Savages in Frankfurt (Zoom, 19.05.2013)

Um die Band Savages gibt es derzeit einen richtigen Hype. Die internationale Musikpresse ist voll des Lobes über das am 3. Mai veröffentlichte Debütalbum „Silence Yourself“  und berichtet ebenso euphorisch von Liveauftritten der vier jungen Frauen. Pitchfork widmete dem Quartett unlängst eine lesenswerte Cover Story und kürzlich, passend zum Start der Mini-Tour durch Deutschland, ehrte auch das SPEX-Magazin die vier Frauen durch ihr Foto auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe (Nr. 345) und einen interessanten Artikel über ihr Leben und Schaffen.
Dennoch gibt es inmitten aller Jauchzer des Entzückens auch gegensätzliche Reaktionen; so wurde der Vorwurf der fehlenden Originalität geäußert, weil Savages angeblich den Stil diverser Post-Punk-Bands der späten 70er und frühen 80er Jahre kopieren. Natürlich gehen in meinem Hinterkopf auch einige Schubladen auf, wenn ich die Musik der Savages höre, aber für mich ist das völlig normal, so gut wie jede Band erinnert mich ein Stück weit an irgendeine andere Band und ich würde niemals so weit gehen und hier von Imitation oder Plagiarismus sprechen. Ich streite aber auch nicht ab, dass Jehnny Beth mit ihrem derzeitigen Kurzhaarschnitt und ihrer Gestik on stage ebensogut wie Sam Riley den 1980 verstorbenen Joy Division-Sänger Ian Curtis darstellen könnte. Fakt ist: Savages rocken bei Konzerten mächtig ab, von der ersten Minute bis zum Schluss! Ich konnte mich selbst davon überzeugen, denn erfreulicherweise fand eines der drei Deutschland-Konzerte der Savages in für mich einigermaßen erreichbarer Distanz statt. Feiertag sei Dank!

Ort des Geschehens war das Zoom (ehemals Sinkkasten) in Frankfurt, ein relativ kleiner Club im ersten Obergeschoss. Die Nebelmaschine ist für diesen kleinen Raum vielleicht etwas überdimensioniert oder funktionierte ZU gut, denn noch bevor das Konzert begann, war alles so eingenebelt, dass man das Schlagzeug fast nicht mehr erkennen konnte, selbst wenn man direkt vor der Bühne stand. Es ist natürlich auch denkbar, dass der Nebel von der Band angeordnet war, um so eine ganz gewisse Atmosphäre zu erzeugen. Dennoch fand ich es too much und war froh, dass sich die weißen Schleier etwas verzogen hatten, als Johnny Hostile um 21 Uhr die Bühne betrat, um quasi als One-man-act das Vorprogramm zu bestreiten.

Der hagere Mann in den schwarzen Klamotten spielte Bass und sprach, raunte, schrie und quiekte abwechselnd ins Mikrofon, während der auf der Bühne platzierte Computer die gewünschten Samples produzierte. Jedesmal, wenn sich Johnny Hostile vom Mikro, dessen vorderen Teil er gelegentlich mit seinem Mund umschloss, wegbewegen konnte, tanzte er ein wenig zu seinen Beats und schien in einer ganz anderen Welt zu sein.

Ich kenne die Titel der meisten seiner Lieder nicht, weiß aber, dass sein 30-minütiges Programm mit „Jehnny“ startete, denn dazu gib es ein Video, das von Savages-Sängerin Jehnny Beth erstellt wurde. Hier wird schon die enge Verbindung zwischen Savages und ihrem Supportact deutlich, denn Johnny Hostile ist nicht nur Jehnnys Freund, sondern er betreibt auch zusammen mit ihr das Label Pop Noire und trat noch im Jahr 2012 mit ihr unter dem Namen John & Jehn auf. Außerdem fungierte er als Co-Produzent von „Silence yourself“. Johnny und Jehnny stammen ursprünglich aus Frankreich und hörten auf ganz andere Namen, bevor sie sich vor einigen Jahren in London niederließen.

