Sting in Mainz (Zollhafen – Nordmole, 10.07.13)

„Back to bass“ nennt Sting seine bereits seit 2011 laufende Tour, mit der er in diesem Jahr für ein einziges Konzert auch in Deutschland Halt machte, genauer gesagt in Mainz am Zollhafen. Vor dem Open-Air-Konzert hätte ich mich gerne ein bisschen über die Location informiert (wie viele Leute dort Platz haben, ob man etwas zu trinken mitnehmen darf und solche Sachen), aber die Informationen, die ich im Internet zum Konzert finden konnte, beschränkten sich gerade mal auf Hinweise zu Anfahrt und Parken, wobei mein Navi kurz vor Erreichen des anvisierten Ziels total durchdrehte, was mir aber einen schönen kostenlosen Parkplatz ganz nah am Konzertgelände einbrachte.

Laut Internet entsteht auf dem Gelände des alten Hafenareals ein neues Stadtquartier, das für Wohnen, Kulturelles und Gewerbe genutzt werden soll. Viel hübsch Saniertes habe ich auf meinem Weg von der Autobahn zum Parkplatz und von dort zum Konzertgelände allerdings nicht gesehen, möglicherweise war ich nicht in dem Bereich, in dem die Umstrukturierung bereits weiter fortgeschritten ist. Baustellen gibt es in dem Areal, in dem es von Gewerbebetrieben und Eisenbahnschienen nur so wimmelt, aber en masse, es tut sich also etwas. Jedoch soll hier nicht die sicherlich auch interessante Stadtentwicklung von Mainz abgehandelt werden, sondern die Musik, die es dort zu hören gab.

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Der Antrieb zum Kurztrip in die rheinland-pfälzische Stadt kam wie schon bei Eric Clapton und Lana del Rey von einem lieben Menschen, der eine Begleitung suchte, denn auch wenn ich in meiner Teenagerzeit Stings Band The Police sehr mochte (Die LP mit den Singles befindet sich immer noch in meinem Besitz!) und das nachfolgende Solowerk des Briten nicht völlig an mir vorbeigerauscht war, gehören Musikwerke von ihm als Solokünstler nicht zu meiner Tonträgersammlung. Meine Motivation, diese Musikveranstaltung zu besuchen, hielt sich daher trotz traumhaftem Wetter (sofern man auf Sonnenstrahlen und Temperaturen knapp unter der 30°C-Grenze steht) in Grenzen, aber ich muss nun zugeben, dass ich froh bin, quasi mitgeschleppt worden zu sein, denn das Konzert war fantastisch und ab dem zweiten Sting-Song zählte auch ich zu denjenigen, die mitsangen und tanzten. Bevor die Bühne Sting gehörte, hatte sie jedoch ein etwas jüngerer Mann 30 Minuten lang ganz für sich alleine:

James Walsh, mir bis dahin gänzlich unbekannt, eröffnete um Punkt 19.30 Uhr das Konzert. In Hemd und Shorts, mit Sonnenbrille und die elektroakustische Takamine-Gitarre in der Hand stand er ganz allein auf der Bühne, die zu dem Zeitpunkt voll von der Sonne angestrahlt wurde. Den Geräuschen nach zu urteilen betätigte der Musiker mit dem linken Fuß ab und zu ein elektronisches Drumpad, das den unverzerrten Gitarrensound mit ein wenig Percussion-Atmosphäre unterlegte. Das Publikum schien dem englischen Songwriter von Anfang an geneigt gewesen zu sein, man klatschte mit, bewegte sich ein wenig im Takt und applaudierte schon nach dem ersten Song lebhaft. Dank des ab und zu recht kräftig wehenden Windes war es im Zuschauerbereich, der ebenfalls von den Sonnenstrahlen verwöhnt wurde, zum Glück nicht ganz so heiß.

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Sobald der Musiker mit dem zweiten Lied „Precious stolen moments“ fertig war, zückte er sein Handy, aber nicht, um seine Twitter- oder sonstigen Messages zu checken, wie er erklärte, sondern weil er seine Setlist darauf gespeichert hätte. Solche Bekenntnisse eignen sich doch hervorragend, um das Eis zu brechen! Es stellte sich heraus, dass James Walsh schon auf einige Erfahrungen im Showbusiness zurückblicken kann: Sobald „Tell me it’s not over“ zu Ende war, gab sich der sympathische Mann als Frontman der Band Starsailor zu erkennen und spielte glatt noch einen Song dieser Band („Alcoholic“). Das nächste Lied wurde als Cover angekündigt, damit alle schon einmal ihre Stimmen trainieren können fürs Mitsingen später am Abend, und der Mann mit der Gitarre bedankte sich bei Sting dafür, dass er so viele Shows mit ihm spielen darf. Es folgte der Danny Whitten-Song „I don’t want to talk about it“, den viele vermutlich in der Version von Rod Steward (1975) oder Everything But The Girl (1988) kennen.

