Archive in Stuttgart (LKA Longhorn, 04.04.13)

Ich hätte auf meine Freundin hören sollen! Die wohnt nämlich in Stuttgart, kennt folglich das LKA Longhorn und meinte: „So früh brauchen wir nicht da zu sein. Das LKA ist ein ganz kleiner Club und die Leute kommen hier bei Konzerten erst kurz vorm Einlass.“

Tatsächlich waren wir die Einzigen, die dort ab 18 Uhr in der Kälte schnatterten, mal abgesehen von den zwei Herrschaften, die Handzettel verteilten und auf der Suche nach nicht benötigten Konzerttickets zum Weiterverkaufen waren. Erst nach und nach gesellten sich ein paar Leute zu uns, die schon einmal vorab in den Genuss kamen, Robin Foster mit seiner Band aus dem Innern der Halle bei der Generalprobe zu hören, bevor wir gegen 19.15 Uhr endlich hereingelassen wurden. Arg winzig fand ich das LKA Longhorn allerdings nicht, ich schätze mal, dass da schon 1.000 Leute reinpassen.

Auf der Bühne stand alles bereit für die erste Band und wie im letzten Jahr waren auch diesmal wieder die beiden Elvis-Figuren dabei: ein tanzender King of Rock’n’Roll auf dem Verstärker im Hintergrund und ein kleineres Elvis-Figürchen in Robin Fosters Pedalboard. Pünktlich um 20 Uhr ertönte dann auch ein Lied von Elvis aus den Lautsprechern (War das wirklich „White Christmas“ oder sollte ich doch mal zum Psychiater gehen?), während die Lichter ausgingen und Robin Foster mit seinen Musikern die Bühne betrat. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, starteten die fünf mit „Brest by night“. Links (von mir aus gesehen) haute Steven Prigent in die Keyboardtasten, am rechten Bühnenrand spielte Gaetan Fagot die zweite Gitarre, Hikit Corbel hielt sich am Bass rechts im Hintergrund vor dem Schlagzeug auf und Robin Foster, der Bandleader mit der wunderschönen Epiphone-Girarre natürlich eher mittig.

Zum Schlagzeuger erklärte der englische Musiker, der in der Bretagne lebt, später, er habe diesen Menschen irgendwo in der Pariser Metro gefunden, auf eine Plastikbox trommelnd, und er dachte, der könnte was für seine Band sein, und dieser Mann sehe so… happy aus, dass er ihn „Happy“ nennt. Tatsächlich war der Drummer kein Geringerer als Archive-Schlagzeuger Smiley. Hibu Corbel von der Foster-Crew war offenbar verhindert, doch das sollte nicht die einzige Überraschung an diesem Abend bleiben.

Mit „Loop“ folgte wieder ein älteres Lied, aber natürlich wies Robin Foster darauf hin, dass er ein neues Album eingespielt hat, PenInsular, das allerdings noch nicht offiziell veröffentlicht und somit noch nirgends zu kaufen ist. (Lediglich diejenigen, die sich bis Anfang Februar an der Finanzierung beteiligt hatten, bekamen ab der letzten Märzwoche ihre CD zugeschickt.) Eine CD hatte der Bandleader in diesem Moment in der Hand und warf sie ins Publikum; zuvor äußerte er allerdings die Bitte, dass niemand ihn verklagen soll, falls er von der CD unglücklich getroffen werde, er sei schließlich nur die Vorband. Sehr sympathisch! So ein paar kleine Frotzeleien mit dem Publikum eignen sich doch immer hevorragend, um das eventuell vorhandene Eis zu brechen. Die Band spielte zwei weitere Lieder, wie die anderen rein instrumental, und wenn ich nicht fünf Musiker in Action vor mir gesehen hätte, wären vor meinem inneren Auge durch die Musik wahrscheinlich Bilder von einsamen, aber wunderschönen bretonischen Landschaften vorbeigezogen, mit Hinkelsteinen, schroffen Felsen, die von tosender Meeresbrandung umgeben sind und einsamen, mit Gras bewachsenen Ebenen. Schade, dass nach vier Songs und 25 Minuten Spielzeit das Ganze schon zu Ende war; ich hätte gerne noch mehr Musik von Robin Foster gehört. Stattdessen war das Elvis-Outro unmissverständliches Zeichen dafür, dass die Vorband fertig ist.

