Archive in der Centralstation Darmstadt (02.11.12)

Gestärkt mit Sachertorte und einem Kürbiscremesüppchen kam ich mit meinen Freundinnen nach unserem Abstecher in die Café- und Bistrowelt vor Ort gegen 18.30 Uhr an der Centralstation in Darmstadt an. Die Warteschlange fürs Konzert bestand aus genau drei Leuten, sodass uns ein guter Platz, von dem aus man die Bühne sieht, garantiert war. Angenehm war auch, dass der Wartebereich im Inneren einer Art Einkaufszentrum lag (ursprünglich diente das hübsche Backsteingebäude als Elektrizitätswerk), sodass uns Dauerregen und Kälte völlig schnuppe sein konnten.

Es kamen nach und nach immer mehr Leute und kurz nach 19.30 Uhr wurde uns der Einlass gewährt in die Halle, die schätzungsweise 2.000 Leute fasst. Wir mussten nicht mal eine halbe Stunde warten, bis die Anzeichen sich verdichteten, dass bald die Vorband loslegen würde.

Was für eine Art von Musik die wohl machen? Man hätte natürlich im Internet mal nachforschen können, um vorbereitet zu sein. Ein Elvisfigürchen schaute vom Pedalboard ins Publikum und auch auf einem der Verstärker prangte ein Plastikmodell des tanzenden King of Rock’n’Roll en miniature. Als das Licht ausging, schallte uns als Intro elvisartige-Musik „vom Band“ entgegen – ich würde zwar nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass da wirklich Herr Presley zu hören war, denn SO gut kenne ich mich in dem Genre nicht aus, aber es war irgendetwas in diesem Stil. Also sollten wir es mit 60er/70er-Jahre-Rock zu tun bekommen? Falsch! Die Musik, die Robin Foster und seine vier Mannen zu bieten hatten, empfand ich als eine Mischung aus Mogwai + Interpol ohne Gesang + x, rein instrumental also, mal abgesehen von den nur ansatzweise hörbaren Samples mit Stimme, die hier und da eingespielt wurden. Ansonsten hatte das Mikro vor Herrn Foster lediglich den Zweck, ihm die Kommunikation mit dem Publikum zu ermöglichen, was sich abgesehen von einem Versuch, ein paar deutsche Sätze zu sprechen, auf diverse Thank yous und Dankeschöns beschränkte. Die meisten Songs spielte der in Frankreich lebende Brite auf einer wunderschönen Epiphone-Gitarre, sodass mein Auge schon mal höchst zufrieden war.

Auch meine Ohren waren beeindruckt von der Kombination aus zwei Gitarren, Bass, Drums und Keyboard, denn obwohl ich kein großer Fan von Instrumentalmusik bin, gefiel mir die Vorband so gut, dass ich mit dem Gedanken spielte, mir nach dem Konzert eine CD zu kaufen, zumal ich die, die der Frontman in die Menge warf, natürlich nicht fangen konnte. Allerdings waren alle CDs von Robin Foster schon ausverkauft, als ich nach dem Konzert am Merchandise-Stand endlich an der Reihe war. Ich war also nicht die Einzige, die mochte, was uns da zur Einstimmung auf Archive geboten wurde. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch erwähnen, dass Robin Foster & Co. nach einer guten halben Stunde selbstverständlich wieder zu elvisartigen Klängen von der Bühne abrauschten, sodass sich der Elvis-Kreis wieder schließt.

Nachdem die Bühne für das Musikerkollektiv aus Großbritannien hergerichtet war, läutete ein Sound aus Kirchenglocken das Kommen der Musiker ein. Wie beim aktuellen Album „With us until you’re dead“ starteten Archive mit „Wiped out“, Gitarrist Steve Harris und Sänger/Gitarrist Pollard Berrier direkt vor meiner Nase.

Flankiert wurde das Bühnengeschehen von den beiden Keyboards, hinter denen sich die Gründer der Band, zu meiner Linken Darius Keeler, rechts Danny Griffiths,  austobten. Vor allem Darius Keeler gestikulierte die meiste Zeit wie wild. Mit Schlagzeuger Smiley und Bassist Jonathan Noyce im Hintergrund sowie Dave Pen(ney) an den seitlich zum „regulären“ Schlagzeug aufgebauten Drums war man zunächst also „nur“ zu siebt auf der Bühne.

