Portishead in der Rockhal in Luxemburg (10.03.2013)

Gänsehaut gefällig? Die britische Band Portishead verpasst Ihnen eine und beweist zugleich, dass eine Band kein neues Album braucht, um die Leute massenweise zum Konzert strömen zu lassen. Der letzte Longplayer der Musiker aus Bristol, „Third“, kam nämlich bereits 2008 auf den Markt und obwohl Geoff Barrow im Interview mit dem Rolling Stone im Herbst 2011 angab, er werde Anfang 2012 mit dem Schreiben neuer Songs beginnen, wurde bislang kein neues Material veröffentlicht. Es bleibt daher zu hoffen, dass seine Worte aus besagtem Interview, es könne zehn Jahre lang dauern, bis das Trio mit seinen neuen Songs so zufrieden ist, dass sie veröffentlicht werden, sich nicht bewahrheiten. Trotzdem ist es sehr sympathisch zu wissen, dass manche Leute aus der Spitzenklasse des Musikbusiness sich nicht zurücklehnen und Altbewährtes zum x-ten Male aufkochen, sondern offenbar ihr strengster eigener Kritiker sind.

Mit einem derartigen Besucheransturm in Luxemburg hätte ich dennoch nicht gerechnet! Obwohl ich sonst immer recht früh an der Konzerthalle eintreffe, trudelten meine Freundin und ich diesmal etwa 20 Minuten vor Einlass an der Rockhal ein und trauten unseren Augen nicht: Eine große Menschenmenge schlängelte sich vor den Toren und wartete darauf, dass sich die Pforten öffnen. Das lag vielleicht nicht nur daran, dass Portishead eine fantastische Band ist, die sich viele nicht entgehen lassen möchten, wenn sie in der Nähe spielt, sondern möglicherweise auch daran, dass die Leute sonntags einfach mehr Zeit haben als an einem normalen Arbeitstag und infolgedessen früher vor Ort sein konnten. Der Einlass ging aber erfreulicherweise rasch vonstatten und wir bekamen sogar ein Plätzchen ganz vorne, wenn auch am äußersten rechten Rand, aber Hauptsache keiner versperrt uns die Sicht!

Ich staunte nicht schlecht, dass Portishead in der riesigen Main Hall der Rockhal spielen sollten (Fassungsvermögen: 6.500 Personen, und es sah später am Abend so aus, als sei die Halle voll) und nicht im Club, aber der Stil der im Hintergrund in angenehmer Lautstärke vor sich hin plätschernden Musik ließ keinen Zweifel daran, dass wir uns im richtigen Saal befanden. Ab etwa 19.40 Uhr verlangte einem die nunmehr sehr viel lauter aus den Lautsprechern röhrende Musik einiges an Geduld ab: Flötenklänge und ein zum Teil kinderliedartiger Gesang Marke tiefste 70er Jahre, aber nicht im positiven Sinne. Es tut mir leid, wenn die Melodien, die da zu hören waren, etwas ganz Kultiges sind, dessen Wert ich nicht ermessen kann, aber ich fand‘s grässlich und das Warten kam mir selten so lang vor!

Der um Punkt  20 Uhr beginnende Auftritt der Supportband Thought Forms versprach musikalische Erlösung, allerdings empfand ich die ersten zehn Minuten ebenfalls als ziemlich anstrengend. Die Worte „anguished noise constructions of ethereal doom” aus der Biografie des britischen Trios treffen es ziemlich gut. Den Gitarristen und Sänger Deej Dhariwal konnte ich von meinem Platz aus zunächst gar nicht sehen, weil einer der Monitore mir die Sicht versperrte auf den am Boden kauernden und Geräusche ins nach unten gebogene Mikro ausstoßenden Mann mit der Mütze.

Oder kamen manche der Vocals von Charlie Romijn, der Frau auf der Bühne, die mit dem Rücken zu uns stand? Das Lied in sehr langsamem Tempo zog sich jedenfalls wie Kaugummi.

