Die Toten Hosen am Bostalsee (22.06.13)

Normalerweise ist meine Euphorie nach Konzerten so groß, dass ich es genieße, die Show beim Berichtschreiben noch einmal zu durchleben, und ich mache mich in der Regel sofort am nächsten Tag an die Arbeit. Die Tatsache, dass es diesmal so lang gedauert hat, zeigt also, dass da irgendetwas nicht in Ordnung war. Ich hatte sogar zunächst gar nicht vor, überhaupt einen Konzertbericht zu verfassen, und dass ich nun doch einen angefertigt habe, in mehreren Etappen, beweist vielleicht, dass rückblickend vieles doch rosarot erscheint, dient aber auch dem Zweck, alles Unangenehme dieses Tages damit abzuhaken. Es ist allerdings nicht den Toten Hosen anzulasten, dass mir die positiven Emotionen, die Livemusik gewöhnlich in mir auslöst, ziemlich kaputtgemacht wurden – der Auftritt der Düsseldorfer war erste Sahne! –, meine Unzufriedenheit resultiert vielmehr aus den Schwächen bei der Organisation des Festivals. Aber der Reihe nach…

TicketMeine Freundin und ich hatten Tickets für das erste der beiden Toten Hosen-Konzerte im Saarland und düsten an diesem Samstagmittag ganz bewusst etwas später los, weil wir davon ausgingen, dass die Hardcore-Hosen-Fans frühzeitig angereist waren und schon lange vor der Öffnung der Schleusen um 17 Uhr in Scharen am Eingang stehen würden, und auf Gedränge hatten wir keine Lust. Dass wir dieses seit Monaten ausverkaufte Spektakel nicht aus der ersten Reihe anschauen würden, war uns klar und das war für uns okay. Aber… schon nach der Abfahrt von der Autobahn ging der Verkehr nur stockend voran und irgendwann wurden wir von einem Ordner von der Hauptstraße weg auf einen Acker gelotst, wo wir offenbar parken sollten, obwohl das Navi uns anzeigte, dass der Bostalsee noch gut 10 Minuten entfernt ist. Andere Autos wurden erstaunlicherweise nicht auf dieses Feld umgeleitet, deshalb quatschten wir den Ordner, der uns auf dem Acker zum Parken einweisen wollte, an und erfuhren, dass das Festivalgelände eine gute halbe Stunde Fußmarsch entfernt ist, es aber nähere Parkplätze gebe, die noch nicht belegt seien. Da wir nicht mitten in der Nacht allein so weit laufen wollten, schlimmstenfalls bei Regen in absoluter Dunkelheit, ordneten wir uns wieder in die Blechlawine ein und tuckerten bis zum letzten Parkplatz weiter, der tatsächlich nur etwa 5 Gehminuten vom Festivaleingang entfernt lag und noch jede Menge freie Kapazitäten hatte.

Auf dem Weg zur Festwiese legten wir einen Zwischenstopp ein an den sanitären Anlagen des Campingplatzes – vermutlich das letzte „richtige“ Klo für diesen Tag. Doch oh weh! Die ungewöhnlich lange Wartezeit in der gar nicht so langen Schlange schien ein böses Omen zu sein, das wir zu dem Zeitpunkt noch nicht richtig deuten konnten. Wir standen tapfer eine gute halbe Stunde an, bis wir endlich Zugang zur Porzellanschüssel erhielten, fühlten uns aber noch ganz gut und gar nicht gestresst oder in Zeitdruck, aber kaum näherten wir uns dem Festivaleingang, ging’s rund!

