Lana Del Rey in der Rockhal in Luxemburg (30.04.13)

Die Luzie bei Lana? Ihr lest richtig, aber jedem, der gerade mit vor Ungläubigkeit aufgerissenen Augen auf den Bildschirm starrt, sei gesagt: Es war nicht mein eigener Antrieb, die musikalische Darbietung dieser hübschen Frau live und in Farbe zu erleben, sondern so eine Art Freundschaftsdienst. Ein lieber Mensch fragte mich nämlich neulich, ob ich ihn zum Konzert begleite, und da dachte ich mir nach kurzem Überlegen: „Warum nicht? Ist mal was anderes.“ Allerdings: Lana del Rey hat schon was. Zwar gehöre ich nicht zu den 3,4 Millionen Menschen, die 2012 ihr Album „Born to die“ gekauft haben, aber wenn irgendwo ein Lied von der jungen Frau mit der markanten Stimme gespielt wird, kann es schon geschehen, dass ich zumindest hinhöre. Ich erinnere mich noch gut daran, als bei der Radioberieselung morgens im Bad zum ersten Mal Lana Del Rey an meine Ohren drang, noch bevor der Hype um die junge Frau gestartet war, und ich dachte, Stevie Nicks hätte einen neuen Song veröffentlicht…

Schon der Betrieb im Parkhaus der Rockhal ließ den Massenandrang für dieses ausverkaufte Konzert erahnen, die Warteschlange reichte bis zum mittleren Ausgang des Belval Plaza Einkaufszentrums! Oh weh! Offenbar hatten die Verantwortlichen angesichts des strömenden Regens und keineswegs angenehmen Temperaturen aber Erbarmen und öffneten die Türen schon deutlich vor 19 Uhr; im Foyer der Rockhal war dann wieder Warten angesagt und es wurde zunehmend enger, aber immerhin war es trocken. Um mich herum wimmelte es nur so von Lana Del Rey-Kopien mit künstlichen Blümchen im langen braunen Haar. Junge Leute im Teenageralter, vor allem Mädchen, und Eltern mit (weiblichen) Kindern stellten nach meinem Empfinden die größte Gruppe der Konzertbesucher dar.
Der Einmarsch nach Öffnung der Türen zur Main Hall lief einigermaßen gesittet ab und es gelang mir sogar, ein Plätzchen in der ersten Reihe zu ergattern. Gaaaanz außen zwar, aber dort versperrte mir wenigstens keiner die Sicht, auch wenn ich vom später enthüllten Bühnenbild von diesem Standort aus nur Ausschnitte erkennen konnte. Von den Kulissen war zunächst nicht viel zu sehen: Zwei Löwenskulpturen flankierten die Bühne links und rechts, bei einer war ein großer Kerzenständer mit drei großen weißen Kerzen platziert. Ein raumhoher Vorhang, hübsch in Blautönen angestrahlt, trennte einen schmalen Bereich ganz vorne vom Rest der großen Bühne ab. Vier Mikrofone und ein Keyboard waren dort aufgereiht.

Von meinem Platz aus hatte ich Einblick in den Teil des Backstagebereichs, in dem sämtliche Kisten der Musiker standen – und ein Rack mit einigen Gitarren. An diesem machten sich ab 19.50 Uhr ein paar junge Männer zu schaffen; jeder nahm sich eine Gitarre, spielte ein wenig vor sich hin und begab sich dann auf die Bühne.

Die ersten 35 Minuten des Konzerts gehörten diesen Männern, die aus Schottland kommen und sich Kassidy nennen – mit K und nicht mit C, wie sie später betonten. Vier Männer, vier Mikros, vier Gitarren (eine elektrische in den Händen des Herrn mit Bart und Stirnband und drei semi-akustische). Dass dieses Bild mir überaus zusagte, brauche ich wohl nicht eigens zu erwähnen!

Die vier lieferten handgemachten Rock ab, sangen zum Teil mehrstimmig und scheinen recht begabt zu sein, auch wenn mir ein bisschen der Pepp fehlte. Der gelegentliche Smalltalk mit dem Publikum offenbarte den schottischen Akzent, der mir bei den Musikern von Biffy Clyro immer so gut gefällt. Einer der Gitarristen wechselte ab und zu ans Keyboard und beim vorletzten Song, dem Titelsong zum aktuellen Album „People like me“, waren nur die zwei Musiker, die in der Mitte standen, involviert, ganz acoustic, während der Mensch, der auch das Keyboard bedient hatte, auf dem Boden saß und allem Anschein nach filmte, und der Herr mit Stirnband mit seiner Gibson um den Hals auf dem Verstärker saß und manchen Zuschauern zuwinkte.

