Editors und Balthazar in Luxemburg (Rockhal, 22.10.13)

Angeblich sind aller guten Dinge drei, und soweit ich das überblicke, hat es sich in diesem Jahr für mich tatsächlich ausgeeditort. Ein weiteres Konzert der Editors kriege ich nämlich in meinem Terminkalender nicht mehr unter. Schade.

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Als ich an der Rockhal ankam und mich in die sehr überschaubare Warteschlange reihte, freute ich mich noch ein wenig über die geringe Menschenzahl, denn so war mir ein Plätzchen in der ersten Reihe garantiert. 20 Minuten vor Einlass waren aber immer noch nur 15 Leute anwesend, da fand ich das Ganze schon eher merkwürdig, und später in der Halle tröpfelten die Zuschauer im Abstand von Minuten ein. Dass die 6.500 Zuschauer fassende Halle weit vom Ausverkauftsein entfernt war, konnte man an dem schwarzen Vorhang, der den hinteren Bereich des Saales abtrennte, erkennen. Das war irgendwie ein komisches Gefühl – Stell dir vor, die Editors geben ein Konzert im Großherzogtum und fast keiner geht hin! –, zumal etliche andere ihrer Gigs schon Wochen vor dem entsprechenden Datum ausverkauft waren. Außerdem ist Luxemburg doch ideal erreichbar für viele Leute aus Deutschland, Frankreich und Belgien, sodass man meinen sollte, dass die Massen nur so dorthin strömen. Erfreulicherweise war der Raum, kurz bevor es losging, dann doch noch gut gefüllt.

Um 20.15 Uhr startete die Vorband Balthazar, fünf junge Leute aus Belgien, deren leicht melancholischer Indie-Rock mir ganz gut gefiel. Die beiden in der Mitte platzierten Männer, Jinte Deprez und links von ihm Maarten Devoldere, fungierten als Hauptsänger, aber bis auf den Schlagzeuger sangen alle, oft gleichzeitig, und dieser mehrstimmige Gesang hatte ‚was.

Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass ich die Musiker auch sehen würde! Die Lichter waren nämlich so eingestellt, dass ich zwar freie Sicht auf den Drummer Christophe Claeys hatte, aber von den vier anderen Bandmitgliedern, die alle in einer Reihe am vorderen Bühnenrand standen, fast nichts zu erkennen war. Das ist vor allem deshalb ärgerlich, weil einige sehenswerte Instrumente im Einsatz waren: Maarten Devoldere spielte auf einer Art Miniaturgitarre, wenn er nicht gerade das Keyboard (?) / den Synthesizer (?) – nennen wir es einfach „elektrisch betriebenes Tasteninstrument“  – bediente, und Patricia Vanneste ganz rechts an dem anderen Instrument, das auch wie so ein elektrisch betriebenes Tasteninstrument aussah, ließ bei einem Lied eine Rassel erklingen und spielte außerdem Geige, einmal mit Bogen, wie man sich das Musizieren auf der Geige vorstellt, und bei einem anderen Lied hielt sie das Instrument so, wie man eine Gitarre spielt und schlug die Saiten auch mit ihren Fingern an. Auf der anderen Seite der Bühne hatte der Bassist Simon Casier bei einem Song die Aufgabe, auf eine mit einem Handtuch abgedeckte Trommel zu hauen. Auch mal ‚was anderes. Der Gitarrist Jinte Deprez direkt vor meiner Nase (hab ich mein Plätzchen also doch wieder passend gewählt) benutzte zwei verschiedene Fender Jaguars, die ich mir natürlich auch gerne genauer angeschaut hätte, aber ich sah in erster Linie Licht. Grelles Licht. Im Gegensatz dazu hatten die Musiker wahrscheinlich die beste Sicht auf die von den Leuchten geblendeten Zuschauer in den ersten Reihen.

