Hexentanzfestival 2013 – Van Canto und The 69 Eyes

„Die Finnen müssen warten“, schrieb ich noch Anfang Februar in meinem Bericht über das Konzert von Paul Banks in Paris. Erfreulicherweise war die Wartezeit relativ rasch vorbei, denn bereits am 26. April spielten The 69 Eyes im Rahmen des 8. Hexentanzfestivals in Losheim am See. Und zwar unter freiem Himmel.

Über irgendetwas schienen sich die Wetterhexen an diesem Apriltag ganz schön geärgert zu haben, denn es schüttete wie aus Eimern, obwohl tags zuvor die Sonne nur so gelacht hatte. Insofern fanden wir es nicht mehr ganz so tragisch, dass wir erst nach der Arbeit losdüsen konnten und infolgedessen die ersten zwei Bands verpassten; das Musikprogramm des mit „Walpurgisschlacht“ betitelten ersten Festivaltages startete ja bereits um 13.30 Uhr.

Als Brillenträger ist man, wenn man ohne Brille quasi blind ist, bei so einem Wetter immer der Gelackmeierte, denn Regentropfen auf den Gläsern sind für die Sicht auf die Bühne alles andere als förderlich. Ob es im Outdoor-Sortiment eine Kopfbedeckung gibt, deren Krempe weit genug nach vorne reicht, um die Brille vor Regentropfen zu schützen, und die nach rechts und links eine Art Windfang hat, damit auch von dort kein Regen herangeweht werden kann? Einfacher wäre es vielleicht, wenn ich mich zwecks freier Sicht bei einem Konzert im strömenden Regen endlich mal um Kontaktlinsen bemühen würde, denn irgendwie geriet dieses beim Zürich Open Air 2010 gefasste Vorhaben wieder in Vergessenheit.

Fürs Hexentanzfestival entschied ich mich letzten Endes für die Kombination „Gummistiefel, Ganzkörperponcho (in Weiß, uuuh) plus kleiner Regenschirm“ und stellte nach der Ankunft auf der Festivalwiese am Losheimer Stausee erleichtert fest, dass ich bei weitem nicht die Einzige war, die outfitmäßig nicht so ganz ins Konzept des Festivals passte. Die Zweckmäßigkeit war an diesem Tag eindeutig wichtiger als die persönliche Eitelkeit! Immerhin war mein Schirm schwarz und angesichts vieler aufgespannter großer und bunter Schirme (von neongrün bis regenbogenfarben war alles dabei) hielt ich es nicht für notwendig, meinen Schirm wegzupacken, zumal wir uns zuerst sowieso weiter hinten am Wiesenhang aufhielten.

Von dort schauten wir uns den grandiosen Auftritt von Van Canto an. Das ist eine ganz besondere Truppe, bestehend aus Schlagzeuger Bastian Emig und der Sängerin Inga Scharf sowie – der Knüller! – vier weiteren Sängern: Philip Dennis Schunke (Sly), Ross Thompson, Stefan Schmidt sowie Ingo Sterzinger (Ike). Keine Gitarren, kein Bass, kein Keyboard – der Klang dieser Instrumente wird durch die Stimmen der Sänger imitiert, daher der Bandname, denn „canto“ heißt ja „ich singe“. Die sechs Leute sind also eine Art A Capella-Metalband und ihr Auftritt bei der Walpurgisschlacht war der erste seit 15 Monaten.

Auf dem Foto sieht man schön, wie heftig es zu dem Zeitpunkt regnete. Die meisten Zuschauer ließen sich dadurch aber nicht davon abhalten, mitzusingen, zu tanzen, Crowdsurfing zu machen und einige fotografierten unermüdlich, ihre Kameras und Smartphones ungeschützt dem Regen ausgesetzt.

Bevor „To sing a metal song“ startete – das Lied ist zu finden auf dem  2010 veröffentlichten Album „Tribe of force“ –, forderte Sly die Zuschauer auf, nach „One for all“ den Vers „All for one“ zu singen. (Ich war sicher nicht die Einzige, die in dem Moment an Arch Enemys „Nemesis“ dachte.) Natürlich wurde das Mitsingen ein paarmal ausprobiert, und nachdem das Publikum seinen Part zur Zufriedenheit der Musiker absolviert hatte, ging’s los.

Nicht alle Songs der ungewöhnlichen Band haben englische Texte, „Neuer Wind“ aus dem „Break the silence“-Album (2011) beispielsweise wird auf Deutsch gesungen und wurde auch in Losheim gespielt. Die Sänger waren permanent in Bewegung, was beim Zuschauen natürlich zum Mitwippen animiert, außerdem feuerten sie das Publikum ständig an. Die hübsche Frontfrau im sexy Kleidchen wirkte auf manche Augenpaare sicherlich wie ein Magnet.

