Blackmail in Zürich (02.04.13)

Eine riesige Überraschung hielt neulich meine Freundin aus Zürich für mich bereit! Sie ist ähnlich musikbegeistert wie ich – ein Blick auf ihren Blog Highrotation zeigt, wofür ihr Herz schlägt – und ebendiese Freundin fragte mich, ob ich Lust hätte, zu ihr in die Schweiz zu kommen, um Blackmail vor ihrem Konzert im Ziegel Oh Lac zu interviewen.
Das Erste, was mir nach einem Moment des angenehmen Erstauntseins durch den Kopf ging, war die berühmte Szene aus „Der Pate“, als Don Corleone die Sache mit dem Angebot, das man nicht ablehnen kann, sagt – dabei habe ich den Film nie gesehen.
Also machte ich mich wieder einmal auf ins schöne Zürich, ein wenig aufgeregter als sonst, weil diesmal ja neben dem Besuch eines Konzertes zusammen mit einem lieben Menschen ein ganz besonderes Event anstand.

Die Location, in der musiziert werden sollte, ist für ein Konzert recht ungewöhnlich, denn das Ziegel Oh Lac ist eigentlich ein Restaurant inmitten des alternativen Kulturzentrums Rote Fabrik, das seinen Platz in den Gemäuern einer ehemaligen Seidenweberei hat. Der direkt am Zürichsee gelegene Laden erinnerte mich ein bisschen an das JUZ, in dem ich mehrere Jahre meiner Teenagerzeit verbrachte: ein großer Saal mit hoher Decke, einfaches Mobiliar, überwiegend aus Holz, Selbstbedienung an der Theke, wenn man nur etwas trinken möchte, viel Öko auf der Getränke- und Speisekarte. Gut drei Meter über dem Boden auf Regalen und Metallgittern sorgen etliche große Grünpflanzen in Töpfen (Wie die wohl gegossen werden?) für eine gemütliche Atmosphäre.

Meine Freundin und ich trafen – wie üblich – recht früh am Ort des Geschehens ein, aber das hatte diesmal neben der Aussicht auf ein leckeres Abendessen ja einen handfesten Grund, nämlich der mit dem Tourmanager von Blackmail vereinbarte Interviewtermin. Das Interview folgt als separater Blogbeitrag, allerdings wird die Fertigstellung noch ein paar Tage in Anspruch nehmen – einerseits wegen der Koproduktion mit Highrotation und andererseits, weil ich morgen schon wieder aufbreche in eine andere ferne Stadt, um mir eine andere Band live anzusehen. Deshalb beschränke ich mich jetzt und hier auf ein paar Worte (ihr wisst, was das in meinem Fall bedeutet) zum Konzert.

Der erhöhte Bereich, der im Ziegel Oh Lac üblicherweise für ein Tischfußballgerät und Tische für Restaurantgäste genutzt wird, diente an diesem Abend als Bühne, doch die musikalische Action begann wegen dem Restaurantbetrieb recht spät. Ab 21 Uhr wies man die Restaurantbesucher freundlich darauf hin, dass sie nun ihre Speisen und Getränke bezahlen und sich ein Konzertticket kaufen mögen, sofern sie dableiben möchten und noch keine Eintrittskarte besitzen. Die Tische und Stühle, die bis dahin direkt vor der Bühne standen, wurden nach draußen geräumt.

Nach einem kurzen Soundcheck waren Waines, ein Trio aus Palermo, dann ab 21.40 Uhr startklar. Fabio Rizzo (Gesang und Gitarre), Roberto Cammarata (Gitarre und Background-Vocals) und Ferdinando Piccoli (Schlagzeug) brachten viele der Zuschauer mit ihrem bluesigen Rock zu englischen Texten zum Mitwippen im Takt.

Manche der Gitarrenparts erinnerten mich vom Sound her an die Queens of the Stoneage, was mir allerdings nicht mehr so auffällt, wenn ich mir die beiden Alben „STO“ (veröffentlicht am 11.04.2011) und „STU“ (am 11.09.2009 veröffentlicht), von denen einige Lieder gespielt wurden, im Internet anhöre. Der Opener des aktuellen Longplayers „Turn it on“, der auch in Zürich zu hören war, wenn ich mich recht entsinne, wirkt auf mich eher wie eine Mischung aus ZZ Top + Blondie + X. Das hört sich jetzt vielleicht wild an und bei anderen Zuhörern entstehen womöglich andere Assoziationen, aber die Hauptsache ist: Mir gefiel die Musik der drei, zu der auch sehr groovige instrumentale Songs gehören, und ich hatte den Eindruck, dass die Italiener auch bei den anderen Zuschauern ganz gut ankamen.

Man sieht hier schon, dass meine Kamera mit den gegebenen Beleuchtungsverhältnissen nicht gut zurecht kam und selbst die gelungeneren Fotos von der Qualität her eher bescheiden sind. Deshalb habe ich das Fotografieren irgendwann auch komplett eingestellt. Bringt ja nix.

