Unchained unplugged im Schützenhaus Fechingen (15.12.12)

Mein – so wie es aussieht – vorletztes Konzert für 2012 (oder gar mein letztes Konzert ever, falls das mit dem Weltuntergang am 21.12.2012 doch kein Quatsch ist) war ein ganz besonderes: Eine Band, die mein Musikherz sonst mit harten Gitarrenriffs und teilweise gegrölten Texten schneller schlagen lässt, hatte für das Konzert im Fechinger Schützenhaus den Stecker gezogen. Akustik war angesagt. Unchained unplugged.

Das Schützenhaus ist eine ganz normale, ein wenig rustikal eingerichtete Kneipe und so lag es nah, dass sämtliches Mobiliar trotz Konzert an Ort und Stelle blieb. Zwei Tische standen direkt vor der kleinen Bühne, an dem einen saßen die Musiker und ein paar ihrer Freunde, sodass meine Freundin und ich nett hallo sagten und uns dann an dem anderen Tisch, der noch frei war, niederließen. Wir sind uns immer ein bisschen unsicher, wie wir uns verhalten sollen, wenn wir so direkt auf die Leute treffen, deren Musik wir toll finden. Natürlich sind wir uns dessen bewusst, dass die meisten Musiker auch nur mehr oder weniger normale Menschen wie wir sind, aber ich glaube, dass es den Stories über die Unnahbarkeit diverser Künstler mit entsprechenden Allüren zu verdanken ist, dass sowohl meine Freundin als auch ich zuerst einmal fürchten, wir könnten den Herren auf die Nerven gehen, wenn wir zu viel Enthusiasmus bei der originären Begegnung zeigen, und daher zunächst einmal ein wenig auf Distanz gehen. Abgesehen davon sind wir wohl beide vom Naturell her eher zurückhaltende Persönchen. Also, Jungs, je nachdem, wie es mit euch im music business weitergeht: Ihr werdet es wohl nicht erleben, dass wir vor eurem Tourbus zelten oder euch kreischend nachrennen! 😉

Nun aber zurück zur Gegenwart oder eher zur jüngeren Vergangenheit: Die Kneipe füllte sich rasch und gegen 21.15 Uhr schnallten sich Tobi und Dmitro ihre Elektro-Akustik-Gitarren um, Philipp schnappte sich seinen Bass und Pietro nahm am Schlagzeug Platz, um dann mit einer ganz außergewöhnlichen Version von „Last chance“ den Abend zu eröffnen – ohne verzerrte Gitarrentöne, alles ganz akustisch. Na ja, fast, denn so ganz ausgestöpselt waren die Instrumente nicht und natürlich gab es auch ein Mikro, zwei sogar, denn Pietro würde sich später am Abend ebenfalls zu Wort melden. Also nennen wir das Ganze korrekterweise einen Semi-Akustik-Gig. Um es gleich vorwegzunehmen: Schön war’s (leichtes understatement) und außerdem eines der wenigen Konzerte, das ich ohne Ohrstöpsel genießen konnte, denn die Lautstärke war überaus angenehm.

Ich war ja vor allem neugierig darauf, wie sich die Songs von Unchained unplugged anhören, denn ich war mir gar nicht so sicher, ob solche Versionen bei allen Liedern überhaupt möglich sind. Mit „Last chance“ bewiesen die vier aber, dass Metal auch in Zart funktioniert, jedoch bevor das nächste bandeigene Lied auf dem Programm stand, wurden erst einmal ein paar Coverversionen von anderen Songs zum Besten gegeben. Nach dem Foo Fighters-Hit „Times like these“ folgte „Junge“ von Die Ärzte – total ungewohnt, Tobis Stimme auf Deutsch zu hören –, und danach „Crawling“ von Linkin Park. Wow! Anschließend war wieder die Zeit gekommen für ein Lied von Unchained und mit „Silent days“ zeigten die Jungs erneut, dass ihre Songs tatsächlich auch in Semi-akustisch wirken. Und wie! Ich sag nur: Ganzkörpergänsehaut!

Vor dem Konzert hatte Tobi uns gesagt, er sei ein bisschen krank und er hofft, dass seine Stimme hält. Hätte er das nicht erwähnt, hätte ich es nicht gemerkt. Vor allem beim 30 Seconds To Mars-Cover „The kill“, bei dem es nur Tobi und seine Gitarre zu hören gab, beeindruckte er mich mit dem Wechsel von sehr laut und intensiv gesungenen Passagen und ganz sanften Tönen, das hat er richtig gut gemacht. Der einzige wahrnehmbare Hinweis auf einen eventuell vorhandenen rauen Hals war Tobis ausgeprägte Affinität zu Tee.