Dort, wo die gigantische Menschenmenge vor dem großen Zelt stand, schien der Einlass zu sein, aber warum war da so viel los? Schließlich hatten sich die Tore zum Festivalgelände doch schon 90 Minuten zuvor geöffnet!? Weil keine Beschilderung existierte, zumindest keine, die wir gesehen hätten, waren wir kurzzeitig sogar unsicher, ob wir überhaupt an der richtigen Stelle waren. (Warum gab es kein schönes großes „Eingang“-Schild auf dem Zeltdach?) Wir sahen nur Menschen. Menschen, die von allen Seiten drückten, als ob das irgendetwas beschleunigen würde. Metallabsperrungen oder Ähnliches, was den Massenandrang in etwas geordnetere Bahnen gelenkt hätte, existierten im Vorfeld des Eingangsbereichs nicht. Es war das pure Chaos, immer mehr Leute strömten nach und ich war binnen kürzester Zeit total genervt von all dem Geschubse von rechts, links und hinten. (Es braucht mir jetzt keiner zu kommen von wegen „Ey, das ist bei Konzerten und Festivals so!“ Nein! Ich habe schon genug Großevents erlebt, um zu wissen, dass es auch anders geht, selbst wenn tausende von Leuten involviert sind! Die Veranstalter haben das offenbar auch erkannt, denn für das Konzert am nächsten Tag soll es einen weiteren Eingang gegeben haben.)

Da standen wir also in einem riesigen Gedränge und hatten genau das, was wir eigentlich vermeiden wollten! Doch es kam noch „besser“: Im Inneren startete plötzlich die Musik und nach Soundcheck hörte sich das nicht an. Nein, die erste Band stand auf der Bühne, 30 Minuten bevor das Musikprogramm offiziell beginnen sollte. Zu dem Zeitpunkt dachte ich noch, dass das vielleicht eine fünfte Band wäre, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht angekündigt war, aber ein schneller Blick auf die Internetseite des Festivals via Smartphone, um zu prüfen, ob sich am Lineup etwas geändert hat, erwies sich als nicht durchführbar, da in der Region um den Bostalsee kein Empfang möglich zu sein scheint. Irgendwann erreichten auch meine Freundin und ich das Zelt, wo die Ticket- und Taschenkontrolle stattfand und dann waren wir endlich drin.

Ein Rundgang über das Festivalgelände endete in dem zweiten Sektor vor der Bühne, den wir betreten durften, nachdem uns ein blaues Bändchen ums Handgelenk gelegt worden war. Für den ersten Bereich vor der Bühne hätte man ein rotes Bändchen benötigt, aber davon gab es keine mehr, doch das war für uns zu verschmerzen; wir hatten, wie bereits erwähnt, eh nicht mit einem supertollen Plätzchen gerechnet. Dass zumindest im Inneren die Organisation zu funktionieren schien, stimmte mich dann wieder ein bisschen positiver – aber ich sollte mich später noch wundern!

Auf der Bühne war immer noch die erste Band zugange und ich entdeckte gerade noch Breiti von den Toten Hosen an der Gitarre und dann war der Auftritt dieser Band, bei der offenbar auf Spanisch gesungen wurde, auch schon zu Ende.

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Meine Freundin und ich setzten den Rundgang über das Festivalgelände fort und während wir noch auf unsere Pommes warteten, übernahmen Bob Geldof und seine Begleitmusiker die Bühne. Somit war klar, dass die Band, die da eben gespielt hatte, zum regulären Programm gehört (das also 30 Minuten früher als angekündigt begann). Da auf der Homepage des Festivalveranstalters von PIL als erste Band die Rede war, hatte ich eigentlich mit John Lydon & Co. gerechnet, zumal Public Image Limited, wofür PIL ja steht, gerade auf Tour sind, machte mir aber nicht die Mühe zu überprüfen, ob die auch wirklich gemeint sind – warum auch, wenn da doch PIL steht?! Mittlerweile ist auf der eben erwähnten Seite aber „PIL von den Los Violadores“ zu lesen und ich finde es sehr schade, wenn solche wichtigen Updates erst dann erfolgen, wenn das Event schon zu Ende ist, und dass man den Zuschauern sozusagen eine Band ankündigt, die gar nicht auftritt! (Das „r“ bei „Bob Geldof“ ist inzwischen erfreulicherweise verschwunden. Wer’s nicht glaubt, die Originalinfo kann noch in den Besucherinformationen bestaunt werden.)

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Da es am Essensstand auch nur langsam voranging, konnten wir den größten Teil des Bob Geldof-Programms nur rein akustisch oder über einen Blick auf die Videotafeln verfolgen. Abgesehen von dem Boomtown Rats-Klassiker „I don’t like Mondays“ und „The great song of indifference“ kannte ich keines der Lieder, die da gespielt wurden, aber das liegt daran, dass der von der Queen geadelte Musiker nicht gerade zu meinen Lieblingsmusikern gehört. Insofern war das für mich absolut zu verkraften, dass der größte Teil seiner Performance zumindest visuell an mir vorbeirauschte.

