Biffy Clyro und MiMi & The Mad Noise Factory bei den Telekom Street Gigs in Hannover (Stadionbad, 18.10.13)

Vorsicht, romanartige Auswüchse! Weil es beim Telekom Street Gig in Hannover so fantastisch war, möchte ich mich heute nicht kurz fassen, und zwar aus einem völlig eigennützigen Grund: Wenn irgendwann die Erinnerung an diesen einzigartigen Tag ein wenig verblasst sein sollte, kann ich hier manche Details noch einmal nachlesen. Wer sich nur für die Bands interessiert und nicht für das ganze Drumherum aus meinem Blickwinkel, scrollt daher am besten gleich weiter nach unten.

sg_logo_mit_claim_swFalls es sich noch nicht herumgesprochen hat: Die Telekom Street Gigs sind in jeder Hinsicht ganz besondere Konzerte! Das fängt schon damit an, dass es die Eintrittskarten für solch ein Musikspektakel nirgends zu kaufen, sondern lediglich zu gewinnen gibt, und darüber hinaus sind sie personalisiert. Wer also ein Ticket gewinnt, kann es nicht an jemand anderen weitergeben. Für Fans der teilnehmenden Bands ist dieses Procedere natürlich die reine Tortur, denn man weiß ja bis zuletzt nicht, ob man bei dem Event dabei sein kann oder nicht, und je bekannter die Band ist, desto mehr Leute machen bei dem Gewinnspiel mit und somit sind in so einem Fall die Chancen, dass gerade der eigene Name aus der Lostrommel gezogen wird, nach allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit eher gering. Gehört man zu den Glücklichen, bekommt man aber auch ein außergewöhnliches Konzert geboten.

Als Anfang September Biffy Clyro als die Band für den nächsten Telekom Street Gig angekündigt wurde, traute ich meinen Augen kaum! Schließlich sind die drei Schotten meiner Ansicht nach im Moment eine der bedeutendsten Bands weltweit, um die sich fast jeder reißt, sogar die norwegische Prinzessin Mette-Marit, die Biffy Clyro für die Party anlässlich des 40. Geburtstag ihres Ehemannes Haakon engagierte, und nein sagen können Simon & Co. offenbar nicht. Wie schaffen die das, um die Welt jettend so viele Konzerte zu geben und trotz vollem Tourplan auch noch bei den verschiedensten Radiosendern hereinzuschauen, um sich stets gut gelaunt interviewen zu lassen und ein wenig zu musizieren, und mit Akustik-Sessions in Kneipen, Wohnzimmern oder Musikgeschäften die Herzen der Fans noch schneller schlagen zu lassen? Absolut beeindruckend!

Während Simon Neil und die Zwillinge Ben und James Johnston u.a. ihre Fans in den USA glücklich machten, war in Mitteleuropa bis zum 14. Oktober bei den Biffy-Fans erst einmal Bangen angesagt. Nach dem, was ich auf den verschiedensten Internetseiten gesehen habe, muss die Nachfrage nach dem Biffy Clyro-Street Gig gigantisch gewesen sein. Dafür war mit Sicherheit auch die massive Werbung für das Event verantwortlich.

Als mich mein Radiowecker an dem entscheidenden Tag mit der Biffy-Hymne „Biblical“ weckte, dachte ich einen Moment lang im Halbschlaf, dass das bestimmt ein gutes Zeichen ist, aber sofort mahnte der rationale Teil in mir an, dass ich an solche albernen Zusammenhänge ja eigentlich gar nicht glaube.
Auf dem Weg zur Arbeit fand ich eine 2€-Münze auf dem Gehweg. Ein weiteres gutes Zeichen? In Anbetracht der Tatsache, dass eigentlich die 1-Pfennig-Münze bzw. inzwischen das 1-Cent-Stück als Glückssymbol dient, geht das 2€-Stück entweder total am Thema vorbei oder es verspricht einen riesigen Gewinn. Solche abstrusen Gedanken schossen durch meinen Kopf, bevor sich die Vernunft wieder einmischte und mich dazu ermahnte, mich auf meinen Job zu konzentrieren.
Wie erwartet brach am frühen Nachmittag auf der Facebook-Seite der Telekom Street Gigs der große Jubel der glücklichen Gewinner aus, aber weder in meinem E-Mail-Fach noch auf meinem Handy-Display tat sich etwas Positives. Enttäuschung kam herangekrochen. Doch dann war sie da: die Mail. DIE Mail. Meine Zulassung für das exklusive Biffy Clyro-Konzert in Hannover! Wunderbar! Meine Planungen konnten endlich beginnen!

