Taubertal-Festival (Sonntag, 11.08.13)

Monatelang habe ich gegrübelt, ob ich sonntags zum Taubertal-Festival fahren soll oder nicht. Sämtliche Freunde und Bekannte, die mich sonst gerne auf Konzerte begleiten, waren nicht zu mobilisieren, obwohl dort doch Biffy Clyro spielten – aber das restliche Programm sagte allen nicht so zu, daher die nicht vorhandene Bereitschaft für den Festivaltrip. Wegen den Schotten wollte ich aber unbedingt dorthin, denn es ist schon viel zu lange her, dass ich sie auf der Bühne in action erleben konnte! Für ihren Auftritt beim New Pop Festival am 13.09. wurde ich leider nicht ausgelost zum Ticketkauf und wer weiß, wie das Wetter während der Wintertour ist?! Vielleicht macht mir das einen Strich durch meine Biffy Clyro-Pläne im Dezember? Es sprach also eine Menge dafür, im Taubertal aufzukreuzen. Aber ganz alleine zu einem Festival düsen ist nochmal ein anderes Kaliber als ohne Begleitung ein normales Konzert zu besuchen. Das Taubertal-Festival ist im Vergleich zu anderen Open Airs zwar überschaubar, aber ziemlich weit entfernt. Und nur wegen einer Band zu einem Festival düsen, ist auch riskant, denn da auch Musiker Menschen sind (auch wenn andere diesbezüglich andere Vorstellungen haben), besteht immer die Gefahr, dass jemand krank wird. Kurz: Alles Grübeln führte zu keinem Ergebnis, weswegen ich sogar das Hotel, das ich für alle Fälle gebucht hatte, stornierte – nur um mir dann sonntagmorgens doch ein Festival-Ticket zu kaufen. Print at home macht’s möglich! Yolo würde man auf Neudeutsch zu meiner Entscheidung wohl sagen, ich hatte in dem Moment eher „Don’t wanna waste no more time / Time’s what we don’t have” im Kopf, wie es Simon Neil bei “Living is a problem…” singt.

DSCF5647AtsAlso ab ins Auto und auf nach Rothenburg ob der Tauber, yeeeeha! Das Eine-Stunde-lang-im-Stau-Stehen kostete mich einige Nerven und ließ mich ein wenig daran zweifeln, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, aber als ich dann endlich meinen Wagen am Bahnhof in Rothenburg ob der Tauber parkte – kostenfrei – und mich auf den Weg in die pittoreske Altstadt machte, realisierte ich, dass es ziemlich stark nach Urlaub und Freiheit roch. Am Himmel lagen Sonne und Wolken im Clinch, was ich UV-empfindliches Nachtschattengewächs als optimales Festivalwetter betrachte (und die Herren von Biffy Clyro wohl auch, wie sie im Video-Interview verrieten). Auf dem Weg von der Altstadt ins Tal konnte man die erste Band des Tages, Turbostaat, hören, und ich sah von einem der Aussichtspunkte aufs Festivalgelände, dass der Bereich vor der Bühne trotz früher Uhrzeit gut gefüllt war.