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Turbonegro wollten wir uns aber unbedingt anschauen, sodass direkt nach den Pommes der Zeitpunkt zum Getränkeerwerb gekommen war, denn später würden wir ja mit dem Musikprogramm beschäftigt sein. Dass die Getränkepreise bei Festivals und Konzerten etwas teurer sind als üblich, weiß man ja, aber 4€ für ein Glas Wasser zu verlangen, grenzt meiner Ansicht nach an Unverschämtheit. Man war ja auf den Getränkekauf angewiesen, wenn man nicht wegen Dehydrierung aus den Latschen kippen wollte, denn es war nicht möglich, Getränke ins Festivalgelände mitzubringen. Bei anderen Festivals darf jeder Besucher wenigstens einen 0,5l-Tetrapak mitbringen, nicht so am Bostalsee. Immerhin gab es den Sprudel in einem hübschen Plastikbecher mit Die Toten Hosen-Aufdruck und wer auf die 2€ Pfand verzichtete, konnte den Becher mit nach Hause nehmen als Andenken. (Wobei ich mir noch nicht sicher bin, ob ich an dieses Event überhaupt erinnert werden will.)

Gerade als wir uns im zweiten Sektor vor der Bühne in Stellung gebracht hatten, sahen wir, wie Leute wieder in den ersten Sektor hineingelassen wurden. Derjenige, der uns zuvor mitgeteilt hatte, es gebe keine roten Bändchen mehr, stand jetzt da und verteilte welche. ?!? Nix wie hin und tatsächlich, wir bekamen ein rotes neben das blaue Bändchen geschnallt und standen dann ganz vorne! Ich frage mich allerdings immer noch, ob diejenigen, die einige Zeit zuvor in den blauen Bereich hineingelassen werden wollten und dort – mangels Bändchen – abgewiesen wurden, auch wieder eine Chance bekamen, dort reinzukommen, oder ob die überflüssigen blauen Bändchen an unseren Handgelenken (und wir waren bei weitem nicht die Einzigen mit zwei Bändchen!) dem Glück der anderen im Wege standen. Wir waren jedenfalls froh, nach all dem Kuddelmuddel ganz gute Sicht auf die Bühne zu haben und Turbonegro lieferten ein solides Musikprogramm. Die Norweger, die ihren Stil als „Deathpunk“ bezeichnen, scheinen auf Gitarren aus dem Hause Gibson zu stehen und waren hübsch angezogen nach Seemannsart. Bei Sänger Tony Sylvester aka The Duke, der die Bühne mit der Norwegen-Flagge um die Schultern betrat, und bei Bassist Thomas Seltzer konnte man die kräftige Gesichtsbemalung bewundern, die man von diversen Promo- und Live-Fotos kennt und die ein wenig an „Uhrwerk Orange“ erinnert, und auch wenn solches Make-up an Männern heutzutage die wenigsten schockt, dürfte dieses Aussehen das Anliegen der Band, mit ihrer Musik und ihrer Performance zu provozieren und zu polarisieren, unterstützen. Der Auftritt war aber relativ harmlos, vielleicht auf Rücksichtnahme darauf, dass ziemlich viele Eltern mit (kleinen) Kindern anwesend waren.

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An alle gespielten Lieder kann ich mich nicht mehr erinnern und finde dazu auch keine Infos im Internet, aber die Klassiker „Get it on“ und „The age of Pamparius“ vom 1998er Album „Apocalypse dudes“ waren auf jeden Fall dabei und „You give me worms“ vom aktuellen Album „Sexual harassment“ ebenfalls. Auch „All my friends are dead“ ist mit ziemlicher Sicherheit gespielt worden.

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Dann endlich war es Zeit für den Headliner. Die Pausenmusik, die während des Bühnenumbaus für Die Toten Hosen aus den Lautsprechern drang, war richtig gut. Unter anderem wurden Songs von Pennywise, Blur und The Ramones gespielt und bei manchen Liedern grölten die Festivalbesucher lauthals mit. Bei etwa 25.000 Besuchern war das ein richtig satter Sound.