Selbstverständlich gab es am Merchandise-Stand auch die neue CD. Die komplette Band war dort sogar nach dem Konzert anwesend, um die Alben mit ihren Unterschriften zu etwas ganz Besonderem zu machen, und der rege Betrieb ließ darauf schließen, dass die Band beim Publikum gut angekommen war, denn die Musiker hatten alle Hände voll zu tun. Ich hatte auch Gelegenheit, kurz mit Robin Foster zu sprechen, obwohl der echt total im Stress war mit dem Unterschreiben der CDs, aber es war mir wichtig, mich bei ihm nochmals dafür zu bedanken, dass er mir eine Geschichte für meine Blog-Rubrik „Gitarre des Monats“ geliefert hat. Der Musiker meinte, dass er die besagte Gitarre sogar dabei hätte, aber bloß als Ersatzgitarre, und wollte wissen, ob ich mir ein weiteres Konzert anschaue. Nachdem ich das bejaht und ihm verraten hatte, wann und wo das sein wird, versprach er, dafür die andere Gitarre zu verwenden, auch wenn er sie eigens dafür anders stimmen müsse. Na denn, da bin ich ja mal gespannt!

Der Umbau für Archive ging relativ flott vonstatten und wie bereits beim Konzert in Saarbrücken beobachtet, bekam Danny Griffiths auch an diesem Abend vier Flaschen Bier ans Keyboard gestellt und diesmal habe ich ihn tatsächlich trinken gesehen.

Einer der Franzosen, die ich von anderen Archive-Konzerten her kenne (Salut et à bientôt!), hatte mich schon beim Warten vor der Halle vorgewarnt, dass nach dem, was er von den beiden Archive-Konzerten in der Türkei letzte Woche mitbekommen hat, Maria Q auf dieser Tour nicht dabei sein wird. Dave Pen äußert sich in seinem Blogeintrag nicht direkt dazu, aber Maria schrieb klipp und klar bei Facebook: „no I will not be joining Archive on this tour“. Wie schade!

Dass da aber noch mehr im Busch zu sein scheint in der Archive-Welt, ahnte ich schon, als die Gitarren auf der Bühne aufgestellt wurden. Die beiden Prachtstücke hinten links, wo üblicherweise die Instrumente für Steve Harris abgestellt werden, sahen so gar nicht aus wie die Gitarren, die ich bisher in Steves Händen gesehen habe, und in der Tat war der Musiker nicht anwesend und Mike Bird von Dave Pens anderer Band BirdPen stand stattdessen hinten links auf der Bühne, als das Konzert nicht mit Glockengeläut wie sämtliche Shows im letzten Herbst eingeleitet wurde, sondern  mit einem eher drumlastigen Intro, das irgendwann in „Finding it so hard“, gesungen von Dave Pen, überging. Dieses Lied fand ich als Opener nicht so stark, da hätte ich lieber etwas Fetziges gehört und ich glaube, ich hätte das 17-Minuten-Stück an späterer Stelle einfach mehr zu schätzen gewusst. Die Beleuchtung hingegen gefiel mir super: ganz minimalistisch erstrahlten mehrere zum vereinfachten A am hinteren Bühnenrand aufgestellte Leuchtstoffröhren in verschiedenen Farben. Außerdem klang Pollard Berriers Stimme an diesem Abend hervorragend, bei Song Nr. 2, „Wiped out“, sang er auch die höheren Passagen ganz klar. Hut ab!

