollen auch in Tilburg von Anfang an immer mal wieder „Jaggy snake, jaggy snake“-Rufe aus dem Publikum und obwohl das Lied auch nicht auf der Tilburg-Setlist verzeichnet ist, wurde der Song gespielt und Simon zeigte, dass er auch im Jahr 2013 noch exzellent schreien kann.

Und woran lag es jetzt, dass ich solche Schwierigkeiten hatte, meine Erlebnisse in akzeptable Worte zu kleiden, ohne das Ganze allzu sehr ausufern zu lassen?

Hat schon jemand den Begriff „jemandem das Hirn herausgitarren“ erfunden? Wenn nicht, dann sollte ich die Umschreibung vielleicht patentieren lassen, denn ich schätze, dass genau das der Fall war. Riff-Overdose, ausgelöst durch Anhören von Livemusik und exzessives Starren auf die Finger am Gitarrenhals.

Wer ähnliche Erfahrungen machen möchte: Biffy Clyro sind noch bis Mitte Dezember auf Tour und die Homepage der Schotten verrät, wann und wo man sich die Gitarrenriffs live um die Ohren fetzen lassen kann.

Folgende Lieder wurden in Tilburg gespielt:
Different people
That golden rule
Who’s got a match?
Sounds like balloons
Biblical
All the way down: Prologue chapter 1
Glitter and trauma
Bubbles
Spanish radio
God & Satan
Folding stars
Living is a problem because everything dies
57
Many of horror
Modern magic formula
Black chandelier
There’s no such thing as a jaggy snake
The captain
———————————
Opposite
Stingin‘ belle
Mountains

Wie oben schon erwähnt: Ein Klick auf das jeweilige Foto macht es etwas größer. Richtig gute Fotos, die William van der Voort geschossen hat, findet man auf der Facebook-Seite der Konzerthalle.

Weitere Artikel über Biffy Clyro in Luzies Welt:

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2 Antworten zu Biffy Clyro & Dry The River in Tilburg (Poppodium 013, 31.10.13)

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