Das Besondere der Telekom Street Gigs zeigt sich auch bei der Wahl der oft sehr ungewöhnlichen Locations für die Konzerte. Passenger auf dem Ravelinplatz beim Einkaufszentrum Alexa in Berlin eine Akustik-Show performen oder die Editors im Verkehrsmuseum Frankfurt zwischen ausrangierten S-Bahnen und alten Lokomotiven auftreten zu lassen, ist ja fast nicht mehr zu toppen, dachte ich – bis bekannt gegeben wurde, dass Biffy Clyro im Stadionbad Hannover abrocken würden. Dresscode: Badeklamotten! Oh Jesses! Das kann doch nur ein Scherz sein?! Wer mich Nachtschattengewächs kennt, ahnt vielleicht, dass ich so etwas wie einen Badeanzug noch nicht einmal besitze! Die einzige kurze Hose in meinem Kleiderschrank ist eine Schlafanzughose, die ich wegen dem coolen Muster ‚mal meinem Vater stibitzt habe. Somit kann sich wahrscheinlich jeder denken, wie oft ich Hallenbäder aufsuche… Aber für eine Band wie Biffy Clyro weicht man gerne ‚mal von seinen üblichen Gepflogenheiten ab.

Verwässerte Vorstellungen

Schon bevor plötzlich klar war, dass ich knapp 600 km über Deutschlands Straßen brettern würde, um den Abend in einer Badeanstalt zu verbringen, machte ich mir Gedanken darüber, ob die Veranstalter die Leute wirklich ins 26 m x 12,75 m messende Nichtschwimmerbecken stecken würden. Bei einem normal langen Konzert inklusive Vorband und Umbauphase wäre man dann ja ganz verschrumpelt – zumindest die Körperteile unter Wasser, und laut Wikipedia beläuft sich die Wassertiefe auf 0,80 m bis 1,30 m – da würde mir Knirps schon das Atmen schwerfallen, ich habe schließlich keine Kiemen. Außerdem bin ich Brillenträger und ohne Brille oder mit klatschnassem Nasenfahrrad (Hallo, Zürich Open Air 2010!) blind wie ein… Fisch. Ist es nicht auch schlecht fürs Equipment der Bands, wenn viele Zuschauer im Wasser vor Freude toben und sich manch einer ein Späßchen erlaubt? (Andererseits sind zumindest Simon Neils Gitarren an viel Feuchtigkeit gewöhnt.) Bestimmt gibt es auch irgendein Gesetz, das es verbietet, 300 Leute in solch ein Nichtschwimmerbecken zu pferchen, selbst wenn die das unbedingt wollen!?

DSCF7040tsIch war überzeugt, dass es eine ähnliche Lösung geben würde wie bei der Fußball-WM 2006, als das Stadionbad als Pressezentrum diente und die Wasserbecken abgedeckt waren. Trotzdem kam ich dem guten Rat in meiner Akkreditierungsbestätigung, „leichte Kleidung und Badeschlappen“ zu tragen, lieber einmal nach. Die den inneren Tropen ziemlich nahekommenden Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsverhältnisse eines Hallenbades kennt man ja, und ich wollte es gar nicht erst riskieren, schon wenige Minuten nach Betreten der geplättelten Schwimmhalle einem Kreislaufkollaps zu erliegen. Ich beschloss sogar – völlig untypisch – den Mummenschanz mitzumachen und kreuzte quasi undercover dort auf. Will heißen: Nicht im typischen Schwarz, sondern in Klamotten, die sich fast in die Rubrik „Strandkleidung“ einordnen lassen. Ich sollte mich wundern!

Feuchtfröhliches Vorspiel

Wie üblich bei Telekom Street Gigs erhielten die Teilnehmer beim Eintritt ins Stadionbad zuerst einmal einen coolen Pass an einem Stoffband, mit dem man sich ein bisschen wie ein VIP fühlt, auch wenn alle anderen im Innern ebenfalls so ein Teil um den Hals baumeln haben, und den man noch lange als Andenken an einen außergewöhnlichen Abend aufbewahren kann.

PassNach Verlassen der Umkleidekabinen war dann die Sekunde der Wahrheit gekommen. Auf einer Info-Seite im Internet hieß es inzwischen auch, dass der Einlass nur mit Badekleidung erfolgen kann. Und das war absolut ernst gemeint, denn die Security-Dame wollte mich in dem, was ich als „Strandkleidung“ betrachte, zunächst nicht in die Schwimmhalle lassen – bis ich ihr die Rückseite meines Passes zeigte und auf die Angaben in der E-Mail an mich verwies und – schwupp! –  war ich drin im feuchtheißen Fliesenparadies. Ein in telekomrotes Licht getauchter Dunstschleier hüllte die große Halle ein.