Neben eigenen Liedern hatten Van Canto auch ein paar Coversongs im Programm, z.B. „Primo Victoria“ von Sabaton, „Wishmaster“ von Nightwish und „Rebellion“ von Grave Digger. Außerdem wurde beim Song „The Mission“ ein Teil von Metallicas „Master of puppets“ eingeflochten. Das hat echt gerockt! Wohlgemerkt ohne Instrumente, vom Schlagzeug mal abgesehen, und selbst vor Gitarrensoli machen die Stimmbänder der fünf Leute am Mikro nicht halt. Wahnsinn!

Ich kann jedem nur empfehlen, sich Van Canto anzuhören und live anzusehen. Folgende Auftritte sind bislang bestätigt:
05.05. – 12.05.2013 Full Metal Cruise (D, F, GB, NL)
28.06. – 30.06.2013 Basinfirefest (CZ)
11.07. – 13.07.2013 RockHarz (D)
15.08. – 17.08.2013 SummerBreeze Festival (D)

Nach dem Van Canto-Auftritt ging der Regen allmählich in ein Tröpfeln über und hörte dann fast ganz auf, sobald The 69 Eyes die Bühne betraten. Alle natürlich stilecht in Schwarz gekleidet und mit den notwendigen Accessoires: Sänger Jyrki 69 zum Beispiel mit Lederhandschuhen, die die Fingerkuppen frei ließen, sodass man die schwarz lackierten Fingernägel sieht, jede Menge Armbänder ums Handgelenk und mit schwarzem Bandana um die Lederhose unterm Knie. Wie es sich für rockende Helsinki Vampires gehört, trugen alle (außer Gitarrist Bazie) Sonnenbrillen, wobei Jyrki seine Brille ab und zu auszog.

Das erste Lied „Love runs away“ zeigte schon, dass an diesem Abend die Songs des aktuellen Albums „X“ ein wenig im Vordergrund standen, aber eine Band, die seit gut 20 Jahren auf der Bühne steht, kann natürlich das ältere Material nicht komplett ausblenden, und so ging es mit „Gothic girl“ aus dem hervorragenden „Blessed be“-Album (2000) weiter, bevor mit „Tonight“ wieder der Bogen zum aktuellen Schaffen geschlagen wurde.

Auf Sänger Jyrkis Aussage, dass es nicht regnet, wenn The 69 Eyes bei einem Sommerfestival auftreten, reagierte ich zunächst skeptisch, aber er sollte Recht behalten.

Mit „Perfect skin“ machten die Finnen wieder einen Schritt in ihre musikalische Vergangenheit, zum „Angels“-Album (2007), dann folgte das aktuelle „I love the darkness in you“ und anschließend das Lied, bei dem es mir immer ganz besonders warm ums Herz wird: „Wasting the dawn“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1999. Ach war das schön!

Gitarrist Timo Timo erinnerte mich an diesem Abend ein bisschen an Sid Vicious, wahrscheinlich wegen seiner Frisur. Ich fand sein überzogen cooles Gepose total klasse, bin mir aber vollkommen bewusst, dass so etwas nur auf der Bühne nicht lächerlich wirkt und selbst in diesem Ambiente nur bei bestimmten Personen. Seine Gitarre mit Totenkopf- und 69-Inlay scheint eine custom made ESP zu sein, ebenso wie Bazies Gitarren. Der verwendete zu meinem Entzücken gleich zwei verschiedene, eine mit rotem Korpus (ich vermute, das ist eine Eclipse) und eine schwarze (offenbar eines der Phoenix-Modelle).

Immerhin ein Lied aus dem vorletzten Album „Back in blood“ (2009) spielten die finnischen Rocker, nämlich „Dead girls are easy“. Ob das Album songanteilsmäßig unterrepräsentiert war, weil die fünf selbst es vielleicht als nicht allzu großen Wurf betrachten? Chartsmäßig war es erfolgreich, aber ich gebe zu, dass mir andere Alben der 69 Eyes lieber sind und ich das aktuelle um Längen besser finde als das Vorgängerwerk.

Mit „Betty blue“ (aus dem Album „Paris Kills“, 2002) wurde dann wieder einer älteren Schaffensphase gehuldigt, bevor es „Black“ aus dem „X“-Album zu hören gab und danach noch einen „Paris Kills“-Klassiker, nämlich „Dance d’amour“.

