Katatonia, Alcest und Junius am 28.11.12 in Saarbrücken (Garage)

Katatonia liefern keine leichte Kost. Finde ich. Auf ohrwurmartige Passagen trifft man in den Liedern der Schweden eher selten, abrupte Rhythmuswechsel sind da schon eher an der Tagesordnung. Aber gerade das macht ihren post-rock-artigen düsteren Metalsound ja so speziell.

Zu speziell für die Saarländer und ihre Nachbarn? Die hintere Hälfte der Konzerthalle war jedenfalls durch einen schwarzen Vorhang abgetrennt, untrügliches Zeichen dafür, dass die Nachfrage nach dieser Art der Musik in Saarbrücken und Umgebung nicht allzu hoch war, obwohl im Programm von Classic Rock Radio doch für das Konzert geworben wurde. Das riesige Aufgebot an Fotografen zeigte aber, dass Katatonia allem Besuchermangel zum Trotz eine besondere Band sind. Und dazu gehört vielleicht auch, es besonders spannend zu machen, denn zunächst einmal waren die zwei (!) Vorbands an der Reihe.

Junius aus Boston eröffneten den Konzertabend. Die leidende Stimme des Sängers Joseph E. Martinez erinnerte mich die ganze Zeit total an Morrissey, und ich dachte permanent, jetzt wäre ich total plemplem, denn der Dark Rock der vier jungen Männer mit seinen heftigen Gitarrenakkorden hatte überhaupt gar nichts mit Mozzers Band gemeinsam. Und trotzdem lief in meinem Kopf die „Sweetness, sweetness I was only joking“-Endlosschleife! Doch was sah ich vor wenigen Minuten, als ich vor Verfassen dieses Artikels zum ersten Mal einen Blick auf die Facebookseite der Band warf? „A perfect hybrid of Neurosis and the Smiths“ Ha! Doch nicht so falsch gedacht!

https://i0.wp.com/i1237.photobucket.com/albums/ff467/Luzie_/Katatonia%2028-11-2012/DSCF0513bt.jpg

Die Kapuze des dunklen Hoodies saß um den Kopf des Sängers wie festgetackert und er nahm sie während des gesamten etwa 30 Minuten dauernden Sets nicht ab. Keine Lust auf Haarewaschen gehabt? Friseurbesuch mit unerfreulichem Ergebnis? Oder doch eher so eine Art Markenzeichen? Denn auch auf etlichen im Internet kursierenden Bildern sieht man den Sänger im Kapuzenpulli. Aber er hätte anziehen können, was er wollte – mit der ganz schwarzen Gibson-Gitarre (SG oder Standard?) in seinen Händen hatte er mein Herz eh schon fast in der Tasche! Den Rest erledigte die Musik der Amerikaner, die mich voll überzeugte und die ich mir auf der Soundcloud-Seite der Band noch einmal genauer anhören werde.

Geschickt fand ich den Gitarrenwechsel mit schnellem Nachstimmen, während vom Computer ein Intermezzo eingespielt wurde.

Die zweite Vorband, Alcest aus dem französischen Avignon, riss mich dagegen nicht so vom Hocker. Die Songs klangen alle sehr ähnlich und sehr sphärisch dadurch, dass der Gesang von Sänger Neige (auf Deutsch „Schnee“) im Vergleich zur Lautstärke der Instrumente recht leise war – beabsichtigt? –, abgesehen von den paar Stellen, an denen der Sänger von der normalen Singstimme zu Gegröle wechselte. Schlecht war das nicht, aber auf Dauer für mich ein wenig ermüdend – die Songs von Junius hatten einfach mehr Bums! –, allerdings reagierte das Publikum recht enthusiastisch auf die Musik. Manchmal war so viel Nebel auf der Bühne, dass die vier Bandmitglieder regelrecht darin eingehüllt waren. Das passte gut zu der Umschreibung „Alcest – that is music from another world“ auf der Homepage der Band. Nach etwa 40 Minuten wurden aber alle, die mit Hilfe der Musik in andere Sphären abgetaucht waren, wieder ins Hier und Jetzt zurückbefördert, denn dann begann der Umbau für Katatonia.

https://i2.wp.com/i1237.photobucket.com/albums/ff467/Luzie_/Katatonia%2028-11-2012/DSCF0522Abt.jpg

Sobald das Schlagzeug, auf dem die Supportbands gespielt hatten, weggeräumt und der viele künstliche Nebel abgezogen war, konnte man das ansprechend gestaltete, wenn auch düstere Hintergrundbild von Katatonia im „Dead end kings“-Stil mit den über der Ruine fliegenden Vögeln fast ungestört betrachten. Fast ungestört, weil ja auch das Schlagzeug der Hauptband irgendwo seinen Platz finden muss.

Gegen 21.40 Uhr starteten die fünf Schweden ihr Programm mit „The Parting“, danach folgte „Buildings“, beide Songs vom aktuellen Album „Dead end kings“. Der Sound war richtig gut, Instrumente und Gesang zumindest für meine Ohren perfekt abgemischt. Wer mit den neuen Liedern noch nicht so vertraut war, bekam anschließend älteres Material geliefert: zunächst „Deliberation“ und „My twin“ aus dem 2006 erschienenen Longplayer „The great cold distance“ und dann ging es zeitlich noch ein Stück weiter zurück mit „Burn the rememberance“ aus dem Jahr 2003 (zu finden auf dem Album „Viva emptiness“), bevor mit „The racing heart“ und „Lethean“ wieder zwei ganz neue Stücke gespielt wurden.

https://i0.wp.com/i1237.photobucket.com/albums/ff467/Luzie_/Katatonia%2028-11-2012/DSCF0542At.jpg

Ich hätte ja gerne einmal das Gesicht des Sängers Jonas Renkse gesehen, aber das war die meiste Zeit komplett von seinen langen dunklen Haaren verdeckt. Manchmal blitze ein Stückchen Haut hervor, aber nur ganz kurz, dann hing die Matte wieder davor.