Pietro konnte ich leider nur zur Hälfte sehen, weil dieses eine Becken genau vor seinem Gesicht baumelte. Das hat man davon, wenn man von seinen Gepflogenheiten abweicht und sich ein Konzert einmal nicht von vorne links anschaut! (Natürlich hätte ich nicht wie festgewachsen auf meinem Stuhl sitzen bleiben müssen und mich mit meiner Kamera den Körper in die richtige Lage verbiegend überallhin im Saale bewegen können, aber wie bereits erwähnt: Ich bin eher der zurückhaltende Typ.) Dafür sah ich das Handtuch, das über der einen Trommel lag, umso besser. So trimmt man also das Schlagzeug für einen Akustik-Gig! Dazu gehört es offenbar auch, dass der Schlagzeuger ein paar Runden aussetzen muss, denn bei „The kill“ durfte Pietro ja nichts tun als dasitzen und gut aussehen und auch beim nächsten Song, „Drive“ von Incubus, musste er einige Takte warten, bis er seine Sticks zücken durfte. Die waren ebenfalls angepasst an die leiseren Töne des Abends und sahen aus wie ein Bündel von Schaschlikspießen aus Holz, die durch rotes Isolierband zusammengeklebt wurden.

Nach „Blurry“, im Original von Puddle Of Mud, versetzten Tobi & Co. meine Freundin mit dem R.E.M-Cover „Losing my religion“ in tranceartigen Zustand, denn die Truppe um Michael Stipe, die sich inzwischen sehr zum Bedauern meiner Freundin aufgelöst hat, zählt zu ihren absoluten Lieblingsbands, die sie x-mal in allen möglichen Ländern live gesehen hat. Einen solchen Zuschauer zu überzeugen und nicht bloß eine billige Karaokenummer abzuliefern, ist natürlich eine besondere Herausforderung (von der die Band ja nichts wissen konnte), und es sei an dieser Stelle lobend erwähnt, dass meine Freundin vollauf zufrieden war mit der Unchained-Version von „Losing my religion“. Das letzte Lied vor der Pause war passend zu Tobis T-Shirt ausgewählt: „Hollow crown“ von Architects, eine wunderschöne Ballade.

Anschließend hatten Publikum und Band eine gute halbe Stunde Zeit, das Erlebte zu verarbeiten, sich die Getränke schmecken zu lassen (Tee ahoi, Tobi!) und Smalltalk zu halten zur musikalischen Untermalung à la späte Siebziger / frühe Achtziger mit Diana Ross‘ „Upside down“, Chics „Le Freak“ und ähnlichen Megahits von einst.

Wir erfuhren von Bassist Philipp, dass die Band fleißig war und schon viele Songs fürs neue Album fertig hat. Bevor es ins Studio geht, wollen die Jungs aber noch üben.

Um kurz nach 23 Uhr begaben sich Tobi und Dmitro mit ihren schönen Elektro-Akustik-Gitarren noch einmal auf die Bühne und spielten irgendeine Metallica-Melodie, die dann in den wunderbaren Unchained-Song „Broken wings“ überging, nachdem sich Pietro und Philipp zu den beiden gesellt hatten.

Auf Tobis Frage, ob jemand Depeche Mode kennt, spielten die vier „Enjoy the silence“ und dann folgte das, was rückblickend wohl der Höhepunkt des Abends war (oder zumindest ein erster Höhepunkt des Abends): „Take my hand“, nur Tobi an seiner Fender-Gitarre, während die drei anderen Unchained-Mitglieder zwar auf der Bühne blieben, aber kurz mal Pause hatten. Was da vor der Bühne abging: Unglaublich! Zuerst kamen die Jungs, die schon vor Beginn des Konzerts an der Theke saßen, nach vorne, offenbar Freunde der Band, und sangen aus Leibeskräften mit. Als ob das nicht schon genug an Zeichen der Begeisterung wäre, schwang einer von ihnen eine gelbe aufgeblasene Gitarre im Takt. Herrlich! Die Mädels am Tisch hinter uns waren ebenfalls total aus dem Häuschen und das steigerte sich dann noch, als es unmittelbar nach „Take my hand“ weiterging mit „Explanations“. Der Chor der weiblichen Besucher war stellenweise so laut, dass ich Tobi gar nicht mehr hören konnte und ich – sorry Mädels! – kurzzeitig darüber nachdachte, meine Earplugs aus der Tasche zu kramen, aber irgendwie war ich dann auch so überwältigt von dem Geschehen, dass ich diesen Gedanken im nächsten Moment doch wieder verloren hatte. Es folgten standing ovations und der definitiv lauteste Applaus des Abends, bevor es mit dem Nirvana-Cover „Come as you are“ wieder etwas leiser wurde. Ganz abgesehen davon, dass der internationale Erfolg von Nirvana zusammenfiel mit einer ganz besonderen Lebensphase bei mir und die Musik dieser Band daher für mich auf ewig mit dieser Zeit verbunden sein wird, fand ich die Unchained-Version von „Come as you are“ großartig. Tobis Stimme passt perfekt zu diesem Lied! Zum nostalgischen Nachsinnen blieb aber keine Zeit, denn „Reconstruction“ brachte mich wieder in die Gegenwart zurück. Hier wird, wenn ich das richtig verstehe, von „I won’t hide the person that I am, it’s time for a change“ und von „reconstruct myself so I can survive“ gesungen. Sehr sympathische und gesunde Einstellung!