Das konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bühne für Archive-Verhältnisse recht leer wirkte: Ganz links Darius Keeler am Keyboard, ganz rechts Danny Griffiths, in der Mitte links Pollard Berrier und rechts Dave Pen, der ab und zu auch an den eigens für ihn aufgestellten Trommeln zugange war, hinten links wie bereits erwähnt Mike Bird und am Schlagzeug Smiley, der an diesem Abend quasi eine Doppelschicht hatte. Allerdings war von Bassist Jonathan Noyce keine Spur zu sehen und der Bass, der bei einigen Liedern deutlich zu hören war, kam wohl aus der Konserve, denn einen Ersatz für Herrn Noyce gab es nicht. Was ist da los? Immerhin tauchte zum vierten Lied, „Hatchet“, Holly Martin auf, aber auch die hübsche Frau versetzte mich in totales Erstaunen, weil ihre lange Mähne nun nicht mehr hellblond ist, sondern braun. Das ist zwar eine reine Äußerlichkeit, aber so viele Veränderungen auf einmal bringen ein altes Gewohnheitstier schon mal aus dem Takt!

Holly blieb auch beim nächsten Song „Stick me in the heart“ auf der Bühne, um ihr Duett mit Pollard Berrier zu performen, und kehrte zum übernächsten Lied „Violently“ wieder zurück. Obwohl ich den Eindruck hatte, dass die Musik an diesem Abend einfach nicht so viel „Bums“ hatte, wie ich das von Archive gewohnt bin, hätte ich mir bei „Violently“ gewünscht, dass die Instrumente etwas leiser eingestellt wären oder Hollys Mikro etwas lauter, denn ihre Stimme ging in der Musik ein wenig unter. Grandios waren aber die letzten paar Takte des Liedes, in denen man fast nur Hollys Stimme hört, ganz leise – ich hatte Gänsehaut!

Die anderen Songs des Abends kann man sich ja auf dem Foto von der Setlist anschauen, zu meinen Highlights gehören auf jeden Fall „Kings of speed“, „Fuck U“ und „Bullets“, wobei ich auch „Bullets“ ein wenig lasch fand, man möge es mir verzeihen, subjektiver Eindruck und so, aber es hat einfach irgendetwas gefehlt und für mich war das bloß „Bullets light“.

Der Zugabenteil startete mit „You make me feel“, was in letzter Zeit häufig im Fernsehen zu hören ist. Eigentlich singen hier Holly Martin und Maria Q zusammen, aber da Maria Q nicht mit von der Partie ist (und ich hoffe, dass das nur eine temporäre Angelegenheit ist), übernahm Pollard Berrier ihren Part. Mir hat’s gefallen. Ebenfalls positiv zu vermerken sind die kleinen Tanzeinlagen von Pollard Berrier. Seine Moves sind so richtig was fürs Auge und stecken an, genauso wie die gelegentlich wilden Armbewegungen und der Gesichtsausdruck von Darius Keeler mich so oft zum Grinsen bringen. Nicht zu vernachlässigen sind natürlich auch all die schönen Gitarren, die es da auf der Bühne zu bestaunen gab, allen voran Dave Pens Gibson. Allein solche Kleinigkeiten sind es für mich wert, mir diese großartige Band x-mal live anzuschauen, und auch wenn dieses Konzert jetzt nicht so den Woooaaaah-Effekt hatte, freue ich mich schon aufs nächste.

Archive haben einen gewaltigen Tourplan in diesem Jahr. Bei den Terminen in Deutschland wird der fantastische Robin Foster mit seiner Band die Konzertabende eröffnen.

