God Is An Astronaut in Karlsruhe (Substage, 26.07.13)

Was haben God Is An Astronaut und eine Feinstaubplakette gemeinsam? Auf den ersten Blick gar nichts, aber ich wäre nicht die Luzie, wenn sich um diese scheinbar in keinster Weise in dieselbe Schublade steckbaren Substantive nicht irgendeine Geschichte ranken würde. Wer sich den Teil „God is a Feinstaubplakette – Odyssee durch Karlsruhe“ sparen will und lieber sofort ins Konzertgeschehen einsteigt, scrollt am besten gleich bis zum fünften Absatz herunter.

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Die Sache mit der Plakette finde ich im Nachhinein witzig, hat mich zur Zeit des Geschehens aber etliche Nerven gekostet, denn dieses blöde Teil, genauer gesagt das nicht vorhandene blöde Teil, führte dazu, dass wir erst nach Öffnung der Türen an der Konzerthalle eintrafen. Ich betone: NACH Öffnung der Türen. OMG! Schweißausbruch angesichts der vielen Menschen, die wie meine Freundin und ich God Is An Astronaut sehen wollten und bereits ganz gemächlich den Eingang des Substage passierten. Wie viele wohl schon drin waren? Während in meinem Kopf ein in Zeitlupe ablaufender Film eine kleine Frau zeigte, die mit zeitlupenartig verzerrter tiefer Stimme „Noooooooooooo“ schreit, die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen, mit riesigen Schritten lossprintet und auf ihrem Weg zur ersten Reihe vor der Bühne alle Leute mit ihren Ellenbogen wegboxt, spazierte ich scheinbar gelassen lächelnd an den Eingang des Substage und reihte mich artig in die Warteschlange ein. Pulsfrequenz im ungesunden Bereich bei 35°C im Schatten.
Alles nur wegen eines Fetzens Plastik, den meine Freundin unbedingt an der Scheibe ihres Wagens kleben haben wollte, kaum dass uns nach Verlassen der Autobahn ein Hinweisschild, dass wir uns nun in einer Umweltzone befinden, in Karlsruhe begrüßte. Mein Smartphone verriet, dass es solche Feinstaubplaketten an vielen Tankstellen gibt und auf dem Weg zum Substage kamen wir sogar an einer Tankstelle vorbei. Die hatten aber keine Plaketten, und der nette junge Mann hinterm Tresen erklärte uns den Weg zu einer nennen wir es mal KfZ-Werkstatt, wo es solche Plaketten garantiert gibt. Ich dachte mir: „Guck lieb und lass ihn reden, er meint es nur gut. Wir fahren da eh nicht hin, schließlich haben wir einen Termin.“ Jedoch bestand meine Freundin darauf, zu dieser Werkstatt zu düsen – bloß doof, dass wir an der richtigen Ausfahrt nicht ab-, sondern vorbeifuhren. Also nutzten wir die nächste Abfahrt und unseren Orientierungssinn, jedoch verringerte sich unsere Ansicht, nun auf dem richtigen Weg zu sein, mit jedem Kilometer, den wir durch die Gegend tuckerten, ohne dass besagte KfZ-Werkstatt auftauchte. Statt dem Navi Folge zu leisten und zum Substage zu fahren erneuter Zwischenstopp an einer anderen Tankstelle. Nö, Plakette gibt’s nicht. Nochmals nö, diese KfZ-Werkstatt kenne man nicht, aber dort und dort könnte man ja mal nachfragen… Durlacher Allee… bla… Genau dort wollte meine Freundin hin und meinen Segen hatte sie, denn in der Durlacher Allee liegt auch die Konzerthalle. Es war mittlerweile 19.30 Uhr. 30 Minuten bis Einlass. Und während ich noch dachte, dass jetzt alles gut wird, grinsten uns etwa 150 Meter hinter der Tankstelle die drei weißen Buchstaben besagter KfZ-Werkstatt an. Während wir die Dame an der Tankstelle angesichts ihrer Planlosigkeit am liebsten in der Luft zerrissen hätten, stellten wir fest, dass wir nicht auf das Gelände der KfZ-Werkstatt fahren konnten, weil mit Leitplanken alles abgeriegelt war. Von der Tankstelle wäre es ein kurzer Fußmarsch gewesen, aber wir waren jetzt ja wieder auf dieser Schnellstraße, Richtung Substage, aber nur kurz, denn bei der nächsten Gelegenheit wendete meine Freundin den Wagen wieder. Das Navi war not amused und ich fühlte mich auf einmal ähnlich wie damals, als wir vor der Sporthalle in Völklingen standen und erfuhren, dass Herr Danzig beschlossen hatte, sein Konzert doch nicht zu spielen. Sämtliche Hinweise auf die vorgerückte Zeit nützten nichts und ebensowenig meine beruhigenden Worte, dass man allenfalls ein Knöllchen bekommt, falls denn überhaupt jemand kontrolliert, schließlich ist eine Umweltzone kein militärisches Sperrgebiet. Nichts zu machen, zuerst musste eine Feinstaubplakette her!
Nach erneuter Ehrenrunde hätten wir die KfZ-Werkstatt beinahe erreicht – wäre die Zufahrtsstraße wegen eines geplanten Festes nicht gesperrt gewesen! Also Auto geparkt und zu Fuß dorthin gehechtet – bei hochsommerlichen Temperaturen wohlgemerkt. Jetzt könnte man meinen, der Kauf einer Feinstaubplakette wäre nur noch ein Klacks gewesen. Mitnichten! Ein Computer muss mit Autonummer und sämtlichen Daten des Fahrzeughalters gefüttert werden und natürlich musste dem Computer mehrfach gut zugeredet werden, damit er die Daten akzeptiert – als ob meine Freundin auf dem Mars lebt! Es war unfassbar! Letzten Endes latschten wir aber tatsächlich mit dieser Plakette da raus. Und dann dalli dalli den Anweisungen des Navis folgend Richtung Innenstadt, bis uns kurz vorm Ziel eine Straßensperrung davon abhielt, gemäß Navi-Befehl weiterzufahren, und ruckzuck waren wir schon wieder auf einer anderen Schnellstraße, wo man nicht wenden konnte und wo es zunächst auch keine Nebenstraßen gab. Ich fürchtete, dass wir erst am Substage ankommen würden, wenn das Konzert schon im Gange ist, aber – oh Wunder! – wir schafften es tatsächlich rechtzeitig. Zuerst einmal musste aber die Plakette aufgeklebt werden, das kostete auch wieder wertvolle Sekunden. Dann ab in die Warteschlange und…