Auf der Soundcloud-Seite der Band kann man sich ein paar ihrer Songs anhören, z.B. The Traveller, was auch beim Konzert in der Rockhal gespielt wurde. Der Videoblog der vier Musiker zum Konzert in Luxemburg ist für die, die dort waren, vielleicht ganz witzig und zeigt die Band u.a. backstage und beim Proben in der noch leeren Rockhal. „20th Century boy“ hätten sie ruhig auch beim Konzert spielen dürfen! Bei den noch folgenden Konzerten von Lana Del Rey im Mai (s.u.) werden Kassidy auch mit von der Partie sein.

Der Umbau für Lana Del Rey war musikalisch begleitet von einem teilweise recht wirren Klassikgedudel, das mich an die musikalische Untermalung von Stummfilmen der 1920er und 1930er Jahre erinnerte. Laut Merkure-Online war das Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“. Bei meiner Recherche zu dieser Musik stieß ich auf etliche Negativkritiken zum Phänomen „Lana Del Rey auf der Bühne“. Bezogen auf das Konzert in Berlin wird beispielsweise kritisiert, dass die Künstlerin ihre Fans bis kurz nach 21 Uhr hat warten lassen. Äh, wie bitte, und wo ist das Problem? Ich bin es gar nicht anders gewohnt und fand die Wartezeit auf den Hauptact von gerade mal einer halben Stunde nach der Vorband recht kurz. Ich dachte, es wäre generell Usus, dass bei einem Konzertbeginn um 20 Uhr der Hauptkünstler frühestens um 21 Uhr auf der Bühne steht, aber vielleicht hab ich einfach noch nicht genug Konzerte besucht, um es besser zu wissen. [/Ironie] Im Tagesspiegel ist zum gleichen Konzert von Lana Del Reys „Null-Ausstrahlung“ die Rede und in München soll sie „leblos“ gewirkt haben.
Um es noch einmal klarzustellen: Ich bin kein Fan von Lana Del Rey, ich höre noch nicht einmal ihre Musik, aber ich hatte auch eine gewisse Erwartungshaltung, die nicht unbedingt positiv war, weil in all dem, was ich bisher von Lana Del Rey mitbekommen habe, diese Frau auch bei mir wie ein Kunstprodukt – im wahrsten Sinn des Wortes – rüberkam, ein wenig arrogant, unnahbar und kühl, wie ein Wesen aus einer anderen Sphäre, das sich lasziv-langsam und stets perfekt gestylt durch seine eigene Plastikwelt bewegt. Und ob sie wirklich singen kann – da war ich mir auch nicht so ganz sicher. Umso erstaunter war ich dann aber, wie menschlich Lana Del Rey in Luxemburg wirkte, nachdem um kurz nach 21 Uhr der Vorhang gefallen war.
Gleich nach dem ersten Lied, laut setlist.fm „Cola“, stieg sie in den Fotograben herab und ging auf Tuchfühlung mit dem Publikum, schüttelte die Hände einiger Zuschauer in den ersten Reihen, spazierte einmal von rechts nach links an der ersten Reihe vorbei und raunte dem Publikum mehrmals ein „Hi“ zu, ein Lächeln auf den Lippen, bevor es mit Song Nr. 2 weiterging. Zwischen den Liedern bedankte sie sich immer mal wieder und hauchte ans Publikum gerichtet „You sing so good.“ oder Ähnliches ins Mikrofon. Der Kontakt mit dem Publikum war eigentlich immer vorhanden. Irgendwann signalisierte jemand ihr wohl, dass man ihr einen Hut schenken wolle, und nach kurzer Nachfrage kam sie zu den Zuschauern und holte sich den Hut ab. Außerdem lächelte sie mehr als nur einmal.