Gegen 21.45 Uhr wechselten die Videoleinwände links und rechts der Bühne ihre Farben, und zum Intro vom Band – „Drei Kreuze (dass wir hier sind)“ – wurde auf jeder Seite jeweils eine „Bis zum bitteren Ende“-Flagge gehisst, dann betraten sie die Bühne, um mit dem Titelsong des aktuellen Albums „Ballast der Republik“ ihren Livepart zu eröffnen: Andreas Frege, den man eher als Campino kennt, Andi (Andreas Meurer) am Bass, Kuddel (Andreas von Holst) an der Linkshändergitarre, Breiti (Michael Breitkopf) an einem Sechssaiter für Rechtshänder und Vom Ritchie am Schlagzeug. Letzteren konnte ich von meinem Platz aus leider nicht sehen, ebensowenig wie die Videokunst, die es am hinteren Bühnenrand zu bestaunen gab, aber das ist eben der Preis, den man bezahlt, wenn man in der ersten Reihe ganz am Rand steht. Hauptsache keiner versperrt mir die Sicht, was bei meiner Körpergröße schnell passiert ist. Pünktlich zum Hosen-Auftritt hatte es natürlich angefangen zu tröpfeln, aber zum Glück ging das nicht die ganze Zeit so weiter und, was noch wichtiger war: Richtig heftigen Regen gab es nicht.

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Ich muss zugeben, dass ich die letzten Alben der Düsseldorfer nicht wirklich intensiv gehört habe und mich – vermutlich aus sentimentalen Gründen – die uralten Songs noch an meisten ansprechen, aber trotzdem kennt man ja die Hits der Hosen und die Mischung aus neuen und alten Songs, die sie uns boten, fand ich sehr gelungen. Was genau am Ufer des Bostalsees gespielt wurde, kann man bei setlist.fm nachlesen.

Wie üblich bei Konzerten der Toten Hosen wurde nicht einfach nur Lied für Lied abgespult, sondern die Kommunikation mit dem Publikum war von Anfang an gegeben, selbst wenn Campino, leger gekleidet in blaue Jeans und – zunächst noch – grauen Pulli, bloß sein Mikro in Richtung Zuschauer hielt und dann per in die Luft gerecktem Daumen seine Zustimmung signalisierte. Es sangen aber wirklich, zumindest in meinem Umfeld, gut 90% der Zuschauer die ganze Zeit mit und das dürfte auch dem Hosen-Frontman nicht entgangen sein. Eine schöne Bestätigung, wenn das musikalische Schaffen so gut ankommt! Das Publikum wurde aber auch gebauchpinselt, kaum dass der Sänger seine Worte an es richtete. Auf die Konzerte in dieser Region habe man sich gefreut – sehr viel weiter kam Campino in seiner ersten Ansprache nicht, denn dann setzten die „Happy birthday“-Gesänge der Zuschauer ein, Flaggen mit Geburtstagswünschen wurden in die Höhe gereckt und der nun 51-jährige Sänger quittierte das Ganze mit einem kleinen Fußballgespräch, das zum nächsten Lied überleitete. Es falle ihm nun schwer, über Kaiserslautern abzulästern, meinte er und weiter ging’s mit „Auswärtsspiel“. Der Fußball wurde später am Abend erneut thematisiert, nämlich als Bob Geldof auf die Bühne kam in blau-weißer FC Chelsea-Fankleidung, um Campino zum Geburtstag zu gratulieren und ihm zu diesem Zweck einen FC Chelsea-Schal sowie sein Shirt zu überreichen. Campino als Anhänger von Liverpool meinte dazu bloß, dass er nun endlich etwas zum Autowaschen hätte…