Als ich selber vor der Bühne ankam, waren gerade Irie Révoltés am Werk. Ich nahm noch das riesige „Allez“-Banner im Hintergrund der Bühne wahr („Allez“ lautet der Titel des aktuellen Albums) und merkte dann erst so richtig, wie geschlaucht ich war. Selbst zum Fotografieren war ich in dem Moment zu platt. Deshalb nahm ich erst einmal am Hang, der bereits im Schatten lag, Platz und tankte neue Energie. Die Zuschauer vor der Bühne tanzten, sprangen – eingehüllt in den Staub, den sie selber mit ihren Füßen aufwirbelten – und reckten die Hände in die Höhe, was ich gut verstehen konnte, denn die Musik der insgesamt neun Leute (drei Vocalisten, ein Bassist, zwei Gitarristen, ein Schlagzeuger sowie ein Saxofon- und ein Trompetenspieler) ist absolut mitreißend, eine Mischung aus Ska, Reggae und Punkrock, dazu Sprechgesang mit überwiegend gesellschaftskritischen Texten, zum Teil auf Französisch, da die beiden singenden/rappenden Brüder zweisprachig aufgewachsen sind. Kleine Kostprobe gefällig? Im YouTube-Channel der Band wird man fündig! Aber Irie Révoltés prangern Missstände nicht nur an, sondern handeln auch, indem sie verschiedene Projekte für eine schlicht gesagt bessere Welt – sei es nun gegen Vorurteile und Rassismus oder aber für die Versorgung von bestimmten Regionen der Welt mit sauberem Trinkwasser, um nur ein paar Beispiele zu nennen – organisieren oder unterstützen. Also Engagement durch und durch.
Ich war nicht die Einzige, die ziemlich ermattet am Hang saß. Einigen sah man an, dass sie wohl ab Donnerstag oder Freitag schon das Festival in vollen Zügen genossen hatten, manche lagen sogar in dem, was vom Grasbewuchs noch übrig war, und machten ein Nickerchen. Vocalist Carlito erkannte die Lage und frotzelte mehrmals, dass einige für einen Sonntagmorgen (es war etwa 16 Uhr) doch schon recht fit sind.
Es stehen noch etliche Konzerte an (*klick*), also unbedingt anschauen, wenn ihr die Möglichkeit habt!

Danach gehörte die Bühne 30 Minuten lang der Band, die beim diesjährigen Emergenza-Wettbewerb den ersten Platz belegte: Obsolete Radio aus Nordfrankreich. Ich fand es ein bisschen schade für die vier jungen Musiker, dass nur wenige Leute vor die Bühne kamen, aber da ich nach dem Auftritt von Irie Révoltés selber eine ganz bestimmte Örtlichkeit aufsuchte und mich anschließend um mein leibliches Wohl kümmerte, verpasste ich auch den Anfang des Programms von Obsolete Radio, zumal es ein paar Minuten früher als im Programm angekündigt losging. Wenn man sich auf der Bandcamp-Seite der Band die vier Songs der EP „We are, we shouldn’t, but…“ anhört, wird man feststellen, dass viel Potential in den jungen Leuten steckt. Stellenweise erinnert mich der Indie-Rock-Sound der Franzosen ein wenig an die Hives.

Zum Vergrößern der Fotos einfach auf das jeweilige Bild klicken!

Über die vielen weißen Federn, die großflächig übers Festivalareal verteilt waren, wunderte ich mich ein wenig; vermutlich ist die Ursache dafür keine aus dem Ruder geratene Kissenschlacht, sondern vielmehr den Auftritt von Deichkind am Samstagabend.

Bei Flogging Molly war ab 18 Uhr Party pur angesagt! Nicht nur vor der Bühne, wo es plötzlich eng wurde, sondern auch auf dem Hang waren viele Besucher mit ausgiebigem Tanzen und Hüpfen zu den Irish-Folk-Rock-Klängen der sieben Musiker beschäftigt.
Die Stimmung war bestens und Sänger Dave King hielt den Pegel durch etliche Späßchen ganz weit oben. Er lobte den grünen Iro eines jungen Mannes im Publikum und meinte, dass seine eigene Frisur das Beste wäre, was man in seinem Alter mit seinen Haaren machen könnte. Nette Worte gab es auch für die Tatsache, dass ein paar Leute aus Großbritannien angereist waren, nur um Flogging Molly zu sehen. Manche Zuschauer profitierten auch von den Getränkespenden der Band – in Form von in die Menge geworfenen Guinness-Dosen. Ich konzentrierte mich eher auf die verschiedenen Instrumente, die es da zu bestaunen gab: Robert Schmidt spielte zunächst etwas, das wie eine Gitarre im Mini-Format aussieht, aber in Wirklichkeit eine elektrische Mandoline ist, und zwar sein eigenes Signature-Modell. Dieses Instrument tauschte er bei manchen Liedern gegen ein Banjo ein. Die einzige Frau auf der Bühne, Bridget Regan, war meistens mit ihrer Violine beschäftigt, spielte bei einem Lied aber eine Flöte und gerade diese Flötenmelodie ließ das Tanzbein ganz schön zucken. Die Securities vor der Bühne hatten im wahrsten Sinn des Wortes alle Hände voll zu tun, denn fast im Sekundentakt wurde ein Crowdsurfer vorne abgeliefert. Als Festival-Evergreen durfte natürlich auch die Gummipuppe, die über den Köpfen des Publikums hin und her hüpfte, bis sie schließlich im Fotografengraben landete, nicht fehlen.
Die Band setzt ihre Festivalauftritte noch ein paar Tage lang fort, genaue Daten findet man auf ihrer Homepage.
Nett fand ich, dass der Flogging Molly-Bassist Nathen Maxwell nach dem Auftritt an die Barriere kam, um Setlists und Plektrums zu verteilen, ein wenig mit den Zuschauern zu plaudern und sich mit Fans fotografieren zu lassen.