Zwischen dem großen Becken für die Schwimmer und dem kleineren Nichtschwimmerbecken war die Bühne aufgebaut und das Publikum sollte tatsächlich vom Nichtschwimmerbecken aus zuschauen. Ich hatte mich also getäuscht von wegen Abdeckung über der Wasserfläche. Das zeigt aber nur, wie raffiniert die Veranstalter sind und dass sich ihre Ideen, auch wenn die sich zunächst total balla balla anhören, tatsächlich umsetzen lassen!

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Der Pressebereich durfte wie der gesamte Raum vor der Bühne erst ab 19 Uhr betreten werden, also hatte ich noch ein wenig Zeit, um mich umzuschauen, wobei das Laufen in den Flip-Flops für mich genauso ungewohnt war, wie wenn ich in High Heels dort hätte herumstaksen müssen. Aber selbst daran hatte ich mich später am Abend gewöhnt, sieh an, sieh an!

Da bei dieser Veranstaltungsreihe auch die Werbung für diverse Produkte aus dem Bereich Telekommunikation eine große Rolle spielt, gab es einiges in dieser Hinsicht zu gewinnen. So hatte jeder vor Konzertbeginn die Gelegenheit, im tiefen Schwimmerbecken zu den vielen versenkten Handys zu tauchen, und wenn das Telefon, das man vom Beckenboden nach oben brachte, nach dem Einschalten leuchtete, war man der Gewinner eines brandneuen Mobiltelefons.
Man konnte aber auch auf den Bildschirmen die Highlights vergangener Street Gigs bewundern.

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Wer an diesem Abend das Konzert von der ersten Reihe aus verfolgen wollte, musste dorthin schwimmen. Eine etwa 50 cm hohe Plexiglas-Wand sollte die Bühne ein wenig vor Wasser schützen.
Normalerweise kommt ein Platz fern der ersten Reihe für mich einer Katastrophe gleich, aber mir war von Anfang an irgendwie klar, dass ich diesmal nicht mit entrücktem Grinsen direkt vor irgendeiner Gitarre (lies: Musiker mit Gitarre in der Hand) stehen würde, und deshalb war alles im grünen (oder eher rosaroten) Bereich. Ich hatte ja freie Sicht auf die Bühne und war außerdem einfach nur überglücklich, dieses außergewöhnliche Konzert erleben zu dürfen und das Ganze auch noch von einem trockenen Plätzchen aus.

Simon Gosejohann war wie schon beim Telekom Street Gig der Editors der Moderator. Bei dieser Veranstaltungsreihe legen die Bands nämlich nicht einfach zur vereinbarten Zeit los, sondern sie werden nett angekündigt.

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In Hannover waren MiMi & The Mad Noise Factory die Ersten, die die Ohren der Zuschauer im Wasser und am Beckenrand mit Livemusik verwöhnten. Verrückten Krach produzierten die insgesamt sechs Leute auf der Bühne allerdings nicht, aber die Gitarre des Herrn mit dem schwarzen Hut, Paul Eisenach, passt aufgrund der ungewöhnlichen Korpusform hundertprozentig in die Kategorie „mad“!

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Gleich nach dem ersten Lied begrüßte die hübsche Frontfrau das Publikum, und zwar auf Englisch. Sie lebt nämlich in London, wo sie vor ein paar Jahren mit ihrer Band Battlekat noch ganz andersartige Musik – nicht so ganz massentauglich, ein wenig schräg und punkig, wie ich es gerne mag –  auf kleinen Bühnen präsentierte. Ich glaube aber, sie hätte die Zuschauer auch auf Deutsch ansprechen können, denn als Tochter von Marius Müller-Westernhagen beherrscht sie bestimmt ein paar Bröckchen in dieser Sprache, zumal Berlin laut ihrer Homepage ihre zweite Heimat darstellt. Dass die Musikerin einen so berühmten Vater hat, mag sie aber gar nicht an die große Glocke hängen, denn sie möchte nicht bloß aufgrund ihres Nachnamens beruflich weiterkommen, wie sie 2008 in einem Interview mit dem Tagesspiegel angab. Es aus eigenem Antrieb, aufgrund der eigenen Fähigkeiten zu etwas zu bringen, ist eine löbliche Einstellung, wie ich finde, und ich könnte mir vorstellen, dass ihr das mit ihrem eingängigen Indie-Pop und ihrer netten Art auch gelingt.