Drin! Etliche Leute standen an der Theke, andere begutachteten das Angebot des Merch-Standes, wieder andere hielten sich auf einem kleinen Podest an der Seite auf  – und vor der Bühne war alles frei!!! Ich konnt’s ja nicht fassen! Plötzlich wurde ich ganz ruhig und fast schon tiefenentspannt, wir kauften uns sogar noch etwas zu trinken, bevor wir unser übliches Plätzchen außen links ansteuerten. Das Einzige, was mich in dem Moment noch ein wenig piesakte, war der Gedanke an die vielen Tiere, die in diesem ehemaligen Schlachthof ihr letztes Stündlein erlebt hatten, und gerade die weißen Fliesen an manchen Wänden erinnern schon sehr stark an die ehemalige Nutzung. Umso schöner ist das, was daraus geworden ist, und vermutlich durch die dicken Betonwände und das Fehlen von Fenstern war es angenehm temperiert im Konzertsaal.

Die vier gigantischen Pedalboards auf der Bühne waren ein erster Hinweis darauf, dass God Is An Astronaut ihr allererstes Konzert mit neuem Songmaterial ohne Vorband bestreiten würden. An einem Gitarrenständer weiter hinten waren drei wunderschöne Hollowbody-Gitarren befestigt. Es gab so viel zu sehen, dass die Wartezeit, die durch unser spätes Eintreffen ohnehin nicht so lang war, wie im Flug verging. Außerdem hatten wir genug zu rätseln über die Gerüche, die in der Luft lagen: Roch es nun nach Plastikklebeband, frisch lackierten Flächen oder nach frisch gestrichenen Wänden? Der von der Theke herüberwehende Hot Dog- und Waffel-Duft (in der Mischung auch nicht gerade wesentlich angenehmer) machte die genaue Identifizierung etwas schwierig.

