Archive in der Garage Saarbrücken (05.11.2012)

Was war da am Montagnachmittag los in Saarbrücken? Schon per Verkehrsinfo im Autoradio wurden wir gewarnt vor diversen Staus auf Autobahnen und Landstraßen rund um die saarländische Landeshauptstadt, doch erst nachdem wir ohne Probleme den Stadtrand erreicht hatten, ging es auch für uns nur im Stop-and-go-Modus weiter. Der Grund für dieses Verkehrschaos war leider nicht, dass alle nach Saarbrücken strömten, um Archive zu sehen. Noch mittags verkündeten die Facebook- und Twitterseite der Garage, dass es ausreichend Tickets an der Abendkasse geben wird, die Nachfrage schien also nicht allzu groß gewesen zu sein, und so erstaunte es nicht, dass der Publikumsbereich im Innern der Konzerthalle durch schwarze Vorhänge immens verschmälert worden war im Vergleich zu sonst. Ich kann dieses geringe Interesse kaum nachvollziehen, da Archive mittlerweile meiner Ansicht nach zu den ganz Großen gehören und ihre Musik wirklich großartig ist.

Während Robin Foster mit seiner Band ab 19.45 Uhr dem Saarbrücker Publikum, zu dem wie üblich auch etliche Franzosen gehörten, zeigte, dass gute Musik keinen Gesang braucht, gab es vor der Bühne noch einige besucherfreie Bereiche, die sich aber später füllten. Ich finde ja, dass diejenigen, die auf das Anschauen der Vorband verzichteten und nur für Archive gekommen waren, etwas verpasst haben, aber gut, vielleicht lag das spätere Eintreffen bei dem einen oder anderen an den bis dahin sicherlich noch nicht ganz abgeklungenen Staus oder daran, dass dieser Montag ein ganz normaler Arbeitstag war und sich nicht jeder, der das gerne mochte, früher vom Acker machen konnte.

Die beiden Elvis-Maskottchen der Foster-Truppe hatten diesmal Verstärkung bekommen: Auf dem Verstärker mit der tanzenden Elvisfigur stand an diesem Abend eine Darth Vader-Maske. Beistand von der dunklen Seite der Macht war meiner Meinung nach aber gar nicht notwendig, denn der postrockartige Sound, den Robin Foster und seine vier Musikerkollegen gut eine halbe Stunde lang produzierten, ist sehr mitreißend und – soweit ich das beurteilen kann – musikalisch sehr hochwertig. Man merkt, dass die fünf Profis sind und zumindest die Zuschauer um mich herum waren deutlich beeindruckt und ließen es sich auch nicht nehmen, ihr frenetisches Klatschen gelegentlich mit „Bravo!“-Rufen zu garnieren.

Die Bühne für Archive war relativ schnell hergerichtet; immerhin musste für insgesamt neun Leute alles aufgebaut und funktionstüchtig gemacht werden. Während am Schlagzeug, an Darius Keelers Keyboard und an anderen Stellen der Bühne Wasserflaschen deponiert wurden, stellte einer der Bühnenarbeiter vier Flaschen Bier neben Danny Griffiths‘ Keyboard ab. Holterdipolter, ob das im Rider vermerkt ist, dass Mastermind Griffiths bei einem Konzert gerne die Gelegenheit haben möchte, vier Bierchen zu zischen? Ich habe ihn allerdings nur wenige Male an einer Flasche nippen sehen, es ist also davon auszugehen, dass es Reste gab.

Um 20.50 Uhr wurde es dunkel und synthesizerunterlegtes Glockengebimmel läutete im wahrsten Sinn des Wortes den Beginn des Hauptacts ein. Die Setlist war dieselbe wie ein paar Tage zuvor in Darmstadt (siehe unten), zunächst betraten also nur Darius Keeler, Steve Harris, Pollard Berrier, Drummer Smiley, Jonathan Noyce, Dave Pen und Danny Griffiths die Bühne, um „Wiped out“ zu performen.

Beim zweiten Song „You make me feel“ bekam das Publikum die weibliche Fraktion des Musikerkollektivs zu sehen: Maria Q in schwarzer Hose und schwarzer Bluse sowie Holly Martin in schwarzer Jeans und ärmellosem schwarzen Pulli, dessen Ränder so aussahen, als ob die Ärmel abgeschnitten worden wären. Extratiefe Einblicke garantiert. Mir soll das recht sein, zum Konzert geht man ja auch, um die Musiker zu sehen, und es ist doch schön, wenn der Anblick ein angenehmer ist. (Während ich diese Zeilen schreibe, muss ich spontan an einen in der Oktober-Ausgabe der Visions-Zeitschrift abgedruckten Leserbrief denken, in dem sich der Schreiber darüber auslässt, dass die Bands, die er mag, alle so hässlich sind. Auf Archive trifft das ganz bestimmt nicht zu! Allerdings werden die in besagtem Leserbrief auch nicht erwähnt.)