Es folgten die Unchained-Versionen der Lieder „Otherside“, ursprünglich von den Red Hot Chili Peppers, und „Use somebody“ von den Kings of Leon. Der Gesang der Zuschauer wurde zunehmend lauter und steigerte sich so sehr, dass bei „Tears don’t fall“, im Original von Bullet for my Valentine, stellenweise wieder etliche Töne, die aus den Lautsprechern kamen, nicht mehr zu hören waren (und das, obwohl hier auch Pietro mitsang!) und manche Leute waren derart begeistert, dass sie gar nicht mehr auf ihren Stühlen sitzen bleiben konnten. Ist doch schön!

Ob der Drummer „Embrasse-moi mets ton doigt dans mon cul“ von Placebo kennt, entzieht sich meiner Kenntnis, aber sein kurzes Intermezzo nach dem BFMV-Song hörte sich ganz ähnlich an. Für einen so passionierten Drummer muss dieser Unplugged-Abend hart gewesen sein (es war sogar die Rede davon, dass eigentlich Valium vonnöten wäre…), denn Pietro hatte einigen Leerlauf und ich hatte den Eindruck, dass er gerne mehr in die Drums gehauen hätte, aber er musste sich da ausnahmsweise mal in Zurückhaltung üben.

Als Tobi fragte, ob die Zuschauer Slipknot kennen, entstand in meinem Hirn sofort die Gedankenkette Slipknot – Unplugged – „Snuff“ und genau dieses Lied hatten Unchained auch ausgewählt. Traumhaft! Aber der Oberhammer kam direkt danach und es hat mich wirklich fast vom Stuhl gefegt, als die vier den offiziellen Teil des Abends mit „Hurt“ von Johnny Cash oder besser gesagt von Nine Inch Nails beendeten. Was dieses Lied für mich bedeutet – jesses! –, um das umfassend darzulegen, bräuchte es wahrscheinlich einen eigenen Blogeintrag, aber weil das sowieso niemanden interessiert, belasse ich’s an dieser Stelle einfach mit: Woooaaaah!

Mittlerweile war es etwa viertel vor Zwölf, aber nach diesem grandiosen Programm hatte das Publikum noch lange nicht genug. Tobi legte noch einen Song nach und spielte „All these things I hate“ von Bullet for my Valentine, während seine Bandkollegen sich schon einmal abseits der Bühne platzierten. Das Publikum war außer Rand und Band, etliche Leute grölten mit und rückten allmählich in Richtung Bühne auf, um sich weitere Songs von Tobi zu wünschen. Der versuchte sich dann nach einigem Hin und Her an dem so stark begehrten „Join me“ von HIM und hat das super hingekriegt, auch wenn er bei manchen Passagen nicht so textsicher war, aber in solchen Situationen lässt man eben das Publikum singen und dieses übertönte zu dem Zeitpunkt ohnehin alles. Erst recht beim nächsten Wunschsong, „Erinnerungen“ von Böhse Onkelz, gefolgt von „Hurricane“ von 30 Seconds To Mars. Sogar dem Wunsch des älteren Publikums nach dem Udo Jürgens-Klassiker „Aber bitte mit Sahne“ kam Tobi nach, allerdings konnte er mit dem Text nicht dienen und da die Zuschauer selbst nicht textsicher oder stimmgewaltig genug waren, gab es eben nur die Akkorde.

Ich weiß nicht, wie lange das Wunschprogramm noch weiterging, aber nach einem Song von Metallica (Luzie an Gedächtnis: War das „The unforgiven“?) und dem Böhse Onkelz-Song „Auf gute Freunde“, der ebenfalls begeistert aufgenommen wurde, begaben meine Freundin und ich uns gegen 0.30 Uhr in Richtung Heimat. Mit einem riesigen Grinsen im Gesicht, denn dieser Abend war wirklich außergewöhnlich schön. Ich wünsche mir vom Christkind, dass das neue Unchained-Album mich genauso flasht wie „Code of persistence“ und dass es nächstes Jahr ganz viele Unchained-Konzerte gibt!

P.S.: Von wegen „Jungs“ und „Mädels“: Ich hab natürlich keine Ahnung, wie alt besagte Jungs und Mädels sind, und ob selbige vielleicht lieber mit „Herren“ und „Damen“ oder „Männer“ und „Frauen“ tituliert werden möchten, denn ich bin inzwischen in einem Alter angelangt *hüstel*, in dem ich das alles nicht mehr so eng sehe und es auf gar keinen Fall böse oder despektierlich meine. In diesem Sinne: Peace!

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