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Als Nächstes wurde zwei „Straßenmusikern“ aus Köln die Möglichkeit gegeben, ein Lied zu performen – nicht direkt auf der großen Bühne, sondern auf dem ersten Podest davor, wo bei den „großen“ Bands der Kameramann für die Liveübertragung zugange ist. Da das Geschrei des kleinen „Fanclubs“, den die beiden jungen Männer mitgebracht hatten, so laut war, konnte ich den Namen der Band leider nicht verstehen. Aber die Idee, in der Umbauphase noch unbekannten Künstlern eine Plattform für ihre Musik zu geben, gefällt mir gut.

Kleines Update: Inzwischen weiß ich, dass die beiden sich Punch Drunk Poets nennen.

Meine Freude vergrößerte sich um einiges, als die Videowand folgende Information zeigte:

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Sobald dann mit ein wenig Verspätung – so gegen 19.50 Uhr – in der (von mir aus gesehen) rechten hinteren Bühnenecke drei (mit Mike Vennart eigentlich vier) bekannte Gesichter und jede Menge nackte Haut auftauchten, konnte ich mir einen nicht gerade altersgerechten Luftsprung samt frohlockendem Seufzer nicht verkneifen. Das Fangirl in mir war hellwach!

Mir wäre es in puncto Temperaturen im Taubertal zu frisch gewesen, um zur Hälfte blank zu ziehen, aber Simon Neil und seine Bandkollegen von Biffy Clyro, die Zwillinge Ben und James Johnston, betraten die Bühne wie üblich oben ohne. Das freut das Auge, doch auch dieses Mal war es mir nicht möglich, alle Tattoos, die sich da auf der blanken Haut tummeln, zu erfassen, denn sowohl Simon als auch Bassist James zeigten von Anfang an, wie viel Energie in ihnen steckt. Ab dem ersten Song „Different people“ – damit startet auch das aktuelle Album „Opposites“ – ließ James die roten Locken und Simon die inzwischen wieder dunklen Haare fliegen und die beiden blieben kaum länger als den Bruchteil einer Sekunde am selben Platz. Bei Lied Nr. 2, „That golden rule“, kam der Sänger mit seiner Gitarre ganz nach vorne in den Bereich, in dem die beiden Straßenmusiker ein paar Minuten zuvor musiziert hatten, und warf sich vor den vielen Fotografen auf die Knie. Mir war in dem Moment wegen der Fotografen der Blick auf den Musiker leider verwehrt, aber tolle Fotos von Biffy Clyro und vom Taubertal-Festival generell kann man beispielsweise auf Gerald Langers flickr-Seite bewundern. Dort findet man auch ein paar Fotos von Drummer Ben, der von meinem Plätzchen aus die meiste Zeit von Simon verdeckt war.

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Auf der Videotafel im Hintergrund der Bühne sah man zunächst das, was die Band vor Augen hatte, nämlich das Festivalgelände und den bewaldeten Berg, auf dem die Stadt Rothenburg ob der Tauber thront. Einige Teile der Burg sind vom Taubertal aus gut zu erkennen. Das sah wunderschön aus! Später wurden andere Bilder eingeblendet, kahle Bäume ähnlich des Album-Artworks beispielsweise, oder der für das Bild Verantwortliche spielte einfach ein wenig mit Effekten, sodass es so aussah, als hätte Simon einen siamesischen Zwilling, oder als wäre er von unterschiedlich großen Seifenblasen umgeben (letzteres natürlich bei „Bubbles“, und das war logischerweise auch der Moment, als es vonseiten des Publikums kräftig Seifenblasen regnete). Apropos Albumartwork: „Opposites“ ist für mich eines der Alben mit dem schönsten Artwork ever, denn Bäume ohne Blätter haben es mir seit Ende letzten Jahres irgendwie angetan. *klick*

