Parachutes, Palmchat und Trust Me I Lie im JUZ Illingen (08.12.12)

Aufgrund gigantischer Schneemassen, die der Himmel im Laufe des Freitags ausspie, fürchtete ich schon, dass ich das Konzert am Samstagabend abhaken kann. Zum Glück verbesserten sich die Straßenverhältnisse aber schon am Freitagabend wieder, sodass ich nach einem sonnigen, aber kalten Samstag die Fahrt ins Illinger JUZ antreten konnte. Dort standen an diesem Abend drei Bands, die ich alle schon einmal gesehen hatte, auf der Bühne – aus Sicht der Bands also ein gutes Zeichen, dass ich wiederkam!

Die erste Bekanntschaft mit Trust Me I Lie machte ich beim diesjährigen GaS goes Rock Festival. Ich weiß noch gut, wie sehr ich die Vokalistin Sniggas damals schon um ihre Stimme beneidete, kaum dass sie zu röhren begann, und das war auch an diesem Abend in Illingen wieder der Fall. Gekonnt wechselte sie zwischen klarem Gesang und knallharten Growlpartien und entfaltete neben ihrer Stimmgewalt so viel Energie, dass man blind, taub und emotional total abgestumpft sein muss, wenn man davon nicht total mitgerissen wird. Natürlich wird es genug Leute geben, die Musik dieser Art – auf der Facebook-Seite der Band als „Alternacore“ bezeichnet – einfach nicht mögen und das ist auch völlig in Ordnung, aber dass Trust Me I Lie auf der Bühne total abgehen, sollte keiner bestreiten.

Jedes Bandmitglied ist permanent in Bewegung, passend zur Musik eben. Man sollte zwar meinen, dass es selbstverständlich ist, dass Musiker nicht wie die Ölgötzen unbeweglich auf der Bühne stehen, aber das kann schon passieren. Allerdings nicht bei Trust Me I Lie, obwohl es auf der recht kleinen Bühne ziemlich eng war, wenn Gitarrist Benne mit seiner hübschen Ibanez-Gitarre, Sängerin Sniggas, Bassist Sven und Gitarrist Jens mit seiner Gibson nebeneinander standen. Aber gehopst und wild gestikuliert wurde trotzdem. Stellenweise führten die drei Herren an den Saiteninstrumenten dieselben Bewegungen aus – Knie nach außen und ab in die Hocke oder so ein Auf-der-Stelle-Laufen-mit-wildem-Geschrummel-an-Gitarre/Bass. Ich mochte das, das sah ein bisschen witzig aus, aber warum soll man zu brettharten Riffs, bollernder Bassdrum und Gegröle nicht grinsen dürfen? Das ist mir doch x-fach lieber, als wenn alle auf der Bühne so tun, als wären sie the most evil rocker ever, während sie eigentlich warmduschende Muttersöhnchen sind oder unter dem Pantoffel ihrer Gattin stehen. Also, liebe Saiteninstrumentspieler von Trust Me I Lie, macht ihr nur mal so weiter! Auch wenn eure Action tatsächlich einen kleinen Nachteil hat: Meine Kamera kommt da nicht mit, die meisten Fotos sind verwackelt und sämtliche Bandmitglieder sehen darauf aus wie bizarre Lichtgestalten! Natürlich hätte ich noch 50 Bilder machen können in der Hoffnung, dass ein paar nicht verwackelte dabei herauskommen, aber ich wollte den Auftritt dann doch lieber „in richtig“ und nicht durchs Display anschauen.

Stimmlich verstärkt wird Sniggas stellenweise durch Schlagzeuger Dennis sowie die Shouts von Gitarrist Jens, dem ein besonderer Dank gebührt: Trotz Daumenverletzung spielte er das Konzert, wohl wissend, dass das Gitarrespielen seinem Finger nicht gut bekommen wird! Das nenne ich Spielfreude und die war den anderen vier Mitgliedern von Trust Me I Lie ebenfalls deutlich anzumerken. Jens kann seinen Finger jetzt auskurieren, denn der Gig im JUZ war das letzte Konzert für dieses Jahr (leider will man da fast ergänzen). Von hier aus jedenfalls gute Besserung!