05.04.2013 Leipzig (Werk 2)
06.04.2013 Wiesbaden (Schlachthof Club)
07.04.2013 Freiburg (Jazzhaus)
09.04.2013 Erlangen (Kulturzentrum E-Werk)
10.04.2013 Krefeld (KuFa)
12.04.2013 Lille, Frankreich (Zenith Arena – Paradis Artificiel)
17.04.2013 Glasgow, Schottland (Oran Mor)
18.04.2013 Manchester, England (Sound Control)
19.04.2013 London, England (Koko)
20.04.2013 Dublin, Irland (The Village)
26.04.2013 Festival Insolent – Vannes, Frankreich
28.04.2013 Festival des Artefacts – Strasbourg (Zenith), Frankreich
02.06. 2013 Jardin Du Michel Festival – Bulligny, Frankreich
06.06.2013 Caribana Festival – Nyon, Schweiz
08.06.2013 Stare Misto Festival – Ukraine
21.06.2013 Southside Festival
23.06.2013 Hurricane Festival
28.06.2013 Open Air Festival – St. Gallen, Schweiz
29.06.2013 Le Rock Dans Tous Ses État – Hippodrome d’Evreux, Frankreich
03.07.2013 Musiques en Stock – Free Festival – Cluses, Frankreich
05.07.2013 Eurockéennes – Belfort, Frankreich
06.07.2013 Festival Au Foin De La Rue – Saint Denis de Gastines, Frankreich
07.07.2013 Main Square Festival – Arras, Frankreich
13.07.2013 Festival Terres du Son – Tours, Frankreich
16.07.2013 Francofolies de La Rochelle – La Rochelle, Frankreich
19.07.2013 Théâtre Antique – Arles Festival, Frankreich
21.07.2013 Melt! Festival – Ferropolis
23.07.2013 Les Nuits de la Guitar de Patrimonio – Patrimonio, Korsika
25.07.2013 Les Nuits de Fourvière – Lyon, Frankreich
31.07.2013 Théâtre Jean-Deschamps – Carcassonne, Frankreich
03.08.2013 Ronquières Festival – Ronquières, Belgien
09.08.2013 Chien A Plumes – Lac de Villegusien, Langres, Frankreich
15.08.2013 Frequency Festival – Green Park St. Pölten, Österreich
16.08.2013 Open Air Gampel – Gampel, Schweiz
06.09.2013 Burn Selector Festival – Warschau, Polen

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Über luuuzie

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7 Antworten zu Archive in Stuttgart (LKA Longhorn, 04.04.13)

  1. Chris schreibt:

    Hi Luzie, ich habe schon sehnsüchtig auf deinen Konzertbericht gewartet, da mein Konzert mit Archive ja erst nächste Woche ist. So sehr ich deinen Bericht auch wieder genossen habe, hat er mich auch ganz schön erschreckt. Ich persönlich, hatte mich schon richtig auf das Glockengeläut gefreut…und drei von ihnen nicht dabei ? Hmm… mein erstes mal mit Archive hätte ich mir dann doch ein wenig anders gewünscht! Aber abgesehen von diesem kleinem Schock, scheint es ja ein schönes Konzert gewesen zu sein. 🙂
    In freudiger Erwartung auf deinen nächsten Bericht wünsche ich dir alles liebe….Chris 🙂

  2. Trautmann schreibt:

    Salut Luzie et à bientôt !
    Merci pour l’article et les très belles photos !
    J’espère que Robin a joué du nouvel Album..?
    A la prochaine.

  3. luuuzie schreibt:

    Danke et merci!
    Chris, das Konzert in Wiesbaden gestern fand ich viel, viel besser, also keine Panik! Das wird bestimmt klasse nächste Woche!
    Concernant des nouvelles chansons je ne suis pas sûre pour Stuttgart mais à Wiesbaden il a joué quelques morceaux du nouvel album. Il était magnifique!

  4. Pingback: Archive in Wiesbaden (Schlachthof, 06.04.13) | Luzies Welt

  5. Cem schreibt:

    Hi Luzie,
    habe Deine Seite beim suchen vom Archive-Konzert Bericht in Stuttgart entdeckt. Ich wollte wissen,welchen Eindruck andere von diesem Konzert hatten.Dein Bericht ist echt super und ich war ganz sicher nicht das letzte mal auf Deiner Seite.
    Ich hatte es mir noch überlegt,ob ich nicht nach Wiesbaden fahre,um auch das Konzert dort zu sehen.Jetzt wo ich gelesen habe,dass das Konzert in Wiesbaden viel besser war,könnte ich mir,na Du weist schon wohin beißen….

    Wünsche Dir weiterhin viel Spaß auf Konzerten.
    LG,
    Cem

  6. luuuzie schreibt:

    Dankeschön, Cem!
    Das Archive-Konzert in Krefeld scheint alles andere noch getoppt zu haben, denn dort hat Dave Pen mit Robin Foster „Forgiveness“ performt und beim letzten Lied der Vorband waren beide Drummer, der von Robin Fosters Band und Smiley von Archive, in action. Na ja, man kann nicht alles haben. 😉

  7. Pingback: The Ashes Rising, Unchained und Surrender The Crown in Saabrücken (Kitu Reloaded, 11.05.13) | Luzies Welt

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