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Nach dem Starsailor-Hit „Four to the floor“, bei dem James Walsh viele der Zuschauer zum Mitsingen bewegen konnte, sodass über dem Zollhafen lautes „wooooo-hooooo“ ertönte, wünschte der Künstler allen viel Spaß mit Sting, spielte noch ein siebtes Lied und verschwand dann von der Bühne.

Schon 20 Minuten später ging es weiter; ich glaube, ich habe noch nie ein Konzert in dieser Kategorie erlebt, bei dem die Bühne für den Hauptact so schnell hergerichtet war. Es musste allerdings auch nicht viel getan werden, da James Walsh ja bloß seine Gitarre und dieses Drumpad benutzt hatte.

Spätestens als Sting – leger gekleidet in weißes T-Shirt und schwarze Hose – und seine fünf Begleitmusiker mit ihrem Musikprogramm loslegten, dürfte jedem klargewesen sein, warum er seine Tour „Back to bass“ nennt. Der Bass ist das Instrument, auf dem er fast alle Songs dieses Abends begleitete, wie zur Zeit von The Police, wo er auch für den Gesang und den Bass zuständig war.

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Auf dem oben abgebildeten Bass spielte Sting fast alle Lieder. Nur bei „I Hang My Head“ griff er zu einem anderen Modell.

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Gut 12.000 Leute und etliche weitere vor den Toren des Zollhafens verfolgten das Geschehen unter blauem Himmel. Für die Zuschauer, die weiter hinten standen, waren dank der Videotafeln links und rechts der Bühne ein paar Details des Bühnengeschehens besser erkennbar. Sobald Sting die Bühne betreten hatte, wurde hier nämlich keine Werbung mehr eingeblendet, sondern die Aufnahmen des Kameramanns vor der Bühne.

Aus fast jeder Schaffensphase des Musikers wurden Lieder präsentiert, lediglich auf Werke des erstes Soloalbums „The Dream Of The Blue Turtles“ sowie aus sämtlichen Alben, die im neuen Jahrtausend auf den Markt kamen, wurde nicht zurückgegriffen und im Falle des Debütalbums wundert mich das ein wenig, denn die Lieder „Moon Over Bourbon Street“ oder „If You Love Somebody Set Them Free“ hätten meiner Ansicht nach gut in das Programm gepasst.

Gleich die ersten zwei Songs „If I Ever Lose My Faith in You und „Every Little Thing She Does Is Magic“ zeigten, dass Lieder aus Stings Solozeit und auch The Police-Klassiker an diesem Abend zu hören sein würden.

Nach dem dritten Lied „Englishman In New York“ stellte der Musiker erstmals seine Begleitmusiker vor, was sich später noch ein paarmal wiederholte:

Da wäre zunächst Dominic Miller zu nennen, der auf der (von mir aus gesehen) linken Bühnenseite seiner Tätigkeit nachging und bei den meisten Liedern eine Fender Telecaster verwendete. Für „Fields of Gold“ griff der Musiker zu einer Guild-Gitarre, die aussieht wie eine reinakustische Gitarre, was ja aber nicht sein kann, und er spielte beim allerletzten Song Stings Bass. Dieser Dominic Miller, der auch bei einigen Liedern mitsang, gehört seit dem Album „The Soul Cages“ zu Stings permanenten musikalischen Wegbegleitern, sowohl im Studio als auf der Bühne, und die Liste der weiteren Künstler, mit denen der Musiker bislang zusammengearbeitet hat, ist ziemlich lang. Auch etliche Solo-Alben kann er vorweisen.

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Am Schlagzeug – dieses Wort auszusprechen bereitete Sting nach eigenem Bekunden so viel Freude, dass er es gleich noch einmal sagte – schwang Vinnie Colaiuta die Sticks. Auch er arbeitete schon in den 90er Jahren mit Sting zusammen und kann auf eine ellenlange Liste von Musikern, für die er tätig war, zurückblicken.