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Es gab noch zahlreiche andere Gelegenheiten zum Schmunzeln, ich fand es zum Beispiel jedes Mal witzig, wenn Campino das Publikum wieder fragte, ob der Geist des heiligen Wendelin, nach dem St. Wendel benannt ist, noch mit ihm ist. Dieser Wendelin soll nämlich, wie der Sänger erklärte (zu kirchenorgelartigen Keyboardtönen natürlich), mehrere Wunder vollbracht haben, die sich bis nach Düsseldorf herumgesprochen haben, beispielsweise ließ er die Stummen sehen (!) und die Blinden sprechen (oder so ähnlich). Halleluja! Nach dieser Aufklärung über das Wirken dieses Wendelin passt natürlich kein Lied besser als „Paradies“. Zu diesem Song holte sich Campino Verstärkung aus dem Publikum. Er trat nach ein paar Takten an den vorderen Bühnenrand, die Musik stoppte, und nach einem Lob der Textsicherheit der Zuschauer, die nach seiner Aussage die Lieder besser singen als er selber, wobei es aber auch immer welche gebe, die bloß den Mund bewegen und posen, sprach er einen jungen Mann direkt an und ließ ihn auf die Bühne kommen, damit er „Lehrerin spielt“. Das Lied „Paradies“ wurde fortgesetzt und dieser junge Mann lieferte eine astreine Version davon ab. Er schien überhaupt nicht aufgeregt zu sein, rockte, als würde er den lieben langen Tag nichts anderes tun, als vor 25.000 Leuten zu singen, nahm Campino in den Arm und wurde, nachdem er mächtig viel Lob eingeheimst hatte, wieder  in den Zuschauerbereich entlassen.

Die Nasenflöte des Tontechnikers (?) der Toten Hosen ist mittlerweile fast schon legendär und es wird wohl nie geklärt werden können, ob sie nun aus den Wangenknochen eines Baby-Delfins hergestellt wurde oder doch aus dem Knochen eines Hamsters, der immer mit auf Tour war, bis er unter einem der Teppiche auf der Bühne das Zeitliche segnete. So jedenfalls die Version, die Campino am Bostalsee erzählte, bevor das Instrument (bei „Sascha“???) zum Einsatz kam.

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Es folgten weitere witzige Momente. Man erfuhr, dass die Toten Hosen vor langer Zeit Turbonegro bei einem Konzert entdeckten und da sie Bands, die sie mögen, ganz gerne unterstützen, nahmen sie sich ihrer an und an diesem Abend standen die Norweger als Freunde der Band ebenfalls auf der Bühne am Bostalsee. Es gebe da noch eine andere Band, eine aus Berlin, die man ein bisschen unterstützen möchte, und diesen Musikern zu Ehren spielten die Toten Hosen ein Cover von dieser Band. Was folgte, war „Schrei nach Liebe“ – ein bisschen Sticheln gegen die „Rivalen“ muss offenbar sein – und es braucht wohl nicht eigens erwähnt zu werden, dass auch hier aus fast allen Kehlen mitgegrölt wurde. Campinos mehrfach am Abend gestellte Frage „Habt ihr den Hals frei?“ war bis dahin schon etliche Male in entsprechender Lautstärke beantwortet worden. Was mich betrifft, so waren „Auswärtsspiel“, „Pushed again“ und der Ärzte-Song bis dahin die Lieder mit dem größten Kreischfaktor.

Schreie des Entzückens gingen aber auch durch die Menge, als Campino sich seines Shirts entledigte und mit freiem Oberkörper weitersang.

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Mit den drei richtig saftigen Songs „Hier kommt Alex“, „Wünsch dir was“ und „Tage wie diese“ und einem rot-weißen Konfetti- und Luftschlangenregen endete der erste Teil des Hosen-Konzerts, aber das Spektakel sollte noch eine ganze Weile weitergehen. Kurze Zeit nachdem die Band die Bühne verlassen hatte, drangen Geräusche aus den Lautsprechern, doch die Bühne blieb dunkel, und auf einmal wies Campino – nun im roten Shirt – in aller Deutlichkeit darauf hin, dass die Band zwar zurück sei, bloß nicht auf der großen Bühne, sondern auf einem kleinen Podest inmitten der Zuschauermenge. Das war ja echt mal eine gelungene Überraschung! Ich konnte so gut wie nichts sehen, Videoleinwände gab es logischerweise nicht, aber für diejenigen, die in unmittelbarer Nähe von dieser kleinen Bühne standen, musste das plötzliche Auftauchen der Band in ihrer Nähe der Knüller gewesen sein!