Ein wenig strange und gewöhnungsbedürftig fand ich die Musik des Nicolas Congé zunächst und ich hätte nicht sagen können, ob der Mann einfach irgendwelche Geräusche ausstößt oder richtige Wörter, die ich nicht verstehen konnte, zumal seine Lyrics von den Samples, die zum Teil ebenfalls aus gesprochenen Worten bestanden, überlagert waren. Nach der ersten Irritation stellte ich aber fest, dass die repetitiven, elektronischen Sequenzen durchaus Potential haben.

Savages-Gitarristin Gemma Thompson ist eine gute Freundin von Mr. Hostile und begleitete ihn in Frankfurt bei einem Lied auf ihrer blauen Fender-Gitarre, bevor er selbst vom Bass an eine ungewöhnlich geformte Gitarre wechselte, die er am Ende des Songs so über seinen Kopf hielt, als wolle er das Ding in die Zuschauermenge pfeffern.

Auch Jehnny Beth teilte sich für einen Song die Bühne mit ihrem Lover; in ihrem Blog erklärt sie, dass das Lied „The Pricks“ heißt, und sie hat dort auch den Text und den Link zu einem Livevideo veröffentlicht. Möglicherweise steht genau dieser Text in dem Notizbüchlein, das sie bei sich hatte und aufgeschlagen neben dem Mikrofon auf den Boden legte. Das Lied ist eine Art Monolog, gerichtet an den Partner, der die guten Ratschläge seiner Partnerin schamlos ausnutzt, um damit erfolgreich zu sein, und die Performance war dementsprechend: Beide standen sich gegenüber und kamen sich mal näher, entfernten sich wieder voneinander – das war schon gut gemacht! Vor allem merkte man hier bereits, was für eine einnehmende Aura Jehnny Beth umgibt!

Es musste nicht viel auf der Bühne auf- oder umgeräumt werden, sodass schon um 21.50 Uhr die vier Savages-Frauen die Bühne erklommen, alle in Schwarz gekleidet, einziger Farbklecks: Jehnnys knallrote Lippen. Während die vier Frauen ihr Konzert mit „Shut up“ eröffneten, wanderte mein Blick erst einmal zu den Füßen der Sängerin und ich – Anhängerin von Schuhen mit flacher Sohle, Hauptsache bequem – rätselte, wie man sich in Schuhen mit solchen Absätzen bewegen kann, ohne sich die Haxen zu brechen!

Und die Frontfrau war ständig in Bewegung, sowohl was die Beinarbeit betrifft als auch ihre Gestik, die manchmal den Eindruck erweckte, als wolle Jehnny alles kurz und klein schlagen, passend zum grimmigen Blick, der aber im nächsten Moment einem freundlichen Augenzwinkern Platz machte. Ihre Stimme klang fantastisch und genauso stark wie auf dem Album. Hin und wieder kam die zierliche Frau ganz vorne an die Bühne, um in die Zuschauermenge zu blicken, und ich hatte das Gefühl, dass sie es genießt, das dicht zusammengedrängte Publikum beim Abtanzen zum Post-Punk der Savages zu sehen. Ihre Energie ist beneidenswert und ansteckend, allerdings schaltete ich angesichts extrem gestiegener Temperaturen im Saale auf Anraten meines Kreislaufs irgendwann lieber mal einen Gang herunter und fokussierte meinen Blick auf Gemma Thompson, die sich eher langsam und bedächtig bewegte, wenn überhaupt, und die ganze Zeit über ziemlich ernst dreinblickte, vorwiegend auf den Boden oder auf ihr Instrument.

Ich stand direkt vor der Frau mit dem wuchtigen Pony in der Stirn und konnte so ihre Gitarren und die Art und Weise, wie sie darauf spielt, aus nächster Nähe bestaunen. Neben der bereits erwähnten Fender mit blauem Korpus – das muss die 1966er Fender Duo-Sonic in Daphne Blue sein, deren Erwerb Gemma bei The Line Of Best Fit beschrieben hat – kam bei einigen Songs eine Fender Mustang mit weißem Korpus und schildpatt-rotem Schlagbrett zum Einsatz. Gemma ist übrigens diejenige, die Savages ins Leben rief.