Ich fragte mich beim Anblick der beiden Gitarren die ganze Zeit, ob diese Instrumente eventuell aus dem Blackmail-Fundus stammen, denn die Eastwood Airline mit dem roten Korpus scheint recht selten zu sein und zufälligerweise besitzt Mathias genau so eine. Er hat mir vor einiger Zeit ja für einen Blogeintrag mitgeteilt, wieso gerade diese Gitarre für ihn so besonders ist. Die schwarze Gibson-Gitarre sah verdächtig nach dem Instrument aus, das ich schon so oft in Kurts Händen gesehen habe. Und tatsächlich: Da die drei Italiener mit dem Flugzeug angereist waren, nutzten sie an diesem Abend sämtliches Equipment von Blackmail.

Erst weit nach 22 Uhr war die Zeit für Blackmail gekommen, und da die Tour schließlich der Promotion des neuen Albums „II“ dient, starteten die fünf dann auch mit einem neuen Lied, und zwar mit „Impact“ – Mathias Reetz in der Mitte der Bühne, links von ihm (von mir aus gesehen) Kurt Ebelhäuser an der Gitarre, rechts Carlos Ebelhäuser am Bass und am Schlagzeug saß wieder Tim Ebert, der „hauptberuflich“ in Mathias‘ anderer Band The Heart of Horror die Drums spielt. Blackmail-Schlagzeuger Mario Matthias ist gesundheitlich leider noch nicht fit genug, um mit seinen Bandkollegen durch die Lande zu touren. Ich wünsche ihm das Allerbeste und hoffe natürlich, ihn bald wieder in action auf der Bühne zu sehen! Gleichzeitig muss ich Tim ein dickes Lob aussprechen. In ihm steckt offenbar die pure Energie und es macht echt Spaß, ihm zuzuschauen beim Wirbeln an den Drums, was er mit Leichtigkeit und stets lächelnd absolviert. Die kleinen Interaktionen mit den anderen Musikern lassen vermuten, dass die Chemie zwischen allen Beteiligten stimmt und Tim nicht bloß als eine Art „Vertretung“, sondern als Blackmail-Familienmitglied angesehen wird. Genauso wie der fünfte Mann auf der Bühne, der sein Plätzchen in der hinteren linken Ecke hatte: Eike Jamelle, verantwortlich unter anderem für das Wackeln mit dem Schellenring, das Einspielen der Samples, den Backgroundgesang, gelegentliches Berühren des Beckens am Schlagzeug mit eigenem Drumstick und permanentes Abrocken, als ob es für ihn in diesem Moment nichts Schöneres als Musik von Blackmail gäbe (was ja auch irgendwie verständlich ist – wenn ich auf einem Blackmail-Konzert bin, mag ich ja auch nicht Arch Enemy oder die Beatles hören). Kurzum: Wer angesichts der fortgeschrittenen Uhrzeit leichte Ermüdungserscheinungen zeigte, war gut beraten, ab und zu auch mal nach hinten links zu schauen und sich von Eikes Energie anstecken zu lassen.

Schon nach dem ersten Lied tauschte Kurt die schwarze Gibson SG gegen eine wunderschöne Framus-Gitarre mit weinrotem Korpus, ein Augenschmaus! Mit „Evon“ machten die Herren einen kurzen Abstecher in die „Friend or Foe“-Zeit und kehrten danach wieder zurück in die jüngste („Shine“) und jüngere Vergangenheit („Deborah“). Den Sound fand ich gut, obwohl so eine Restauranthalle ja nicht gerade auf klanglichen Hochgenuss ausgelegt ist. Mathias‘ Stimme hörte sich einwandfrei an und ich sehe es auch immer gerne, wenn er in den Passagen, in denen er sich vom Mikro wegbewegt, mit seiner Gitarre so richtig abrockt. Auch Carlos und Kurt sind ständig in Bewegung, in ihrem mehr oder weniger klar abgesteckten Bereich zwar, aber das reicht ja vollkommen aus.

Da Kurt wegen seines Backgroundgesangs ein Mikro hatte, ließ er es sich natürlich nicht nehmen, ab und zu auch das Wort an das Publikum zu richten (den Rülpser zu späterer Stunde meine ich damit jetzt aber nicht)  und so für ein wenig Erheiterung zu sorgen. „Wie geht’s euch an diesem Dienstag?“, fragte er zum Beispiel und ergänzte sogleich „Dienstag ist wie Samstag.“ Schön wär’s, mögen sich da einige, für die am nächsten Tag Frühaufstehen angesagt war, gedacht haben. Aber für die Möglichkeit, ein Blackmail-Konzert zu erleben, nehme zumindest ich es gerne in Kauf, am nächsten Tag etwas verschlafen durch die Gegend zu wandeln. Ein paar andere verließen den Raum, noch bevor das Konzert zu Ende war, aber vielleicht mussten die ja den letzten Bus oder die Bahn erreichen.