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Nach jedem Song plauderte MiMi ein wenig mit den Zuschauern, bat sie beispielsweise nach der Nennung des Songtitels „Smile“, genau dies zu tun, erkundigte sich später, ob im Becken alles in Ordnung ist, und bedankte sich ganz herzlich für den Applaus.

Natürlich wies sie an entsprechender Stelle auch darauf hin, dass man sich das Lied „Stop and listen“ kostenlos und legal von einer der MiMi-Webseiten downloaden kann, und „Get me back“ wurde als die neue Single angekündigt. Das Nachfolgealbum zum Debüt „Road to last night“ wird voraussichtlich Anfang nächsten Jahres veröffentlicht und trägt den Titel „Nothing but everything”.

Mein Lieblingsmoment war natürlich, als MiMi sich beim vierten Song die wunderschöne Duesenberg-Gitarre, die die ganze Zeit hinter ihr stand, schnappte, und darauf spielte. Auch später war das Instrument wieder im Einsatz.

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Was mich total fasziniert, ist die geballte Kreativität, die in dieser Frau steckt: Sie ist nämlich auch eine hervorragende Zeichnerin und scheint ein Faible zu haben für die verschiedensten Tiere. Neben Zeichnungen von Bienen und Eulen findet man auf ihren Webseiten auch bunte psychedelische Katzen oder diverse glückliche Füchse, die teilweise fürs Artwork ihrer Platten verwendet werden, manchmal aber auch auf die Stoffe gedruckt werden, die die junge Frau entwirft und aus denen unter Umständen sogar Teile ihrer Bühnenkleidung geschneidert werden. Wie die Bluse mit Fuchs-Muster, die sie im Stadionbad anhatte und in der es der jungen Frau nach eigenem Bekunden ganz schön warm war. Ob sie sich allerdings wie angekündigt nach ihrem Auftritt tatsächlich zu den Zuschauern ins Becken gesellte, entzieht sich meiner Kenntnis, denn irgendwie hatte ich später nur noch Augen für drei Herren, die wie MiMi in Großbritannien, allerdings im nördlichen Teil davon, beheimatet sind.

Schaut mal in den YouTube-Kanal der Künstlerin, dort findet man viele interessante und informative Videos über MiMi und ihr Schaffen!

Zum Vergrößern der folgenden Fotos einfach auf das jeweilige Bild klicken!

MiMi & The Mad Noise Factory konnte ich ohne Ohrstöpsel anhören, aber schon als der Techniker anschließend beim Überprüfen der Soundeinstellungen in die Gitarrensaiten schlug, wurde deutlich, dass Biffy Clyro wesentlich lauter rocken würden.

Bevor die Schotten die Bühne eroberten, gehörte sie noch einmal für einen Moment Simon Gosejohann. Weil er ein so richtig harter Kerl sei, habe er etliche Piercings, nahm er sich als Einstieg in die nächste Verlosungsrunde selbst auf die Schippe, und vier seiner Piercings, rote Ringe, habe er beim Schwimmen verloren. Wer einen solchen roten Ring gefunden hatte, konnte ihn auf der Bühne gegen ein neues Mobiltelefon eintauschen. Tatsächlich kamen ein paar junge Leute aus dem Wasser auf die Bühne gewatschelt und nahmen ihren Gewinn in Empfang. Ein Mann mit großem Handtuch stand schon bereit, um den Boden anschließend wieder trocken zu wischen.

Simon bat die Zuschauer bei der Gelegenheit darum, zum Beginn des Livestreams ihren vollen Enthusiasmus zu zeigen. Natürlich muss er daran erinnern, es nervt die Verantwortlichen bestimmt genauso wie mich, wenn bei Konzerten, die live übertragen werden, bei den Zuschauern vor den Bildschirmen der Eindruck entsteht, dass das Publikum vor Ort total lasch ist, und wenn so etwas dann auch noch in den Kommentaren geschrieben wird. Im Stadionbad hätte Simon auf diese Belehrung aber getrost verzichten können, denn je näher die Zeiger meiner Uhr in Richtung 20.30 Uhr rückten, desto enger wurde es im Becken und am Beckenrand, und ich hatte das Gefühl, dass die Leute sich tierisch freuten. Sie klatschten und riefen immer wieder „Biiiiiffy Clyro“ – das ist für deutsche Kehlen wahrscheinlich einfacher zu grölen als der eigentliche Schlachtruf „Mon the biff“, den ich an diesem Abend gar nicht hörte.