Das wurde alles ganz weit in den Hintergrund gedrängt, als sich Torsten Kinsella um kurz nach 21 Uhr die Gibson mit dem schwarzen Korpus schnappte und zusammen mit seinen Bandkollegen schon gleich zum Einstieg ein neues Lied („Weightless“) präsentierte.

DSCF5308tsInsgesamt spielte die Post-Rock-Band aus Irland an diesem Abend acht brandneue Lieder (Setlist siehe unten). Das finde ich klasse und auch ein Stück weit mutig, denn es dauert ja noch eineinhalb Monate, bis am 13.09. das neue Album „Origins“ erscheinen wird, aber die Band wollte wohl auch testen, wie die neuen Songs so ankommen, und in dieser Hinsicht können God Is An Astronaut wahrscheinlich erleichtert sein, denn ich hatte den Eindruck, dass die Zuschauer das, was es da an Neuem zu hören gab, mochten. Die Leute in meinem Umfeld tanzten zu den neuen rockigen Klängen (es gab eine ganze Menge bretthartes Gitarrenmaterial) genauso wie zu den altbekannten Tönen und auch bei den langsameren, sphärischen Songs oder Songpassagen konnte ich zwischen Neu und Alt keine Unterschiede im Entrückt- und Verzücktsein erkennen, wenn ich mal kurz den Blick über den Zuschauerraum kreisen ließ. Ich hoffe, dass die Begeisterung während der Performance auch angekommen ist bei Herrn Kinsella, dessen lange Locken ihm meist den Blick nach vorne versperrten.

Links (von mir aus gesehen) neben Torsten Kinsella stand Jamie Dean, der seit 2010 zur Band gehört. Er war verantwortlich für die Gretsch Nashville (eine 6120W mit Sunset Orange Finish?), wenn er nicht gerade Keyboard spielte oder den Synthesizer bediente. Bei manchen Liedern wechselte der junge Mann mit den silbernen Chucks mittendrin von dem einen zum anderen Instrument, außerdem steuerte er auch ein paar Vocals bei.

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Ich hatte den Eindruck, dass recht viel gesungen wurde, entweder von Torsten oder von Jamie oder auch von beiden zusammen, wobei die Stimme bei God Is An Astronaut ja wie ein weiteres Instrument ist. Was da gesungen wird, soll wohl die durch die Instrumente erzeugte Stimmung unterstützen. Bei manchen Liedern bin ich mir noch nicht einmal sicher, ob tatsächlich „richtige“ Texte ins Mikro gesungen werden, extrem verzerrt durch Effekte, oder bloß Laute. Vielleicht liefert das Booklet des kommenden Albums ja Antworten auf diese Frage.

Rechts neben Torsten Kinsella hatte sein Bruder Niels seinen Platz am Bass. Der ließ bei den schnelleren Songs mit mehr Bumms ganz gerne mal die langen Haare fliegen, z.B. am Ende von „Echoes“ oder bei „Route 666“, genauso wie der dritte Gitarrist der Band, Gazz Carr, der sich noch weiter rechts aufhielt. Dieser spielte auf einer Fender, d.h. die dritte Gitarre an diesem Ständer links, eine rote, von der man nur die Rückseite sah, diente wohl als Ersatzgitarre im Falle einer gerissenen Saite oder eines ähnlichen Malheurs.

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Am Schlagzeug konnte Lloyd Hanney bewundert werden, der durch die Bühnenbeleuchtung wie die anderen vier abwechselnd in rotes, blaues oder grünes Licht getaucht wurde; Videoinstallationen gab es keine.