Mathias redete zwar auch mit den Zuschauern, beschränkte sich aber auf den gängigen „Hallo, wie geht’s, dankeschön“-Smalltalk. Das finde ich aber total in Ordnung, er ist eben ein ganz anderer Typ als Kurt, der eher so wirkt, als ob es ihm schwerfällt, den Mund zu halten, wenn ihm doch permanent der Schalk im Nacken sitzt. (Bloße Vermutung meinerseits, ich bitte also vielmals um Entschuldigung, wenn ich den Herrn Ebelhäuser völlig falsch einschätze.) „Nostra“ vom „Science Fiction“-Album aus dem Jahr 1999 wurde dann auch von Kurt angekündigt, und zwar als ein ganz altes Lied, „noch von vor uns“, wenn ich das richtig verstanden habe. Von Blackmail in der Urbesetzung stammt auch Lied Nr. 6 des Abends, „It could be yours“ – mit Leidenschaft gespielt und eines meiner Lieblingslieder von Blackmail noch dazu! Das Publikum wirkte von Anfang an begeistert, die Leute um mich herum tanzten, amüsierten sich, und auch bei den brandneuen Songs „The Rush“ und „Kiss the sun“ schien die Stimmung auf demselben Level zu bleiben.

Die Setlist zeigt, dass auf ältere Songs immer wieder neue folgten, sodass für Blackmail-Hörer sämtlicher Generationen etwas dabei war: für den Herrn im „Tempo Tempo“-Shirt genauso wie für diejenigen, die diese Band erst kürzlich entdeckt haben, oder diejenigen, die sie schon seit Anfang der 1990er Jahre kennen. Aber selbst den Leuten, die die Koblenzer bis dahin gar nicht kannten, dürfte rasch klar geworden sein, dass diese Band auch 20 Jahre nach ihrer Gründung noch rockt – und dass der große Mann an der Gitarre ein Schelm ist und seine Aussage „Wir machen jetzt 15 Minuten Pause und rauchen“ am besten mit einem Augenzwinkern quittiert wird. Zeit zum Qualmen hatte Kurt am Anfang von „It’s always a fuse to live at full blast“ aber trotzdem, denn sein Gitarrenpart beginnt erst nach gut eineinhalb Minuten und die zweite Stimme singen kann man auch mit Kippe in der Hand. Danach war aber tatsächlich Pause und die Band rauschte kurz in den Mini-Backstage-Raum, bevor die letzten vier Songs gespielt wurden. Wie schon in Köln wurde das allerletzte Lied „Friend“ extrem in die Länge gezogen: Immer wenn es so aussah, als wäre Tims letzter Schlag auf die Drums das Zeichen, dass das Ende des Konzerts nun da ist, fing Kurt wieder damit an, diese eine typische Gitarrenmelodie aus dem Song zu spielen und die anderen stimmten dann ein. Man hatte wieder ganz deutlich den Eindruck, dass es den fünf Männern riesiges Vergnügen bereitet, solch eine Show abzuziehen, das große Finale sozusagen, und die Zuschauer dankten es ihnen mit Applaus und glücklichen Gesichtern. Mein Lieblingsmoment, der Zeitpunkt größten Grinsens, war gekommen, als nach gefühlten 27 Wiederholungen dieser einen Gitarrenmelodie, als man dachte, nun sei das wunderbare Konzert tatsächlich aus, vorbei und zu Ende, Carlos die besagte Melodie auf seinem Bass spielte und es dann doch noch einmal kurz weiterging. Großartig!

Wer sich ein solches Spektakel nicht entgehen lassen möchte, hat dazu noch ein paar Gelegenheiten, denn Blackmail werden zu folgenden Daten an den folgenden Orten auftreten:

03.04.2013 Mailand, Lofi (Support: Waines)
04.04.2013 München, 59:1 (Support: Waines)
05.04.2013 Wien, B72 (Support: Eve’s Fruit)
06.04.2013 Dresden, Beatpol (Support: Zen Zebra)
07.04.2013 Hannover, Faust (Support: Zen Zebra)
10.04.2013 Bielefeld, Forum (Support: Zen Zebra)
11.04.2013 Hamburg, Molotow (Support: Zen Zebra)
12.04.2013 Leipzig, Werk 2 (Support: Zen Zebra)
13.04.2013 Kaiserslautern, Kammgarn (Support: Monopeople)
14.04.2013 Köln, Underground (Support: Monopeople)
18.04.2013 Berlin, Postbahnhof (Support: Drive Like Maria)
19.04.2013 Dortmund, FZW (Support: Drive Like Maria)
24.05.2013 Amsterdam, Melkweg (Support: Drive Like Maria)

Ein großes Geheimnis ist dank Interview inzwischen erfreulicherweise gelüftet: Ich habe mir ja immer den Kopf zerbrochen, warum Kurt gelegentlich die Akkorde von oben greift, und Mathias hat mir den Grund verraten: Durch eine schmerzhafte Sehnenscheidenentzündung an der Hand während einer Tour mit Scumbucket war Kurt dazu gezwungen, einen anderen Weg zu finden, die Gitarrenakkorde zu greifen, und diese besondere Grifftechnik erwies sich als die Lösung.

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2 Antworten zu Blackmail in Zürich (02.04.13)

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