Die Beleuchtung blieb nach wie vor eher spärlich, Bassistin Ayşe Hassan (in bequemem Schuhwerk aus dem Hause Doc Martens) stand quasi permanent im Halbdunkel und die Schlagzeugerin Fay Milton war oft gar nicht zu sehen, auch weil sich der Nebel recht hartnäckig gehalten hatte. Aber man hörte die beiden Frauen, der Bass war die ganze Zeit präsent und in Sachen Schlagzeug erinnere ich mich gut daran, wie Fay bei „She will“ nur so aufs Becken eindrosch. Eine faszinierende Truppe, die vier!

Vor „Hit me“ rezitierte Jehnny als eine Art Intro zum Song einen Text, dessen genauer Wortlaut ebenfalls auf ihrem Blog nachgelesen werden kann, und sie versäumte es nicht, ihre Kolleginnen vorzustellen, was von den Zuschauern mit lautem Applaus quittiert wurde.

Bis auf „Dead nature“ und „Marshal dear“ wurden alle Lieder des Albums „Silence yourself“ gespielt plus „Give me a gun“ (zu finden auf der Live-EP „I am here“), „Flying to Berlin“ (B-Seite der Debütsingle „Husbands“) und als krönender Abschluss „Fuckers“, dessen zentrale Message „Don’t let the fuckers get you down!“ sich um das Loch in der „Silence yourself“-CD windet und auch auf dem Coverartwork des Albums abgedruckt ist. Ganz offenbar erweist sich dieses Statement als die richtige Einstellung, um es im Rockzirkus bis nach ganz oben zu schaffen; Savages sind auf dem besten Weg dahin.

Leider war die absolut fesselnde Performance nach knapp einer Stunde schon vorbei, aber es hätte mich, ehrlich gesagt, auch gewundert, wenn das Konzert sehr viel länger gedauert hätte, denn so viel musikalisches Material haben die Savages ja noch nicht angesammelt.

Die vier Musikerinnen werden in der nächsten Zeit etliche Konzerte und Festivals spielen. Folgende sind bislang bestätigt, laut Jehnny Beth’s Blog wird Johnny Hostile bei den Konzerten in Europa und in Amerika im Vorprogramm zu sehen und zu hören sein:

20.05.13 Zürich (Kinski), Schweiz
21.05.13 Mailand (Magnolia Club), Italien
22.05.13 Nimes, This is not a love song Festival, Frankreich
23.05.13 Barcelona, Primavera Sound Festival, Spanien
25.05.13 London, Field Day Festival, England
29.05.13 London (Red Gallery), Words to the Blind mit Bo Ningen, England
01.06.13 Porto, Primavera Sound Festival, Portugal
06.06.13 Paris (La Maroquinerie), Pop Noire night, Frankreich
08.06.13 Manchester, Parklife Festival, England
18.06.13 Berlin (Zitadelle) mit Portishead
19.06.13 Prague (Tipsport) mit Portishead, Tschechei
20.06.13 London (South Bank Centre), Yoko Ono’s Meltdown, England
22.06.13 Hilvarenbeek, Best Kept Secret Festival, Niederlande
28./29.06.13 Glastonbury Festival, England
04.07.13 Roskilde Festival, Dänemark
05.07.13 Helsinki, Kuudes Asti Festival, Finnland
06.07.13 Moskau, Subbotnik Festival, Russland
11.07.13 New York (Webster Hall), USA
12.07.13 Cambridge (Middle East Restaurant & Night Club), USA
13.07.13 Washington (Rock and Roll Hotel), USA
14.07.13 Philadelphia (Union Transfer), USA
15.07.13 Montréal (La Tulipe), Kanada
16.07.13 Toronto (The Mod Club Theatre), Kanada
21.07.13 Minneapolis (Triple Rock Social Club), USA
23.07.13 Los Angeles (El Rey Theatre), USA
16.06.13 Trondheim, Pstereo Festival, Norwegen
18.08.13 Skipton, Beacons Festival, England
23.08.13 Paris, Rock en Seine, Frankreich
30.08.13 Salisbury, End of the road Festival, England
05.09.13 Newport, Bestival, Isle of Wight
14.09.13 Detroit, Laneway Festival, USA

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