Das Bühnenbild mit den Löwenskulpturen, einer kronleuchterartigen Lampe und einem Palmengarten, das offenbar wie eine Prunkvilla wirken sollte, passt natürlich zum Image, das die junge Frau meiner Ansicht nach verkörpert. Ein bisschen Blingbling darf es schon sein. Zum Image gehört auch ihr Aussehen: Ihr knallweißes Kleidchen mit langen Ärmeln aus Spitze soll wohl so etwas wie Reinheit und Unschuld ausstrahlen – es reichte ihr aber gerade mal knapp über den Po und es war bestimmt kein Zufall, dass die am Bühnenrand aufgestellten Ventilatoren den unteren Stoffrand gelegentlich arg ins Wirbeln brachten, wodurch tiefe Einblicke möglich waren. Ich kann mir vorstellen, dass gerade diese Kombination aus harmlosem Mädchencharme plus ein Touch Verdorbenheit die Künstlerin so beliebt machen. So wollen viele junge Frauen sein, man kann es an ihrem Äußeren ablesen und hörte es an den vielen „Lana, I love you“ oder „Lana, you are so beautiful“-Rufen, die aus dem Publikum erschallten, sobald ein Lied zu Ende war. Auch die Tatsache, dass etliche Konzerte restlos ausverkauft sind, scheint mir ein Hinweis darauf zu sein, dass sich Lana Del Rey einer gewissen Beliebtheit erfreut.

Positiv überrascht war ich über das musikalische Niveau des Konzerts. Der Palmengarten beherbergte mehrere Violinistinnen (Es kann auch sein, dass Cellistinnen dabei waren.), außerdem spielte der Bassist, der auch das Keyboard bediente, ab und zu auf einem Kontrabass, links saß ein Mann an einem Flügel und Lana Del Rey sang wirklich gut, trällerte auch die höheren Töne einwandfrei. Bloß das Schlagzeug fand ich etwas lasch. Mir fehlte die Bassdrum und dieses Drumpad ist nicht wirklich mein Ding, aber gut, es ist eben eine andere Musikrichtung als die, die ich sonst höre. Erstaunlicherweise nahm ich nur am Rande wahr, dass der Gitarrist gelegentlich die Instrumente wechselte, und es ließ mich ziemlich kalt, und das soll was heißen! Mein Blick war überwiegend auf die hübsche Sängerin geheftet, und wenn sie mal wieder in einer der Ecken der Bühne verschwunden war, die für meine Augen unerreichbar waren, schaute ich auf die über mir hängende Videoleinwand. Auf jeder Seite der Bühne hing eine solche Leinwand, die das zeigten, was die zwei Kameraleute gerade filmten. Ich betrachte das als gute Idee, denn so können auch die Zuschauer, die weiter hinten stehen, ein paar mehr Details erhaschen. Lana Del Reys kunstvolles Augen-Make-up zum Beispiel oder ihre langen lackierten Fingernägel (einer türkis, die anderen knallrot) oder die US-Flagge, die über irgendeiner Box hing. Die Videos, die im Hintergrund der Bühne auf die „Villenfassade“ projiziert wurden – bei YouTube schön zu erkennen –, konnte ich allerdings gar nicht sehen von meinem Platz aus. Immerhin hatte ich aber auch keine Handys vor meiner Nase und abgesehen von dem Herrn neben mir, der das ganze Konzert filmte und gelegentlich etwas ungünstig stand, freien Blick auf die Bühne.

Natürlich machte Lana Del Rey keine großen Sprünge auf der Bühne und lieferte keine Tanzeinlagen ab, aber das würde auch nicht zu ihr passen. Als „leblos“ würde ich ihren Auftritt dennoch nicht bezeichnen; die langsame Art, wie sie ihre Arme bewegt oder über die Bühne läuft, fast wie in Zeitlupe manchmal, passt eben zu ihr und zu ihrer Musik, die ja ebenfalls durchweg in gemächlichem Tempo gehalten ist.

Ich kannte nicht alle Lieder, die gespielt wurden, erkannte aber die Hits wie zum Beispiel „Blue jeans“, „Born to die“ und „Summertime sadness“. Auch dem Song „Knocking on heaven’s door“ bin ich, glaube ich, schon irgendwann einmal begegnet. 😉 (Ich bin nur froh, dass Lana Del Rey in Luxemburg nicht Nirvanas „Heart shaped box“ gecovert hat, wie sie es bei anderen Shows getan hat, das wäre des Guten vielleicht doch zu viel gewesen.) „Blue velvet“, der Klassiker aus dem Jahr 1950, der in dem Werbespot mit Lana für eine bekannte Modemarke zu hören ist, durfte natürlich auch nicht fehlen. Passend zum Songtitel war die Bühne in blaues Licht getaucht. Als anschließend jemand aus dem Publikum schrie „Play „Young and beautiful“!“, zögerte die Sängerin kurz und kündigte nach kurzem Blickwechsel mit ihren Musikern an, dass sie es versuchen werden, sie hätten dieses Lied noch nie live gespielt. Inwieweit diese Aktion tatsächlich spontan und nicht abgesprochen war, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber wenn es wirklich eine spontane Entscheidung war, einfach mal „Young and beautiful“ auf Wunsch des Publikums zu performen, dann steigert das Lana Del Reys Ansehen in meinen Augen beträchtlich.