Ich war natürlich auch total aus dem Häuschen, bewegte mich aber trotzdem weniger als sonst –  einerseits wegen dem ungewohnten Schuhwerk an meinen Füßen und andererseits wegen den kreislaufgefährdenden Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsverhältnissen; die sollten mich auf gar keinen Fall aus den Flip-Flops hauen!

Plitschplatsch – The captain übernimmt das Ruder

Angesichts der Tatsache, dass Simon Neil, Ben Johnston und James Johnston ihre Konzerte üblicherweise ohnehin recht spärlich bekleidet absolvieren, überlegte ich, ob sich die Musiker outfitmäßig auch an die besondere Situation anpassen würden und diesmal vielleicht nur in Badehosen oder Shorts da stehen würden, aber dieser Anblick bleibt vorerst meiner Fantasie vorbehalten.

Der Sister Sledge-Klassiker „We are family“ diente wieder als Intro und während ich mich neulich beim Konzert in Baden-Baden noch wunderte, warum die drei Musiker zum Einstieg in ihr Set ausgerechnet so einen Disco-Hit ausgewählt haben (Damit das Publikum sich schon einmal eintanzt? Bei solch einem Song zuckt das Bein ja fast von alleine!), völlig unpassend im Vergleich zum Musikstil von Biffy Clyro, kam mir diesmal der Gedanke, dass die drei Bandmitglieder sich aufgrund ihrer bis in ihre Kindertage zurückreichenden Freundschaft wahrscheinlich wie eine Familie fühlen. Insofern doch passend.

Ich spürte, wie mein Herz allmählich schneller schlug, die Spannung stieg, dann waren sie endlich da! Als Erster betrat, wenn ich mich recht entsinne, Richard A. Ingram, der den Spitznamen Gambler hat, die Bühne und nahm am Keyboard ganz hinten links Platz. Ich glaube, viele der etwa 400 Zuschauer hatten ihn gar nicht bemerkt, denn das Gekreische ging erst los, als Simon, Ben und James auftauchten. Andererseits gehört Gambler wie auch der fünfte Mann auf der Bühne, Mike Vennart an der Gitarre rechts hinter James, nicht zur Stammbelegschaft von Biffy Clyro, was die zurückhaltende Reaktion auf das Erscheinen des Keyboarders erklären mag.

Mit einem „Guten Abend“ begrüßte Simon das Publikum, dann legten die Schotten los mit „Different people“ aus dem aktuellen Album „Opposites“. Zuerst schauten alle mehr oder weniger andächtig auf die Bühne, die Hände in die Luft gereckt, aber sobald der rockigere Part des Songs einsetzte, gingen die Leute im Becken ähnlich den Musikern auf der Bühne total ab. Wasser spritzte fontänenartig in die Luft, ein Wasserball flog durch die Menge (und landete natürlich zum guten Schluss vor Simons Füßen) und ich erblickte auch Leute, die mit Schwimmflügelchen, Schwimmwesten und sogar einer Schottlandflagge um die Schulter im Wasser hüpften.

Zum Vergrößern der beiden Fotos bitte auf die Bilder klicken!

Kaum war das Lied zu Ende, erschollen „Biffy, Biffy, Biffy“-Rufe, Simon wechselte von der blauen zur schwarzen Fender und mit „That golden rule“ gab es einen weiteren Song zum Abrocken, und dafür war auch das nahtlos folgende dritte Lied „Who’s got a match“ bestens geeignet. Die Leute im Wasser und am Beckenrand schienen einen Wahnsinnsspaß zu haben und auch die Band kam so gut gelaunt wie immer rüber. Bevor es mit „Sounds like balloons“ weiterging, meinte Simon: „This is fucking surreal!“ Auf ein bikini- bzw. badehosentragendes Publikum im Pool zu schauen, ist selbst für eine erfolgsverwöhnte Band wie Biffy Clyro keine alltägliche Situation! Soweit ich weiß, ist dieses Konzert für die Schotten das erste in einem Hallenbad und ich könnte mir vorstellen, dass diese Show für die Band wie für die Besucher aufgrund der außergewöhnlichen Location unvergessen bleibt.

