Archive in Nancy (L’Autre Canal) am 19.11.2012

Schon wieder Archive? Ich gebe zu, dass so allmählich der Eindruck entstehen könnte, dass ich mir nur noch Konzerte von dieser fantastischen Band ansehe. Das ist aber nicht der Fall, denn noch letzte Woche stand Punkrock auf meiner Agenda; allerdings war das Konzert etwas enttäuschend, sodass ich keine Lust hatte, darüber einen Bericht zu schreiben. Davon abgesehen ist das Konzertangebot in meiner Region momentan recht schmal und es gab fast nichts nach meinem Geschmack und man sollte auch noch bedenken, dass ich ja nicht hauptberuflich Konzertgängerin bin und meine Freizeit wie andere auch meinem Job unterordnen muss, was meine Möglichkeiten ebenfalls einschränkt. Aber am Montagnachmittag konnte ich es mir erlauben, ins schöne Frankreich zu düsen, nach Nancy mitten in Lothringen.

Dabei hatte ich schon in Erwägung gezogen, das Konzert sausen zu lassen, denn am Tag zuvor musste ich meinen lieben Leo, der 16 Jahre lang Tisch und Bett mit mir geteilt hatte, in den Katzenhimmel schicken und das hat mich derart mitgenommen, dass ich ein bisschen Schiss hatte, dass mein Körper mich nach schlafloser Nacht und emotional total abgewrackt hängen lässt, man kennt sich ja, und ich war ja ganz auf mich allein gestellt, noch dazu in einem Land, dessen Sprache ich nicht soooo gut beherrsche, schon gar nicht auf medizinischem Level… Aber der nicht-verstandgesteuerte Teil in mir war einfach stärker und plädierte für „Wag es, lenk dich ab, anstatt dir zu Hause weiterhin die Augen aus dem Kopf zu heulen!“ Im Nachhinein zeigt es sich, dass das wirklich die bessere Variante war, und ich bin froh, dass ich dem Wunsch nach Einigeln NICHT nachgegeben habe und stattdessen den Abend im ausverkauften L’Autre Canal verbrachte! Jetzt aber mal zum Konzert, oder?

Die Sonne lachte nur so, als ich mich nachmittags ins Auto setzte. Das tat meiner Stimmung gut, genauso wie der kurze Abstecher ins Cora (französischer Supermarkt direkt hinter der Grenze nahe der Autobahn) zum Tanken, denn das Benzin ist in Frankreich viel billiger als bei uns. Sobald ich die höheren Lagen in Lothringen erreicht hatte, wurde ich jedoch von relativ dichtem Nebel umhüllt und als ich etwa zwei Stunden vor Einlass in Nancy (von meinem Navi englisch ausgesprochen – köstlich!) neben der Halle meinen Wagen abstellte, war es bereits dunkel und jede Menge Feuchtigkeit lag in der Luft. Geplant war eigentlich ein kleiner Erkundungsgang durch die Innenstadt, weil ich schon längere Zeit nicht mehr in Nancy war; wegen der unangenehmen Wetterlage beschränkte sich mein Fußmarsch allerdings auf den Besuch einer Bäckerei – ein pain au chocolat MUSS in Frankreich gefuttert werden – und dann postierte ich mich unter dem überdachten Wartebereich am Eingang der Konzerthalle. Dort standen bereits ein paar Leute, bekannte Gesichter sogar, denn manche der Wartenden hatte ich auch schon beim Konzert in Saarbrücken gesehen, alle – wie ich – im sogenannten „fortgeschrittenen Alter“ oder sogar darüber hinaus und im Gespräch stellte es sich heraus, dass die Damen und Herren zwar nicht wirklich der Band hinterherreisen, aber doch so viele Konzerte wie möglich besuchen. Letztes Jahr in Paris bei PJ Harvey wunderte ich mich noch ein wenig, dass dieses Phänomen keineswegs nur auf jüngere und sozial ungebundene Fangirls und -boys zuzutreffen scheint, mittlerweile betrachte ich es als Tatsache, dass offenbar jede Band ein „Stammpublikum“ hat, das weder Kosten noch Mühen scheut, um so viele Konzertabenteuer wie möglich erleben zu können. Auch das mehrfache Verlassen der Warteschlange, um zu dem Tor zu laufen, hinter dem der Tourbus geparkt war, aus dem eventuell ein Bandmitglied oder sogar mehrere aussteigen, und, wenn man Glück hat, Autogramme geben, ist offenbar eine Erscheinung, die an keine bestimmte Altersklasse und keinen sozialen Status gebunden ist.

Aber eigentlich wollte ich ja über das Konzert schreiben. Also, auf geht’s:

Nachdem Robin Foster mich in Darmstadt und Saarbrücken derart begeistert hatte, machte ich mir diesmal die Mühe, vor dem Konzert etwas über die Vorband in Erfahrung zu bringen. Dank Spotify konnte ich mir etliche Lieder von SAF anhören und mir gefielen vor allem die vier Songs der „Nailstorm“-EP (produziert übrigens von Archive-Mann Darius Keeler) ganz gut, auch wenn ich mir diesen eher poppigen Electrosound sicherlich nicht jeden Tag anhören möchte. Auf der Webseite der Band ist von einem Duo die Rede, auf der Bühne waren SAF zu viert: Neben Sängerin Marianne Elise und Eat Gas an der Gitarre gab es einen Bassisten (laut Facebook-Seite der Band Hugo Ede) und einen Schlagzeuger (Stan Grimbert), die ab 20.30 Uhr eine richtig gute Show ablieferten. Mein erster Gedanke beim Anblick der Sängerin war: „Die sieht aus wie mein Katerchen!“, aber der schwarze Kapuzenumhang in Fell-Optik wurde relativ rasch abgelegt, wodurch die Magnetwirkung der überaus hübschen dunkelhaarigen Sängerin noch stärker wurde, zumal die drei männlichen Musiker eher unauffällig und ohne nennenswerte Interaktion mit dem Publikum ihrer Tätigkeit nachgingen.

