Vor der Leinwand – Filmwerk Orange (27.10.2012)

Prolog

Zwei Dinge gleich vorweg: Es fällt mir schwer, mich kurz zu fassen (siehe diverse Konzertberichte, die weiter unten verlinkt sind). Und zweitens: Ich bin ein Konzertjunkie! Livemusik ist mein Lebenselixier und die Kilometer, die ich in den letzten Jahren für meine Konzertreisen durch halb Europa zurückgelegt habe – per Auto, Zug oder Flugzeug –, ergäben zusammengelegt wohl eine Strecke bis fast zum Mond.

Doch eine Sache ist beim ständigen Blick über den Tellerrand bislang auf der Strecke geblieben, nämlich der Teller selbst, sprich: Die Musikszene meiner Region, in der ich mich so gut wie gar nicht auskenne. Wie denn auch? Ich bin ja meistens woanders „auf Tour“, wenn nicht gerade jemand von meinen musikalischen Helden in meinen heimischen Gefilden einen Zwischenstopp einlegt und auf eine regionale Band als Supportact zurückgreift.

Deshalb bin ich meiner Freundin dankbar, dass sie mich neulich davon überzeugen konnte, mit ihr zu einem Konzert mit drei Bands aus der näheren Umgebung zu fahren. Dort wollte sie herausfinden, ob eine der Bands vielleicht zu dem Festival, das sie organisiert, passt. Bei der zweiten Band des Abends geschah es dann. Kaum hatten Unchained die Bühne betreten und ein paar Takte abgerockt, war ich schon total geflasht. Gitarren und Drums voll nach meinem Geschmack und die Stimme des Sängers – ein Aspekt, der in meinen Ohren immer über Wohl und Wehe entscheidet – traf mich genau am richtigen Punkt, sowohl das Growling als auch der klare Gesang. Woaaaaah-Erlebnis erster Güte! Der Rest ist schnell erzählt: Musik der Band auf Bandcamp in Dauerschleife angehört, eine Woche später Konzert Nr. 2 angeschaut, dort die CD „Code of persistence“ gekauft, CD in Dauerschleife gehört, im Internet nach weiteren Konzertdaten gesucht. Dummerweise waren da nur noch zwei Konzerte von Unchained für dieses Jahr gelistet und zumindest eines davon findet an einem Termin statt, an dem ich mir mal wieder außerhalb der schönen Heimat Livemusik von einer „großen“ Band gönne. Doch da kam auf einmal die Ankündigung, dass meine musikalische Neuentdeckung in Losheim im Rahmen von „Vor der Leinwand – Filmwerk Orange“ spielt. Also nix wie hin, meine Freundin, die ebenfalls unchain-isier-ed ist, brauchte gar nicht erst überredet zu werden, mit mir durchs halbe Bundesland zu düsen.

Vor der Leinwand

Was uns da genau erwartet, war uns gar nicht so wirklich klar. Ein Konzert in einem Kino? Einem stillgelegten oder noch funktionstauglichen Kino? Die Sitzreihen werden die doch dann herausgenommen haben, oder? Schon kurz nach unserer Ankunft gegen 19.15 Uhr ließ der Warteraum im Vorraum des Lichtspielhauses mit seinen aktuellen Kinoplakaten erahnen, dass das Kino sehr wohl noch als solches genutzt wird, und so war es dann nur konsequent, dass der Vorführraum, in dem das Konzert stattfand, komplett bestuhlt war. Wie im Kino eben. Als Bühne diente der schmale erhöhte Bereich vor der großen Leinwand, womit auch der Titel des Abends geklärt wäre. Es war uns zwar nicht so ganz geheuer, ein Musikevent im Sitzen zu genießen, aber wir beschlossen, erst einmal abzuwarten, wie die Lage sich entwickelt, und steuerten unseren üblichen Platz – erste Reihe links – an.

Als auf der Bühne für die erste Band alles hergerichtet war, betrat eine junge Dame in rotem Jackett das Podest, stellte sich als Lisa vor und erklärte, dass sie durch die Show führen wird. Ich fühlte mich angesichts der Sitzplätze und der Existenz einer Moderatorin kurzzeitig wie bei „Zum blauen Bock“, wurde aber durch eine bekannte Gitarrenmelodie aus meinen Gedanken gerissen.

Jam Planet, drei Herren und eine Frau mit Rastalocken, eröffneten den Konzertabend und versuchten das Publikum mit Coversongs, u.a. von den Foo Fighters, den Stone Temple Pilots und Maximo Park, aufzuwärmen. Etwas höhere Temperaturen wären in der Tat wünschenswert gewesen, denn wir froren ganz schön da vorne in Sitzreihe 1. Vielleicht waren die Betreiber des Kinosaals auf den plötzlichen Wintereinbruch nicht so ganz vorbereitet gewesen, schließlich herrschten ein paar Tage zuvor noch Temperaturen um die 20 Grad. Vielleicht rechnete man auch damit, dass es den Leuten durch die installierten Scheinwerfer und ekstatische Tanzbewegungen ohnehin warm werden würde. Nur dass alle erstmal auf ihren Sitzen blieben.

Das änderte sich ein wenig, als gut eine Stunde später Band Nr. 2, Jolly Foundation of the Armed Bazooka, die Bühne für sich in Anspruch nahm. Immerhin ein paar Leute kamen nach vorne, um zu den Grooves mit Rap-Parts entsprechend abzugehen. Auch der Sänger zeigte gelegentlich vollen Körpereinsatz und zeigte, dass er nicht nur stimmlich fit ist, sondern offenbar auch eine richtige Sportskanone.

