Unchained, Celesta und The Told im Hobbitkeller Zweibrücken (23.11.2012)

„Plastikgartenstühle in der Räucherkammer“ war die erste Assoziation, die in meinem Hirn entstand, als ich vor einiger Zeit gelesen hatte, dass die vier jungen Männer von Unchained zusammen mit Celesta und The Told ein Konzert im Hobbitkeller geben würden. In diesem zum kleinen Konzertraum umfunktionierten Kellergewölbe darf nämlich geraucht werden, weswegen ich an ein Konzert, das ich mir dort im Sommer anschaute, nicht die angenehmsten Erinnerungen habe. Nach dem Placebo-Gig in Paris war ich quasi dauererkältet, schleppte mich aber noch zu weiteren Konzerten nach Zürich, Frankfurt und Hamburg, doch der viele Qualm im Hobbitkeller war für meine Atemwege dann der Todesstoß.

Wenn allerdings eine meiner Lieblingsbands dort spielt, muss ich trotz aller Risiken wieder dorthin, man lebt schließlich nur einmal und solange ich durch die Rauchschwaden noch auf die Bühne sehe, ist alles in Ordnung. Im Übrigen war es gestern Abend dann auch gar nicht so heftig.

Als wir ankamen, waren Unchained noch mit dem Soundcheck beschäftigt. Neben ein paar bekannten Melodien spielten die Jungs bei der Gelegenheit auch einen Song, den weder ich noch meine Freundin je gehört hatten. Er klang jedenfalls gut und ist entweder ein uraltes Lied, ein uns unbekanntes Cover oder einer der neuen Songs, an denen die Band momentan bastelt. Man hätte ja später fragen können, aber irgendwie hatten wir dann wieder andere Dinge im Kopf.

Kurz vor 21 Uhr begann das Konzert, Unchained waren als Erste an der Reihe und starteten mit „Inside my cage“. Fetzige Gitarrenakkorde, bollernde Drums und ein Wechsel von klarem Gesang und Gegröle reißen einen bei diesem Lied sofort mit. Darüber hinaus spricht mir der Text in diesem Jahr der Schicksalsschläge vom ersten Hören an aus der Seele. Von „drowning my sorrows / drink as much as I can“ ist hier die Rede – das kennt man irgendwoher, ne? –, aber das Leben im selbstgeschaffenen Käfig wird hier keineswegs verherrlicht, denn es heißt ja auch „But I am strong enough and turn the page”. Also Aufbruch, Ausbruch, Selbstbefreiung!

Weiter ging’s mit „Jealousy“, was ich auch immer gerne höre und was Tobi & Co. dem Publikum mit Wucht entgegenschmetterten. Den Sound im Hobbitkeller fand ich richtig gut. Die Lautstärke… na ja… ich frage mich bei jedem Konzert, egal wo, ob der Sound wirklich leiden würde, wenn man alles um einige Dezibel leiser einstellen würde… Denkt darüber, wie ihr wollt, ich war jedenfalls wie immer heilfroh, dass ich meine Earplugs dabeihatte! (Wobei die bei Machine Head auch nichts genützt haben, aber das ist ein anderes Thema.)

In „Broken wings“, wie die beiden ersten Songs des Abends auf dem Album „Code of persistence“ zu finden, singt Tobi davon, anders zu sein als die anderen, die mit Leichtigkeit durchs Leben gehen, während man selbst von Niederlagen und Selbstzweifel geplagt wird. Auch hier existiert riesiges Identifikationspotential für mich, denn wie oft hab ich mich schon gefragt, ob ich ‘nen „error in my head“ habe! Aber für melancholisches Nachsinnen war an diesem Abend kein Platz, „On the floor“ und danach „Last chance“ packen einen derart, dass man sich eher auf Körper-im-Takt-Bewegen konzentriert, als komplizierten Gedankengängen nachzuhängen. Zwischen den Songs gab es immer mal wieder kleine Plaudereien mit dem Publikum – und mit dem Tontechniker, denn die Störgeräusche in Tobis Monitor, die ich immer nur zwischen den Liedern hörte, waren offenbar lästig.

Das folgende, recht neue Lied „Breathe for me“ (-> kostenlos downloaden und dann in Dauerschleife hören bei Bandcamp!!!)  ist wunderschön melancholisch, und auch wenn’s mir in letzter Zeit ziemlich dreckig ging und ich zu Hause hin und wieder das eine oder andere Tränchen verdrücke, passiert mir das bei Konzerten eher nicht, denn im Notfall schmachte ich die Gitarren an, mein Allheilmittel gegen jegliche Art von Tiefs.