Als beim zweiten Song „You make me feel“ Holly Martin und Maria Q die Bühne betraten, schoss mir als Erstes die Frage, die Danny Griffiths im Interview mit der Saarbrücker Zeitung (abgedruckt im Saarbrücker Lokalteil am 31.10.12) gestellt bekam, durch den Kopf: „Wie schaffen Sie es, immer wieder so gut klingende und gut aussehende Gastsängerinnen zu finden?“ Holly ist in der Tat ein Augenschmaus mit ihrem langen blonden Haaren und „einem Figürchen wie gemeißelt“, wie mein Opa das ausdrücken würde, und ihr Outfit mit Minirock und nietenbesetzten Stiefeletten, wie ich sie in der Woche zuvor überall in Paris gesehen habe, unterstreicht ihre optischen Vorzüge bestens. Singen kann sie auch noch, und wie! Und Maria Q im schicken schwarzen Kleid und in schwarzen Stiefeln steht ihr in nichts nach. Ein richtiges Power-Duo sind die zwei.

Nach ihrem Auftritt verließen die beiden Sängerinnen die Bühne wieder und weiter ging es mit „Sane“. Erfreulicherweise standen wir nicht gepresst wie die Ölsardinen in der Dose vor der Bühne, sondern hatten genügend Platz, um wenigstens ein bisschen zu tanzen. Das soll aber nicht heißen, dass das Publikum lasch war, keineswegs. Wenn ich mich umdrehte, sah ich eine gut gefüllte Halle voller Menschen, die die Show zu genießen schienen, überwiegend „ältere Semester“, womit die leichtere Zurückhaltung, die zwischen den Zeilen vielleicht anklingt und durchaus ihren Platz hat, möglicherweise erklärt wäre.

Da es bei mehr als 20 gespielten Songs leicht den Rahmen sprengen würde, jeden der Songs hier zu kommentieren, sei an dieser Stelle einfach ein Foto von der Setlist gepostet.

Die vier Songs „Interlace“, „Stick me in the heart“, „Conflict“ und „Violently“ (großartig!) wurden, wie man auf dem Bild sieht, wie auf dem Album, wo die drei letztgenannten Lieder ja ohne Unterbrechung ineinander übergehen, unmittelbar nacheinander präsentiert. Das fand ich gut und konsequent.

Was mich total begeisterte an dem Konzert, ist das, was diese Band für mich so einzigartig macht: der ständige Wechsel auf der Bühne. Mal sang nur Pollard Berrier, mal Dave Pen, mal beide zusammen, bei anderen Songs dienten nur Holly und Maria Q als Sängerinnen oder gar nur eine von beiden (bei „Hatchet“ z.B. Holly, wohingegen Maria den ersten der beiden ganz neuen Songs als einzige Sängerin performte), während Dave Pen sich beispielsweise an den Zusatzdrums betätigte und Pollard Berrier ganz von der Bildfläche verschwunden war. Es kam auch vor, dass alle Musiker irgendwie beteiligt waren, in dem Fall standen neun Leute auf der Bühne; manchmal musizierten auch nur drei von ihnen und die anderen hatten eine kurze Verschnaufpause abseits der Bretter, die für manche die Welt bedeuten. Mir wurde es auch deshalb zu keinem Moment langweilig, denn immer passierte etwas Neues. Ganz zu schweigen von den wunderschönen Gitarren, die es da zu bestaunen gab, unter anderem eine Gibson Les Paul Goldtop (in Steve Harris‘ Händen) und eine von diesen wunderschön geformten Vintage-Modellen (soweit ich weiß hollow body genannt) von Gibson.

Verständlich, dass die Band auf Videoinstallationen oder sonstigen Schnickschnack komplett verzichtete, denn so etwas wäre gar nicht nötig gewesen, um das Publikum bei Laune zu halten. Auch die Kommunikation mit den Zuschauern war auf ein Minimum reduziert, aber da ich das von anderen Bands kenne, die auch – und zurecht – nach dem Motto „It’s a rock show, not a talk show“ performen, stört mich das nicht im geringsten.