Die meisten Songs der überwiegend aus dem Raum Merzig stammenden jungen Leute waren eigene Kompositionen, die mich stellenweise ein wenig an die ganz frühen Red Hot Chili Peppers („Mother’s milk“) erinnerten.

Weiter ging’s mit ToGetHer aus Losheim, die mit überwiegend eigenen Songs ebenfalls ein paar Zuschauer direkt vor die Bühne lockten, die stellenweise so enthusiastisch herumhopsten, dass ich Angst haben musste um mein Bierchen, das ganz vorne auf der Ablage stand und gelegentlich ganz schön wackelte. Am besten kam meines Erachtens ihr Limp Bizkit-Cover „Take a look around“ an, das vielen aus dem „Mission: Impossible II“-Soundtrack bekannt sein dürfte.

Bei Silent Suffering stand dann wieder eine Frau auf der Bühne – nebst sechs Mannen, die gemeinsam eine deutlich härtere Gangart anschlugen. Zeit für uns, uns auch einmal aus den Kinosesseln herauszuschälen, um ein wenig mehr Bewegungsmöglichkeiten zu haben, während uns von der Bühne eine angenehme Kombination aus klarem weiblichem Gesang und kräftigen Shouts von einem der männlichen Bandkollegen entgegenschlug.

Gegen 23 Uhr war dann endlich die Zeit gekommen für die Band, für die wir uns trotz Glatteiswarnung hinters Lenkrad geklemmt haben: Dmitro checkte, ob an seiner wunderschönen roten Gibson und den Fußpedalen alles so funktioniert, wie es soll, Philipp prüfte seinen Bass – warum der fünf Saiten hat, muss ich mal noch in Erfahrung bringen –, Pietro arrangierte sich das Drumkit so, wie er es braucht, während Sänger Tobias an seiner Jackson-Gitarre zupfte und das Mikro startklar machte.

Mit „In my cage“ wurde dem Publikum ein richtiger Knaller als Opener geboten und der danach folgende Song, „Jealousy“, ist ebenfalls ein totaler Kracher, dessen harte Riffs zum Mähneschütteln einladen. Beim dritten Lied „Broken wings“, einem der ruhigeren Songs vom Album „Code of persistence“ – falls man angesichts phasenweise hämmernder Drums und nach wie vor deftigem Gitarrengeschrummel überhaupt von „ruhiger“ sprechen kann –, konnten diejenigen, die sich zuvor herumhopsenderweise etwas verausgabt hatten, noch einmal neue Kräfte sammeln, bevor es dann wieder mit einer kräftigen Dosis Bumms inklusive Gegröle bei „On the floor“ weiterging.

Anschließend stand mit „Last chance“ erneut ein Song des Albums auf dem Programm. Temporeduziert, aber mit aggressiven Gitarren und angenehm bollernden Drums – da kann man gar nicht stillstehen bleiben! Finde ich zumindest und deshalb ist es für mich ein Rätsel, warum nur wenige Zuschauer nach vorne zum Abrocken in den „Stehbereich“ vor der Bühne gekommen waren und ganz viele immer noch in die Sessel gepresst da hockten. Wie geht das?! Ich hätte die größten Schwierigkeiten, wenn ich bei so einer Musik nicht aufstehen und mich bewegen könnte! Aber gut, chacun à son goût.

Mit „Breathe for me“ folgte dann wieder eines der langsameren Lieder. (Dieses kann übrigens zusammen mit „Out of my shell“ kostenlos auf der Bandcamp-Seite von Unchained heruntergeladen werden, also auf, holt euch die Songs!) Der Text ist wie bei vielen Unchained- Liedern richtig was fürs Herz und jeder, der mit Herzschmerz und Artverwandtem schon so seine Erfahrungen gemacht hat, hat hier die Gelegenheit, mit dem Erzähler im Song ein wenig mitzuleiden. Das funktioniert auch gut bei Song Nr. 7 des Abends, „Your lies“, der aber in schnellerem Tempo daherkommt als sein Vorgänger.

Mit „Reconstruction“, das für das nächste Unchained-Album vorgesehen ist und erst kurze Zeit zuvor, beim Konzert in Zweibrücken, zum ersten Mal live gespielt worden war, war dann schon das letzte Lied erreicht, na ja, quasi das letzte, denn erfreulicherweise gab es anschließend nicht nur einen, sondern zwei Zugabensongs. Zunächst einmal spielten Tobi & Co. „Silent days“, das Schlussstück des Albums, bei dem Pietros Künste an den Drums während des Refrains mich jedesmal aufs Neue total vom Hocker hauen. Danach wurde spontan beschlossen, „Out of my shell“ (siehe oben: runterladen, anhören, andere damit infizieren!) noch hinterherzuschieben, denn das Publikum verlangte erfreulicherweise nach mehr.

Mit einem Gruppenfoto aller Musiker (zumindest aller, die noch anwesend und aufzutreiben waren) fand der lange Konzertabend in ungewöhnlicher Location seinen Abschluss und nach einem letzten Bierchen traten wir die Heimreise an – ein bissl geknickt, weil schon wieder ein fantastisches Event zu Ende gegangen war, aber auch voller Vorfreude auf all das, was da noch kommen mag.

An meinen Fotos sieht man ja, dass meine Kamera an dem Abend ziemlich gelost hat… Joanthan Raffaele hat aber ein paar schöne Bilder hinbekommen und diese bei Dropbox hochgeladen.

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2 Antworten zu Vor der Leinwand – Filmwerk Orange (27.10.2012)

  1. Vilja Minchen schreibt:

    Hätt’s schöner nicht ausdrücken können! Thanks, soulmate! Looking forward to our next adventures in music!

  2. Pingback: SPH-Bandcontest in Trier (Exhaus, 07.02.14) | Luzies Welt

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