Das Schlagzeug war vom Rest der recht kleinen Bühne abgetrennt durch eine Plexiglaswand, was wohl der Akustik förderlich ist. Meinen Lieblingsschlagzeugmoment hatte ich an diesem Abend bei „Your lies“, da rumste es so richtig heftig. Manchmal musste Pietro sogar aufstehen, um an die Becken zu gelangen. Hier war also voller Körpereinsatz verlangt! Nach dem Konzert erfuhr ich, dass Drummer Pietro die letzten Tage krank war und immer noch nicht so ganz fit ist. Das merkte man ihm beim Spielen aber gar nicht an und ich bin froh, dass er zum Konzert angetreten ist, obwohl es ihm nicht so richtig gut ging. Gute Besserung, Pietro!

Mit „Out of my shell“ und „Reconstruction“ folgten zwei neuere Songs. Da Bassist Philipp Schulz irgendwann ganz an den vorderen Bühnenrand kam, konnte man sich auch einmal sein Instrument ganz genau anschauen. Als ich später nachfragte, worin sich so ein fünfsaitiger Bass von einem „normalen“ mit vier Saiten unterscheidet, erfuhr ich, dass die fünfte Saite einfach mehr „Bumms“ bringt, was bei dieser Art der Musik nur förderlich sein kann.

Als Zugabe spielten Unchained „Silent days“ und dann musste auch schon das Feld geräumt werden für die nächste Band. Von mir aus hätten Tobi und seine Kollegen noch mindestens ein halbes Stündchen länger spielen können, gerne auch in Ramones-Manier dasselbe Set noch einmal, aber da sind wir wohl wieder beim „error in my head“ angelangt.

Das nächste Unchained-Konzert (das letzte für dieses Jahr) wird ein ganz besonderes sein, denn die vier jungen Männer werden am 15. Dezember im Schützenhaus Fechingen unplugged spielen. Der Eintritt ist frei, also nix wie hin!

Anfang des Jahres gehen die vier dann wieder ins Studio, um Album Nr. 2 einzuspielen. Ich bin jetzt schon so gespannt!

Mit Celesta als zweite Band betrat eine Frau die Bühne, und was für eine! Die quirlige Frontfrau Vicky Schreiber zeigte, dass sie nicht nur singen, sondern auch tanzen und headbangen kann, und hatte sowohl ihre männlichen Bandkollegen als auch das Publikum voll im Griff. Zum Klatschen aufgefordert bewegten alle brav ihre Handflächen gegeneinander. Es machte großen Spaß zuzuschauen, weil in dem Auftritt so viel Bewegung war und weil Vicky immer den Kontakt zum Publikum suchte, nicht nur zwischen den Songs.

Aber nicht nur das Zuschauen, auch das Zuhören war angenehm, denn Vickys klare Stimme harmoniert perfekt mit den eher härteren Klängen, die Gitarrist Manni Zewe, Bassist Joseph Voltaire (passend angezogen mit Celesta-Bandshirt und ebenfalls einen fünfsaitigen Bass spielend, wenn meine Augen das richtig wahrgenommen haben), Drummer Pierre Gry und Frederik Schulz am Keyboard liefern. Schon gleich der Opener „Experience“ ließ einen nicht stillstehen und das ging auch bei den folgenden Songs „Paranoid dreams“, „Leave“, das mit Keyboardklängen startet, bevor der Gesang und anschließend die restlichen Instrumente einsetzen, „The burden“ und „It cuts me inside“ so weiter. Danach wurde „Sweet sin“ als etwas Schmusiges angekündigt und anschließend beschwerte sich Manni darüber, dass mit „Second chance“ ja noch ein „Schmusesong“ gleich hinterhergeschoben werden soll. Das war dann auch das einzige Lied, was mich beim Konzert nicht so recht überzeugte, es war mir einfach zu poppig, aber mit „Hunger“ lieferte die Band wieder einen richtigen Knaller nach und auch der letzte Song „Puppet“ machte Lust auf mehr, das da in Form von „Endless“ als Zugabe kam.