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David Sancious‘ Aufgabe ist es, mit den Tasten des Keyboards schöne Melodien zu erzeugen. Der Amerikaner gehört ebenfalls zur Creme de la Creme des Musikbusiness und kann unter anderem Aufnahmen und Livearbeit für Bruce Springsteen, Peter Gabriel und Eric Clapton sowie mehrere Soloalben als Referenzen vorweisen.

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Peter Tickell war wohl der Jüngste auf der Bühne. Er spielte bei vielen Liedern die elektrische Geige, allerdings nicht nur mit einem Bogen, wie man das von Violinisten gewöhnt ist, sondern ab und zu schlug er mit der rechten Hand auch so in die Saiten, wie man es bei einer Gitarre tut. Außerdem spielte der junge Mann aus Newcastle ab und zu auch ein Instrument, das aussah wie eine Mandoline. Ihm zuzuschauen machte mir riesigen Spaß, denn Peter Tickell bedient seine Instrumente mit größter Leidenschaft. Wie seine Bühnenkollegen kann auch er etliche Kollaborationen mit anderen Musikern vorweisen und er musiziert auch in mehreren eigenen Bands. Sein Platz auf der Bühne war zwar der Hintergrund rechts, aber bei „Driven to tears“ kam Peter Tickell mit seiner Geige ganz nach vorne, was sich später noch einmal wiederholen sollte.

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Last but not least verstärkt eine Frau Stings Musikerteam: Jo Lawry ist für die Vocals zuständig und hatte ihren Platz auf der Bühne neben Peter Tickell. Die blonde Australierin ist ebenfalls schon seit einiger Zeit für Sting tätig, hat im Jahr 2008 aber auch ein Soloalbum veröffentlicht, das zeigt, dass ihr musikalisches Zuhause der Jazz ist. Ihre stimmliche Interpretation von „The hounds of winter howling in the wind“ passte wie die Faust aufs Auge, stellte aber zugleich den einzigen Moment des Konzerts dar, an dem ich kurz überlegte, ob ich schnell meine Earplugs aus der Tasche kramen und meine Gehörgänge damit verstopfen soll, denn das schrille Gejaule fanden meine Trommelfelle ziemlich anstrengend. An dieser Stelle ein dickes Lob an die Leute, die für den Sound zuständig waren – nicht nur, weil alles perfekt austariert war, sondern auch die Lautstärke empfand ich als überaus angenehm. Dass ich ein Konzert ohne Earplugs genießen kann, soll was heißen!

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Bei „Wrapped around your fingers“ verstärkte ein Bongo-Spieler Stings Musikerriege. Selbstverständlich stellte er den Mann, der auch später (bei „Desert rose“?) noch einmal zu Füßen des Keyboarders mit seiner Bongo Platz nahm, vor, ich konnte seinen Namen allerdings nicht verstehen.

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All diese Musiker brauchen keinen Schnickschnack, um zu punkten, keine aufwändige Videokunst oder schrille Klamotten; es reicht vollkommen, einfach die Musik darzubieten, denn deren Qualität hat mich als jemand, der so gar nicht aus dem Lager der Sting-Fans kommt und bloß sämtliche Songs von früher aus dem Radio kennt, letzten Endes doch eingefangen, und auch wenn ich jetzt nicht das Bedürfnis verspüre, Lieder von Sting bei Spotify oder anderen Kanälen anzuhören oder denjenigen, den ich begleitet habe, darum zu bitten, mir eine CD auszuleihen, ändert das nichts an der Tatsache, dass ich das Konzert klasse fand. Das liegt auch daran, dass Sting sehr sympathisch und „am Boden geblieben“ wirkte, nicht wie ein unnahbarer Weltstar, obwohl er ja in diese Liga gehört. Wer mit dem Publikum frotzeln kann, sei es durch ein paar Brocken Deutsch oder einfach nur durch Mimik und Gestik, und sich offenbar selbst nicht immer so ganz ernst nimmt, kann so verkehrt nicht sein, und sei das auch nur Teil der Bühnenperformance. Es kam jedenfalls gut bei mir an.

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Bevor der Hauptteil des Konzerts mit „Roxanne“ endete, hatte jeder der Begleitmusiker seinen eigenen großen Auftritt. Sting stellte den betreffenden Kollegen noch einmal vor und gab dem Musiker die Gelegenheit, ein Solo zu performen, während der Chef der Truppe sich etwas zurücknahm. David Sancious konnte seinen Platz hinterm Keyboard schlecht verlassen, aber Peter Tickell rockte mit seiner Geige die Bühne und lieferte sich ganz vorne ein regelrechtes musikalisches Duell mit Sting am Bass.