Beim vorletzten Lied „Video games“ sang das Publikum wohl am lautesten mit und mit „National Anthem“ wurde das Konzert nach einer kleinen Dankesrede der Sängerin abgeschlossen. Der Instrumentalpart dieses Songs zog sich über gut 25 Minuten hin, denn Fräulein Del Rey stieg wieder zum Publikum herab und ließ sich – wie man nur auf den Videoleinwänden sehen konnte – umarmen und fotografieren, verteilte Autogramme und Küsschen, sammelte Briefe und allerhand Plakate ein. Bei einigen Zuschauerinnen, die ihr Glück nicht fassen konnten, flossen die Tränen, überall glückliche Gesichter und dort, wo die Sängerin nicht war, die Hoffnung, sie möge sich auch dorthin bewegen. Lana Del Rey nahm sich wirklich viel Zeit für ihre Fans, so etwas kenne ich von anderen Bands gar nicht, und je näher sie zu meinem Platz kam, desto enger und stressiger wurde es für mich, weil die jungen Mädels um mich herum immer aufgeregter wurden. Es tut mir leid für sie, dass die Sängerin, bevor sie bei uns ankam, wieder kehrtmachte, aber immerhin konnte ich dann wieder etwas freier atmen.

Zum Schluss traten alle Musiker auf der Bühne nach vorne, verbeugten sich und das war’s. Fazit: Das Konzert war wirklich gut (auch wenn ich nicht das Verlangen habe, mir die junge Frau noch einmal live anzuschauen, es ist halt einfach nicht meine Musik), Lana Del Rey war absolut souverän, stimmlich in Topform und zeigte auch ein Herz für ihre Fans.

Auf der Fahrt nach Hause im Auto spülte ich meine Gehörgänge aber erst einmal mit einer ordentlichen Portion Metal und Hardcore durch.

Folgende Lieder wurden laut setlist.fm in Luxemburg gespielt:
Cola
Body Electric
Blue Jeans
Gods and Monsters
Born to Die
Carmen
Million Dollar Man
Blue Velvet
Young and Beautiful (Premiere: First time ever)
American
Without You
Knockin‘ on Heaven’s Door
Intermission
(Summertine Video Interlude)
Ride
Summertime Sadness
Burning Desire
Video Games
National Anthem

Weitere Tourdaten:
01.05.13 Genf (Arena)
03.05.13 Turin (Palaolimpico)
04.05.12 Monte Carlo (Salle Garnier, Opera de Monte Carlo)
06.05.13 Rom (Palattomatica)
07.05.13 Mailand (Alcatraz)
09.05.13 Madrid (Riviera) [ausverkauft]
12.05.13 Birmingham (Academy) [ausverkauft]
13.05.13 Birmingham (Academy) [ausverkauft]
15.05.13 Glasgow (Academy) [ausverkauft]
16.05.13 Glasgow (Academy) [ausverkauft]
19.05.13 London (Hammersmith Apollo) [ausverkauft]
20.05.13 London (Hammersmith Apollo) [ausverkauft]
23.05.13 Manchester (O2 Apollo) [ausverkauft]
24.05.13 Manchester (O2 Apollo) [ausverkauft]
26.05.13 Dublin (Vicar Street) [ausverkauft]
27.05.13 Dublin (Vicar Street) [ausverkauft]
29.05.13 Amsterdam (Heineken Music Hall) [ausverkauft]
31.05.13 Brüssel (Forest National Club)
02.06.13 Warschau (Torwar) [ausverkauft]
04.06.13 Vilnius (Siemens Arena)
06.06.13 St. Petersburg (The new arena)
08.06.13 Moskau (Crocus City Hall)
10.06.13 Kiev (Ukraine Palace)
12.06.13 Minsk (Arena)
14.06.13 Riga (Arena)
16.06.13 Helsinki (Hartwall Areena)

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Über luuuzie

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3 Antworten zu Lana Del Rey in der Rockhal in Luxemburg (30.04.13)

  1. Pingback: Eric Clapton in der Festhalle in Frankfurt (29.05.13) | Luzies Welt

  2. Pingback: Sting in Mainz (Zollhafen – Nordmole, 10.07.13) | Luzies Welt

  3. Barfight Lemmy schreibt:

    „Auf der Fahrt nach Hause im Auto spülte ich meine Gehörgänge aber erst einmal mit einer ordentlichen Portion Metal und Hardcore durch.“ HAHAHA saugudd! 😀

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