Ich finde ja, „Wiped out“ ist ein idealer Opener: einfach nur zuschauen und genießen, die Musiker beobachten, träumen, sich in andere Sphären versetzen lassen. „You make me feel“ macht durch die markanten Breaks schon mehr Appetit auf body movements und beim dritten Lied „Sane“ gibt’s dann kein Halten mehr. So ähnlich ging das dann weiter, es wechselten Lieder, bei denen man nur zuschauen und das Bühnengeschehen beobachten oder sogar mit geschlossenen Augen genießen möchte, mit solchen, die einen nicht stillstehen lassen. Das liegt vielleicht auch an Pollard Berriers Tanzeinlagen, die nicht nur gut aussehen, sondern ansteckend wirken. Und wenn es Herrn Berrier nicht gelingen sollte, die Massen zu mobilisieren, ist da immer noch Darius Keeler, dessen wildes Gestikulieren im Takt nicht weniger mitreißend wirkt. Es ist eine Wonne, ihm zuzuschauen, man hat den Eindruck, als hätte er riesigen Spaß.

„Violently“ hat mich diesmal allerdings nicht so wirklich aus den Socken gehauen, denn für mein Empfinden war der Bass viel zu laut. Ich hörte Hollys wunderbare Stimme kaum, weil das Dröhnen des Viersaiters alles überlagerte. Schade!

Unmittelbar danach drehte sich alles um Maria Q. Der von ihr gesungene neue Track mit dem markanten, ständig wiederholten Vers „These signs I can’t ignore“ packte mich diesmal völlig, vielleicht weil es nun schon das zweite Mal war, dass ich dieses Lied hörte.

Auch „Again“ fand ich total klasse: Dave Pen in Begleitung von Steve Harris an der Elektroakustikgitarre bot eine überzeugende Performance, er schien so zu leiden, am liebsten hätte man ihn in den Arm genommen und fest an sich gedrückt! Aber nur kurz, denn der anschließend gespielte Song „Fuck U“ ist wieder einer, bei dem man sich bewegen muss, ebenso wie bei „Pills“, bei dem Maria Q erneut im Mittelpunkt stand.

Am Anfang von „Damage“ gab es – passend zum Songtitel – tatsächlich eine kleine Beeinträchtigung. Offenbar hatte Pollard Berrier seinen Einsatz verpasst, aber er nahm es mit Humor und die ganze Truppe inklusive der beiden Damen fing dann eben noch einmal von vorne an. Ich fand das sympathisch, andere Musiker müssen erst noch lernen, solche kleinen Patzer, durch die Welt nicht untergeht, locker zu nehmen. Da der Hauptteil des Konzerts nach diesem Lied beendet war  – das Glockengeläut wurde anders als in Darmstadt jetzt schon abgespielt –, konnten sich alle Musiker hinter der Bühne kurz sammeln und neue Energie tanken für den Zugabenteil, der mit „Rise“ – alle vier Sänger nebeneinander stehend – eröffnet wurde. Doppelte Frauenpower gab es danach mit „Silent“ und Holly blieb anschließend noch für „Hatchet“ auf der Bühne – leider war auch hier ihr Mikro wieder für meinen Geschmack zu leise eingestellt; diesmal war es Pollard Berriers Gitarre, die den Gesang der hübschen Frau überdröhnte.

Mit dem etwa zehn Minuten dauernden „Controlling crowds“, einem meiner Lieblingslieder, endete der erste Zugabenteil. Hinter der Bühne stand übrigens Robin Foster mit der Darth Vader-Maske vorm Gesicht und schien das Publikum zum Applaudieren aufzufordern. Als ob das nötig gewesen wäre! 😉

Obwohl auf der Setlist noch fünf weitere Songs verzeichnet sind, wurde nur noch „Waste“ gespielt. Danach war nach ziemlich genau zwei Stunden Spielzeit definitiv Schluss. Was bleibt, ist die Erinnerung an ein weiteres fantastisches Konzert dieser großartigen Band, die so viele Emotionen auf einmal in mir auslöst. Manche Songs lassen mich abdriften in melancholische Träumereien, aus denen mich andere Archive-Lieder wieder herausreißen. Ich bin gespannt, wie die musikalische Zukunft von Archive aussehen wird und mit welcher Mannschaft die nächste Tour bestritten wird! Vielleicht habe ich aber Glück und sehe sie vorher noch einmal…

P.S.: Wer war eigentlich vor Beginn des Konzerts für die Musik zuständig? War es wirklich notwendig, das Publikum eine dreiviertel Stunde lang immer und immer wieder mit ein und demselben Lied zu beschallen?! Total nervtötend!

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4 Antworten zu Archive in der Garage Saarbrücken (05.11.2012)

  1. CM schreibt:

    Reading your great review is the next best option to actually being there! Makes me feel slightly less bad for not seeing them in ZH…:)

  2. Pingback: Gitarre des Monats März (Robin Foster) | Luzies Welt

  3. Pingback: Archive in Stuttgart (LKA Longhorn, 04.04.13) | Luzies Welt

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