„Roxanne“ wurde als das große Finale des offiziellen Teils ziemlich ausgedehnt und in mehreren Versionen dargeboten, zuerst in einer Art und Weise, die der, die man so kennt, nahe kommt, dann folgte nach einem Mitmachteil fürs Publikum eine sehr jazzige Fortsetzung, bei der Sting auch zeigte, wie lang er einen Ton singen kann, ohne Luft zu holen.

Als die Musiker von der Bühne gingen, folgte ihnen ein Mann, den ich bislang nicht wahrgenommen hatte, und während ich noch überlegte, ob das einer der Techniker sein könnte, die ganz hinten mehr oder weniger im Verborgenen kauern, wurde er von den offenbar „richtigen“ Technikern überwältigt. Upps! Da ist wohl ein Fan ein wenig übermütig geworden!

Nichtsdestotrotz standen alle nach ein paar Sekunden wieder auf der Bühne, als wäre nichts gewesen, um die drei Lieder der ersten Zugabe zu performen. Da es mittlerweile dämmerte, konnte sich der Charme der bunten Bühnenlichter allmählich entfalten. „Desert rose“ fand ich fantastisch und „Every breath you take“ darf bei so einem Konzert natürlich nicht fehlen. Das Publikum reagierte dementsprechend mit tosendem Applaus, während die Musiker die Bühne erneut verließen. Sie kehrten aber genauso geschwind wieder zurück, um den The Police-Song „Next to you“ zu spielen.

Danach traten die sechs Musiker noch einmal ab und kehrten ein allerletztes Mal zurück, diesmal mit Sting an der Gitarre, und zwar an dieser merkwürdig minimalistischen Guild-Gitarre ohne Schallloch. Der Scheinwerferspot auf ihn gerichtet, die anderen Musiker eher im Dunklen bezauberte Sting seine Zuschauer ein letztes Mal („Fragile“). Mich erstaunte es, dass seine Stimme auch nach zwei Stunden Gesang immer noch tadellos klang. Überhaupt wirkte der inzwischen 61-Jährige überaus fit und sportlich – beste Voraussetzungen, um noch ein paar weitere Konzerte durchzuziehen. Wann und wo diese stattfinden, schaut man sich am besten auf der Homepage von Sting an.

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Setlist:

If I Ever Lose My Faith In You (aus dem 4. Solo-Album “Ten Summoner’s Tales”, 1993)
Every Little Thing She Does Is Magic (aus dem 4. Album von The Police, “Ghosts in the machine”, 1981)
Englishman In New York (aus dem zweiten Solo-Album “Nothing like the sun” 1987)
All This Time (aus dem Solo-Album Nr. 3, „The Soul Cages“, 1991)
Seven Days (aus “Ten Summoner’s Tales”, 1993)
Demolition Man (aus “Ghosts in the machine” von The Police, 1981)
Fields Of Gold (aus “Ten Summoner’s Tales”, 1993)
I Hung My Head (aus dem 5. Solo-Album “Mercury Falling”, 1996)
Driven To Tears (aus dem 3. Album von The Police, “Zenyatta Mondatta”, 1980)
Heavy Cloud No Rain (aus “Ten Summoner’s Tales”, 1993)
Message In A Bottle (aus dem 2. Album von The Police, “Regatta de Blanc”, 1979)
Shape Of My Heart (aus “Ten Summoner’s Tales”, 1993)
The Hounds Of Winter (aus “Mercury Falling”, 1996)
Wrapped Around Your Finger (aus dem 5. und letzten Studio-Album von The Police, “Sychronicity”, 1983)
De Do Do Do, De Da Da Da (aus “Zenyatta Mondatta” von The Police, 1980)
Roxanne (aus dem Debütalbum von The Police, “Outlandos d’Amour”, 1978)

Zugabe:
Desert Rose (aus dem 6. Solo-Album, “Brand new day”, 1999)
King Of Pain (aus “Sychronicity” von The Police, 1983)
Every Breath You Take (aus “Sychronicity” von The Police, 1983)

Zugabe 2:
Next To You (aus dem Police-Debütalbum “Outlandos d’Amour”, 1978)

Zugabe 3:
Fragile (aus “Nothing like the sun”, 1987)

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