Editors beim Westend Festival in Dortmund (FZW, 05.10.13)

Knapp neun Stunden im Auto und insgesamt rund 700 zurückgelegte Kilometer für ein Konzert der Spitzenklasse – so lautet meine Bilanz des vom VISIONS-Magazin veranstalteten Westend Festivals im Dortmunder FZW. Ich war allerdings nicht drei Tage lang vor Ort, sondern reiste nur für den Finaltag an, weil ich mir die Editors noch einmal anschauen wollte.

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Für die erste Runde Livemusik sorgten ab Punkt 20 Uhr vier junge Männer aus München, die sich Talking Pets nennen. Ihren Musikstil würde ich in die Schublade „Indiepop“ einrangieren und nach ein paar Songs von Sänger und Gitarrist Franko van Lankeren, Bassist Christoph Geigl, Keyboarder Jonas Klingenfuss und Drummer Lennart Stolpmann stand fest, dass die vier wirklich gut sind – sonst wären sie ja auch nicht fürs Westend Festival engagiert worden. Allerdings – und das tut mir echt leid – war die Musik der Talking Pets für meinen Geschmack etwas zu lasch, aber das liegt an meinen Hörgewohnheiten. Aggressive Gitarrensounds, gelegentliche Screams und ein Schlagzeug, das den Raum beben lässt, gibt es bei dieser Band nämlich nicht. (Streng genommen sucht man solche Elemente auch bei den Editors vergebens, aber die bringen meine Augen irgendwie trotzdem zum Leuchten. Hm.)

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Frankos Gitarre – ich meine die Epiphone (Sheraton?), die er zuerst spielte, nicht die später benutzte Fender Telecaster – traf bei mir aber absolut ins Schwarze, sodass er meine Aufmerksamkeit auf jeden Fall hatte. Der Entertainmentfaktor war durch ein wenig Smalltalk mit dem Publikum auch von Anfang an gegeben. Eines der ersten Statements, die für lächelnde Gesichter sorgten, war die Aussage, dass man aus München kommt und sich Talking Pets nennt, aber rein gar nichts mit… dem FC Bayern zu tun habe. Witzig war auch die Bemerkung, dass die Band sehr dankbar ist, bei diesem Festival dabeisein zu dürfen, weil das Editors-Konzert in München ausverkauft sei. Vor dem letzten Song des 30 Minuten dauernden Sets kündigte Franko an, dass die Bandmitglieder nun, nach getaner Arbeit, von Wasser auf Bier, das sie sich auf dem Weg zum FZW an einer Tankstelle gekauft haben, umsteigen würden, und fragte nach, ob die Dortmunder Biersorte, für die man sich entschieden hat, auch wirklich schmeckt. Na denn Prost!

Die drei Songs umfassende “Asteroids”-EP gibt es übrigens zum kostenlosen (und trotzdem legalen) Download auf der Bandhomepage oder zum Anhören bei Soundcloud. Auch als 7“-Vinyl ist das Ganze erhältlich.

Weitere Konzerte:
12.10.13 München (Gasteig), Digital Analog Festival
30.10.13 München (Ampere)
09.11.13 München (Feierwerk) Sound of Music Now Festival

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Um 21.00 Uhr war dann die Zeit für die fünf Briten von New Desert Blues gekommen. Insgesamt drei Gitarren – nebst Bass und Schlagzeug – ließen auf insgesamt mehr Rumms hoffen, und während ich die Musik der fünf bis auf den Schlagzeuger Ian Petts komplett in Schwarz gekleideten Männer am Anfang noch ganz interessant fand, ertappte ich mich nach ein paar Liedern selbst dabei, dass ich anfing, auf meine Uhr zu schielen, anstatt die wunderschöne rote Gretsch des Hauptsängers James Cullen oder Jim Hardings Fender direkt vor meiner Nase im Auge zu behalten. Bei manchen Liedern sangen alle vier die Saiteninstrumente bedienenden Musiker gemeinsam (da wären neben den bereits erwähnten noch Bassist Josh Parker und Daniel Cobb an Gitarre Nr. 3 zu nennen), das hatte schon was, und aus dem Publikum waren nach manchen Songs Rufe der Begeisterung zu hören. Trotzdem sprang bei mir der Funke nicht über. Schade. Vielleicht sollte ich den fünfen aber doch noch eine Chance geben und mir ihre Songs bei Soundcloud anhören, denn melancholische Musik mag ich eigentlich und diese Präferenz bedienen die fünf mit ihrem als Noir-Americana umschriebenen Musikstil im Prinzip.

Bislang stehen nur zwei weitere Konzerte von New Desert Blues fest und man muss dafür nach Großbritannien reisen:
25.10.13 Southampton (The Joiners), mit Pilot House
01.11.13 London (The Barfly), mit Mumm-Ra

Zum Vergrößern der folgenden Fotos einfach auf das jeweilige Bild klicken!