Erst beim fünften Song, „Biblical“, wurde es ein klein wenig ruhiger, wodurch die Bademeister auf dem Steg, der die beiden Hälften des Nichtschwimmerbeckens voneinander trennt, wahrscheinlich kurz mal aufatmen konnten – während mir im übertragenen Sinne die Luft wegblieb, denn bei diesem Lied gerate ich immer ein bisschen mehr ins Schmachten als üblich, obwohl ich für solche sehr eingängigen Schmalz-Nummern sonst gar nicht so empfänglich bin. Hm. Nachdem das Lied zu Ende war, begannen die Leute im Becken nach ein paar Sekunden der Stille, noch einmal den „Oooooo-ooooh“-Part zu singen. Das war ein ganz besonders ergreifender Augenblick!

Foto vom Telekom Street Gigs-Fotograf

Foto vom Telekom Street Gigs-Fotograf

Es ging ruhig weiter mit „God and satan“, ein ganz zauberhafter und doch wegen der Umgebung so grotesk wirkender Moment, bevor eines der Superhighlights für mich folgte. Ich hatte mir ja sooo gewünscht, dass die Herren „Glitter and trauma“ spielen würden, weil das weder beim Taubertal-Festival noch in Baden-Baden auf der Setlist stand, und genau dieses Lied, die zweite Single des „Infinity land“-Albums aus dem Jahr 2004, kam als Lied Nummer 7 in Hannover. Me-ga-geil! Ich liebe die abwechslungsreichen Gitarrenparts darin und den Wechsel zu den aggressiveren Riffs nach knapp 4 Minuten und zum Schluss hin, und ganz plötzlich wäre ich auch am liebsten ins Wasser gehopst! Zumal ich den nächsten Song „Bubbles“ auch außerordentlich gerne höre – und sehe. Wobei ich bei Simon nie so recht weiß, wo ich hingucken soll: auf die Gitarren – er hat so viele wunderschöne und manche seiner Fender-Klampfen sehen wie recht alte Gitarren aus –, auf die vielen Tattoos, interessant sind momentan vor allem die Neuzugänge auf den Fingern seiner rechten Hand – um die zu erkennen, war ich diesmal aber zu weit weg, ich wollte ja trocken bleiben –, auf das stets von zotteligen Haaren umgebene bzw. damit bewachsene hübsche Gesicht oder auf den Körperteil, den er während des Musizierens demonstrativ zur Schau stellt. Der Mann weiß genau, was er tut! Wenn er aufs Schlagzeugpodest springt, den Zuschauern den Rücken zudreht und mit dem Po wackelt beispielsweise oder wenn er sich einfach breitbeinig hinstellt, in die Knie geht und obercool in die Saiten haut, während er die Zunge heraushängen lässt und die Augen verdreht. Ich bin mir sicher, dass nicht nur etliche Frauenherzen durch die Art, wie Simon sich bewegt, schwach werden – es gibt nämlich auch jede Menge männliche Wesen, die Biffy Clyro und speziell Frontman Simon so richtig klasse finden. Man muss sich nur einmal im Publikum bei Biffy Clyro-Konzerten umschauen, dann wird schnell klar, dass nicht alle Männer mitgeschleppte Freunde und Ehemänner von Biffy-Fangirls sind! Schon gar nicht die Simon-Doubles, von denen es immer ein paar unter den Zuschauern zu sehen gibt.

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Wenn ich also gar nicht mehr weiß, wo ich bei Simon hinschauen soll, und mich darauf konzentrieren muss, die Kinnlade einigermaßen geschlossen zu halten, wende ich einfach den Blick nach rechts und schaue mir an, wie Ben sein Schlagzeug bearbeitet und Backgroundvocals singt, oder wie sein Bruder James, der auch nicht stillstehen kann, in die Basssaiten drischt und ebenfalls singt. Da ich so auf Gitarren fixiert bin (lies: – ihr wisst schon), bekomme ich es irgendwie nie mit, wenn James den Bass wechselt. Ich bemerke bloß irgendwann, dass er auf einmal einen anderen Bass in den Händen hält als beim Lied davor.

Apropos Gitarren: Den Raum, in dem Mike Vennart seine Gitarren aufbewahrt, würde ich auch gerne einmal sehen! Der Linkshänder scheint nämlich auch für fast jeden Song eine andere Gitarre zu spielen und muss eine beeindruckende Sammlung dieser Instrumente besitzen.

Auf die Videowände mit den fantastischen ans Albumartwork angepassten Motiven wurde diesmal natürlich verzichtet, aber bei „Bubbles“ sprühten überraschend Düsen Nebelsäulen in die Luft, sobald Bens Schlagzeuggewitter während des instrumentalen Parts in der zweiten Hälfte startete.