Mit „Wort zum Sonntag“ bescherten mir die Musiker eine Gänsehaut der angenehmen Sorte – und was für eine ! –, weil mich das Lied an die ganz alten Zeiten erinnerte (schließlich gab es mich schon auf diesem Planeten, als „Damenwahl“ veröffentlicht wurde und das war damals ein immens wichtiges Album für mich) und viele Textstellen kann ich immer noch 100%ig nachempfinden. Seufz. Wie Campino sich inzwischen wohl angesichts der Textzeile „Ich bin noch keine 60 und ich bin auch nicht nah dran.“ fühlt? Die Stelle über Johnny Thunders musste ja schon abgeändert werden… Nach „Schön sein“ und dem McCoys-Cover „Hang on sloopy“, das die Tanzlust bei einigen weckte, war das Programm auf dieser Mini-Bühne beendet und die Toten Hosen tauchten wieder in der Dunkelheit ab, um ein paar Minuten später erneut auf der großen Bühne zu erscheinen. Dort gab es dann ganze zwei Zugabenrunden, inklusive melancholischer Töne, bei „Draußen vor der Tür“ zum Beispiel, das Campino seinem verstorbenen Vater gewidmet hat, bis mit „You’ll never walk alone“ – Coversong und Fußballhymne – endgültig Schluss war.

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Meiner Ansicht nach war das ein richtig gutes Konzert, man merkt eben, dass die Herren schon über 30 Jahre lang im Geschäft sind, und ich finde es beeindruckend, dass die Toten Hosen mehr als zwei Stunden gespielt haben, denn das ist nicht selbstverständlich. Vom Ritchie konnte ich, wie bereits erwähnt, nicht sehen, aber sowohl Campino als auch die anderen „frei beweglichen“ Musiker kamen immer mal wieder an den Bühnenrand ganz links, sodass ich Kuddels und Breitis Gitarren aus recht kurzer Distanz bewundern konnte.

Schade fand ich, dass Andis Bass manchmal so laut war, dass er Campinos Gesang total überdeckte, aber ansonsten habe ich am Auftritt der Toten Hosen nichts auszusetzen… (außer vielleicht, dass „Opel-Gang“ beim Konzert einen Tag danach gespielt wurde, auch noch zusammen mit Kraftklub, und „Eisgekühlter Bommerlunder“ hätte auch am 22.06. auf der Setlist stehen dürfen, aber ich bin jetzt still).

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Die Toten Hosen werden in diesem Jahr noch etliche Male auf der Bühne stehen. Um zu sehen, wo und wann das der Fall ist und wie man an Tickets kommt, schaut man sich am besten auf der Internetseite der Band um.

Der Ärger der ersten Stunden am Bostalsee war inzwischen fast völlig verflogen…

Nach dem Konzert eilten wir geschwind (so geschwind es möglich war angesichts der vielen Menschen, die in dieselbe Richtung unterwegs waren) zum Parkplatz, um dort nicht zu lang im Stau stehen zu müssen. Hätte mir zu dem Zeitpunkt jemand gesagt, dass wir geschlagene zwei Stunden auf diesem Parkplatz festsitzen würden, bevor unser Auto sich auch nur einen Millimeter bewegt, hätte ich das für einen schlechten Scherz gehalten, aber genau so war es: Kein Auto durfte – warum auch immer – den Parkplatz verlassen! Der Blick auf die am Horizont erkennbare Straße zeigte aber, dass dort Autos fuhren, es schien also kein Stau zu sein. Bloß auf unserem Parkplatz stand alles still. Weit und breit war kein Ordner in Sicht, und es kam weder für meine Freundin noch für mich in Frage, noch einmal durch den Regen und die Kälte zum Parkplatzeingang zu laufen, um von dem dort platzierten Ordner eventuell zu erfahren, warum er kein Auto vom Parkplatz fahren lässt. Es hätte ja sein können, dass es genau dann plötzlich weitergeht und dann wäre die andere weg gewesen. Also saßen wir im Auto, warteten und froren. Ich hatte zum Glück eine zweite Garnitur Klamotten dabei, so ein bisschen vorbereitet ist man ja, wenn das Festivalwetter nicht puren Sonnenschein verspricht, aber dafür, dass ich mehrere Stunden bei nächtlichem Kälteeinbruch im Auto verbringen müsste, war ich nicht gerüstet. Zumal auf der Festival-Info-Seite immer noch zu lesen ist: „Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass das Übernachten oder Campen auf den Parkplätzen nicht gestattet ist.“ Wer hätte also damit gerechnet, dass es so weit überhaupt kommen würde?! Na ja, fast. Es war nach 2 Uhr, als die ersten Fahrzeuge auf unserem Parkplatz losrollten. Dass sofort der Wilde Westen ausbrach und viele versuchten, so schnell wie möglich von dort wegzukommen, brauche ich wohl nicht wirklich zu erwähnen. Meine gute Laune war zu diesem Zeitpunkt total eliminiert und mir taten diejenigen leid, die Tickets für den nächsten Festivaltag (Sonntag) hatten und am Tag darauf wegen der Arbeit früh aufstehen mussten! Das Chaos nach dem Konzert war am Sonntag nämlich genau dasselbe und insofern war nicht viel dadurch gewonnen, dass das Programm eine Stunde früher begann und endete.