Ich war etwas überrascht, als plötzlich schon der letzte Song angekündigt wurde, aber es war tatsächlich fast eine halbe Stunde vergangen. Dass die Zeit wie im Fluge vorbeigerauscht war, ist ein eindeutiges Zeichen dafür, wie kurzweilig ich die Performance der fünf Belgier fand. Laut setlist.fm wurden die folgenden fünf Lieder gespielt:

  • Sinking Ship
  • Fifteen Floors
  • Listen Up
  • Do Not Claim Them Anymore
  • Blood Like Wine

Sie stammen von den beiden Alben „Applause“ (2010) und „Rats“ (2012), die hervorragende Kritiken einheimsen konnten und wie auch diverse Singles in den flämischen und niederländischen Charts gute Erfolge erzielten; bei Soundcloud kann man sich etwas intensiver in das musikalische Werk der fünf jungen Leute einhören.

Balthazar sind noch ein paar Tage lang mit den Editors auf Tour und haben bereits mehrere Konzerttermine fürs nächste Jahr feststehen:

24.10.13 Amsterdam (Ziggo Dome) – Niederlande
25.10.13 Hamburg (Docks)
26.10.13 Berlin (Columbiahalle)
28.10.13 Warschau (Stodola) – Polen
29.10.13 Krakau (Teatr Łaźnia Nowa) – Polen
30.10.13 Leipzig (Haus Auensee)
01.11.13 Wiesbaden (Schlachthof)
02.11.13 Antwerpen (Sportpaleis) – Belgien
03.11.13 Köln (E-Werk)
11.02.14 Paris (Le Trianon) – Frankreich
12.02.14 Groningen (Oosterpoort) – Niederlande
13.02.14 Amsterdam (Paradiso) – Niederlande
20.02.14 Brüssel (Ancienne Belgique) – Belgien

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Die fünf Musiker der Editors begannen um 21.15 Uhr ihr Programm und es zeigte sich mal wieder, dass „Sugar“ vom aktuellen Album „The weight of your love“ der perfekte Song zum Konzertstart ist, denn zumindest in meinem Umfeld sangen alle aus Leibeskräften mit, tanzten und wirkten total geplättet. So muss das sein.

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Da Frontmann Tom Smith im Laufe eines Konzertabends mehrmals die Gitarren wechselt, manche Songs auch am Klavier begleitet und andere Lieder ohne Instrument performt, ist so ein Editors-Konzert immer sehr abwechslungsreich, zumal in der Regel Lieder von jeden der bislang vier Alben gespielt werden. So war das auch in Luxemburg und die Setlists „meiner“ beiden letzten Editors-Konzerte waren natürlich fast identisch. Aber eben nur fast.

DSCF7714tsDie Reihenfolge der Songs war gegenüber dem Gig in Dortmund leicht abgewandelt und es gab zwei erwähnenswerte Extras (wenn auch auf Kosten von „Fingers in the factories“): In Luxemburg wurde „In this light and on this evening“ gespielt – einer meiner Lieblingssongs von den Editors, hurra! Darüber hinaus gab es einen ganz besonderen Vollkörper-Gänsehaut-Moment, als Tom nach „The phone book“ die wunderschöne Gibson SJ 200 MC, auf der er das Lied begleitete, noch nicht beiseitelegte, sondern damit auch noch „No sound but the wind“ performte. In dieser Version hätte er dieses Lied noch nie gespielt, und schon nach ein paar Takten meinte er, das wäre noch zu schnell, und startete wieder von vorne. Lustiges Intermezzo bei einem atemberaubend schönen Moment! Da sah man wieder, dass dieser Mann nicht nur wie ein Besessener über die Bühne fegen kann, die Arme ausgestreckt und das Gesicht verziehend, sondern auch die leiseren Töne beherrscht. Das erkannte man auch schon beim sechsten Lied des Abends, „Two hearted spider“, das ebenfalls mit der eben erwähnten Gitarre bestritten wird und das meinen Konzert-Höhepunkt darstellte, weil ich dieses Lied so sehr liebe. Es sah für mich so aus, als hätte Tom, während er dieses Lied darbot, Tränen in den Augen, aber das kann die bloße Einbildung meinerseits gewesen sein. Andererseits ist es vielleicht nicht ganz so abwegig, dass er seine Lieder wirklich „fühlt“ und deshalb bei den anderen Songs dementsprechend abgeht. Vielleicht war er auch einfach gerührt, weil das Publikum ihm ganz andächtig an den Lippen hing.