Mit so einem gewöhnungsbedürftigen und experimentellen Stück einzusteigen in einen Konzertabend ist mutig! Die folgenden Lieder sagten mir mehr zu, auch wenn darin ebensowenig ohrwurmartige Refrains existieren, aber sie war insgesamt melodiöser und „greifbarer“ als der erste Part. Ich war mir allerdings nicht immer sicher, ob Deej Dhariwal oder die ebenfalls ab und zu singende Gitarristin reale Worte oder einfach nur irgendwelche Laute von sich gaben. Um das beurteilen zu können, hätte der Mann mit der Gitarre mir sein Gesicht zeigen müssen, aber das war, wenn er einmal nicht nach vorne gebeugt dastand, von seinen langen Haaren verdeckt. Lippenlesen impossible. Ebenso bei der sicherlich hübschen Sängerin im silbernen Kleidchen, die unsere Publikumshälfte während des gesamten, 30 Minuten dauernden Auftritts nur von hinten zu sehen bekam und deren Gitarren ich doch so gerne etwas genauer inspiziert hätte, nicht nur kurz beim Wechseln des Instruments.

Kurzum: Ich fand die Musik der drei ziemlich strange, will mich aber, bevor ich zu einem endgültigen Urteil komme, noch einmal in aller Ruhe damit auseinandersetzen. Das aktuelle Album „Ghost mountain“ steht nämlich auf der Webseite der Band zum Anhören bereit. Aber eigentlich ist es ja ein gutes Zeichen für die Band, dass sie meine Neugier geweckt hat, und der Song „Sans soleil“ gefällt mir schon ‚mal ganz gut.

Ein hell erleuchtetes großes „P“ auf dunkelblauem Grund, projiziert an die Videowand im hinteren Bereich der Bühne, gefolgt von dem Sample mit dem auf Portugiesisch gesprochenen Text zeigte nach der Umbauphase, dass nun der wichtigste Teil des Abends begann. Mit insgesamt sieben Akteuren auf der Bühne und allerlei technischem Gerät neben Schlagzeug, einem eigenen Percussion-Set und Turntables für Geoff starteten die Briten ihr großartiges Programm, und zwar genauso wie beim „Third“-Album mit „Silence“. Von Anfang an zeigte Beth Gibbons, was für eine Stimmgewalt in ihr steckt, und ich schätze mal, dass ich nicht die einzige bin, die von ihrem Gesang emotional zutiefst berührt wird. Die Laute, die Beth produziert, lassen diese ohnehin zierliche Frau so zerbrechlich wirken, dass man sie manchmal einfach nur in den Arm nehmen möchte.

Der letzte Portishead-Longplayer stand mit sieben von insgesamt 15 an diesem Abend gespielten Songs leicht im Vordergrund, aber natürlich durften auch die Klassiker des Debütalbums „Dummy“ aus dem Jahr 1994 nicht fehlen, ich denke da u.a. an „Mysterons“, „Sour times“ und „Glory box“. Jedes Lied hatte ein eigenes Beleuchtungsschema, das die Bühne in ein ganz bestimmtes Farbspektrum tauchte, und die Video- bzw. Lichtsequenzen, die ab und an über den Hintergrund flimmerten, fügten sich perfekt in die elektronischen Klänge ein.

„Wandering star“ vom ersten Album wurde in einer Art Stripped-Down-Version performt, Beth und mit dem Rücken zu uns Geoff am Bass in der Mitte der Bühne sitzend und ansonsten nur Adrian Utley an der Gitarre. Schade dass der die ganze Zeit auf der anderen Seite der Bühne stand, häufig teilweise verdeckt von einem der Monitore, denn so konnte ich seine Gitarren gar nicht so richtig bestaunen. Ich muss allerdings zugeben, dass die Sechssaiter selbst für mich Freak diesmal eher Nebensache waren, denn mein Focus lag auf Beth Gibbons, die verantwortlich war für die vielen angenehmen Schauer, die mich noch im tiefsten Inneren erzittern ließen.

Bei „Chase the tear“ ging irgendetwas schief, aber was es genau war, kann ich nicht sagen. Jedenfalls hörte Beth nach ein paar Takten auf zu singen und gestikulierte wild und ich hatte sogar kurz den Eindruck, dass es der 48-jährigen Sängerin nicht gut geht und das Konzert jetzt vorzeitig zu Ende ist. Allerdings lachte sie auch, wenn ich das richtig gesehen habe, und nach wenigen Augenblicken fing „Chase the tear“ wieder von vorne an. Dieses ist übrigens das einzige neue Lied  seit „Third“, es wurde im Dezember 2009 anlässlich des International Human Rights Day veröffentlicht  und sämtliche Erlöse gehen an Amnesty International UK. Was Beth nach dem Lied sagte, konnte ich leider nicht verstehen, weil ihre Stimme – da ihr Mund ein Stückchen zu weit vom Mikro entfernt war – so leise war.