Während wir auf dem Parkplatz festsaßen, hatten wir überlegt, ob wir nicht doch besser den allerersten Parkplatz genommen hätten. Selbst bei einem Fußmarsch von 30 Minuten wäre man von dort aus wahrscheinlich schneller zu Hause gewesen und laut Info auf der Festivalseite sollten alle Wege und Parkplätze beleuchtet sein. Als wir aber an diesem Parkplatz vorbeifuhren, lag dort und auf dem Weg dorthin alles in Dunkelheit…

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3 Antworten zu Die Toten Hosen am Bostalsee (22.06.13)

  1. Alexander schreibt:

    Bin eben mehr oder weniger zufällig über Deinen Bericht gestoßen und kann das Erlebte durchaus bestätigen.

    Generell scheint der Konzertveranstalter Popp Concerts aus Trier planerisch überfordert und/oder kundenunfreundlich zu sein. Ich hab grad neulich meine Erlebnisse beim Ärzte-Konzert am Losheimer Stausee vor ein paar Wochen geschildert. Antwort von denen hab ich noch keine.

    Wenn’s Dich interesiert:

    „Hallo, Popp-Team,

    so toll das Ärztival vor 2 Wochen auch war, muß ich dennoch meinen Frust loswerden.

    Bereits im Vorfeld habt Ihr ja darüber informiert, daß das Mitbringen von Getränken generell verboten ist (ich selbst durfte aus medizinischen Gründen, wie vorab mit einem Eurer Mitarbeiter geklärt, eine PET-Flasche mit Wasser mit reinnehmen). Diese Regelung ist für mich nicht nachvollziehbar. Ich war diesen Sommer auch auf Open-Airs anderer Veranstalter, und fast überall (außer bei Euren Konzerten, neben den Ärzten auch bei den Hosen am Bostalsee) war es erlaubt, 1 PET-Flasche mit reinzunehmen. Ich vermute mal, Ihr begründet dies mit dem Schlagwort „Sicherheit“, denn man könnte die Flaschen ja als Wurfgeschosse verwenden. Warum aber ist es dann bei anderen Veranstaltern, z.B. auf der Loreley, möglich? Ist es nicht eher so, daß das Schlagwort „Sicherheit“ nur vorgeschoben wird und der wahre Grund der höhere Getränkeumsatz an den Getränkeständen… auf dem Gelände ist ist? Ist ein solch höherer Umsatz evtl. sogar in Eurem eigenen Interesse, weil Ihr prozentual am Umsatz des Ausschanks beteiligt seid?

    Die von Euch beauftragte Security-Firma, die die Taschenkontrollen am Eingang durchgeführt hat, hat sich jedenfalls nur und ausschließlich für mitgebrachte Getränke interessiert. Eingewickelt in meine Fleecejacke in meinem Rucksack hätte ich alle möglichen Gegenstände, die als Wurfgeschosse geeignet gewesen wären, auf das Gelände schmuggeln können. Bei meinen Begleitern war es ähnlich. Diese Vorgehensweise nährt meinen o.g. Verdacht, daß es gar nicht um Sicherheit, sondern nur um Getränkeumsatz geht.