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Ich war ziemlich froh, als der Zeiger meiner Uhr endlich auf 22.15 Uhr vorgerückt war und der Auftritt der Editors unmittelbar bevorstand! Das Intro zeigte, dass die Musiker mit „Sugar“ vom aktuellen Album “The weight of your love” starten würden, und als die fünf endlich auf die Bühne kamen – unter tosendem Beifall des Publikums – demonstrierte Frontman Tom Smith sofort, was ein Editors-Konzert so außergewöhnlich macht, neben der Musik natürlich: seine expressive Performance! Dazu gehört unter anderem, dass sich der Sänger gerne mal am Mikrofonständer räkelt, selbigen schnappt und ihn über die Bühne schleift, während er in die Knie geht oder mit seinen Händen wild gestikuliert. Wenn das Gitarrespielen Herrn Smith in seinen Bewegungsmöglichkeiten einschränkt, ist es seine Mimik, die alle Blicke auf sich zieht, und selbst die Klavierparts werden zum Hingucker, wenn der Musiker nach erledigtem Tasteneinsatz auf den Deckel des Instruments krabbelt und dort nach Smithscher Manier weiterperformt, bis er wirklich sämtliche Kabel total miteinander verheddert hat – falls er sich nicht vorher schon selbst mehr oder weniger unabsichtlich damit umwickelt hat. Bei einem solchen im wahrsten Sinne des Wortes fesselnden Auftritt ist es nicht notwendig, dass die Musiker noch zusätzlich große Worte an die Zuschauer richten, um vor Verzückung offen stehende Münder zu erzeugen. Insofern waren die ab und zu geäußerten „Thank you“s und „Dankeschön“s absolut ausreichend. Der Sänger stellte aber später am Abend alle seine Bandkollegen vor, damit auch diesen die wohlverdiente Menge an Applaus zukommt: Russell Leetch am Bass, Edward Lay am Schlagzeug, Justin Lockey, der fast den ganzen Gig mit seiner Fender Telecaster bestritt, sowie Elliott Williams, der nicht nur Keyboards und Samples bediente, sondern auch Gitarre spielte und Backgoundvocals sang und immer wieder die Zuschauer zum Mitklatschen animierte.

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Am Anfang wunderte ich mich noch, dass der Bühnenhintergrund bloß aus einem weißen Vorhang und ein paar Leuchten davor bestand und nicht aus dem Banner, das das schöne Artwork des aktuellen Albums zeigt. Es war allerdings schnell klar, dass es solche Dekoelemente ohnehin nicht gebraucht hätte, denn Tom Smith schafft es, wie soeben beschrieben, offenbar mühelos, alle Aufmerksamkeit dauerhaft auf sich zu ziehen. Trotzdem schwirrte ab und zu auch Russel Leech mit seinem Bass quer über die Bühne und gegen Ende kam auch Elliott Williams aus seinem Eckchen hinten links hervor und rockte für ein paar Momente mit seiner Gitarre am vorderen Bühnenrand, bevor er via Schlagzeugpodest wieder abrauschte in sein aus vielen Tasten und einem Mikro bestehendes Universum.

Setlist EditorsFast zwei Stunden rockten die Editors vor etwa 1.300 begeisterten Zuschauern die Bühne in der großen Halle des FZW, die in Wirklichkeit viel kleiner ist, als sie bei TV-Übertragungen wirkt. Im Programm waren Songs zum Abtanzen (beispielsweise „Munich“ oder „The racing rats“) und langsamere Lieder, die einen träumen oder schmachten lassen (in meinem Fall z.B. „Two hearted spider“), insgesamt betrachtet eine perfekte Mischung aus Songs von allen vier Alben, Lieder aus dem aktuellen Longplayer natürlich leicht in der Überzahl. Für die Zugabe wurde noch einmal kräftig Gas gegeben mit „Bricks and mortar“, und während ich noch dachte, dass das so fetzig bis zum Schluss weitergeht, überraschte die Band mit einer Version von „Nothing“, die von Tom am Klavier eingeleitet wurde (bevor er nach einer kurzen Phase am Mikro stehend erneut aufs Klavier kraxelte), bei der dann aber alle Bandmitglieder beteiligt waren, während beim Telekom Streetgig in Frankfurt ja eine Akustik-Version nur mit dem Frontmann auf der Bühne geboten wurde. Den furiosen Abschluss bildete wiederum „Papillon“ in der superextended version, bei der, glaube ich, wirklich so gut wie alle im Publikum noch einmal so richtig in Bewegung waren, wohlwissend, dass das Konzert danach zu Ende sein würde.

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Wer die Editors ebenfalls live erleben möchte, hat dazu bis Ende November noch einige Gelegenheiten, je nachdem, wie mobil man ist. Einen Überblick über die Tourdaten findet man auf der Homepage der Band.

So toll alles war – ein bisschen motzen muss ich zum Schluss dennoch: Da kommt man zwei Stunden vor Einlass an der Halle an und reiht sich zufrieden in die aus acht Leuten bestehende Warteschlange ein und glaubt, dass einem perfekten Platz an der Barriere offenbar nichts im Wege steht – und muss dann beim Einlass zum Scannen des e-Tickets einen Abstecher ans Kassenhäuschen machen, während alle anderen mit ihren Nicht-e-Tickets an einem vorbeirennen und die besten Plätze in der ersten Reihe belagern. Das hätte man auch anders regeln können (mit einem mobilen Scangerät zum Beispiel)!

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Eine Antwort zu Editors beim Westend Festival in Dortmund (FZW, 05.10.13)

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