Die „Placebo-Family“ um mich herum (also meine Freundinnen, die ich von diversen Placebo-Gigs her kenne) war übrigens völlig aus dem Häuschen (ich natürlich auch), als Archive „Fuck U“ spielten. Placebo hatten nämlich schon vor gut drei Jahren erkannt, dass das Lied der totale Knaller ist, und eine eigene Version als B-Seite für ihre Single „Ashtray heart“ aufgenommen.

Also war auch hier wieder wie bei den meisten Songs, die Archive uns boten, tanzen angesagt, auch wenn mein Körper mir irgendwann signalisierte, dass er sich leicht schlapp fühlt. Es war halt recht warm in der Halle und im Gegensatz zu meinem Konzertnachbarn, der ständig mit neuen Drinks versorgt wurde (Von wem eigentlich???) fehlte mir eine solche Flüssigkeitszufuhr. Der Blick auf Pollard Berrier mit seinen lässigen Tanzbewegungen – sehr ansteckend offenbar – versetzte mich aber augenblicklich wieder in Schwingungen, also nix mit Schwächeln!

Nach „Controlling crowds“ als letztes Lied der Zugabe ertönten wieder diese Kirchenglocken. Ich dachte, das Konzert wäre nun zu Ende, zumal die Techniker auf die Bühne kamen und manche Gitarren wegräumten. Kein „Bullets“ an diesem Abend? Schade, hätte ich gerne noch gehört. Doch dann brachte der Techniker andere Gitarren auf die Bühne und die Band legte wirklich noch einen zweiten Zugabenblock nach. Ganz zum Schluss kam dann das Lied, das ich bis dahin vermisst hatte: „Bullets“. Noch einmal richtig abrocken, dem Kreislauf zum Trotz, und nach etwa zwei Stunden und zehn Minuten war dann endgültig Schluss mit dem Archive-Programm.

Freundlicherweise bekam ich als Andenken an diesen fantastischen Abend eine Setlist (siehe Foto weiter oben), flitzte dann schnell noch zum Merchandise-Stand, um weitere Souvenirs zu erwerben, und anschließend hieß es wieder Abschied nehmen von Darmstadt und meinen Freundinnen, die ich hoffentlich bald mal wieder sehe. Das nächste gemeinsame Konzert kommt bestimmt! Archive sehe ich am Montag schon wieder.

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Richtig gute Fotos vom Konzert kann man auf der Facebookseite der Centralstation bestaunen.

Anhören kann man sich ein aktuelles Live-Konzert von Archive auch, und zwar wird ihr Auftitt in Montreux (20.10.2012) nebst Interview mit Darius Keeler bei Radio Couleur3 gestreamt.

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Über luuuzie

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2 Antworten zu Archive in der Centralstation Darmstadt (02.11.12)

  1. Maja schreibt:

    Vielen Dank Luzie für die tolle Zusammenfassung. Archive versetzen mich oft in Trance. Sie sind einfach berauschend und zwischendurch, wenn man die Augen schliesst, spürt man seinen ganzen Körper dem Rhytmus folgen. Man könnte die ganze Nacht so weitermachen, doch auch ich war am Ende ziemlich erschöpft. Mein Herz pochte ganz laut und verlangte nach Ruhe. Ein wirklich unvergesslich schöner Abend! Maria und Holly sind durchaus ein Augenschmaus und die Herren waren in Top-Form. Die Mischung aus älteren und neuen Songs war köstlich! Zwei Zugaben an diesem Abend und zum Schluss nochmals richtige Knaller im Gepäck! Auch der Support Act gefiel mir sehr. Ich würde sie dem Postrock zuordnen! Es ist genau diese Musik, die ich liebe. Und beide CD’s erhielt ich von meinem Freund als Geschenk. 🙂
    Auf ein baldiges Wiedersehen und viel Spaß dir am Montag!!!

  2. Pingback: Gitarre des Monats März (Robin Foster) | Luzies Welt

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