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Schon relativ am Anfang klagte Torsten Kinsella über die hohen Temperaturen im Saale und das war ein Thema, das sich durch das ganze Konzert hindurchzog. Mehrmals hörten wir, dass es in Irland auch gerade eine Hitzewelle gebe, aber so heftig wie in Deutschland sei es dort nicht. Ausgerechnet sein Handtuch war viel kleiner als die Handtücher seiner Bandkollegen, die mit den Temperaturen, so wie es aussah, besser umgehen konnten. Lediglich Bassist Niels begann irgendwann, zwischen den Songs den Hals seines Basses trockenzuwischen. Aber Torsten wirkte stellenweise echt ganz schön fertig angesichts der  Temperaturen, die er mit denen einer Sauna verglich. Dabei fand ich es gar nicht sooo heftig (siehe oben) und der Musiker wirkte auch gar nicht so nassgeschwitzt – Herr Kinsella hätte mal bei Bush im Atelier dabeisein sollen, DAS war wie in einer Sauna!
Vielleicht hat diese Erfahrung ja meine Wärmerezeptoren etwas beeinträchtigt…

„Origins“ wird das siebte Album von God Is An Astronaut sein. Mit so vielen Liedern wird es natürlich zunehmend schwieriger, eine Songauswahl für Konzerte zu treffen. In Karlsruhe wurden die Alben „Far from refuge“ (2007) sowie „Age of the fifth sun“ (2010) komplett vernachlässigt. Das Album, das der Band 2005 den großen Durchbruch brachte, wurde songmengenmäßig aber entsprechend gewürdigt; fünf Lieder aus „All is violent, all is bright“ standen auf der Setlist, wobei „Forever lost“ ja auch auf „A moment of stillness“ (ursprünglich eine EP mit fünf Stücken, in der 2011er Version aber um vier Tracks erweitert) zu finden ist, wenn auch in kürzerer Version.

Laut der Setlist, die ich nach dem Konzert dank Gazz Carr abfotografieren durfte, wurden folgende Lieder gespielt:
Weightless (neuer Song)
Transmissions (neuer Song)
All is violent, all is bright (All is violent, all is bright, 2005)
Reverse world (neuer Song)
Echoes (God is an astronaut, 2008)
Spiral Code (neuer Song, erste Single des kommenden Albums, erscheint am 02.09.)
Fragile (All is violent, all is bright, 2005)
Calistoga (neuer Song)
Forever lost (All is violent, all is bright, 2005)
Signal rays (neuer Song)
The last March (neuer Song)
From dust to the beyond (The end of the beginning, 2002)
Fireflies and empty skies (All is violent, all is bright, 2005)
.
Zugaben:
Red moon lagoon (neuer Song)
Suicide by star (All is violent, all is bright, 2005)
Route 666 (The end of the beginning, 2002)

Ich hatte allerdings das Gefühl, dass nicht nur 16 Lieder zu hören waren, sondern mehr. Aber vielleicht täuscht der Eindruck, weil manche Songs relativ lang sind. Das Konzert war auf jeden Fall so gut, dass mir das Feinstaubplaketten-Chaos erst wieder in den Sinn kam, als meine Freundin nach der Show ein DIN-A4-Blatt aus ihrem Korb im Kofferraum fischte, das Teil anschaute, als hätte sie es noch nie gesehen, und mich fragte: „Was ist DAS denn?“ Das war die Rechnung für die Plakette, die mir meine Freundin nach dem Kauf in die Hand gedrückt hatte, damit sie die Hände frei hatte, um ihren Fahrzeugschein noch einmal ordentlich im Geldbeutel zu verstauen…

Heute Abend spielen God Is An Astronaut in Essen. Im September beginnt dann die eigentliche Tour, die die fünf Iren auch wieder für ein paar Konzerte nach Deutschland führen wird. Genaue Informationen dazu findet man auf der Webseite der Band.

Zum Vergrößern der folgenden Fotos einfach auf das jeweilige Bild klicken!

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4 Antworten zu God Is An Astronaut in Karlsruhe (Substage, 26.07.13)

  1. Viljaminchen schreibt:

    😀 „God is a Feinstaubplakette – Odyssee durch Karlsruhe“ – gefällt mir!
    Du kannst dir ja nicht vorstellen, wie erleichtert ICH war, als ich gesehen habe, dass die erste Reihe komplett LEER ist!! Ich hätte den Rest des Abends nicht in meiner Haut stecken wollen, wenn… Oooooh jeeeee…..

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