    Den Vogel schossen Eure Securities allerdings bei einer meiner Begleiterinnen ab. Die war zu diesem Zeitpunkt (deutlich erkennbar) hochschwanger und wollte das Konzert daher weit hinten sitzend verbringen. Um es sich bequem zu machen, hatte sie daher zwei Wolldecken dabei. Diese wurden Ihr von der Security „aus Sicherheitsgründen“ abgenommen. Hallo? Geht’s noch? 2 Wolldecken? Aus Sicherheitsgründen?

    Wertes Popp-Team, da Ihr in Bezug auf Eure angeblichen „Sicherheitsvorschriften“, die ich wie oben dargestellt, eher für „Kommerzvorschriften“ halte, mit zu den kundenunfreundlichsten Veranstaltern im südwestdeutschen Raum gehört, werde ich zukünftig, sofern Ihr keine Besserung gelobt, keine weiteren von Euch veranstalteten Open-Airs mehr besuchen. Mag sein, daß Euch das ziemlich egal ist, denn was macht schon ein Kunde mehr oder weniger aus, aber Ihr kennt ja sicher die Dynamik, die solch negative Berichterstattung nehmen kann?“

    Beste Grüße

    Alexander

  2. luuuzie schreibt:

    Hallo Alexander,

    danke für deinen Kommentar! Das, was du da geschildert hast, ist ja auch ganz schön krass! Ich hoffe, du bekommst eine Rückmeldung vom Veranstalter, denn so etwas zu ignorieren, ist ja auch nicht gerade professionell und unfreundlich noch dazu.

    Liebe Grüße,
    Luzie

  3. ina schreibt:

    Hallo, Luzie, auch ich bin zufällig auf deinen Bericht gestoßen und möchte dir völlig recht geben, Ich war mit meinen Kindern schon Stunden vorher in Bosen, stand warscheinlich an der selben letzten richtigen Toilette wie du auch schon Stunden vorher an, und war dann wie alle anderen auch gefangen in einer nicht nachzuvollziehenden Menschenmenge, die sich für Stunden nicht vom Fleck bewegt hat. Die Leute in meinem Umfeld waren aber allesamt super nett und haben denen die mit dem Kreislauf zu kämpfen hatten mit Wasser und Traubenzucker ausgeholfen.
    Der Einlass begann eine halbe Stunde später als geplant und obwohl wir ziemlich vorne eingekeilt waren, kamen wir auch erst zum Ende der ersten Gruppe auf der Festwiese an, von der Gruppe weiß ich bis heute nicht wer es war. Die Dame die meine Handtasche durchwühlt hat, meine Eintrittskarte einfach irgendwo durchgerissen und meine Kinder (die ich Stunden fest um mich herum hatte, damit ich sie nicht verliere) die ein Stück hinter ihr auf mich warten wollten, angeschrien und so weggeschubst hat, dass sie mich im ersten Moment nicht mehr fanden, fand ich sehr unfreundlich. Ich glaube auch man hätte alles reinbringen können weil sie nur auf unsere Wasserflaschen fixiert war,
    Ich war schon auf vielen Konzerten, mit und ohne Kinder, so eine Einlass Situation hatte ich vorher noch nie erlebt. Klar dass man warten muss aber dass sich über Stunden gar nicht tut.
    Wir hatten auch das Glück noch rote Bändchen zu bekommen und standen dort das ganze Konzert über mit viel Platz um uns herum direkt vor der seitlichen Bühne.
    Die Vorbands fand ich ganz gut und die Hosen haben uns den Ärger über die lange Wartezeit vergessen lassen.
    Wir sind nicht gleich an unser Auto gegangen, da ich mir schon gedacht hatte dass es dort auch wieder nicht klappt, haben dann aber trotzdem noch mindestens eine Stunde im Auto gesessen bis irgendwo eine Einbahnstraße geöffnet wurde damit der Stau auf der einen Seite abfahren kann.
    Liebe Grüße

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