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Der Musiker wirkte richtig gut gelaunt, es gab auch das eine oder andere Lächeln mit seinen Bandkollegen und die sah ich ebenfalls ab und zu grinsen, wenn Tom beispielsweise einen Ton in unüblicher Art und Weise in die Länge zog oder eine Bewegung machte, die sogar seine Kollegen witzig fanden. Zu fortgerückter Stunde fragte der Sänger beim Publikum nach, ob alles okay sei, und erkundigte sich dann auch bei Bassist Russell Leetch, ob bei ihm ebenfalls alles in Ordnung sei. Nimmt man jetzt noch die paar Sätzchen im Rahmen von „No sound but the wind“ hinzu, ist das eine ganze Menge gesprochener Text, die Herr Smith da produzierte, während sich bei den beiden anderen Konzerten, die ich dieses Jahr gesehen habe, die Kommunikation mit den Zuschauern auf „Thank you“ und „Dankeschön“ und die Vorstellung der Bandmitglieder beschränkte. Wie seine Kollegen heißen, erwähnte Tom auch in Luxemburg – nach einem Blick auf Drummer Edward Lay und dessen Gestikulieren nannte er mit einem Grinsen im Gesicht auch seinen eigenen Namen.

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Nachdem ich bei den Editors-Konzerten in Frankfurt und Dortmund vor Gitarrist Justin Lockey stand, platzierte ich mich diesmal weiter rechts – mangels Massenandrang konnte man sich beim Eintritt in die Halle ja sein Plätzchen aussuchen –, um auch mal einen Blick auf den Schlagzeuger Ed werfen zu können und um ein bisschen mehr von dem großen Mann am Bass mitzubekommen. Schade dass Elliott Williams dadurch fast komplett aus meinem Blickwinkel verschwand, denn durch die recht hohe Bühne und das Klavier war sein Eckchen ganz hinten links für mich kaum einsehbar. Nur ab und zu sah ich seinen Kopf hinterm Klavier auftauchen oder auch seine Hände, während er die Zuschauer zum Mitklatschen animierte.  Meine Freude war deshalb groß, als er wenigstens gegen Ende, bei „The racing rats“, einmal mit seiner schwarzen Gibson kurz nach vorne kam, sogar ganz an den vorderen Bühnenrand. Solche Abstecher dürfte er meiner Ansicht nach ruhig häufiger machen, aber vermutlich hat er in seinem Keyboard- und Knöpfchen-Imperium so viel zu tun, dass das nicht immer möglich ist. Zumal er ja auch Background-Vocals singen muss, also kann er sich auch nicht allzu lang vom Mikrofon entfernen.

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Vielleicht ist das ja auch so gewollt, damit der Fokus ganz auf Frontman Tom Smith liegt. Zumindest auf meine Augen wirkte er wieder wie ein Magnet, aber wie soll man da auch nicht hinschauen, wenn er aufs Klavier kraxelt oder auf der Box im Fotograben direkt vor meiner Nase in die Hocke geht?! Um mich nicht zu wiederholen, verweise ich in Sachen Mimik und vor allem Gestik des Herrn Smith dennoch auf meine Ausführungen zu den Konzerten in Frankfurt und Dortmund.

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Trotzdem nahm ich diesmal wahr (vermutlich weil Tom in diesem Moment in diese Richtung zeigte), dass Justin Lockey am Ende von „Sugar“ diese tiefer werdenden Töne produziert, indem er mit einem Drumstick über den Gitarrenhals streicht. Und auch Russell stand einen Moment lang so richtig im Rampenlicht, nämlich als er den Editors-Schal, der von Anfang an über der einen Box hing, ins Publikum warf und einem der Zuschauer somit zu einem ganz besonderen Andenken verhalf.

Wann die Editors wo spielen, schaut man sich am besten auf deren Homepage an.

Zum Vergrößern der folgenden Fotos einfach auf das jeweilige Bild klicken! (Die Qualität wird dadurch allerdings nicht besser.)

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Eine Antwort zu Editors und Balthazar in Luxemburg (Rockhal, 22.10.13)

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