Für das nächste Jahr hat die Band eine EP angekündigt. Auf dieser wird sicher auch der ganz neue Song „Spectrophobia“, der auch im JUZ präsentiert wurde, zu finden sein. Die anderen Songs, die zu hören waren, sind die hier gelisteten (bis auf „Ignorance“, das nicht gespielt wurde):

„Umbrella“ ist übrigens DAS „Umbrella-ella-ella“-Lied, ihr wisst schon, Rihanna… Da scheiden sich jetzt wohl die Geister, von wegen „Wie kann eine Band, deren Musik irgendwo zwischen Hardcore, Punk und Metal anzusiedeln ist, so ein Lied covern?!“ Meine Meinung: Das Cover ist tausendfach besser als das Original! In diesem Sinne: Haut weiterhin rein, ihr fünf, ich freue mich schon auf weitere Konzerte von euch!

Mit der zweiten Band des Abends, Palmchat, die ebenfalls bei GaS goes Rock mit von der Partie waren, wechselte auch der Musikstil: Als „Heartcore“ bezeichnen die vier Jungs ihre Musik, die mich an eine Mischung aus Punk und College-Rock denken lässt und die auch auf Electro-Samples zurückgreift. Diese erwiesen sich allerdings als etwas tückisch, denn nach dem Intro – ein Ausschnitt aus „The next episode“ von Dr. Dre & Snoop Dogg –  streikte die Technik erst einmal ein wenig. Na ja, shit happens, das ist alles kein Beinbruch und nach zwei weiteren Durchgängen von „La-da-da-da-dahh, iIt’s the motherfuckin‘ D-O-double-G“ war dann alles startklar für den Palmchat-Teil des Abends.

Auch bei dieser Band sind alle auf der Bühne in Bewegung, was dem Bestreben, gute Laune mit den Songs zu verbreiten (siehe Interview bei Iamhavoc), förderlich ist. Die am vorderen Bühnenrand platzierten Boxen mit Bandname und lustigen Aufklebern dienen regelrecht als Sprungbrett für Gitarrist Daniel und Bassist Matt.

Bloß der in der Mitte platzierte Sänger und Gitarrist Marc ist ein wenig dezenter in seinen Bewegungen, aber er muss ja schließlich darauf achten, dass er sich nicht allzu weit vom Mikrofon wegbewegt. Im Unterschied zur Sängerin von Trust Me I Lie hat er ja nicht die Hände frei, um das Mikro einfach mitzunehmen. Jedoch liegt auch vor ihm ein stabiles Köfferchen, das ihm das Fußabstellen und Auf-und-Ab-Bewegungen erlaubt.

Neben altbekannten Songs, unter anderem von dem im Juni 2012 veröffentlichten Album „Suck it up princess“, standen auch ein paar neue Lieder auf dem Programm. Ein Song wurde offenbar an diesem Abend zum allerersten Mal live gespielt und Gitarrist Daniel bat die Zuschauer darum, anschließend ehrlich mitzuteilen, ob das Lied gefällt oder totaler Mist ist. Ich hatte den Eindruck, dass es ganz gut angekommen ist.

Bei einem der Songs hatten die vier Jungs Verstärkung von Dennis Fries, Gitarrist und Sänger von His Statue Falls. Das offizielle Video zur Single „Let’s Put It This Way“, in dem Herr Fries ebenfalls einen Gastauftritt hat, kann bei YouTube bestaunt werden. Allerdings ist in dem Filmchen nicht Sänger Marc am Werk, der erst seit kurzem so richtig fest zur Palmchat-Truppe gehört.

Den Abschluss bildete das One Direction-Cover „One thing“, das bei YouTube in der Palmchat-Version mit Lyrics zum Mitlesen angehört werden kann.

Schon nächste Woche stehen Palmchat wieder auf der Bühne, und zwar am 14.12.12 beim X-Mas Rock in Idar-Oberstein zusammen mit Parachutes, Pumpkin und Incision.

Gegen 22 Uhr war es dann Zeit für den Headliner des Abends, die eben schon erwähnten fünf Herren von Parachutes. Die Band existiert schon gute zehn Jahre lang und nach einer Auszeit und folgendem Besetzungswechsel sind die Saarländer seit Oktober mit einem neuen Album namens „Blueprints“ wieder am Start.

Der erste Song des Abends, „Through the mist“, zugleich der Opener beim aktuellen Album, passte hervorragend ins Ambiente, denn die Nebelmaschine gab echt alles! „Through the mist“ als Eröffnungsstück – egal ob für den Gig oder fürs Album – finde ich eine gelungene Wahl. Mit gemächlichem Tempo wird man hier auf das Kommende vorbereitet und hat trotzdem schon die für Parachutes typischen Gitarrenriffs dabei. Musikalisch ging es genauso weiter wie bei „Blueprints“, nämlich mit „Comas“. Hier zeigte Stefan Kinn (im Palmchat-T-Shirt), dass er nicht nur singen, sondern auch shouten kann. Ziemlich oft musste ich bei den höheren Tönen von Stefans Gesang an die Stimme von Mike Patton denken.

