Scumbucket im Kleinen Klub in Saarbrücken (19.01.13)

27 Tage lang gab es Livemusik für mich nur im Fernsehen oder im Internet, dementsprechend intensiv fieberte ich meinem ersten „richtigen“ Konzert für 2013 entgegen. Am 19.01. war es dann endlich soweit: Scumbucket eröffneten mit einer ordentlichen Portion Indie-Rock das neue Konzertjahr.

Die Band aus Koblenz kann seit ihrer Gründung 1996 bislang sechs Alben vorweisen (rechnet man das 2009 neu eingespielte Debütalbum dazu, sind es sogar sieben). Das ist ganz schön produktiv, wenn man bedenkt, dass diese Band für den Sänger und Gitarristen Kurt Ebelhäuser bloß ein eher hobbymäßig betriebenes Nebenprojekt ist, denn dessen Engagement für seine andere Band Blackmail, bei der er fürs Songwriting und Gitarrespielen verantwortlich ist, dürfte ihm auch einiges an Zeit abverlangen. Außerdem betätigt sich Herr Ebelhäuser auch als Produzent im Tonstudio 45. Sein Leben scheint also voll und ganz der Musik gewidmet zu sein.
Bei seinem Besuch im Saarland hatte er seinen Bruder Carlos, der ebenfalls für Blackmail tätig ist, sowie den Scumbucket-Bandkollegen Michael Fritsche dabei und das Dreiergespann zeigte den Besuchern im Kleinen Klub der Garage, dass man auch ohne neues Album die Massen begeistern kann. Wobei „Massen“ nicht gerade der richtige Begriff ist, um die Anzahl der Besucher zu beschreiben (und das ist schade, denn eine so gute Band hätte ein größeres Publikum absolut verdient), aber der Kleine Klub war ganz gut gefüllt. Ganz abgesehen davon mag ich solche Konzerte im kleinen Rahmen, wo man ohne Absperrung vor der Bühne steht, quasi mit der Nasenspitze an der Gitarre.

Die erste Gitarre, die an diesem Abend gezückt wurde, war eine PRS Tremonti-Gitarre mit silbernem Korpus, gespielt von Ralph Tabellion alias Nietenkaiser, der mit seiner Band Stick Boy den Konzertabend eröffnete.

Die 2001 in Saarbrücken gegründete, damals noch vier Musiker umfassende Band beschreibt ihre Musik auf ihrer Facebook-Seite als „Punkrock für Erwachsene“ und die gelegentlich eingenommene Körperhaltung der toughen Bassistin Anja Diehl – Knie gebeugt, der Bass recht tief hängend – erinnerte mich tatsächlich an manche obercoolen Säue des Punkrock-Universums. Das sah gut aus.

Anja spielt aber nicht nur Bass, sondern singt auch bei etlichen Liedern und ihre Stimme geht echt unter die Haut, jedenfalls unter meine. Fast noch besser als ihr eigener Gesang gefielen mit die Passagen, die sie mit Gitarrist Ralph im Duett darbot, das harmonierte supergut. Ralph bestritt stimmlich aber auch ein paar Lieder ganz allein, während Werner Diehl am Schlagzeug trommelte, als gäbe es kein Morgen, und Anja in die Basssaiten schlug.

Nach dem, was ich im Internet gelesen hatte, erwartete ich von dem Trio simple Zwei-Minuten-Songs in Ramones’scher „One two three four“-Manier, aber die ersten beiden Lieder des Abends waren nicht nur länger, sondern auch anspruchsvoller von der Machart her. Später zeigte sich aber, dass zum Repertoire der Band sehr wohl auch das Kurzformat gehört, und das ist jetzt nicht abwertend gemeint.

Die Art und Weise, wie vor allem Anja mit dem Publikum kommunizierte („Hanners ball?“ – während sie ihren Bass stimmte), und dessen Reaktionen sahen sehr danach aus, dass etliche Zuschauer die drei Leute von Stick Boy kennen oder die Band schon einmal gesehen haben.

Ich würde sie mir auch noch einmal anschauen, auch wenn die Musik nicht gerade meinen musikalischen Nerv trifft, aber ich fand ihren Auftritt sehr unterhaltsam und musste über manche Songzeilen schmunzeln, z.B. den Refrain von „Meat“. Wer genau wissen will, was gespielt wurde: Augen nach links zur Setlist!

Das letztes Stick Boy-Album „Suc“ erschien im Frühjahr 2012 bei Buschlee Vinylaceton, deren Soundcloud-Seite ein paar Hörproben bietet.

Gegen 21 Uhr betraten dann Kurt, Carlos und Michael die kleine Bühne und sehr zu meinem Entzücken packte Kurt gleich ‚mal die schöne schwarze Gibson Hollow Body-Gitarre aus und der Scumbucket-Teil des Konzerts startete mit „Luberon“ aus dem 2000er-Album „Finistra“, übrigens das einzige Lied aus diesem Longplayer, das an diesem Abend gespielt wurde.

Kurt bekommt von mir an dieser Stelle offiziell die virtuelle Einzigartigkeitsauszeichnung verliehen. Ich habe bisher nämlich außer ihm keinen Gitarrespieler gesehen, der die Akkorde gelegentlich von oben greift, also mit der Hand so am Gitarrenhals, dass die Fingerspitzen zum Boden zeigen. Warum macht er das so? Damit sich Scharen von Leuten, die niemals die Gelegenheit zum Nachfragen haben, sich den Kopf darüber zerbrechen oder hat das Ganze tatsächlich einen praktischen Zweck? Zum Glück gehört Kurts Stimme zu den Stimmen, die mir eine Gänsehaut der angenehmen Sorte bescheren, sodass ich schnell wieder abgelenkt war von meinen Grübeleien, zumal Song Nr. 2, „Spitting speed“ vom letzten Album „Sarsaparilla“, zu meinen Lieblingsliedern von Scumbucket gehört.