Die anschließenden „Biiiiiffy Clyro“-Rufe quittierte Simon bloß mit einem „Oh yeah“, bevor es mit „Spanish radio“, das ich nun endlich auch einmal live hören konnte, weiterging. Die Masse im Wasser war wieder etwas ruhiger und gönnte sich ein kleines Päuschen, was angesichts der vielen Lieder, bei denen man gar nicht anders kann, als vollen Körpereinsatz zu zeigen, verständlich ist. Simon kraxelte währenddessen mit seiner Gitarre auf den erhöhten Bereich bei der linken Traverse, die die Lichter und Lautsprecher hält und außerdem eine Videotafel, auf der abwechselnd der Bandname oder „Street Gigs“ oder einfach ein weißes „T“ vor magentafarbenem Hintergrund zu lesen war.

Danach wurde es auf der Bühne dunkel und die Musiker verließen ohne jeglichen Kommentar ihren Platz. Was war denn jetzt los? Ich hoffte inständig, dass nun nicht schon der Zugabenteil folgte, das wäre dann doch ein arg kurzes Konzert gewesen! Auf einmal erschien Simon mit einer Akustikgitarre auf dem Sprungturm in fünf Metern Höhe und begann, „Folding stars“ zu spielen.

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War das so toll! Trotz 30°C Lufttemperatur (mindestens) spürte ich, wie sich die Haut an meinen Armen zu einer Art Gänsehaut kräuselte. Das war wieder ein ganz besonders großartiger Moment an diesem ohnehin einzigartigen Abend, für mich allerdings eine schaurig-schöne Situation, weil „Folding stars“ mich aus gegebenem Anlass immer unwahrscheinlich berührt. Simon schrieb dieses Lied zu Ehren seiner verstorbenen Mutter Eleonor und um ihren plötzlichen Tod, der ihn total aus der Bahn geworfen hatte, zu verarbeiten, was auch für andere Songs auf dem „Puzzle“-Album aus dem Jahr 2007 gilt. Es muss für den Sänger unglaublich schwierig gewesen sein, als er dieses sehr persönliche Lied zum ersten Mal live darbot, zumal Live-Vorführungen dieses Songs zunächst gar nicht geplant waren. Mittlerweile, nach so vielen Jahren, fällt es ihm womöglich etwas leichter, dieses Lied zu singen, wobei der Vers „It’s not getting easier“ diese Annahme ja nicht gerade unterstützt, und der Refrain mit dem Namen macht die Sache womöglich auch nicht einfacher. Insofern: Hut ab, dass dieses Lied überhaupt live zu hören ist! Und dann auch noch akustisch vom Sprungturm aus. Wahnsinn!

Der folgende Song „Living is a problem because everything dies“, nunmehr wieder mit allen Musikern auf der Bühne, haut in dieselbe Kerbe wie „Folding stars“ und nimmt mich auch immer ziemlich mit, obwohl ich dieses Lied irrsinnig liebe. Mit der Textstelle „Swimming (!) in memories“ werde ich dank Hallenbad-Gig aber ab sofort auch weniger schmerzvolle Erinnerungen verbinden. Im Wasser ging’s passend zum Tempo des Liedes auch wieder rund, womit James‘ Frage, ob alle noch fit sind, beantwortet war, und auch beim folgenden Song mit dem Titel „57“, den Simon auf Deutsch nannte, zeigte das Publikum keinerlei Ermüdungserscheinungen. „57“ ist der älteste Track des Abends, er stammt vom 2002 veröffentlichten Debütalbum „Blackened sky“, hat aber auch 11 Jahre später noch nichts von seiner mitreißenden Wirkung verloren. Simons Bestreben, Musik zu erschaffen, die Leute auch in 20 Jahren noch gerne hören und als gute Musik betrachten (siehe indieLONDON), ist meiner Meinung nach absolut realisierbar, auch wenn die Musik von Biffy Clyro, vor allem die älteren Alben, ein gutes Stück unkonventionell ist.

Die folgende Ballade „Many of horror“ hat bereits Klassiker-Status und der erste Refrain, der nur vom Publikum gesungen wurde, war wieder einer dieser Momente, bei dem es einem ganz warm ums Herz wurde. Viele Arme waren in Richtung Bühne gestreckt und bewegten sich im Takt hin und her, während Crowdsurfer auf den Händen durch das Becken getragen wurden.

