Biffy Clyro beim SWR3 New Pop Festival (13.09.13)

In meinem Bericht über den Sonntag beim Taubertal-Festival jammerte ich noch darüber, dass ich im Juli nicht ausgelost worden war, um mir Tickets für Biffy Clyro beim SWR3 New Pop Festival kaufen zu dürfen. Die Nachfrage nach dem Rockpaket aus Schottland war offenbar gigantisch und da der Bénazetsaal im Kurhaus Baden-Baden von seiner Größe her nicht gerade vergleichbar mit der Londoner Wembley-Arena ist, war die Menge an verfügbaren Tickets dementsprechend gering. Gerade die Kombination „großartige Band im eher kleinen Konzertsaal“ machte für mich diese Veranstaltung so begehrenswert und dank dieser einen Online-Plattform, bei der man so oft Karten für ausverkaufte Konzerte ersteigern kann, flatterte doch noch das heißersehnte Ticket in meinen Briefkasten.

Erstaunlich eigentlich, dass in Deutschland der Hype um Biffy Clyro erst in diesem Jahr so richtig ausgebrochen ist. Immerhin existiert das Trio bereits seit 1995 und das im Januar veröffentlichte „Opposites“ ist schon das sechste Studioalbum.

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In Baden-Baden war ganz schön was los, als wir so gegen 20 Uhr in der Innenstadt ankamen; dort fanden ja im Rahmen des SWR3 New Pop Festivals drei Tage lang in drei verschiedenen Locations – Kurhaus, Festspielhaus und Theater – ab dem frühen Abend Konzerte statt. Ich hätte jedoch nicht erwartet, dass das Ganze verbunden ist mit einer Art Stadtfest mit Getränke- und Essensständen, Mitmachangeboten und einigen Bühnen unter freiem Himmel. Wir mussten uns regelrecht durchkämpfen, um ins Kurhaus zu gelangen, aus dem just in dem Moment die Besucher des Passenger-Konzerts strömten.

Was ich an den Konzerten des SWR3 New Pop Festivals neben den nicht allzu großen Konzerthallen so richtig gut finde, ist das Nichtvorhandensein von Vorbands. Manchmal entdeckt man zwar im Vorprogramm wahre Perlen, aber eigentlich will man ja in erster Linie die Band sehen, wegen der man sich das Ticket zugelegt hat und wegen der man die Reise auf sich nimmt. Allerdings sollte man wissen, dass die Gigs bei dieser Festivaledition in der Regel nur eine Stunde dauern. Umso erfreuter war ich später, weil Biffy Clyro sogar 70 Minuten auf der Bühne standen. In meinem Fall war es auch ideal, dass das Konzert erst um 23.30 Uhr begann – ich musste an diesem abgesehen vom Festival gewöhnlichen Freitag ja arbeiten und erst einmal nach Baden-Baden düsen und dort ins Hotel einchecken und mich von dort aus in die Innenstadt begeben. Wäre das Konzert schon um 20 Uhr losgegangen, wäre alles viel hektischer gewesen. Kurz vorm Einlass um 22.30 Uhr war mein Adrenalinpegel dennoch ziemlich weit oben, denn vor der Treppe, die in den Bénazetsaal führt, drängten sich inzwischen ziemlich viele Leute mit Biffy Clyro-Ticket und manche, die später gekommen waren, versuchten, sich von den Seiten in den Anfang der Warteschlange hineinzuquetschen. So etwas mag ich ja gar nicht! Da steht man stundenlang brav in der Reihe und muss dann kurz, bevor es ernst wird, wegen der Dreistigkeit mancher Leute doch noch um seinen Platz in der ersten Reihe bangen! Für mich ging aber alles gut und nichts störte meinen Blick auf die Bühne – außer der großen Kamera, die das Konzert live ins Internet und ins Fernsehen übertrug und die manchmal vor meiner Nase vorbeigefahren wurde, aber das war zu verkraften. Dank der TV-Übertragung konnte ich schließlich das Konzert aufnehmen und habe diese traumhafte Erfahrung dadurch nicht nur in meinem Gedächtnis konserviert.

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Dass es bei einem Festival von SWR3 eine ordentliche Anmoderation gab, versteht sich fast von selbst. Kaum hatte Anneta Politi zusammen mit den Zuschauern den Countdown heruntergezählt, erzeugten Leuchtdioden den Bandnamen Biffy Clyro auf der Videotafel an der Rückwand der Bühne und der Sister Sledge-Hit „We are family“ dröhnte aus den Boxen. Was für eine groovige Einstimmung!