Relativ am Anfang begrüßte Kurt das Publikum mit den Worten: „Wir sind die Scorpions aus Hannover.“ und vielleicht weil ihm das ohnehin keiner abnahm, wiederholte er diese kecke Behauptung später noch einmal. Mit anderen Worten: Die Stimmung war bestens und Kurts gelegentlicher Smalltalk mit dem Publikum zwischen den Songs kam gut an. So erzählte er – das schwarze Hemd so weit aufgeknöpft wie Brian Molko, allerdings mit nicht ganz so zierlichem Körperbau wie der Sänger von Placebo und mit deutlich mehr Brustfell – davon, dass sie auf dem Weg ins schöne Saarland durch Frankreich gefahren waren (das Konzert am Abend zuvor fand statt in Zürich) und von Frankreich unheimlich viel gesehen haben: die Autobahn. (Wenn die Herren ein gutes Navi haben, sollte das sie aber ein Stückchen südlich von Straßburg quer durchs ländliche Elsass und Lothringen zur anderen Autobahn geleitet haben.)

Außerdem wollte der Musiker wissen, nachdem geklärt war, welcher Wochentag ist, wo man denn samstagabends in Saarbrücken nach Konzerten ausgehen kann, und meinte nach ein paar Zurufen aus dem Publikum, man hätte ihm ein ganz gewisses Etablissement in der Nähe (dessen Name ich hier besser nicht nenne) empfohlen…

Einen der Songs kündigte er als einen der größten Hits der Band an und umschrieb die Songauswahl des Abends als „Greatest hits“. Und wie sich das für ein gelungenes Best Of gehört, war von jedem Album etwas dabei (mit songmengenmäßig leichter Bevorzugung von „Batuu“ (1998) und „Aficionados“ (2002)), man schaue selbst nach links, um die komplette Setlist zu sehen.

Carlos hatte kein Mikro und schien auch nicht das Bedürfnis zu haben, mit den Zuschauern verbal zu interagieren, war aber die ganze Zeit schön in Bewegung. Er spielte das komplette Konzert auf demselben Bass, während sein Bruder bei ein paar Songs eine schwarze Gibson SG benutzte.

Apropos Bruder: Familienbeziehungen waren auch ein Thema. Nachdem geklärt war, in welcher Beziehung Carlos zu Kurt steht, wurden der Bühnentechniker (auf dem Bild oben links im Hintergrund zu sehen) wie auch der Herr am Mischpult als „Findelkinder“ vorgestellt und bei einem der genaueren Blicke ins Publikum meinte Kurt: „Ihr könntet alle meine Kinder sein.“ Nee, Papa Kurt, jetzt mach mal ’nen Punkt und zieh dir ’ne Brille an! Besonders viele ganz junge Leute waren nicht da, eher Leute in meinem Alter *hüstel*, aber da verschätzt man sich ja schnell ‚mal, also Themenwechsel.

Drummer Michael ist ein richtiger Entertainer. Seine Mimik beim Schlagzeugspielen und die gelegentlichen Frotzeleien mit Kurt brachten mich zum Grinsen. Eine Pause wollte Herr Fritsche irgendwann, Kurt gewährte ihm aber keine. Michaels Wechsel von lautem und leisem Spielen fand ich auch sehr gekonnt. Dieser Mann hat zwar auf der Bühne im Hintergrund seinen Platz, aber er weiß sich in Szene zu setzen. Hut ab! Mit fotografischem Anschauungsmaterial von den vielfältigen Gesichtsausdrücken des Schlagzeugers kann ich leider nicht dienen, denn Herr Fritsche hätte stillsitzen müssen, damit meine Kamera ein nicht verwackeltes Bild von seinem Gesicht hinbekommt. Alternativ hätte ich noch x-mal den Auslöser betätigen können in der Hoffnung auf einen unverwackelten Zufallstreffer, aber ich wollte mir das Konzert dann doch nicht durchs Display anschauen.

Die Zuschauer schienen genauso begeistert zu sein wie ich. Manche riefen der Band zu, wie „supergeil“ ihre Musik ist, und trotzdem war nach 14 Liedern und einem ziemlich epischen Gitarrengeschrummel bei „Mosca del Canto“ erst einmal Schluss. „Wir müssen morgen zurück in den Knast, so wie ihr auch.“ So so. Aha. Scherz. Oder höhere Philosophie, denn das sonntägliche Familienleben abseits der Konzertatmosphäre, bevor dann montags die Maloche wieder beginnt, kann durchaus als eine Art der Gefangenschaft empfunden werden. Erfreulicherweise gab es noch ein Lied als Zugabe, das einem solch düsteres Gedankengut wieder entriss, aber nach „Drag“ war die Show tatsächlich vorbei. Schade, ich hätte gern noch mehr Livemusik von dieser großartigen Band gehört, kann es aber verstehen, dass Kurt & Co. nach drei Konzerten in Folge inklusive etlicher Kilometer im Tourbus nicht bis zum nächsten Morgen auf der Bühne stehen wollen.

Wer Scumbucket live erleben möchte, hat an folgenden Daten und Orten die Gelegenheit dazu:
24.01.2013 Bern (ISC)
25.01.2013 München (Feierwerk)
26.01.2013 Laufen (Biomill)

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