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Dass Simon etliche Gitarren besitzt und vor allem auf Fender-Modelle steht, war mir bewusst. Dass er überdies auch eine Gibson ES 335 mit rotem Korpus in seinem Fundus hat, war mir trotz etlicher Livevideos und eines beim Area 4 Festival 2010 selbst geknipsten Bildes irgendwie entfallen. Ja ja, das Alter… aber immerhin bescherte mir diese Erinnerungslücke einen weiteren aufregenden Moment, als besagte rote Gitarre bei „God & Satan“ zum ersten Mal an diesem Abend zum Einsatz kam.

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Auch James wechselte mehrmals den Bass und richtete ab und zu ein paar Worte ans Publikum, zum Teil auf Deutsch. Neben ihm spielte Mike Vennart verschiedene Gitarren, darunter ebenfalls eine Gibson ES 335, allerdings in Schwarz und wie seine anderen Gitarren als Linkshänder-Modell; er gehört nicht direkt zur Band, unterstützt sie aber bei Konzerten und teilweise auch im Studio.

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Mike Vennart war wie der Keyboarder auf der anderen Bühnenseite, Gambler bzw. Richard A. Ingram, Mitglied der Band Oceansize, die sich Anfang 2011 trennte. Das Keyboard ist vor allem bei „Stingin‘ belle“ von Bedeutung, weil das Dudelsack-Solo bei Konzerten in der Regel durch eine Keyboardmelodie ersetzt wird, während Simon und James an ihren Saiteninstrumenten abrocken.

Gerade die Mischung aus kräftigem Gitarrengeschrummel (z.B. bei „Modern magic formula“) und sanfteren, melancholischen Tönen (bei „Many of horror“ beispielsweise) machen Biffy Clyro für mich so einzigartig und Lieder wie die beiden relativ aktuellen Singles „Biblical“ und „Opposite“ finde ich einfach nur traumhaft schön – erst recht wenn sie direkt vor meiner Nase gespielt werden. Herrlich!

Dass die meisten Biffy Clyro-Lieder, die im Taubertal zu hören waren, vom aktuellen Album stammen, betrachte ich als normal. Schließlich will man ja bei solchen Festivals sein neuestes Werk promoten und bestenfalls neue Fans gewinnen. Ich frage mich aber, woran es liegt, dass nur Lieder der letzten drei Alben zu hören waren, von „Puzzle“ nur ein einziges (die genauen Titel kann man sich bei setlist.fm anschauen); schließlich gibt es noch ein paar Alben mehr im backcatalogue der Band. Der Wechsel von Beggars Banquet zu 14th Floor im Jahr 2006 ist sicherlich nicht die Ursache dafür, dass die Band nur neuere Songs ausgewählt hatte, weil bei anderen Konzerten auch ältere Songs auf dem Programm standen. Aber ich will mich nicht beklagen, die 75 Minuten mit Biffy Clyro auf der Bühne waren so wunderschön, dass sich all der Stress (auch der, der später noch kam, Stau auf der Heimreise sei Dank) gelohnt hat!

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Ein ganz besonderes Highlight war für mich das bereits am Anfang erwähnte „Living is a problem because everything dies“, weil daran unheimlich viele Erinnerungen hängen. Traurige Erinnerungen leider, sehr traurige sogar, deswegen hatte ich auch Tränen in den Augen, als Simon sich nach etwa einer dreiviertel Stunde an den vorderen Bühnenrand stellte und mit dem Gitarren-Stakkato dieses Lied einleitete. Aber das ist doch genau das, was gute Musik ausmacht, dass sie die Menschen berührt, oder?

Sämtliche Tourdaten von Biffy Clyro schaut man sich am besten auf der Homepage der Band an.

Ach ja, da war ja noch etwas! Chuck Ragan, Chase & Status und Pennywise hatten ihre Auftritte nach Biffy Clyro. Wegen der langen Heimfahrt und da der Tag ohnehin anstrengend genug war, verzichtete ich aber auf diese Bands. Das hätte wirklich nur mit Hotelzimmer geklappt!

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