Als Nächstes folgte mit „Flatlines“ ein älteres Lied (aus dem 2008 veröffentlichten Album „Vultures“).

Meine Position links außen erwies sich wieder einmal als gute Wahl, denn Carsten Jungs Gitarre, die ich permanent vor der Nase hatte, ist ja so ein schönes Instrument!

Allerdings erhält David Halberstadt, Gitarrist auf der anderen Seite, einen virtuellen Bonuspunkt von mir für die geschickte Auswahl der Schuhe, passend zur Farbe seiner Gitarre!

Wenn wir schon beim Thema „Bandmitglieder“ sind, möchte ich Christian Hunsicker am Bass sowie den Schlagzeuger Stefan Schaus natürlich auch lobend erwähnen. Der Drummer ist eines der neuen Mitglieder bei Parachutes und absolvierte seinen Part absolut cool und professionell.

Der hochgewachsene Bassist Chris war früher einer der Gitarristen, wechselte durch den Zugang von David aber an den Viersaiter und gehört auch zu denen, die ab und zu gerne ihrem Bewegungsdrang nachgeben. Seine vielen Tattoos an den Armen hätte ich mir ja mal gerne in Ruhe aus der Nähe angesehen – aber man quatscht ja nicht einfach wildfremde Leute an mit der Bitte „Zeig mir mal deine Arme!“

Nun aber zurück zur Musik! Das neue Album stand eindeutig im Mittelpunkt dieses Abends, logisch, und so ging es mit den vier neuen Songs „Dark waters“, „Arcane“, „Shard collector“ und „Mirror universe“ weiter, bevor mit „Vultures“ wieder ein älteres Stück gespielt wurde. Das ist ein richtiger Kracher, bei dem es im Publikum so wild abging, dass ich mich lieber ein paar Schritte weiter in Richtung linke Wand quetschte. Bei meiner Körpergröße – Gesicht auf Ellbogenhöhe der meisten anderen und Brillenträgerin noch dazu – sind solche ausgelassenen Aktionen anderer Konzertbesucher immer ein wenig spannend… Für dieses Lied hatten Parachutes auch so eine Art Gastsänger auf der Bühne: ein junger Mann namens Hendrik lieferte einige zusätzliche Shouts. Er ist schon lange mit der Band befreundet und irgendwann fing das wohl an, dass er bei „Vultures“ kurzerhand die Bühne erobert und einfach mitgrölt, sofern er denn anwesend ist.

Der anschließend folgende Song hat auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel – und einen sehr originellen Titel: „How are you feeling, Jimmy? Like a mean motherfucker, Sir!“ vom 2009 erschienenen Album „The working horse“ wurde vom Publikum ebenfalls begeistert aufgenommen. Das soll jedoch nicht heißen, dass die Songs vom neuen Longplayer keinen so durchschlagenden Effekt hätten! Ganz im Gegenteil, viele der Besucher sangen Song für Song mit und waren total in den Bann des Bühnengeschehens gezogen, etliche mit einem Dauerlächeln im Gesicht – bloß heftiges Gepoge gab es bei den neuen Songs eher weniger.

Bei „Let me build a bridge and tear it down“ entstand vor meinem inneren Auge sofort das Bild von dem traurigen Mann an der Steilküste – dem Video sei Dank. Was wohl mit dem Hund geschieht? Ich hoffe, er wird wieder ein harmonisches Zuhause finden. Menno, solche melancholischen Geschichten in Bildern sind nix für mich!

Nach „A luminous black“ spielten die fünf wieder ein älteres Lied, „The working horse“, und dann war erst einmal Schluss, allerdings nur ganz kurz, bevor mit der Zugabe „Cascades of light“ ein fantastischer Konzertabend zu Ende ging. Ausgerechnet bei diesem letzten Lied riss Carsten eine Saite an seiner Gitarre, aber – ganz der Profi – spielte er eher unbeeindruckt davon auf den fünf noch verbliebenen Saiten weiter.

Wer es nicht schafft, sich die fünf Männer von Parachutes live anzusehen am 14.12.12 beim X-Mas Rock in Idar-Oberstein, kann sich ein wenig vertraut machen mit ihrem Werk auf Soundcloud oder bei Spotify, wo man sich die drei letzten Alben komplett anhören kann.

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2 Antworten zu Parachutes, Palmchat und Trust Me I Lie im JUZ Illingen (08.12.12)

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