Die Bühnenbeleuchtung war manchmal, wenn die Lichter mir direkt ins Gesicht strahlten, etwas nervig, aber stellenweise, wenn die Musiker von mehreren Seiten von bunten Lichtbündeln überlagert waren, fand ich die Beleuchtung auch grandios und sehr passend zur dargebotenen düsteren Musik.

https://i0.wp.com/i1237.photobucket.com/albums/ff467/Luzie_/Katatonia%2028-11-2012/DSCF0556t.jpg

Nach den beiden neuen Songs ging es weiter mit dem Lied „Teargas“, das 2001 veröffentlicht wurde, und mit dem folgenden „Strained“ aus dem Album „Tonight’s decision“ sprangen Katatonia zurück ins Jahr 1999.

Die beiden Mädels links neben mir waren von Anfang an total aus dem Häuschen, hüpften an der Absperrung auf und ab und schienen im Unterschied zu mir den Text jeden Songs auswendig zu kennen. Auch wenn ich nicht permanent mitsingen konnte, fand ich den Mix aus alten und neuen Sachen sehr gelungen. Abgesehen von den beiden ersten Alben, die an diesem Abend keine Rolle spielten, wurden alle Schaffensphasen der Band bei diesem Konzert mit mindestens einem Lied abgedeckt.

https://i1.wp.com/i1237.photobucket.com/albums/ff467/Luzie_/Katatonia%2028-11-2012/DSCF0534bt.jpg

Die Kommunikation des Sängers mit dem Publikum war eher dezent, aber sehr herzlich. Mir gefiel es gut, dass die Herren mit den Saiteninstrumenten so in Action waren. Die beiden Gitarristen Anders Nyström und Per Eriksson sowie Bassist Niklas Sandin waren in ständiger Bewegung um den die meiste Zeit wie der ruhende Pol in der Mitte verharrenden Sänger.

Nach „The longest year“ aus dem vorletzten Album „Night is the new day“ (2009) nahmen die fünf Schweden ihr Publikum auf eine musikalische Zeitreise immer tiefer in die Vergangenheit mit: Auf „Soil’s song” (2006) folgten die Tracks „Omerta” (2003), „Sweet nurse” (2001) und „Deadhouse” (1998). Kaum war das älteste Lied des Abends gespielt, wurden die Songs wieder aktueller mit dem wunderbaren „Ghost of the sun” (2003), „July” (2006) und „Day and then the shade” (2009). Dann war erst einmal kurz Schluss, aber natürlich bekamen die Zuschauer die Zugabe, nach der sie verlangten: Zuerst  wurde „Dead letters” aus dem aktuellen Album gespielt, anschließend das drei Jahre alte „Forsaker” und als letztes Lied des Abends diente „Leaders” (2006).

https://i1.wp.com/i1237.photobucket.com/albums/ff467/Luzie_/Katatonia%2028-11-2012/DSCF0533bt.jpg

Nach dem finalen Winken der Bandmitglieder warfen die fünf ihre Setlists ins Publikum. Nette Idee, denn manchmal wird man als Zuschauer von den Bühnenarbeitern total ignoriert, wenn man nach dem Konzert nach einem solchen Blatt DIN-A4-Papier lechzend vor der Absperrung steht, oder man bekommt von den Securities, die einen am liebsten sofort wegscheuchen würden, nur Schulterzucken, weil sie nicht auf die Bühne greifen dürfen oder nicht wissen, ob es ihnen gestattet ist. Bloß habe ich leider keine Setlist gefangen. Nun ja. Auch ohne solches Souvenir war das ein fantastischer Abend. Mit Setlist wäre es allerdings einfacher gewesen, die Songs in der richtigen Reihenfolge vorzustellen, denn mein Gedächtnis versagt bei solchen Dingen immer und ich weiß, wenn ich zu Hause bin, oft nicht mehr, ob manche Lieder nun wirklich gespielt wurden oder ob ich sie bloß im Auto gehört habe. Diesmal konnte ich aber glücklicherweise auf Setlist.fm zurückgreifen und ich hoffe, dass die dort angegebenen Informationen zu den gespielten Songs korrekt sind.

https://i1.wp.com/i1237.photobucket.com/albums/ff467/Luzie_/Katatonia%2028-11-2012/DSCF0559Abt.jpg

https://i0.wp.com/i1237.photobucket.com/albums/ff467/Luzie_/Katatonia%2028-11-2012/DSCF0562bt.jpg

https://i1.wp.com/i1237.photobucket.com/albums/ff467/Luzie_/Katatonia%2028-11-2012/DSCF0529bt.jpg

Advertisements

Über luuuzie

https://luzieswelt.wordpress.com/ http://linsengemurmel.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Konzertbericht abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Katatonia, Alcest und Junius am 28.11.12 in Saarbrücken (Garage)

  1. Pingback: Gitarre des Monats April (Joseph E. Martinez) | Luzies Welt

  2. Pingback: Long Distance Calling, Junius und Wolves Like Us in Luxemburg (Rockhal Club, 20.02.14) | Luzies Welt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s