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Nach etlichen Takten fragte ich mich allerdings, ob da jetzt tatsächlich das komplette Lied als Intro gespielt wird, ähnlich wie es Sabaton mit dem Europe-Song „The final countdown“ tun. Aber erfreulicherweise betraten nach gut zwei Minuten Simon Neil, Ben Johnston und James Johnston zusammen mit Gambler alias Richard A. Ingram und Mike Vennart die Bühne und legten los mit wesentlich aggressiveren Klängen in Form des Gitarren-Bass-und-Schlagzeug-Gewitters von „Stingin‘ belle“. Die Bühne war zu dem Zeitpunkt überwiegend in blaues Licht getaucht, durchbrochen von helleren „Blitzen“, sodass man von den Musikern noch gar nicht so viel sehen konnte. Aber schon bei diesem ersten Lied zeigten die Schotten, was typisch für Konzerte von Biffy Clyro ist, nämlich Abrocken bis zum Geht-nicht-mehr, zumindest auf der Bühne, und zwar auf ganz hohem Niveau! Hier wird nicht stillgestanden und die Musik heruntergerattert, sondern mit dem umgeschnallten Bass bzw. mit der Gitarre in den Händen bewegten sich James und Simon im Takt, flanierten über die Bühne oder ließen zumindest die Haare fliegen beim Headbangen. Gleich bei dem ersten längeren Instrumentalpart (das auf dem Album vorhandene Dudelsack-Solo wurde durch einen Saiteninstrument-meets-Keyboard-Part ersetzt) ging Simon auf größere Tuchfühlung mit dem Publikum, indem er sich von der Bühne aus mit einem Bein einen Moment lang auf die Barriere vor der ersten Zuschauerreihe stellte. Kreisch!

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Wahrscheinlich muss ich es nicht eigens erwähnen, dass Simon, Ben und James wie üblich ohne Shirts, Hemden oder sonstige störende Bekleidung am Oberkörper auftraten, was der Performance auch rein optisch das gewisse Etwas verlieh, sofern man keine Aversionen gegen Tätowierungen hat. Aber selbst diejenigen, die Tattoos nicht mögen, können wohl nicht leugnen, dass es verdammt gut aussieht, wenn Simon im Takt die Knie beugt und die Hüften kreisen lässt oder mit dem Rücken zum Publikum auf dem Schlagzeugpodest stehend mit dem Allerwertesten wackelt. Und auch die Art und Weise wie der Sänger – vor allen am Ende mancher Lieder – seine Gitarre berührte und sich an sie schmiegte, hatte was! Der weniger großflächig tätowierte Bandkollege am Bass ist ebenfalls hübsch anzusehen; von seinem Zwillingsbruder Ben sieht man aber vergleichsweise wenig, weil der ja größtenteils von dem riesigen Schlagzeug verdeckt wird.

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Ich gebe auch zu, dass der schottische Akzent der drei Musiker, den ich vor allem bei Interviews so richtig wahrnehme, mein Herz ein wenig zum Schmelzen bringt. Insofern hätte ich es mir fast gewünscht, dass Simon und James zwischen den Liedern nicht so viel auf Deutsch zum Publikum sprechen – oder noch mehr kommunizieren, aber dann bitte auf Englisch –, wobei sich das fast akzentfreie „Wie geht’s, Baden-Baden? Wir sind Biffy Clyro und wir kommen aus Schottland.“ zugegebenermaßen gut anhörte und Simons deutsche Aussprache des Songtitels „57“ klang ähnlich nett wie James‘ Aussage „You guys are fantastisch!“.

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Fantastisch war aus meiner Sicht so vieles an diesem Konzert, u.a. auch der Gänsehaut-Song „Machines“ – nur mit Simon an der Akustikgitarre –, bei dem das halbe Publikum von Anfang an den Vers „Take the pieces and build them skywards“ mitsang.

Je später der Abend, desto mehr rann bei dem Sänger der Schweiß, bis Simon regelrecht tropfte… Irgendwann meinte er, dass Biffy Clyro zum ersten Mal in Baden-Baden seien, und bedankte sich nochmals beim Publikum. Er fand es offenbar ein wenig lustig, auf einem Festival aufzutreten, das New Pop Festival heißt, und stellte klar, dass sie eigentlich keine neue Boyband sind. Oder sagte er „pop band“? Klingt wahrscheinlicher! Da war er dann wohl doch, der Akzent!