Beth Gibbons gehört ohnehin zu den Musikern, die nicht viele Worte machen und zwischen den Songs keinen Smalltalk mit dem Publikum halten, aber wozu auch, wenn die Musik derart stark wirkt? Gesprochene Worte würden beim Publikum (vorausgesetzt es empfindet so wie ich) diesen Zustand des Total-entrückt-von-einem-Lied-ins-nächste-Übergleitens womöglich zerstören. Ich glaube auch, dass dieses Nicht-Sprechen die Aura, die Beth Gibbons umgibt, sogar noch verstärkt. Selbst wenn ihr Platz nicht der Mittelpunkt der Bühne wäre – um sie und ihre einzigartige Stimme dreht sich alles. Sämtlicher auf Äußerliches abhebender Schnickschnack (den andere Bands viel zu sehr betonen, weil das offenbar notwendig ist) tut hier nichts zur Sache. Beth Gibbons kann es sich erlauben, leger in schwarze Jeans und schwarzes Shirt gekleidet und ohne schrilles Make-Up vors Publikum zu treten. Selbst die elektronischen Beats, so mark- und beindurchdringend sie auch sind, mit Bogen gespielte Gitarrensaiten, Scratchingparts an den Turntables – das alles ist im Prinzip bloß angenehmes Beiwerk, weil das wichtigste Instrument schlicht und einfach Beth Gibbons Stimme ist, und besagtes Beiwerk dient dazu, diese so richtig in Szene zu setzen. Deshalb ist es auch völlig okay, dass die Britin die meiste Zeit bloß dastand, die Hände ans Mikro geklammert, und sich auf ihren Gesang konzentrierte. Für mich ergab das alles zusammengenommen ein sehr hochwertiges Gesamtkunstwerk.

Mit „Cowboys“ machte die Band einen musikalischen Abstecher zum Album aus dem Jahr 1997, schlicht mit „Portishead“ betitelt, bis dann „Threads“ – letztes Lied des „Third“-Albums – den Hauptteil des fantastischen Konzerts abschloss.

Ein Lied fehlte mir noch zum absoluten Glücklichsein, und dieses Lied folgte als erste Zugabe: „Roads“. Auf der Videotafel im Hintergrund sah man Feuerwerksraketen in Blautönen explodieren und ich fühlte mich vergleichbar: Ich hatte selten eine solch heftige Gänsehaut wie in diesen paar Minuten! Das war wirklich ein ganz besonderer Moment und ich war noch ganz verzaubert, als mit „We carry on“ wieder der Bogen zum letzten Album geschlagen und das Tempo beschleunigt wurde! Gegen Ende des Songs kam die kleine Sängerin an den vorderen Bühnenrand und ließ sich von dem dort bereitstehenden Bühnenarbeiter in den Fotografengraben führen, um jedem Besucher der ersten Reihe die Hand zu geben und manche sogar innig zu umarmen. Die Frau wirkte total überwältigt und „überwältigend“ ist auch das Wort, das diesen Auftritt für mich am besten umschreibt! Ich glaube, nach dieser Erfahrung wird sich das angenehme Prickeln, das sich bei mir beim Portishead-Hören üblicherweise breit macht, noch ein bisschen stärker ausprägen!

Hier noch einmal alle gespielten Lieder im Überblick:
Silence
Nylon smile
Mysterons
The rip
Sour times
Magic doors
Wandering star
Machine gun
Over
Glory box
Chase the tear
Cowboys
Threads
————————
Roads
We carry on

Bislang sind folgende Live-Termine für Portishead bestätigt:
12.03.13 Caprices-Festival (Crans Montana, Schweiz)
13./14./15.06.13 Hultsfred-Festival (Schweden)
16.06.13 Northside-Festival (Aarhus, Dänemark)
18.06.13 Berlin (Zitadelle Spandau)
19.06.13 Prag (Tipsport Arena)
21./22.06.13 Hurricane-Festival
21./22.06.13 Southside-Festival
23.06.13 Best Kept Secrets Festival (Hilvarenbeek, Niederlande)
25.06.13 Krakau (Sacrum Profanum Extra Festival)

Advertisements

Über luuuzie

https://luzieswelt.wordpress.com/ http://linsengemurmel.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Konzertbericht abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s