Schlagzeuger Jussi konnte ich von meiner Position links außen nicht so gut sehen, aber wie immer rockte auch er, was das Zeug hält, manchmal mit Jyrki direkt vor der Nase, während der dem Publikum den Rücken zeigte und die Hüften kreisen ließ. Der Sänger meinte irgendwann, das Wetter bei diesem Sommerfestival sei genauso wie an einem schönen Sommertag in Finnland… Na denn, da konnten sich die fünf ja wie zu Hause fühlen!

Die folgenden Songs waren für mich der Oberhammer, denn diese Lieder gehören auch zu den 69 Eyes-Songs, die ich mir immer wieder gerne anhöre: „Never say die“ aus dem Jahr 2007, anschließend das aktuelle „Red“ und danach die wirklich großartigen Lieder „Feel Berlin“ und „Devils“ vom Album gleichen Titels aus dem Jahr 2004, das ich als überragend gutes 69 Eyes-Album betrachte.

Das Publikum reagierte auf die fünf Finnen insgesamt eher zurückhaltend. Ein paar Leute tanzten zwar und klatschten gelegentlich, manche sangen auch ein bisschen mit, aber bei Van Canto und vor allem bei den Apokalyptischen Reitern im Anschluss war die Rasenfläche vor der Bühne deutlich mehr gefüllt und das Publikum machte viel mehr mit. Dennoch wurde lautstark um eine Zugabe gebeten, erst recht, als Bazie als Erster wieder auf die Bühne trat, und die Zuschauer zu some more noise anfeuerte, und ich freute mich, dass die 69 Eyes gleich drei weitere Lieder spielten, nämlich „The chair“, ebenfalls einer meiner absoluten Lieblingssongs der Band, und „Brandon Lee“, beide vom „Blessed be“-Album, und zum Abschluss das geniale „Lost boys“ (vom „Devils“-Album), eine Hommage an den gleichnamigen Film aus dem Jahr 1987.

Es war so schön, dass ich noch eine ganze Weile hätte zuhören können, denn The 69 Eyes haben wirklich etliche gute Lieder und ich hätte gerne noch ein paar vorgespielt bekommen, z.B. „Sister of Charity“, „Christina Death“ oder „Framed in blood“. Aber die muss ich mir dann eben auf dem Livealbum „Hollywood Kills – Live at the Whiskey  A Go Go“ anhören, dabei die Augen schließen und mir den Rest vorstellen.

The 69 Eyes werden 2013 noch etliche weitere Konzerte spielen, folgende Auftritte sind bis dato bekannt:
27.04.13 Warschau (Proxima), Polen
28.04.13 Krakau (Kwadrat), Polen
29.04.13 Wroclaw (Alibi), Polen
17.05.13 Leipzig, Wave Gotik Treffen
24.05.13 Naantali (Kaivohuone), Finnland
25.05.13 Helsinki (Pressa), Finnland
15.06.13 Novarock-Festival, Nickelsdorf, Österreich
05.07.13 Kokkola (Manifest), Finnland
12.07.13 Masters of Rock Festival, Vizovice, Tschechien
27.07.13 Skogsröjet – Ostergötlands Rockfestival, Reimyre, Schweden
02.08.13 Pori (Porisphere), Finnland
03.08.13 Viitasaari (Hotelli Pihkuri), Finnland
11.08.13 M’era Luna Festival, Hildesheim
17.08.13 East Rock Bike Meet / Lomakeskus Hurman, Polvijarvi, Finnland
13.09.13 Madrid (Rockitchen), Spanien
14.09.13 Barcelona (Salamandra), Spanien

Kaum hatten die Finnen die Bühne verlassen, öffnete der Himmel wieder seine Schleusen. Aber wie! Wir schauten uns noch ein paar Lieder der Apokalyptischen Reiter an und gestanden uns dann ein, dass wir so durchgefroren waren und den Regen so dermaßen satt hatten, dass uns die Heimfahrt sympathischer erschien als das Warten auf Sonata Arctica und das Risiko, uns eine fette Erkältung als besonderes Andenken an das Hexentanzfestival einzufangen. Vielleicht werden wir uns darüber irgendwann noch ärgern, aber auch heute, einen Tag später, erscheint mir unsere Entscheidung als sinnvoll. Manchmal bin also auch ich unrockbar.

Der Weg vom Festivalgelände nach draußen hatte allerdings so seine Tücken! Man kann sich ja vorstellen, dass sich eine Wiese bei Dauerregen in eine Schlammpiste verwandelt, wenn viele Leute „ihr Pfädchen trampeln“. Auf den ebenen Flächen war es daher schon ganz schön rutschig, an den Hängen musste man höllisch aufpassen, dass man sich nicht ablegt und sich unfreiwillig die Ganzkörperschlammpackung verpasst!

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