[Was die Bilder betrifft: Dass ich keine professionelle Kamera habe, bräuchte ich wohl nicht zu erwähnen. Bei Unchained war es einen kleinen Tick heller, sodass wenigstens Teile meiner Fotos einigermaßen gelungen sind. Da es ab dem Auftritt von Celesta aber noch weniger Licht gab, sind die restlichen Fotos dementsprechend total besch…eiden.]

Bei Reverbnation wird Celesta mit Lacuna Coil und Evanescence verglichen, aber meiner Ansicht nach ist die Musik der fünf ein wenig vielschichtiger. Wer die Band nicht kennt und neugierig ist, hört sich am besten die paar bei Soundcloud hochgeladenen Lieder an und bildet sich ein eigenes Urteil. Wer nicht nur hören, sondern auch sehen will, ist mit einer Liveversion von „The burden“ bei YouTube ganz gut bedient.

Auch bei Celesta waren nicht alle Bandmitglieder gleichermaßen fit. Keyboarder Frederik Schulz, der auch für manche Backgroundvocals zuständig ist, war ziemlich erkältet und wählte daher Tee als Getränk des Abends. Auch an ihn ein Dankeschön, dass der Auftritt trotzdem stattfand, und weiterhin gute Besserung!

Ich bin auch erleichtert, dass niemand bei dem Konzert verletzt wurde, denn des öfteren fürchtete ich, dass Manni Zewe sich beim Zurückwerfen seiner langen Mähne den Schädel an der doch recht niedrigen Gewölbedecke stößt. Dass da immer noch ein paar Zentimeter Luft waren, konnte ich aus meiner Froschperspektive offenbar nicht sehen.

Mein erstes Celesta-Konzert war übrigens für Manni das letzte, denn er verlässt die Band wegen musikalischer Differenzen – aber in Freundschaft, wie mehrmals gesagt wurde, und daran, dass alle fünf Musiker sich gut verstehen, besteht nach dem Auftritt kein Zweifel. Ich wünsche dir alles Gute, Manni, und ich bin auch neugierig, mit wem es jetzt bei Celesta an der Gitarre weitergeht!

Als ich mich vor dem Konzert über die dritte Band des Abends, The Told, informierte, sah ich auf deren Webseite, dass bei dieser Band eine Schlagzeugerin für den richtigen Rums sorgt. Interessant! Allerdings traten die vier Mannen im Hobbitkeller mit einem SchlagzeugER auf und mittlerweile ist auch auf der Webseite nicht mehr die Rede von einer Frau als Bandmitglied. Hm, schade, ich hätte gerne weibliche Action an den Drums gesehen!

Trotzdem gibt es an der Show von The Told rein gar nichts auszusetzen. Mein gitarrenverrücktes Herz machte beim Anblick der beiden Gibson Les Paul Gitarren – eine mit schwarzem Korpus in den Händen von Daniel Brühl, eine mit rot-gelbem Korpus gespielt von Alex Steinbach – einen kleinen Sprung. Gehüpft bei der Performance (manchmal mit dem Kopf haarscharf an der Deckenbeleuchtung vorbei) ist auch Sänger J.R. Lee.

Dieses Energiebündel geht total in der Musik auf, J.R. Lee bringt die komplex aufgebauten Songs mit so viel Leidenschaft rüber, dass die Zeit vergeht wie im Flug. Als ich den Bassisten Thomas Laux nach dem Konzert um die Setlist bat und die vielen Songs, die dort aufgelistet sind, sah, musste ich noch einmal nachfragen, ob die tatsächlich alle gespielt worden sind. „Beat you down“, eingeplant als vorletztes Lied, wurde weggelassen, dafür wurde aber als Zugabe Led Zeppelins grandioser „Immigrant song“ gespielt, was nicht auf der Setlist verzeichnet ist. Also insgesamt wow. Die acht bandeigenen Kompositionen, die an diesem Abend zu hören waren, stammen alle von dem im Mai 2011 veröffentlichten Debutalbum „Sedated solace“ (zum Reinhören klicken).

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7 Antworten zu Unchained, Celesta und The Told im Hobbitkeller Zweibrücken (23.11.2012)

  1. Manni schreibt:

    Danke für die Glückwünsche und das gelungene Review!

  2. J.R.Lee schreibt:

    Vielen Danke an alle die da wäare 🙂

  3. Chris schreibt:

    Hi Luzie, ein gelungener Bericht, wie immer. 🙂

    Liebe Grüße 🙂

  4. luuuzie schreibt:

    Danke Chris! Solche Kommentare motivieren enorm!

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