Gambler war diesmal mit seinem Keyboard total im Hintergrund platziert, es stand sogar eine Box schräg vor ihm, sodass er wahrscheinlich gar nicht von überall aus gesehen werden konnte. Vielleicht reichte der Platz auf der Bühne einfach nicht aus, um ihn etwas weiter in den Vordergrund zu holen. Der gehörte an diesem Abend nur Simon und James, denn auch Mike Vennart befand sich mit seiner Gitarre eher im Abseits. Da die Mikros der beiden frontmen recht weit voneinander entfernt aufgestellt waren, war der Blick auf Ben am erhöht stehenden Schlagzeug wie auch auf die Bilder, die ab und zu im Hintergrund über die Videowand flackerten, so gut wie immer gewährleistet. Dadurch wurde mir erst so richtig bewusst, wie häufig der Drummer eigentlich mitsingt! Und auch der Mann am Bass verstärkt Simons Gesang ziemlich oft. Teamwork at its best!

Gespielt wurden folgende 14 Songs:
Stingin‘ belle
The captain
Sounds like balloons
Biblical
Opposite
Living is a problem because everything dies
Bubbles
Victory over the sun
57
Many of horror
That golden rule
Machines
Black chandelier
Mountains

Ich hätte ja noch gerne „Folding stars“ gehört und „God and satan“ und „Who’s got a match“ und „Glitter and trauma“ und und und… Aber das hätte den Rahmen von ungefähr einer Stunde schon extrem gesprengt und ich bin ja dankbar, dass ich überhaupt eine Karte für dieses großartige Konzert an Land ziehen konnte!

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Wenn mein DVD-Recorder brav funktioniert hat, kann ich mir das Ganze nun noch einmal zu Gemüte führen und einmal mitzählen, wie viele verschiedene Gitarren an diesem Abend in Simons Armen lagen. Ich glaube, er bekam für jedes Lied eine andere gereicht, aber manche waren vielleicht mehrmals im Einsatz. Falls bei der Aufnahme mal wieder etwas schiefgegangen sein sollte, gibt es noch ein paar Gelegenheiten, das Biffy Clyro-Konzert im Fernsehen zu verfolgen und auf „record“ zu drücken, und zwar an folgenden Terminen (laut SWR3-Seite):
19.09.13, 00.30 Uhr SWR3 latenight Extra
24.09.13, 01.30 Uhr EinsPlus, Beatzz in concert
28.09.13, 14.45 Uhr EinsPlus, Beatzz in concert
15.11.13, 0.30 Uhr SWR3 latenight Extra

Am 24.09.2013 um 19.00 Uhr ist das Konzert im Radio (bei SWR3 Club) zu hören.

Ach, und falls jemand ein Ticket für das ausverkaufte Biffy Clyro-Konzert in Tilburg am 31.10.13 übrig haben sollte: Ich nehme es gerne!!!

Tourdaten findet man auf der Homepage von Biffy Clyro.

Professionelle Fotos kann man auf der SWR3-Seite bestaunen. Wenn man von meinen Fotos größere Versionen sehen möchte, muss man in der folgenden Übersicht einfach auf das jeweilige Bild klicken.

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Über luuuzie

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9 Antworten zu Biffy Clyro beim SWR3 New Pop Festival (13.09.13)

  1. Seb! schreibt:

    Das war wirklich ein klasse Konzert! Ich hab von hinten leider nur ein paar wenige Bilder gemacht: http://sebgr.com/1aUb3TJ . Schöner Bericht !!! Und ich freu mich noch auf die TV Aufnahmen 🙂

  2. luuuzie schreibt:

    Na dann solltest du heute Nacht das SWR-Fernsehen einschalten oder den Recorder startklar machen, ab 0.30 Uhr geht’s los! Danke für dein Lob. Dein Foto von Simon im Strahl der Scheinwerfer finde ich total schön!

    • Seb! schreibt:

      Lieben Dank für das Kompliment bzgl meinem Bild. Das beste Biffy Clyro Konzert habe ich allerdings in Saarbrücken vor ca. 6 Jahren erlebt im Roxy !

  3. luuuzie schreibt:

    Ah, das Roxy! Irgendwie hab ich es nie geschafft, dort mal ein Konzert zu besuchen, aber im Roxy-Vorgänger Heaven habe ich etliche schöne Stunden erlebt. Das einzige Roxy-Konzert, für das ich ein Ticket hatte, war das Blackmail-Konzert im Dezember 2008, das aber nicht stattfand, weil sich die Band just an dem Tag auflöste. Pfff.

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