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Danach wurde wieder kräftiger geplantscht, „Modern magic formula“ vom aktuellen Album lädt aufgrund seines Tempos ja fast schon dazu ein, herumzuhüpfen, und auch bei „Black chandelier“, der ersten Single aus „Opposites“, war im Wasser einiges los inklusive Crowdsurfer. Das steigerte sich noch bei „The captain“, das durch das „Wooo-hoooo-hoooo-hoooo“ auch wieder viele zum Mitsingen brachte, bevor es dann erneut auf der Bühne dunkel wurde.

Natürlich verlangte das Publikum lautstark nach Zugaben, allerdings gewann der Chor der „Biiiiiiffy Clyro“-Rufer recht schnell die Oberhand über diejenigen, die „Zugabe“ riefen.

Ich wunderte mich noch, warum es auf einmal so viele Leute so eilig hatten und in die Richtung, in die die Musiker weggegangen waren, strömten. Für Autogrammwünsche oder generelles Anquatschen der Bandmitglieder schien mir der Zeitpunkt etwas ungünstig zu sein. Was ich nicht mitbekommen hatte: Ben, James und Simon waren auf den Sprungturm gekraxelt und jeder aus einer anderen Höhe ins Wasser gehüpft, wohlgemerkt in Hosen und Schuhen, bevor sie sich backstage auf die letzten Konzertminuten vorbereiteten! Deshalb waren so viele in diese Richtung geflitzt! Da rächt es sich, dass ich grundsätzlich keiner Herde nachrenne!

Foto vom Telekom Street Gigs-Fotograf

Foto vom Telekom Street Gigs-Fotograf

Nach ein paar Minuten startete die letzte Livemusikrunde. Die Band ging es gemächlich an mit der wunderschönen Single „Opposite“ und legte dann mit aggressiveren Klängen nach. Bei „Stingin‘ belle“ spielte Simon während der etwas längeren instrumentalen Phase wieder mit vollem Körpereinsatz auf seiner Gitarre und kletterte überall herum, wo er nur hingelangen konnte, während im Pool das Wasser nur so herumgespritzt wurde. Danach bedankte er sich beim Publikum (Sagte er tatsächlich „Wir lieben Sie“???) und wiederholte mehrmals, dass sie Biffy Fucking Clyro heißen, und mit „Mountains“ aus dem Jahr 2008, einem kultverdächtigen Kracher, den man bestimmt auch in 20 Jahren noch gerne hört, endete das atemberaubend faszinierende Konzert.

Ich glaube nicht, dass ich diese Musikveranstaltung jemals vergessen werde, allein schon deswegen, weil ich mir kaum vorstellen kann, dass irgendwann wieder jemand ein solches Konzert in einem Hallenbad ausrichten wird. Was für eine bizarre, einzigartige Idee!

Diejenigen, die für den Sound zuständig waren, verdienen meines Erachtens ein dickes Lob! Es ist bestimmt nicht so ganz einfach, in einem Raum, der eigentlich in keinster Weise für die Aufführung von Konzerten gedacht ist, einen akzeptablen Sound hinzubekommen. Nicht nur für die Besucher, sondern auch wegen der Liveübertragung waren aber einige Ansprüche zu erfüllen, und das hat das Team für den Ton hervorragend gemeistert!

Um den Abschied ein wenig leichter und den eventuell vorhandenen Muskelkater erträglicher zu machen, gab es am Ausgang Geschenke: Baumwolltaschen, faltbare Lautsprecher und Kopfhörer, alles mit Street-Gigs-Logo. Hier wurde man wirklich verwöhnt bis ganz zum Schluss!
Außerdem zeigt Pro7 am 01.11. um 1.25 Uhr eine 25-minütige Best Of-Sendung des Konzerts, die am 02.11. um 5.40 Uhr wiederholt wird. Pro7 FUN strahlt die Highlights am 01.11. um 20.15 Uhr aus.

Falls jemand die Lektüre bis hierhin durchgehalten hat: Natürlich kann der detaillierteste Bericht kein Ersatz für einen Liveauftritt sein, und Biffy Clyro sollte man sich auf gar keinen Fall entgehen lassen. Schaut euch also auf der Homepage der Band an, wann sie wo spielen, und besorgt euch ein Ticket, solange es noch welche gibt!

Übrigens: Ich habe festgestellt, dass lange Autofahrten ohne Beifahrer schlecht für meinen Hals sind. Durch zu langes und vor allem zu lautes Singen bin ich die nächsten Tage wahrscheinlich nur am Krächzen.

Viele gute Fotos findet man auf der Internetseite der Telekom Street Gigs oder auch bei In Your Face. Bei meiner kleinen Auswahl gilt dasselbe wie weiter oben schon erwähnt: Durch Anklicken wird das betreffende Bild etwas größer.

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