Der eine oder die andere im Publikum wünschte sich vielleicht insgeheim, dass das unverschämt tief ausgeschnittene Top bei einer der Bewegungen der Sängerin etwas verrutscht, vorzugsweise dann, wenn Marianne Elise wieder einmal ganz vorne am Bühnenrand agiert, aber es saß an ihrem Körper wie festgeklebt. Ätsch! Welche Lieder nun insgesamt während dem 30-minütigen Auftritt gespielt wurden, entzieht sich meiner Kenntnis, aber „Don’t fucking touch me“ war auf jeden Fall einer meiner Favoriten.

Nach 30 Minuten Umbau für Archive wurden die Lichter gedimmt, sofort setzten Applaus und „Archive!“-Rufe ein und wir hörten – äh – Lana del Rey. Erst nach einem oder zwei (?) weiteren Songs wurde das Kirchenglocken-Intro, laut meinem Konzert-Nachbar die Glocken der Westminster-Abbey, eingespielt und danach legten sieben Neuntel von Archive mit „Wiped out“ los, Steve Harris und Pollard Berrier direkt vor meiner Nase.

Einer derjenigen, die Archive dieses Jahr schon häufiger gesehen haben, bestätigte mir, dass die Setlist immer dieselbe ist und lediglich im Zugabenblock ein wenig Variation existieren kann; deshalb erwartete ich keine Überraschungen und freute mich auf die Lieder, die ich ganz besonders mag, z.B. „You make me feel“ (Hut ab vor Marie Q und Holly Martin!), „Sane“ (ideal zum Abtanzen und es macht so viel Spaß, Pollard Berrier beim Herumhopsen mit Style zuzuschauen), als Placebo-„Geschädigte“ muss ich hier natürlich auch „Fuck U“ erwähnen, außerdem „Pills“ und „Controlling crowds“, um nur ein paar Songs, die mich ganz besonders berühren, zu nennen.

Auch wenn das Musikalische sich kaum von den beiden anderen Archive-Konzerten, die ich bei dieser Tour sehen konnte, unterschied, registrierte ich ein paar Kleinigkeiten, die doch anders waren als bisher. So hatte ich den Eindruck, dass der Sound in Nancy viel besser als in Saarbrücken war, zumindest in meinen Ohren kam die Mischung aus Gesang, Bass, Gitarren, Keyboards/Samples, Drums und Zusatzdrums als viel angenehmer an. Es gefiel mir auch gut, dass Bassist Jonathan Noyce von Anfang an immer wieder an den vorderen rechten Bühnenrand oder auch in den Bereich vor dem Schlagzeug trat und mit vollem Körpereinsatz seinen Bass spielte, anstatt wie in Saarbrücken und Darmstadt (aus Platzgründen?) überwiegend im Hintergrund zu bleiben.

Abgesehen davon beschränken sich meine Beobachtungen der Unterschiede auf Nebensächlichkeiten wie Dave Pens gegelte Haare…

…andere schicke Bühnenoutfits der beiden Damen Maria Q und Holly Martin…

…die Tatsache, dass Pollard Berrier gegen Ende der Show ständig den Mikroständer woanders platzierte, bevor ein neues Lied begann…

…oder meinen Eindruck, dass Darius Keeler diesmal vielleicht ein bisschen weniger enthusiastisch gestikulierte als bei den anderen Shows.

Fazit: Ich amüsierte mich sehr, hab getanzt, so gut es vom Platz her ging, hatte nette Gespräche, die mein Französisch wieder etwas aufgefrischt haben, und konnte tatsächlich ein paar Stunden lang mal abschalten und nicht permanent Trübsal blasen.

Gegen 23.45 Uhr war nach „Waste“ – es gab nur diesen einen Song im zweiten Zugabenteil – die Show zu Ende; tosender Applaus zeigte die Begeisterung des Publikums und auch die Bandmitglieder bedankten sich artig, bevor sie die Bühne verließen. Ein sympathischer Trupp, diese Archive-Leute! Ich verabschiedete mich von den Leuten, die mir so nett Gesellschaft geleistet hatten, und trat im leichten Regen, aber bei Temperaturen über 0 Grad die Heimreise an – nicht ohne noch einmal darüber lachen zu müssen, wie die nette Frauenstimme in meinem Navi „Boulevard du 26E Régiment d’Infanterie“ ausspricht.

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Eine Antwort zu Archive in Nancy (L’Autre Canal) am 19.11.2012

  1. Vilja Minchen schreibt:

    Schön 🙂 Freut mich, dass du dich etwas ablenken konntest! Und ein bisschen Bedauern macht sich schon breit, während ich das lese… Aber ich hätte es nicht geschafft, mitzukommen. Akku ist grade ziemlich leer und die Woche vollgestopft mit Terminen! Aber das kennst du ja…. Und ein paar Konzerttermine für dieses Jahr stehen uns ja zum Glück noch bevor!

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